Antonia

»Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?«

»Tut mir leid, Frau Reitmeyer, aber es ist zu spät für eine Reservierung. Dieser Zug stellt nur einen Wagen für die erste Klasse bereit. Und da ist alles schon ausgebucht.«

»Das ist doch lächerlich.« Wutschnaubend wechselte Antonia den Telefonhörer von der rechten in die linke Hand. »Ich will sofort Ihren Vorgesetzten sprechen.«

»Frau Reitmeyer . . .« Die Frau am anderen Ende der Leitung seufzte unterdrückt. »Auch mein Chef kann keine Wunder vollbringen. Sie kommen einfach zu spät«, sagte sie betont höflich. »Aber ich könnte Ihnen noch einen Platz in einem Abteil in der zweiten Klasse . . .«

»Die Holzklasse? Unverschämt«, keifte Antonia.

». . . anbieten, am Fenster und mit Tisch«, setzte die Mitarbeiterin der Deutschen Bahn ungerührt fort.

»Und Sie glauben, das macht es für mich besser? Die Sitze sind unbequem und man sitzt seinem Nachbarn halb auf dem Schoß. Außerdem gibt es da keinerlei Service. Ich renne doch nicht durch den halben Zug, nur um ein Glas Sekt zu bekommen.«

»Wie gesagt, ich kann Ihnen so kurzfristig leider nichts anderes mehr anbieten.«

»Typisch Deutsche Bahn«, fauchte Antonia in den Hörer. »Da muss ich einmal mit dem Zug fahren, und dann habe ich es hier nur mit unfähigen Deppen zu tun.«

»Soll ich trotzdem den Fensterplatz für Sie reservieren, Frau Reitmeyer?« Die Frau vom Service-Center blieb stoisch ruhig, als ginge sie das alles überhaupt nichts an.

Im Gegensatz zu Antonia, die vor lauter Verärgerung hätte platzen können. Und dann noch diese monotone Stimme der Servicetante, als würde Antonia mit einem Anrufbeantworter sprechen. Das brachte sie erst recht auf die Palme. »Nun geben Sie mir schon den blöden Platz. Mir bleibt ja gar nichts anderes übrig.«

Joyce

»Hallo Mona, wie geht’s dir so?«

»Joyce, was für eine nette Überraschung. Da geht es mir doch gleich noch viel besser. Was verschafft mir denn die Ehre deines Anrufes?«

Schmunzelnd sah Joyce auf den Bildschirm ihres Laptops, der ihr das strahlende Lächeln ihrer besten Freundin präsentierte. Auch wenn Monas Gesicht ein wenig verzerrt und unnatürlich wirkte, weil sie nur über eine Smartphone-Kamera chattete und weil sie für Videoanrufe irgendwie stets im falschen Licht saß.

»Ach, ich wollte dir nur sagen, dass ich die nächsten Tage in Innsbruck sein werde. Ich hoffe, du kannst ein bisschen Zeit für mich einplanen.«

»Du kommst jetzt schon?« Das fragende Hochziehen der Augenbrauen war trotz der mittelprächtigen Verbindung gut zu erkennen.

»Oh, du scheinst nicht sehr begeistert zu sein.«

Monas Zeigefinger wuchs auf die Größe eines fleischgewordenen Kochlöffels an, als sie damit auf ihr Display tippte. Wahrscheinlich wollte sie Joyce’ Nasenspitze treffen. »Klar freue ich mich. Das weißt du doch genau.« Sie lachte. »Aber du bist noch nie während der Feriensaison hierhergekommen. Das ist dir doch immer zu viel Trubel. Oder hängt es mit einem neuen Auftrag zusammen?«

»So ist es.« Joyce nickte zur Bestätigung. »Ich werde zirka eine Woche bleiben.«

»Ist es etwas Aufregendes?«, fragte Mona mit einem vorwitzigen Augenaufschlag.

Joyce grinste und schüttelte den Kopf. »Keine Details, meine Liebe.«

»Och, das ist gemein. Denn jetzt hast du mich erst recht neugierig gemacht.« Mona zog ihren üblichen mädchenhaften Schmollmund.

Und wie jedes Mal reagierte Joyce darauf mit einem nachsichtigen Lächeln. Sie kannten sich schon eine Ewigkeit, und manche Dinge änderten sich nie.

Damals hingen sie wie unzertrennliche Zwillinge ständig zusammen, bis das Schicksal seinen Lauf nahm und Mona zu ihrem Freund nach Innsbruck geflüchtet war. Doch die Liebesbeziehung der beiden hatte nicht mehr lange gehalten. Trotzdem war Mona dortgeblieben. »Ich erzähle es dir, wenn wir uns sehen. Einverstanden?«

»Aber du siehst mich doch«, kam prompt der kichernde Einwand.

»Mona«, Joyce setzte einen strafenden, aber nicht ernstgemeinten Blick auf, »ich kann jetzt noch nicht darüber sprechen.«

»Na schön. Du warst ja schon immer eine Geheimniskrämerin.« Monas Schmollmund kehrte nicht zurück, entweder, weil er ihr nicht den gewünschten Erfolg brachte oder weil sie fürs Erste besänftigt war. »Okay, und wann willst du mich besuchen?«

Joyce dachte einen Augenblick nach. Es wäre besser, wenn sie ihr Treffen mit Mona auf das Ende der Woche verschieben würde. Schließlich kannte sie ihre Freundin gut genug, dass die nichts unversucht lassen würde, um ihr jede Information einzeln zu entlocken. Aber diesmal ging es ja nicht um irgendeinen Auftrag. Diesmal war alles anders. »Ich würde gern am Freitag um die Mittagszeit zu dir kommen, wenn dir das recht ist?«, schlug sie dann vor.

»Für dich habe ich immer Zeit. Und momentan finden auch keine Paralympics statt, die mich davon abhalten könnten, nicht zu Hause zu sein.«

Mona hatte es witzig klingen lassen, auch das Lächeln in ihrem Gesicht war aufrichtig, und dennoch zogen Joyce’ Eingeweide sich zu einem schmerzhaften Klumpen zusammen. »Ich bin wahnsinnig stolz auf dich«, krächzte sie. Ihr wäre es lieber gewesen, Mona hätte sie jetzt nicht sehen können, weil sie ahnte, dass ihre traurige Mimik sie verriet.

»Ich weiß«, antwortete Mona sanft. Sie berührte fast das Display, als sie mit ihren Fingern halbrunde Kreise malte, als würde sie Joyce über die Wange streicheln wollen. »Und ich bin froh, dass es dich gibt, denn du bist die beste Freundin, die man sich nur wünschen kann. Aber ich möchte nicht, dass du dir ständig Sorgen um mich machst. Es geht mir gut, wirklich!«

Joyce lachte heiser auf. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal zu hören bekomme, ich würde mich wie eine Helikopter-Mutter aufführen.«

»Also so habe ich das aber nicht gemeint«, beklagte Mona sich ein wenig. »Und außerdem bist du viel zu jung, um meine Mutter sein zu können.«

»Auch wieder wahr. Und ich bin auch viel lieber deine Freundin –« Ein langanhaltender Ton im Hintergrund ließ Joyce innehalten. »Klingelt es bei dir?«

»Shit!« Mona wurde hektisch. »Ich habe total die Zeit vergessen. Meine wöchentliche Physiotherapie steht an. Tut mir leid, aber ich muss Schluss machen.« Sie legte sich das Handy auf den Schoß und rollte aus dem Zimmer.

»Alles gut.« Joyce hielt die Luft an, als sie das quietschende Geräusch vernahm, weil Mona offenbar mit etwas zu viel Schwung um die Ecke in den Flur geschossen war. »Meine Güte«, murmelte sie leise vor sich hin.

Sehr wahrscheinlich hatte Mona Joyce nicht gehört. Trotzdem grinste sie verschmitzt in die Kamera. »Wir sehen uns also nächsten Freitag. Ich freu mich.« Sie warf Joyce noch einen Luftkuss zu und beendete das Gespräch.

»Du warst schon immer ein Wirbelwind«, sagte Joyce, während sie kopfschüttelnd auf den inzwischen schwarzen Bildschirm blickte.

Grübelnd klappte sie das Laptop zu und strich versunken über die abgenutzte Schreibtischplatte. Schließlich gab sie sich einen Ruck. Sie war gut vorbereitet. Zwei Jahre lang hatte sie auf diese eine sich bietende Gelegenheit gewartet. Das durfte sie nicht vergeigen.

Noch ein letztes Mal überprüfte sie ihre Computerausrüstung, Hightech im Miniformat, und verstaute alles in der Reisetasche, in die sie sich einen doppelten und extra gepolsterten Boden hatte einnähen lassen.

Sonntag, 30. Januar
Zugfahrt

»Können Sie nicht aufpassen, Herrgott noch mal? Sie ruinieren mir ja meinen Mantel!«, schnauzte Antonia den Mann hinter sich an, der seine Reisetasche unsanft in ihren Rücken drückte.

»Tschuldigung«, brummte er. »Aber Sie sehen doch, was hier los ist. Und ein weißer Mantel in einem überfüllten Zug ist ja auch wahnsinnig praktisch.« Seine natürlich ironisch gemeinte Aussage unterstrich er mit einem verständnislosen Kopfschütteln.

Sima G. Sturm: Entgegen jeder Vernunft

Antonia »Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?« »Tut mir leid,...
Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder...
Doch dann prustete die plötzlich los. »Das gibt’s doch wohl nicht.« Kopfschüttelnd griff sie nach...
Antonia wischte den Gedanken beiseite und schob es auf die Langeweile, die wie eine Krankheit...
Antonia gab sich gedanklich einen Klaps auf den Hinterkopf. Geräuschvoll atmete sie aus, nachdem...
»Kaffee schmeckt nun mal nicht, wenn er kalt ist«, führte Joyce augenzwinkernd aus. »Und Sie...
Warum nur hörte sich das in Antonias Ohren nicht so unschuldig an, wie es womöglich gemeint war?...
Sie huschte ins Zimmer hinein, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich tief durchatmend gegen...