»War das jetzt ein Angebot?« Joyce lachte erheitert auf. »Sehr verlockend, das muss ich schon sagen.«

Auch wenn Joyce es hatte witzig klingen lassen, ihre Worte gingen Antonia durch und durch, wie ein perlendes Kribbeln, das sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete.

Es war eindeutig. Da konnte sie noch so viele Gegenargumente aus ihrem Gehirn hervorkramen. Joyce flirtete mit ihr. Das hatte sie die ganze Zeit getan, schon während der Zugfahrt. Und das erregte Antonia, sehr sogar, mehr noch als Joyce’ halbnackter Anblick in der Sauna. Und dabei hatte sie gedacht, das wäre schon das i-Tüpfelchen kurz vor der Explosion gewesen. Nur das eiskalte Wasser, mit dem sie ihren Körper malträtiert hatte, hatte sie davor bewahrt, dass die Flutwelle der Lust nicht in einer orgastischen Eruption gemündet war.

Bis zuletzt hatte sie diese sexuellen Schwingungen, diese ungeheure Anziehungskraft, die Joyce auf sie ausübte, leichtfertig abgetan. Sie hatte sich eingeredet, dass sie einfach nur zu lange keinen Sex mehr gehabt hatte. Was eine traurige Tatsache war. Doch in diesem Augenblick, während Joyce, lässig gegen den Tresen gelehnt, vor ihr stand, da wusste sie es besser. Es war einzig allein diese Frau, die sie begehrte und vor der sie sich gleichzeitig fürchtete.

»Ich hab noch mehr Blusen eingepackt.« Ihre Stimme vibrierte. »Diese Bluse hier«, sie tippte sich mit dem Finger auf den Brustkorb, »kann ich also ebenso gut zur Reinigung bringen, wenn ich wieder zu Hause bin.«

»Okay, wie Sie wollen.« Joyce seufzte leise.

Na hoppla! Hörte Antonia da so etwas wie Enttäuschung heraus? Beinahe hätte sie darüber den Kopf geschüttelt. Hatte Joyce wirklich geglaubt, dass sie sie so einfach rumkriegen würde? Dann war sie aber sehr überzeugt von sich.

Zurecht, oder etwa nicht? meldete sich ihre innere Stimme. Du wünschst dir doch, dass sie dich verführt. Du kannst an nichts anderes mehr denken.

Antonia konnte gerade noch ein Stöhnen unterdrücken, indem sie fest die Lippen zusammenpresste. Wäre dieser Störfaktor in ihrem Kopf greifbar, dann hätte sie ihm jetzt eine Ohrfeige verpasst.

Joyce musterte sie still und mit einem sinnlichen Lächeln, als hätte sie wieder einmal Antonias Gedanken gelesen. Dann hob sie ihr Cognacglas – Wo kam das denn so plötzlich her? – und prostete Antonia leicht zu.

»Und was machen wir jetzt noch mit dem angebrochenen Abend?«, fragte sie in einem untypisch vorsichtigen Ton.

Ehe Antonia es sich noch anders überlegen konnte, polterte es aus ihr heraus: »Was Sie machen, weiß ich nicht. Ich jedenfalls trinke noch meinen Wein aus und werde dann zu Bett gehen.«

»Und das wollen Sie allein tun, nehme ich an?«

»Also das ist doch . . .« Antonia stand kurz davor zu hyperventilieren. »Gehen Sie immer so forsch ran?«

Joyce schüttelte scheinbar erstaunt den Kopf. Doch dann war da dieses winzige Zucken in ihrem Mundwinkel. »Sie meinen also, ich wäre zu forsch, wenn ich nur wissen möchte, ob Sie ihren Wein allein trinken wollen oder ob ich Ihnen dabei Gesellschaft leisten darf?«

Jetzt reichte es Antonia endgültig. »Ach, scheren Sie sich doch zum Teufel«, blaffte sie. »Glauben Sie, ich merke nicht, dass Sie sich nur über mich lustig machen? Ich bin doch nicht Ihr Spielball. Suchen Sie sich eine andere Dumme!« Sie schleuderte Joyce einen wütenden Blick entgegen und rutschte vom Barhocker. Der Appetit auf ihren Wein war ihr vergangen. Sie wollte nur noch weg von hier, weg von dieser Frau. Lange genug hatte sie sich der Lächerlichkeit preisgegeben.

Sie straffte ihren Rücken und drehte sich mit einem Ruck zum Ausgang. Doch mitten in der Vorwärtsbewegung wurde sie abrupt gestoppt. Joyce hielt sie am Arm fest.

»Antonia, ich bitte Sie . . .« Joyce sprach leise. »Es tut mir leid, wenn ich Sie gekränkt habe. Das wollte ich nicht. Wirklich nicht.«

Langsam, fast wie in Zeitlupe, wandte Antonia sich ihr wieder zu. Sie starrte auf ihren Arm, den Joyce immer noch festhielt. Ihre Kiefer begannen unbewusst zu mahlen. Sie schaute auf, direkt in Joyce’ Gesicht, und mit einem Blick, der keiner Worte bedarf, übermittelte sie ihr eine warnende Botschaft.

Augenblicklich und offenbar darüber erschrocken ließ Joyce ihren Arm los. »Entschuldigung«, murmelte sie sichtlich betroffen. »Aber Sie müssen nicht gehen, nicht meinetwegen«, setzte sie nun fort. »Es wäre schade um Ihren Wein. Ich werde gehen und Sie in Ruhe lassen, wenn Sie das wünschen.«

Nein, geh nicht! schrie es sofort in Antonia, während ihr schon ein Ja, verschwinde! auf den Lippen lag. Sie verstand sich selbst nicht mehr. In ihrem Kopf drehte sich alles, und das konnte schlecht am Wein liegen, an dem sie bislang nur genippt hatte. Sie holte mehrmals tief Luft, um ihren Puls wieder zu beruhigen.

Als sie ihre Emotionen wieder unter Kontrolle hatte, sagte sie: »Ganz recht, warum sollte ich auch diejenige sein, die geht.« Mit erhobenem Kinn setzte sie sich zurück auf den Hocker. Sie wusste genau, dass sie Joyce damit eine eindeutige Antwort schuldig blieb. Ihren Blick auf das Weinglas gerichtet, fuhr sie nachdenklich mit dem Zeigefinger über den Rand.

Vielleicht wäre es besser, wenn Joyce ihr die Entscheidung abnahm. Sie konnte es momentan nämlich nicht, sich entscheiden. Schon möglich, dass sie vorhin überreagiert hatte, denn dieser anstrengende Tag hatte durchaus seine Spuren hinterlassen. Aber das würde sie Joyce gegenüber ganz gewiss nicht zugeben. Wie käme sie denn dazu?

Ihr seltsames Verhalten heute ärgerte sie gewaltig. Sie war doch sonst auch nicht so unschlüssig und wankelmütig. Den Grund dafür brauchte sie auch nicht in ihrer Erschöpfung oder Müdigkeit zu suchen.

Denn wie oft hing sie bis spät in die Nacht über irgendwelchen Verträgen, die es rechtlich zu prüfen und zu beurteilen galt. Aber selbst zu später Stunde war sie dann immer noch konzentriert und leistungsfähig. Und es machte ihr Spaß, sich mit den Vertragspartnern des Unternehmens, für das sie arbeitete, anzulegen. Wie die verzweifelt versuchten, irgendeine Lücke zu finden, um sich finanziell einen Vorteil zu verschaffen. Oder gar mit Klagen drohten, die bislang allesamt verpufft waren, seit Antonia sich um die rechtlichen Angelegenheiten kümmerte. Aber das hier, mit Joyce, das war etwas ganz anderes.

»Antonia, bitte sagen Sie mir, was Sie wollen«, unterbrach Joyce ihre Gedanken. »Möchten Sie, dass ich gehe, oder wollen wir vielleicht einfach noch mal von vorn anfangen?«

Antonia horchte auf. Ihre Hand schwebte bewegungslos über dem Weinglas, ehe sie schließlich ein weiteres Mal den Glasrand umfuhr. Noch mal von vorn anfangen, wollte sie das wirklich? Sie konnte Joyce’ fragenden und bangen Blick förmlich spüren, wie die darauf wartete, dass sie ihr eine Antwort gab.

Unweigerlich musste sie darüber schmunzeln. Sie könnte Joyce noch ein wenig zappeln lassen. Das wäre gemein und würde ihr ein erhabenes Gefühl verschaffen. Aber Joyce war sicherlich keine Frau, die um etwas betteln würde, genauso wenig wie sie selbst.

Seufzend beendete sie ihre Rundreise um den Glasrand und blickte Joyce an. »Du kannst ganz schön hartnäckig sein, hm?«, sagte sie. Unbewusst war sie ins Du gewechselt.

Joyce nickte. »Ja, wenn ich das Gefühl habe, dass es sich lohnt.«

»Ach, und das tut es?«

»Ich würde sagen, ja«, erwiderte Joyce lächelnd. »Aber Sie . . . ähm, Du . . .?« Sie zögerte einen Augenblick, fuhr dann aber fort, nachdem sie sich offenbar entschieden hatte. »Du hast mir immer noch nicht meine Frage beantwortet.«

Sima G. Sturm: Entgegen jeder Vernunft

Antonia »Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?« »Tut mir leid,...
Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder...
Doch dann prustete die plötzlich los. »Das gibt’s doch wohl nicht.« Kopfschüttelnd griff sie nach...
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Warum nur hörte sich das in Antonias Ohren nicht so unschuldig an, wie es womöglich gemeint war?...
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»Also dann . . . « Sie nickte Joyce kurz zu, die ihren Gruß mit einem hinreißenden Lächeln...
»War das jetzt ein Angebot?« Joyce lachte erheitert auf. »Sehr verlockend, das muss ich schon...
»Du bist also nicht nur hartnäckig, sondern auch noch ungeduldig. Da darf ich mich wohl auf...
Wäre da nicht Joyce, der ein paar Stunden ausgereicht hatten, an ihr zu rütteln, dass der Putz nur...