Denn dieses kleine Städtchen, in dem sie nun so zufällig für den Augenblick gelandet war, hatte nichts Aufregendes. Vermutlich gab es viele Menschen hier, die ihr ganzes Leben an diesem Ort verbracht hatten. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung wurde von einer Menge Rentnern angehoben.

Besonders im Sommer belebten das Städtchen jedoch auch fast mehr Touristen als Einwohner, und zudem gab es eine kleine Universität mit vielen jungen Leuten, sodass der Puls des Lebens nicht ganz so ruhig schlug, wie eine große Anzahl der dauerhaft hier ansässigen Bevölkerung das wahrscheinlich wünschte. Diese Mischung hatte durchaus etwas für sich, auch wenn Aenne das bis vor einiger Zeit vielleicht nicht so gesehen hätte.

Auf ihrem Weg durch die etwas verschlungenen Gassen, die noch aus dem Mittelalter stammten, in dem dieses Städtchen gegründet worden war, öffnete sich plötzlich ein kleiner Platz, der von dem Flüsschen, das die ganze Stadt mit seinen bachartigen Ärmchen durchzog, in zwei Teile geteilt wurde. Links und rechts dieses etwas breiteren Baches, über den sogar eine kleine Brücke führte, wirkte der Platz wie eine Promenade.

Deshalb fühlte Aenne sich versucht, an diesem leise vor sich hinplätschernden Kanälchen entlangzupromenieren, selbst wenn sie es mit einem größeren Sprung auch ohne Brücke hätte überqueren können. Sie lächelte ein wenig, als sie an die Ozeane dachte, die bei ihren Fahrten von einem Kontinent zum anderen die Kreuzfahrtschiffe umgeben hatten. Ein paar Jahre lang hatte sie die ganze Welt bereist.

Sie war überall gewesen. Und doch nirgends. Weil sie sich nirgendwo – so schön es auch war – zu Hause gefühlt hatte. Es waren schöne Landschaften gewesen, schöne Städte, wunderbare Länder mit einer exotischen Atmosphäre, mit ungewohnt intensiven Düften in der Luft, mit Essen, das einem den Magen wegbrannte, und Weinen, die wie Balsam durch die Kehle flossen, um ein entspannt beruhigendes Gefühl zu hinterlassen.

Und doch hatte etwas gefehlt. Auch die Menschen aus aller Herren Länder, die sie kennengelernt hatte, hatten diese Lücke nicht füllen können. Wenn sie aufs Kreuzfahrtschiff zurückging, war sie dort mehr zu Hause als bei ihnen.

Letztendlich waren Kreuzfahrtschiffe jedoch langweilig. Es war immer dasselbe. Bei der zehnten Fahrt genauso wie bei der ersten. Nur dass Aenne es bei der ersten noch als etwas Besonderes empfunden hatte. Dass es damals neu gewesen war. Nach einiger Zeit war es das nicht mehr.

So musterte sie ab und begab sich wieder an Land. Hier war das Territorium nicht so begrenzt wie auf einem Kreuzfahrtschiff, es gab Weite und manchmal endlose Straßen, die an Orte führten, an denen sie noch nie gewesen war. Auch die glichen sich mit der Zeit, ebenso wie die Cafés und Restaurants, die Kneipen, in denen sie auch schon bedient hatte, aber dann konnte sie immer ganz leicht weiterziehen. Kein Ozean hielt sie auf.

Und dieses Bächlein würde sie auch nicht aufhalten. Sie lachte, nahm ein wenig Anlauf und sprang darüber. Auf der anderen Seite landete sie leicht stolpernd, denn sie hatte das mittelalterliche Kopfsteinpflaster nicht einkalkuliert.

Für einen kurzen Moment schoss ein heißer Strahl belebenden Adrenalins durch ihren Körper, und sie genoss es sehr. Ein bisschen Adrenalin, das fehlte ihr im Moment. Ein bisschen Sex. War schon eine Weile her. Seit sie älter geworden war, hatte sie nicht mehr jede Nacht in einem anderen Bett verbracht.

Als sie jünger gewesen war, hatte sie nie das geringste Problem gehabt, selbst für die erste Nacht in einer neuen Stadt ein Bett zu finden. Kein Hotelbett, sondern eins, das sie nicht bezahlen musste, weil die junge Frau, der es gehörte, sie dazu eingeladen hatte, es mit ihr zu teilen.

Aber mittlerweile bevorzugte sie eine kleine Ruhepause vor dem Sturm eines neuen Jobs. Sie musste sich wohl eingestehen, dass auch sie älter wurde.

Da sie das Stolpern auf dem Kopfsteinpflaster aufhalten wollte, riss sie ziemlich schnell den Oberkörper hoch, um sich wieder in eine aufrechte Position zu begeben. Und ganz unvermittelt stutzte sie. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, als würde sie eine Brille brauchen, um das Bild ein Stück entfernt von ihr zu erkennen.

Es war weniger ein Bild als ein Haus. Oder eher sogar die Schrift an dem Haus. Über dem Eingang. Da stand Doro’s Stübchen. In so verschnörkelten Buchstaben, dass man es auf den ersten Blick kaum lesen konnte.

Doro’s Stübchen. Wer hatte das erwähnt? Ach ja. Ihre neue Kollegin. Gabriele. Und Doro . . . Das war die Frau, die im Café über ihren Besen gestolpert war.

Was für ein merkwürdiger Zufall. Damals war sie gestolpert und diesmal Aenne. Zumindest fast.

Ihre Augenbrauen entspannten sich wieder, aber dennoch blieb sie stehen und betrachtete das Haus unentschlossen. Es war ein kleines Haus. Wahrscheinlich noch aus dem Mittelalter wie so gut wie alle Häuser hier in der Innenstadt. Ganz genau hätte Aenne das jedoch nicht sagen können, denn mit so etwas kannte sie sich nicht aus.

Bei vielen Häusern war das Fachwerk ein gutes Erkennungszeichen für die Entstehungszeit, doch bei diesem Haus war es mit Putz abgedeckt. Der Putz schimmerte gelblich oder eher eierschalenfarben, jedoch nicht wie aus Altersgründen vergilbt, sondern gut erhalten. Die Farbe war vermutlich Absicht.

Wenn man Pastellfarben mochte, passte die in Hellgrün gehaltene Schrift über dem Eingang gut dazu. Hellgrün war jedoch nur die Grundfarbe. Als Aenne nähertrat, erkannte sie in den Schnörkeln auch andere kleine Farbtupfer in Gelb, Rosa und Hellblau. Es waren Blüten, die dort eingearbeitet waren. Die Schrift war weniger eine Schrift als ein florales Muster.

Aenne war nicht so der Pastellfarbentyp. Schon ihre roten Haare legten kräftigere Farben nahe, aber es entsprach auch ihrem Charakter. Unauffällig zu sein hatte sie noch nie als erstrebenswert empfunden. Und sie hätte ehrlich gesagt auch gar nicht gewusst, wie man das machte. Mit größter Anstrengung wäre ihr das nicht gelungen.

Dieses Haus jedoch strahlte eine gewisse Unauffälligkeit aus. Und eine gewisse Einsamkeit. Denn es stand ganz allein für sich da, obwohl ansonsten die Bebauung sehr eng war. Als hätte man dieses kleine Haus vergessen, es übersehen. Dieser Platz lag an der Rückseite des von eng an eng stehenden Häusern eingerahmten Marktplatzes. Ganz für sich, wie der Versuch einer Erweiterung, die dann doch nie stattgefunden hatte oder von irgendetwas verhindert worden war.

Obwohl eine ganze Menge Leute hier entlanggingen, um von einem Ort zum anderen zu kommen, wirkte der Fleck fast ein wenig verwunschen. Vergessen. In Aenne entstand das dringende Bedürfnis, sich zu schütteln, um diese geradezu zauberhafte Atmosphäre aufzubrechen. Denn so etwas war gar nicht ihr Ding.

Dennoch ging sie immer näher an das Haus heran, als würde sie magisch davon angezogen. Sie dachte an das Haus im Wald, auf das Hänsel und Gretel in ihrer Verirrung gestoßen waren. Mit der Hexe darin. Warum kam ihr das plötzlich in den Sinn? Sie hatte doch überhaupt nichts für Märchen übrig.

Und diese Doro mochte ja vieles sein, aber bestimmt keine Hexe. Sie lachte. Was für eine dumme Idee. Irritiert schüttelte sie über sich selbst den Kopf.

Die kleinen Fenster erlaubten keinen Blick ins Innere. Von außen konnte man nicht erkennen, was sich in diesem Stübchen verbarg. Ein Handarbeitsladen, hatte Gabriele gesagt. Also nichts, wofür Aenne sich auch nur im Entferntesten interessierte. Sie konnte einen Knopf annähen, wenn es unbedingt sein musste, aber mehr auch nicht.

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