Was brachte sie dann jetzt dazu, ihre Hand auf die Klinke zu legen? Das konnte sie sich selbst nicht erklären. Und schon im nächsten Moment drückte sie sie herunter und schob die Tür auf.

Ein sanftes Klingeln über ihrem Kopf ließ sie fast zusammenzucken. Aber was hatte sie denn anderes erwartet? Mit einem Blick nach oben sah sie das Glöckchen über der Tür noch leise nachschwingen. Wenn sie die Tür schloss, würde es erneut erklingen. Wie albern. Und kitschig.

»Kann ich etwas für Sie tun?«

Die Stimme riss Aenne aus ihrer Erstarrung. Entschlossen trat sie in den kleinen Raum hinein, der mehr wie ein Wohnzimmer aussah als wie eine Verkaufsstätte, und drückte die Tür hinter sich zu, wobei erwartungsgemäß das Glöckchen seinen hellklingenden Kommentar abgab.

»Ich weiß nicht«, antwortete sie, weil ihr nichts Besseres einfiel. »Ich wollte mich nur mal umschauen.«

»Ach, Sie sind das.« Doros Stimme klang auf einmal sehr gedämpft. Und schon vorher war sie nicht laut gewesen. Mit einem angestrengten Räuspern fuhr sie fort: »Suchen Sie etwas Bestimmtes?«

»Nein. Eigentlich . . .« Aenne lächelte, weil sie das Gefühl hatte, sie müsste Doro beruhigen, obwohl sie äußerlich ganz ruhig wirkte. Aber irgendwie spürte Aenne unter der Oberfläche etwas anderes. »Eigentlich habe ich nichts am Hut mit Handarbeiten.«

Das Erstaunen in Doros Blick war nicht wirklich groß, so als hätte sie gar nichts anderes erwartet. Dann schluckte sie. »Also kommen Sie, um sich Ihre Entschädigung abzuholen.«

»Entschädigung?« Völlig ahnungslos runzelte Aenne die Stirn. »Welche Entschädigung?«

»Wegen der Sache im Café?«, ergänzte Doro fragend.

»Ach das.« Lachend winkte Aenne ab. »Das hatte ich schon ganz vergessen. Da war doch nichts.«

»Sie hatten erwähnt, dass Sie ein Trinkgeld erwarten –«, setzte Doro an.

Doch Aenne unterbrach sie sofort. »Das haben Sie völlig falsch verstanden. Vergessen Sie’s einfach. So wie ich es vergessen habe.«

Es schien, als hätte diese Antwort Doro vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht, wie harmlos sie auch gewesen war. Sie stand da, als wüsste sie nicht mehr weiter, als würde plötzlich die nächste Seite des Dialogs in ihrem Drehbuch fehlen.

Da Aenne Stille schlecht ertragen konnte, übernahm sie die Weiterführung des Gesprächs ganz selbstverständlich wieder selbst. »Das ist also Ihr Laden hier?«, bemerkte sie und sah sich in dem kleinen Wohnzimmer um.

Es war ihr völlig klar, dass sie eine Frage gestellt hatte, auf die sie die Antwort schon kannte, aber diese Doro hatte eine seltsame Wirkung auf sie.

»Ja.« Mit einem Räuspern, das noch angestrengter klang als das erste, versuchte Doro ihren Hals zu befreien, damit sie wieder sprechen konnte. »Ja, das ist mein Laden. Beziehungsweise ich habe ihn gemietet.«

»Niedlich«, sagte Aenne. Es war das Netteste, was ihr einfiel, denn von Wolle, Stricknadeln, Nippesfiguren und gestickten Deckchen umgeben zu sein, fand sie eigentlich furchtbar. Wenn sie überhaupt darüber nachgedacht hatte, hatte sie sich schon immer gefragt, wie man sich mit so etwas beschäftigen konnte.

Worauf die Bezeichnung niedlich aber in gewisser Weise zutraf, das war diese Doro. Sie war klein und zierlich, was durch die leichte Rundlichkeit ihrer Hüften fast noch betont wurde, und sah mit ihren glatten, dunkelblonden Haaren, die exakt auf Schulterhöhe gerade abgeschnitten waren, und der Brille, die viel zu groß für ihr schmales herzförmiges Gesicht erschien, ganz so aus wie eine verschüchterte Lehrerin oder Bibliothekarin. Ein Pony reichte ebenso glatt abgeschnitten bis knapp über die Augenbrauen und verdeckte ihre Stirn, stieß fast mit dem oberen Rand der halbrunden Brille zusammen, wobei der Rand der Brille so gut wie unsichtbar war.

Unauffällig. Alles an ihr war unauffällig. Keinerlei Make-up, noch nicht einmal ein bisschen Lippenstift, zierte ihr Gesicht. Und die Kleidung, die sie trug, war dunkel. Was man allerdings angesichts der bunten Farben in den Wollregalen am Rand des Zimmers wegen des Kontrasts dann doch fast schon wieder als auffällig hätte bezeichnen können.

»Finden Sie?« Unvermutet leuchtete Doros Gesicht ein wenig auf. »Ich habe es genauso eingerichtet wie mein Wohnzimmer zu Hause.«

Oh Gott! dachte Aenne. Aber überraschend war das wohl nicht und jedem Tierchen sein Pläsierchen.

»Na ja . . .«, schränkte Doro da schon leicht verlegen ein, »fast genauso. Ute mochte das nicht.«

Der Name sagte Aenne zuerst einmal nichts, aber dann schloss sie aus dem Zusammenhang, dass das vermutlich Doros verstorbene Frau sein musste. Da sie nicht wusste, wie sie ein solches Thema behandeln sollte, erwiderte sie schnell: »Ich habe hier nur ein Zimmer. Über dem Café.«

»Ja.« Augen mit der Farbe heller Haselnüsse sahen Aenne für einen Moment intensiver an als die ganze Zeit zuvor, blickten dann jedoch sofort weg, als hätte Doro eine Grenze überschritten, die sie nicht überschreiten konnte oder wollte. »Sie sind neu in der Stadt, nicht wahr?«

»Ziemlich neu«, bestätigte Aenne. »Das vor zwei Wochen war mein erster Tag.«

»Das sagten Sie.« Doro schien fahrig, ging zu einem Regal hinüber und ordnete dort die Wollknäuel neu, die jedoch vorher schon so ziemlich in Reih und Glied in dem Regalfach gelegen hatten. »Damals, meine ich.«

»Habe ich das?« So richtig konnte Aenne sich nicht daran erinnern. »Dann wussten Sie es ja schon.«

»Ja, ich wusste es.«

Auf eine völlig ungewohnte Art wurde Aenne nervös, obwohl sie sich nicht erklären konnte, warum. »Und wie lange leben Sie schon hier?«, fragte sie zurück. »Ich meine, in dieser Stadt?«

»Oh.« Doro schien überrascht von der Frage. »Schon immer. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich meine«, sie schien das Bedürfnis zu haben, sich näher zu erklären, »nicht direkt hier. In einem Dorf etwas außerhalb, ungefähr zehn Kilometer von hier.«

»Das ist ja nicht weit weg«, sagte Aenne und fragte sich tatsächlich, warum sie diese Unterhaltung überhaupt führte. Sie hatte weder Inhalt noch Ziel.

Plötzlich schien ein Ruck durch Doro zu gehen. »Möchten Sie . . .« Sie drehte sich vom Regal zu Aenne zurück. »Möchten Sie vielleicht eine Tasse Tee?«

Tee war etwas, womit man Aenne normalerweise jagen konnte, aber als hätte sie das wie so einiges andere auf einmal völlig vergessen, antwortete sie ganz automatisch: »Ja, gern. Wenn Sie welchen haben.«

»Ich habe immer welchen«, erklärte Doro verglichen mit ihrer vorherigen Zurückhaltung fast schon eifrig und ging an dem Wollregal entlang zu einer kleinen Einbuchtung. »Ich trinke ihn den ganzen Tag.«

Auch das passte, fand Aenne, sagte aber nichts. »Es ist ja auch gerade nichts los«, bemerkte sie, nur um etwas zu sagen. »In Ihrem Laden«, fügte sie hinzu.

»Nein, vormittags nie«, bestätigte Doro. »Es kommt schon mal jemand vorbei, aber selten.«

»Trotzdem machen Sie auf?« Fragend hob Aenne die Augenbrauen.

»Ob ich hier sitze oder zu Hause . . .« Gleichmütig zuckte Doro die Schultern. »Das kommt ja aufs selbe raus.«

»Vermutlich.« Aenne fühlte wieder diese Nervosität in sich, die sie sich nicht erklären konnte.

Wäre der Laden voll gewesen, hätte sie sich einfach so hinausschleichen können, aber das stand jetzt leider nicht zur Debatte. Und Hinausschleichen war normalerweise auch gar nicht ihre Art. Sie fragte sich, wieso sie plötzlich auf diesen Gedanken kam.

»Sie leben allein?«, fragte sie.

Und hätte sich gleichzeitig dafür ohrfeigen können. Small Talk fiel ihr doch sonst nicht schwer. Was war heute anders? Warum fragte sie so etwas Dummes?

Ruth Gogoll: Nur über meine Leiche!

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