Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder sind Sie farbenblind? Und zweitens geht es Sie rein gar nichts an, welche Kleidung ich zu tragen gedenke. Selbst wenn ich nur in Unterwäsche verreisen würde.«

»Na, das wäre was . . .« Der Mann mittleren Alters grinste amüsiert.

Großartig! Augenrollend wandte Antonia sich von ihm ab. Sie fluchte lautlos in sich hinein, während sie ihren Rollkoffer vor sich durch den schmalen Gang schob. Wohin sie schaute, überall waren nur Menschen und Unmengen Gepäck, die den Weg zu ihrem Abteil blockierten.

Minuten später erreichte sie endlich ihren reservierten Platz mit der Nummer neunundsechzig. Und sogleich gefror ihre Miene zu Eis. Was für eine bodenlose Frechheit! Da hatte sich doch tatsächlich jemand erdreistet, sich einfach auf ihren Platz zu setzen.

»Das ist mein Platz, da am Fenster«, polterte sie sofort los. Demonstrativ hielt sie ihre Reservierungsbestätigung in die Luft.

»Oh, so was aber auch . . .« Die angesprochene Frau mit der schwarzen Kurzhaarfrisur sah sie schmunzelnd an. Dann beugte sie sich etwas vor, und ihr Blick glitt auf das Ticket in Antonias Hand, als wollte sie sich erst vergewissern, ob sie tatsächlich auf dem falschen Platz saß.

»Ja, so was aber auch«, äffte Antonia ihr nach. »Hier steht es, Platz Nummer neunundsechzig gehört mir.«

Mit einer einzigen schwungvollen Bewegung erhob die andere sich aus dem Sitz. Doch sie blieb geradezu provozierend direkt davor stehen. Sie war beinahe einen Kopf größer als Antonia. Und dabei war sie mit ihren eins siebzig nun auch nicht gerade klein. Also nicht, dass Antonia die Körpergröße der Frau einschüchtern würde . . . Im Leben nicht. Aber dieser Blick aus stahlblauen Augen, mit dem die Schwarzhaarige sie jetzt regelrecht fixierte, jagte ihr dann doch einen kleinen Schauer über den Rücken.

Ihre Hand krallte sich um den Koffergriff. Irgendetwas an der Frau sagte ihr, dass sie sich auf Gegenwehr gefasst machen musste.

Doch der Moment der winzigen Unsicherheit war schnell vorüber. Nun freute sie sich fast ein wenig auf die Konfrontation. Sollte die Sitzplatzräuberin doch mal versuchen, sich mit ihr ein Wortgefecht zu liefern.

Absichtlich langsam ließ sie den Koffergriff los und stemmte ihre Arme in die Hüften. Noch ein tiefer Atemzug, ein kurzes Abwarten, aber von der Schwarzhaarigen kam kein weiteres Wort. Genaugenommen kam überhaupt keine Regung mehr von ihr. Das enttäuschte Antonia ein bisschen. Na schön, dann eben nicht, dachte sie achselzuckend. Sie reckte ihr Kinn in die Höhe und sagte: »Kann ich mich jetzt endlich setzen oder wollen Sie hier Wurzeln schlagen?«

Es war kaum mehr als ein Wimpernschlag, dass die Mundwinkel der anderen Frau kurz zuckten. Gleich darauf zogen sich ihre Augenbrauen mürrisch zusammen. Und dann, ganz plötzlich, schwang sie einen Arm nach vorn.

Sie wird doch wohl nicht . . .? Antonia war instinktiv geneigt zurückzuweichen, doch das kam für sie überhaupt nicht infrage. Das Wort Rückzug existierte nicht in ihrem Vokabular.

Mit trotziger Entschlossenheit blieb sie also stehen und hielt stur dem Blick ihres Gegenübers stand.

Beinahe fließend schwang der Arm zurück, während die Frau sich gleichzeitig vor Antonia verbeugte. »Ich bitte vielmals um Verzeihung, gnädige Frau, aber mir gefiel die Platzzahl einfach so gut.« Sie hob den Kopf und grinste. »Ich steh irgendwie auf diese Nummer.«

Was soll das denn? Wie kann man denn auf eine doofe Zahl stehen? Ungläubig starrte Antonia die großgewachsene Frau an, die sich inzwischen wieder aufgerichtet hatte. Noch immer lag ein geradezu spöttisches Lächeln auf deren Lippen.

Neunundsechzig, jubilierte auf einmal das kleine Männchen in ihrem Kopf. Dazu klatschte es begeistert in die Hände, woraufhin Antonia glatt die Kinnlade herunterfiel.

»Das ist ja ungeheuerlich«, hörte sie sich selbst fassungslos stammeln. Erschüttert aber war sie vor allem, weil sie so lange gebraucht hatte, um die keineswegs subtile Anspielung zu verstehen.

»Finden Sie?« Die Frau lachte vergnügt.

Es war ein dunkles, durchaus erotisches Lachen, wie Antonia befand. Das wiederum brachte sie nun erst recht aus dem Konzept. Glücklicherweise neigte sie nicht dazu, rot zu werden. Das hätte dem Ganzen die Krone aufgesetzt.

Hastig griff sie nach ihrem Koffer. Sie schaute sich um. Auf dem Gang konnte sie ihn unmöglich stehenlassen. Noch so ein Nachteil, wenn man mit der zweiten Klasse vorliebnehmen musste. Also blieb nur die Gepäckablage. Seufzend blickte sie nach oben. Irgendwie musste sie das Ding da hochbefördern. Sie könnte um Hilfe bitten . . . Sie könnte es aber auch einfach selbst machen.

»Sieht aus, als bräuchten Sie Hilfe«, vernahm Antonia die Stimme ihrer neuen Reisebegleitung. Hatte sie ihre Gedanken gerade etwa laut ausgesprochen?

»Finden Sie?«, fragte sie und zog die Augenbrauen hoch.

Die andere gluckste leise. »Touché! Ich würde sagen, der Punkt geht an Sie.«

Und dabei wird es nicht bleiben. Verlass dich drauf! Antonia lächelte zufrieden.

Sekundenlang schienen sie sich regelrecht zu belauern wie zwei Kampfhähne. Leider brachte das den Koffer immer noch nicht nach oben in die Gepäckablage. Und die Schwarzhaarige schien auch keine Anstalten machen zu wollen.

Antonia presste die Lippen aufeinander. Also eigentlich wäre ein einfaches Ja als Antwort, ob sie Hilfe bräuchte, doch ganz einfach gewesen. Aber bei dieser Frau mit dem unverschämten Grinsen im Gesicht, da hatte sie sofort das Gefühl, dass das vermutlich nicht ausreichen würde. Und sie, Antonia Reitmeyer, war es nun mal nicht gewohnt, um etwas bitten zu müssen. Entweder erfüllte man ihre Wünsche unaufgefordert oder man tat, wonach sie verlangte. Es widerstrebte ihr, nur wegen eines blöden Koffers daran irgendetwas zu ändern.

Und da sie ganz sicher nicht beabsichtigte, noch länger hier herumzustehen, denn inzwischen war der Zug schon losgefahren, hob sie energisch ihren Koffer an. Sie versuchte, ihn auf ihren Armen in Brusthöhe auszubalancieren, was durch das Geruckel gar nicht so einfach war. Aber wie sollte sie das schwere Teil über den Kopf stemmen? Sie hatte ja jetzt schon das Gefühl, in jedem Moment das Gleichgewicht zu verlieren. Schon spürte sie, wie sie unter ihrem Wintermantel zu schwitzen begann. Auch das noch. Konnte es denn noch unangenehmer werden? Ihr Atem wurde schwerer mit jeder Sekunde, in der das Gewicht des Koffers auf ihr lastete.

Gewiss, sie hätte es irgendwie geschafft, selbst wenn der Koffer mit Steinen gefüllt gewesen wäre. Denn so schwach, wie sie mit ihrer zierlichen Figur vielleicht wirkte, war sie keineswegs. Nicht umsonst besuchte sie mehrmals wöchentlich ein Fitnessstudio. Aber innerlich sträubte sie sich dagegen, sich jetzt unnötig zu verausgaben. Und schon gar nicht zum reinen Vergnügen der Neunundsechzig-Liebhaberin. Auf keinen Fall! Antonia grinste in sich hinein.

Noch einmal deutete sie an, den Koffer hochstemmen zu wollen, doch im nächsten Augenblick ließ sie ihn wieder hinuntergleiten, bis er mit den Rollen voran noch einige Zentimeter über dem Boden schwebte. Unauffällig blickte sie nach unten. Noch ein kleiner Schritt nach rechts. Perfekt! Dann ließ sie den Koffer los.

»Aua, das war mein Fuß«, jammerte die Frau erschrocken.

»Oh, Entschuldigung!« Antonia setzte kunstvoll einen tief betroffenen Blick auf. »Aber der Koffer war einfach zu schwer.« Um ihrer Bestürzung noch mehr Ausdruck zu verleihen, legte sie ihre Hände auf den Brustkorb.

Die jetzt nicht mehr grinsende Schwarzhaarige starrte sie sichtlich verwirrt an, sodass Antonia wirklich Mühe hatte, das Zucken ihrer Mundwinkel im Zaum zu halten.

Sima G. Sturm: Entgegen jeder Vernunft

Antonia »Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?« »Tut mir leid,...
Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder...
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