»Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben«, erwiderte Doro jedoch ganz ruhig. »Und seither lebe ich allein, ja.«

»Tut mir leid«, sagte Aenne. »Ich wollte nicht in Ihre Privatsphäre eindringen. Aber . . .«, sie zögerte kurz, »Ihre Freundin, mit der Sie damals im Café waren, hatte mir das schon erzählt.«

»Kirsten ist manchmal etwas zu mitteilungsfreudig«, kommentierte Doro das. »Aber ich kenne sie schon sehr lange.«

Sie kam mit zwei Tassen Tee in klassisch gemustertem Porzellan auf passenden Untertellern auf Aenne zu und reichte ihr eine davon.

Aenne nahm sie und hielt sie dann nur fest, ohne zu trinken.

»Wollen Sie nicht probieren?« Mit einem fragenden Gesichtsausdruck blickte Doro sie an. Höflich schien sie darauf zu warten, dass Aenne, die ja in gewisser Weise ihr Gast war, zuerst trank.

Dadurch fühlte Aenne sich gedrängt, das auch zu tun, führte die dünnwandige Tasse an ihre Lippen und nippte. Es war ein merkwürdiger Geschmack, den sie nicht einordnen konnte. »Was ist das?«, fragte sie.

»Lapachotee«, antwortete Doro. »Mögen Sie ihn nicht?«

»Davon habe ich noch nie gehört.« Aenne lachte leicht. »Und das hat schon etwas zu sagen, wenn man über zwanzig Jahre in Cafés bedient und mit Kreuzfahrtschiffen in der ganzen Welt war.«

Für ein paar Sekunden schien die Unterhaltung erneut zum Stillstand gekommen zu sein, aber dann nahm diesmal Doro sie wieder auf. »Er ist ungewöhnlich«, erklärte sie fachkundig. »Und ziemlich teuer. Vielleicht gibt es ihn deshalb in Cafés nicht einfach so.«

»Schmeckt ein bisschen wie . . .«, Aenne verzog das Gesicht, ohne es zu wollen, »Baumrinde.«

Nun lachte Doro auf einmal. »Das ist es auch. Sie haben ins Schwarze getroffen.«

»Ach, tatsächlich?« Obwohl die Antwort Aenne nicht wirklich wunderte, kam sie ihr doch erstaunlich vor. Ganz von selbst zogen ihre Augenbrauen sich zusammen, als sie sich den Geschmack noch einmal ins Gedächtnis rief. »Gleichzeitig schmeckt er aber auch . . .«, obwohl Tee wirklich nicht Aennes Fall war, nippte sie noch einmal, »wie Zimt . . . oder Vanille . . . oder Karamell.« Sie lachte unsicher. Und Unsicherheit war wirklich keine ihrer Charaktereigenschaften. »Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll. Fast wie ein Dessert.«

»Manche Leute nennen ihn Leckermäulchen-Tee.« Doro lächelte. »Obwohl er sehr bitter werden kann, wenn man ihn zu lange ziehen lässt.«

»Kommt mir so vor, als ob er mit Milch und Zucker noch leckerer wäre«, stellte Aenne fest. »Oder als so eine Art Cappuccino.«

»Das mache ich auch manchmal«, nickte Doro. »Aber eher zu Hause. Hier habe ich nur diese kleine Ecke, keine richtige Küche.« Sie blickte zu der Einbuchtung zwischen den Regalen hinüber. Dann sah sie wieder Aenne an. »Sie sind keine Teetrinkerin, oder?« Auffordernd streckte sie die Hand aus. »Geben Sie ruhig her. Sie müssen das nicht trinken.«

»Nein, nein.« Aus irgendeinem Grund handelte Aenne schon wieder ganz anders als gewohnt. »Er ist wirklich lecker. Wenn man sich erst einmal an den Baumrindengeschmack gewöhnt hat.« Zur Bestätigung nahm sie einen großen Schluck, damit Doro ihr glaubte.

Kurz herrschte Stille zwischen den Wollknäueln, als auch Doro einen Schluck nahm. Allerdings sah man ihr den Genuss an. »Hatten Sie einen bestimmten Grund herzukommen?«, fragte sie dann.

Für Aenne kam diese Frage wie ein Schuss aus dem Blauen heraus, und sie rettete sich in den nächsten Schluck Tee, um nicht sofort antworten zu müssen.

»Nein, eigentlich . . .«, sie blickte zu einem der kleinen Fenster, aus denen man aber genauso wenig hinaus wie in sie hineinsehen konnte, »bin ich nur so durch die Stadt geschlendert. Heute ist mein freier Tag, und ich dachte, ich sollte mir das Städtchen einmal etwas genauer ansehen. Bisher habe ich das noch nicht so richtig getan, weil ich –« Sie brach ab. Dann holte sie tief Luft und fuhr fort: »Weil ich nicht wusste, ob ich länger bleiben würde.«

So etwas musste eine Frau wie Doro überraschen, die ihr ganzes Leben an diesem Ort verbracht hatte, und sie schien für ein paar lange Sekunden sehr nachdenklich, als müsste sie sich erst mit der Vorstellung vertraut machen, dass jemand freiwillig von hier weggehen könnte.

»Und jetzt wissen Sie es?«, fragte sie endlich.

»Nicht wirklich«, sagte Aenne. »Ich bin noch nie länger an einem Ort geblieben. Um irgendwo länger zu bleiben, müsste ich meinen ganzen Lebensstil ändern.«

»Und das wollen Sie nicht«, stellte Doro mit tonloser Stimme fest.

Darauf konnte Aenne nicht antworten, denn sie wusste es wirklich nicht.

Allerdings wunderte sie sich darüber, dass sie nicht gleich Ja gesagt hatte. Denn das wäre doch die richtige Antwort gewesen.

Oder etwa nicht?

5

Kreuzfahrtschiff. Dieses Wort hatte Doro so sehr schockiert, dass sie unfähig gewesen war, Aenne Liebig danach zu fragen, was sie damit meinte.

Natürlich wusste Doro, was ein Kreuzfahrtschiff war, auch wenn sie nie auf einem hätte sein wollen, aber Aenne hatte es so lässig nebenbei erwähnt, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, mit einem Kreuzfahrtschiff herumzureisen, um fremde Länder zu sehen. Taten das die meisten Leute nicht eher mit einem Flugzeug, wenn sie in Urlaub flogen?

Aber sie hatte das Gefühl, das hatte Aenne nicht gemeint. Doch was sie gemeint hatte, danach hatte Doro nicht zu fragen gewagt.

Aenne Liebig verwirrte sie. Sie verwirrte Doro zutiefst. Wobei Doro sich nicht genau darüber im Klaren war, warum.

Zwar hatte Kirsten gemeint, dass es Frauen gab, die sich für sie interessierten, aber Doro hatte das nie wahrgenommen. Und auch nicht gebraucht. Ehrlich gesagt hielt sie das für so etwas wie eine freundliche Schutzbehauptung von Kirsten, die wohl meinte, ein solches Interesse wäre lebenswichtig für das eigene Selbstwertgefühl.

Für Doro war es das nicht. Bis Ute gekommen war, war sie immer allein gewesen, dann hatte sie fünfundzwanzig Jahre lang das Glück zu zweit mit Ute genossen, und nun war es eben wieder so, wie es vorher gewesen war.

Sie hatte nicht das Bedürfnis nach irgendeiner menschlichen Gesellschaft. Es musste schon eine spezielle menschliche Gesellschaft sein, so eine wie die von Ute. Und das war eben vorbei.

Deshalb hatte sie seither auch nie wieder so etwas gespürt wie damals, als Ute sie vor den Cornflakeskartons rettete. Diesen Schlag, der sie allein schon bei der Berührung durchfuhr, wenn sie nur jemandem die Hand gab.

Auf einmal konnte sie jedoch nicht anders, als sich daran zu erinnern, wie Aenne sie am Arm festgehalten hatte, als sie über ihren Besen gestolpert war. Wie sie sie vor einem Sturz bewahrt hatte. Dieser feste, kräftige Griff.

Auch Ute hatte so einen Griff gehabt. Es war ein Griff, der nicht nur einen Arm oder eine Hand, sondern die ganze Welt umfasste. Das Leben im Griff hatte.

Bevor sie Ute getroffen hatte, hatte Doro nie das Gefühl gehabt, das Leben im Griff zu haben. Es lief an ihr vorbei, ohne dass sie es festhalten konnte. Oder auch nur wollte. Sie war froh, wenn es weiterlief und nicht bei ihr stehenblieb.

Denn dann hätte sie nichts damit anzufangen gewusst. Oder es sogar als bedrohlich empfunden. Menschen waren bedrohlich. Sie hatten Doro oft Angst gemacht, ohne dass sie das wahrscheinlich wollten. Ihre pure Gegenwart machte ihr manchmal Angst.

Ruth Gogoll: Nur über meine Leiche!

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