»Du bist also nicht nur hartnäckig, sondern auch noch ungeduldig. Da darf ich mich wohl auf einiges gefasst machen.«

Joyce wirkte fast ein wenig verloren, wie sie da so bildlich gesehen zwischen Tür und Angel stand. Grinsend kratzte sie sich am Kopf. »Du machst es mir ja auch nicht gerade leicht.«

»Das wäre ja auch noch schöner«, konterte Antonia spitz. »Aber okay, meinetwegen kannst du bleiben.« Sie machte eine gnädige Geste wie eine Königin, die ihr Volk empfing.

»Oh, vielen Dank. Das ist wirklich sehr großzügig von dir.« Joyce verbeugte sich pathetisch – das hatte sie heute schon einmal getan – und fügte augenzwinkernd hinzu: »Ich bin übrigens Joyce.« Ihre Mundwinkel zuckten, als sie sich auf den Barhocker neben Antonia schob und erneut ihr Cognacglas anhob.

»Na schön, Joyce.« Langsam fing es an, wieder Spaß zu machen. Innerlich beglückwünschte Antonia sich, weil sie zu alter Stärke zurückgefunden hatte. Dann setzte sie fort: »Im Gegensatz zu dir halte ich aber nichts von der Idee mit dem Neuanfang. Ich habe nämlich keine Lust, mich noch mal deiner nervtötenden Beurteilung meiner Person auszusetzen.« Grinsend nahm sie ihr Weinglas in die Hand. »Und ich heiße übrigens Antonia.«

Joyce lachte offenkundig verblüfft auf, denn sie brauchte einen Augenblick, um darauf zu antworten. Aber dann sagte sie: »Es ist mir eine Freude, dich kennenzulernen, Antonia.«

Ihre Gläser stießen leise klingend aneinander. Und als hätte dieser liebliche Klang eine neue Magie freigesetzt, versanken ihre Blicke ineinander, als wären sie allein auf diesem Planeten. Die Luft zwischen ihnen schien zu flirren. Darüber hinaus schienen sie beide zu vergessen, dass man nach dem Anstoßen üblicherweise einen Schluck von seinem Getränk nahm.

Antonia war es, die zuerst ihren Blick wieder senkte und damit den magischen Moment unterbrach. Es geschah nur widerwillig, aber die Intensität raubte ihr den Atem.

Sich räuspernd setzte sie das Weinglas an ihre Lippen. Vorsichtig nippte sie an dem Rotwein, als wäre es ein Heißgetränk. Aber das hier war ein Vernatsch und kein Glühwein. Sie musste selbst über sich lächeln.

Joyce schwenkte derweil ihr Cognacglas. Auf einmal wirkte sie völlig in Gedanken versunken, während sie ihre Aufmerksamkeit der goldbraunen Flüssigkeit in ihrem Glas schenkte. »Wollen wir die nächsten Tage mal zusammen Skifahren?«, fragte sie plötzlich, sodass Antonia sich regelrecht erschrak.

»Ähm, ja, klar, warum nicht.« Antonia runzelte irritiert die Stirn. Was war das denn? Übte Joyce sich plötzlich in vornehmer Zurückhaltung? Das hält sie nicht lange durch, dachte Antonia schon fast ein wenig amüsiert.

Aber für den Moment sollte ihr das recht sein. Nach einem Tag voller Gefühlsturbulenzen brauchte sie erst mal ruhiges Fahrwasser, um nicht gleich wieder vom Kurs abzukommen.

Montag, 31. Januar
Herz über Kopf

Nach einer kurzen Nacht fühlte Antonia sich alles andere als ausgeruht. Die Konferenz würde aber den ganzen Tag dauern, und sie fragte sich, wie sie das überstehen sollte, ohne zwischendurch versehentlich einzunicken.

Das Hauptthema der Tagung waren digitale Geschäftsmodelle, und es wurden aktuelle Fragen zum E-Commerce in der EU erörtert. Rund dreißig Anwältinnen und Anwälte aus dem deutschsprachigen Raum nahmen an der Veranstaltung teil.

Anfangs war Antonia noch ganz gut bei der Sache. Aber bereits um die Mittagszeit hörte sie nur noch mit halbem Ohr zu. Ja, Legal Technology hatte mittlerweile in viele Bereiche der klassischen Anwaltstätigkeit Einzug gehalten, so auch im Vertrags- und Versicherungsrecht. Und ja, die Mandantenakquise fand zunehmend im Internet statt. Das automatisierte Auswerten von Vertragswerken und das Management von Fällen konnte das juristische Denken nicht ersetzen, aber viele Routinerechtsfragen ließen sich mittels Legal Tech schneller und leichter lösen.

Das alles war für Antonia nichts Neues. Und vielleicht schweiften gerade deshalb ihre Gedanken immer wieder ab, hin zu . . . Tja, zu wem wohl? Zu Joyce natürlich. Sich selbst tadelnd rollte Antonia mit den Augen.

Sie hatten sich gestern noch lange unterhalten, über nichts Spezielles, mehr allgemein und über Gott und die Welt. Ihre Gesprächsthemen waren vergleichsweise banal gewesen, als hätten sie beide eine Pause von ihren gegenseitigen Konfrontationen gebraucht.

Aber diese sexuell aufgeladene Stimmung zwischen ihnen, die war auch gestern Abend zu spüren gewesen. Darüber hatte Antonia völlig die Zeit vergessen. Sie hatte sich nicht mal mehr müde gefühlt.

Bei der Verabschiedung dann vor ihrer Zimmertür hatte sie sich kaum mehr beherrschen können. Am liebsten hätte sie Joyce einfach hereingezerrt und wäre über sie hergefallen.

Aber Joyce hatte ihr ganz brav eine gute Nacht gewünscht – ohne Abschiedskuss wohlgemerkt – und war dann wieder in den Fahrstuhl gestiegen.

Ihre Zimmer hatten sie also nicht auf derselben Etage, geschweige denn nebeneinander. Bei all den Zufällen hätte Antonia das nicht überrascht.

Joyce hatte mit ihr geflirtet und sie mit ihren Kommentaren gereizt, nur um plötzlich auffällig zurückhaltend zu sein. War das eine Taktik von ihr, weil das Spiel der Eroberung nur solange spannend war, bis man bekommen hatte, was man wollte? Antonia schüttelte verwirrt den Kopf.

»Sie arbeiten also nicht mehr hybrid, Frau Reitmeyer?«

»Was?« Antonias Kopf zuckte hoch. Sie blickte in die fragenden Augen des Referenten. Vor lauter Schreck wusste sie gar nicht, was er von ihr wollte. Und natürlich auch, weil sie die letzte halbe Stunde überhaupt nicht mehr zugehört hatte.

Hybrid . . . Sie spulte in ihrem Kopf das heutige Programm ab. Ging es nicht auch darum, dass vor allem in Deutschland vielfach noch hybrid gearbeitet wurde, sodass es neben einer digitalen Akte auch noch eine Papierakte gab? Und dass deshalb die interne und externe Kommunikation auf den Prüfstand gehörte?

»Ich, ähm, nein, ich erledige meine Arbeit inzwischen fast nur noch digital«, antwortete sie schnell, bevor das unerträgliche Schweigen noch peinlicher wurde.

»Gut, gut«, meinte der Referent – Wie hieß er doch gleich noch mal? – mit einem wohlwollenden Nicken. »Damit sind Sie vielen Ihrer Kollegen und Kolleginnen voraus. »Ich hoffe doch aber, dass Sie hier trotzdem noch einiges an Wissenswertem mitnehmen können und sich nicht allzu sehr langweilen.«

War das jetzt ironisch gemeint? Ach, geh mir doch nicht auf die Nerven, dachte Antonia mürrisch. Wieso hatte sie sich überhaupt für diese Konferenz angemeldet?

»Ich kann Ihnen versichern, dass ich sehr interessiert bin«, säuselte sie. »Also bitte, fahren Sie doch fort.« Sie setzte ein künstliches Lächeln auf und schaute beiläufig in die Runde, was nicht schwer war, da sie in U-Form saßen.

Sämtliche Blicke waren auf sie gerichtet. Manche blickten vergnügt oder verständnisvoll drein, andere wiederum musterten sie kritisch und machten keinen Hehl daraus, dass sie ihre geistige Abwesenheit nicht guthießen. Das war so typisch für die Anwaltszunft, vor allem für das weibliche Geschlecht. Wenn sie an den intimen Gedanken einer Kollegin nicht teilhaben konnten, um etwas zum Tratschen zu haben, dann spielten sie sich auf, als hätte man gerade ein Verbrechen begangen.

Selbstverständlich bildete sie, Antonia, die Ausnahme. Klatsch und Tratsch interessierten sie nicht. Sie wusste auch so, dass man sich hinter ihrem Rücken das Maul über sie zerriss. Frustrierte Lesbe, feuerspeiender Drachen oder einfach nur Klapperschlange, das waren nur ein paar der für sie reservierten Bezeichnungen. Da konnte sie noch so sehr Augen und Ohren verschließen, manchmal drang eben doch etwas zu ihr durch.

Manches entsprach der Wahrheit, das konnte sie nicht leugnen. Aber keiner von denen, die sich da eine Meinung über sie bildeten, kannte sie wirklich. Niemand von ihnen wusste, wie es in ihr drin aussah. Und es interessierte diese Leute auch nicht. Also machten sie sich auch gar nicht die Mühe, hinter ihre Fassade zu blicken, die sie zugegeben im Laufe der Jahre perfektioniert hatte. Sie alle sahen nur die äußere Hülle von ihr. Und so sollte es auch bleiben, wenn es nach Antonia ginge.

Sima G. Sturm: Entgegen jeder Vernunft

Antonia »Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?« »Tut mir leid,...
Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder...
Doch dann prustete die plötzlich los. »Das gibt’s doch wohl nicht.« Kopfschüttelnd griff sie nach...
Antonia wischte den Gedanken beiseite und schob es auf die Langeweile, die wie eine Krankheit...
Antonia gab sich gedanklich einen Klaps auf den Hinterkopf. Geräuschvoll atmete sie aus, nachdem...
»Kaffee schmeckt nun mal nicht, wenn er kalt ist«, führte Joyce augenzwinkernd aus. »Und Sie...
Warum nur hörte sich das in Antonias Ohren nicht so unschuldig an, wie es womöglich gemeint war?...
Sie huschte ins Zimmer hinein, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich tief durchatmend gegen...
»Also dann . . . « Sie nickte Joyce kurz zu, die ihren Gruß mit einem hinreißenden Lächeln...
»War das jetzt ein Angebot?« Joyce lachte erheitert auf. »Sehr verlockend, das muss ich schon...
»Du bist also nicht nur hartnäckig, sondern auch noch ungeduldig. Da darf ich mich wohl auf...
Wäre da nicht Joyce, der ein paar Stunden ausgereicht hatten, an ihr zu rütteln, dass der Putz nur...