Wäre da nicht Joyce, der ein paar Stunden ausgereicht hatten, an ihr zu rütteln, dass der Putz nur so bröckelte.


Es war bereits sieben Uhr abends, als Antonia den Konferenzsaal verließ. Wie auch immer sie den Tag überstanden hatte, irgendwie hatte sie es jedenfalls geschafft.

Das Abendessen ließ sie ausfallen, weil sie sich heute Morgen bereits mit Obst und Gemüse eingedeckt hatte. Außerdem verspürte sie keinen großen Appetit.

Kurz dachte sie darüber nach, ob sie noch mal in die Sauna gehen sollte, verwarf aber den Gedanken gleich wieder. Besser nicht! entschied sie. Noch mal würde sie Joyce’ halbnackten Anblick vermutlich nicht überstehen, ohne gleich an Ort und Stelle über sie herzufallen.

Unwillkürlich musste Antonia kichern, ein leises Lachen, das auf ihren Lippen vibrierte. Sehnsüchtige Hitze durchströmte ihren Körper, und in ihrem Schoß breitete sich ein alarmierender Druck aus. Nein, sie musste nicht auf die Toilette. Daran lag es nicht.

Kopfschüttelnd ging sie auf ihr Zimmer. Eigentlich brauchte sie dringend Schlaf, doch im Moment war daran nicht zu denken. Sie war noch viel zu aufgewühlt und brauchte jetzt eher sportliche Aktivität, um sich richtig auszupowern. Im Hotel gab es zum Glück auch ein Fitnessstudio. Perfekt!

Um keine Zeit mehr zu verlieren, schlüpfte sie schnell in ihre schwarze Tight und zog ein blaues Tanktop über. Dann warf sie noch einen flüchtigen Blick in den Garderobenspiegel. Bis auf die dunklen Ringe unter ihren trüben Augen sah sie doch ganz passabel aus.

Gerade, als sie ihre Turnschuhe anzog, klopfte es plötzlich an der Tür. Genervt zogen ihre Mundwinkel sich schlagartig nach unten. Bestimmt war das der Lackaffe, der neben ihr das Zimmer bezogen hatte. Heute Morgen waren sie sich auf dem Flur begegnet, um dann bei der Konferenz wieder aufeinanderzutreffen. Seitdem hatte er versucht, sie anzubaggern, indem er ihr permanent geschmeichelt und schlüpfrige Andeutungen gemacht hatte. In jeder gottverdammten und noch so kleinen Pause.

Antonia dachte eigentlich, sie hätte ihm ihren Standpunkt bereits mehr als deutlich gemacht. Eindeutiger konnte eine Abfuhr gar nicht sein. Aber manche Männer verstanden offenbar nicht mal den Wink mit einem kompletten Gartenzaun, selbst wenn das zu umfriedende Grundstück riesengroß war.

Noch während sie die Tür aufriss, fauchte sie auch schon: »Ich bin nicht interessiert.«

»Oh, das ist aber schade.«

»Äh . . . ich, äh, dachte . . . es wäre jemand anderes«, stammelte Antonia.

»Nun, das tröstet mich wiederum ein wenig.« Joyce schenkte ihr ein Lächeln.

Aber es war nicht irgendein Lächeln. Eher so eins, bei dem man dachte, die Erde würde wegen zu starker Sonneneinstrahlung auf der Stelle verglühen.

Antonia schluckte hart, als sie jetzt Joyce’ Sportoutfit wahrnahm.

»Zwei Dumme, ein Gedanke?« Joyce lachte beschwingt.

»Kann man so sagen. Und jetzt komm mir bloß nicht mit Zufall. Das verkrafte ich nicht«, beklagte Antonia sich. Sie verzog streng das Gesicht. Dennoch, Joyce’ Lachen war irgendwie ansteckend. Ihre eben noch schlechte Laune war fort, weggeblasen wie ein welkes Blatt vom Wind.

»Ich schwöre, ich wusste nicht, was du heute noch vorhast.« Joyce hob die Hand zum Schwur, zwei Finger aneinandergelegt. »Da es fürs Skifahren schon zu spät ist, dachte ich, dass du nach einem bewegungsarmen Tag vielleicht Lust hast auf ein bisschen Fitnesstraining. Und zusammen macht das doch viel mehr Spaß.«

Antonia kräuselte die Stirn. So richtig überzeugt war sie von dem Vorschlag nicht. Joyce sah aus, als wäre das Fitnessstudio ihr zweites Zuhause. Sie selbst war zwar keineswegs untrainiert, aber neben Joyce würde sie an den Kraftgeräten geradezu armselig wirken. Zumal ihr Training mehr auf Ausdauer ausgelegt war.

»Hm, ich hatte dabei eigentlich nur an eine Einheit auf dem Laufband oder auf dem Ergometer gedacht«, wand sie sich noch etwas.

Joyce winkte ab. »Viel zu eintönig. Komm schon, gib dir einen Ruck. Ich pass auch auf, dass du dich mit den Gewichten nicht übernimmst«, fügte sie augenzwinkernd hinzu.

»Was soll das denn bitte schön bedeuten?«, empörte Antonia sich und verschränkte mit blitzenden Augen die Arme vor der Brust.

»Gar nichts. Ich zieh dich nur ein bisschen auf.«

»Dann pass du mal besser auf, dass du es nicht übertreibst.«

Für Antonia unerwartet gab Joyce sich sofort geschlagen, indem sie beide Hände in die Höhe hob. »Keine Sorge, ich habe meine Lektion gestern Abend gelernt.«

»Hmmh.« Antonia blieb skeptisch und musterte Joyce mit zusammengekniffenen Augen. »Du erwartest doch nicht wirklich, dass ich dir das glaube?«

Joyce schüttelte den Kopf und fing an zu lachen. »Also ehrlich, Antonia, es ist deine Entscheidung, was du glaubst oder nicht. Ich weiß nur eines, wenn wir jetzt noch länger darüber diskutieren, dann wird der Fitnessraum geschlossen sein.«

»Mist, und ich habe gehofft, es würde dir vielleicht nicht auffallen.«

Bei Joyce’ verdutztem Blick war es nun an Antonia, in ein belustigtes Lachen zu verfallen. »Okay, lass uns gehen«, lenkte sie nach Luft japsend ein.

Der Fitnessraum war nicht sehr groß, bot aber dennoch genug Platz für ein paar Kraftstationen. Antonia seufzte in sich hinein. Erfreulich war, dass sie zur Abendbrotzeit fast allein hier waren. Nur eine schon etwas ältere Frau strampelte sich mit verbissener Miene und hochrotem Kopf auf einem der beiden Ergometer ab.

»Siehst du, ihr macht es auch keinen Spaß, vor sich hinzustrampeln und dabei nicht vom Fleck zu kommen«, flüsterte Joyce Antonia zu. Auf ihrem Gesicht bildete sich ein freches Grinsen.

Antonia boxte ihr gegen die Schulter. »Nun lass uns schon anfangen, du Fitnessguru. Sonst leiste ich nämlich der Frau Gesellschaft. Sie würde sich bestimmt darüber freuen.«

»Kommt gar nicht in Frage«, gab Joyce sich entrüstet. »Also gut. Dann legen wir mal los. Aber zuerst machen wir ein leichtes Stretching zum Aufwärmen.«

Ihr Gesicht nahm einen geradezu verträumten Ausdruck an, während sie Antonia andächtig von Kopf bis Fuß betrachtete. Offenbar gefiel ihr, was sie sah, oder ihre Gedanken waren schon viel weiter galoppiert. Allein die Vorstellung, um welche Gedanken es sich da konkret handeln könnte, löste in Antonia ein lustvolles Kribbeln aus, das sich besonders in ihrer Körpermitte festsetzte.

Antonia gab sich alle Mühe, sich von Joyce’ körperlichen Reizen nicht ablenken zu lassen. Aber je länger die Trainingseinheit dauerte, umso schwieriger wurde es.

Was sollte sie machen? Ihre Libido fragte nicht erst um Erlaubnis, und sie reagierte nun mal sehr stark auf Joyce und deren durchtrainierte Muskeln, die sie regelrecht neckten und provozierten.

Beim Bankdrücken stand Antonia dann kurz vor dem Kollaps, als sie mit ansehen musste, wie Joyce mal eben so siebzig Kilo stemmte. Überwältigt schnappte sie nach Luft.

»Jetzt du«, sagte Joyce und holte Antonia aus ihrer Starre zurück. Sie legte sich ihr Handtuch lässig um den verschwitzten Nacken und machte sich daran, die passenden Hantelscheiben für Antonia aufzulegen. Da hatte sie einiges zu tun.

Mittendrin hob sie ihren Kopf und ließ ihren Blick langsam über Antonia gleiten, also musste sie sich erst noch mal in Erinnerung rufen, wie es um Antonias Kraft bestellt war. Mit einem verschmitzten Lächeln entschied sie sich schließlich für fünfundzwanzig Kilo.

»Das ist doch wohl nicht dein Ernst«, beschwerte Antonia sich sogleich. Sie rümpfte die Nase. »Also fünf Kilo mehr dürfen es schon noch sein.«

Bislang hatte sie es geschafft, an den anderen Geräten wenigstens die Hälfte des Gewichtes, das Joyce für sich eingestellt hatte, zu meistern. Und bei den Dips zur Kräftigung des Trizepses war sie sogar richtig gut gewesen, wofür sie von Joyce ein anerkennendes Nicken geerntet hatte.

ENDE DER FORTSETZUNG

Sima G. Sturm: Entgegen jeder Vernunft

Antonia »Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?« »Tut mir leid,...
Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder...
Doch dann prustete die plötzlich los. »Das gibt’s doch wohl nicht.« Kopfschüttelnd griff sie nach...
Antonia wischte den Gedanken beiseite und schob es auf die Langeweile, die wie eine Krankheit...
Antonia gab sich gedanklich einen Klaps auf den Hinterkopf. Geräuschvoll atmete sie aus, nachdem...
»Kaffee schmeckt nun mal nicht, wenn er kalt ist«, führte Joyce augenzwinkernd aus. »Und Sie...
Warum nur hörte sich das in Antonias Ohren nicht so unschuldig an, wie es womöglich gemeint war?...
Sie huschte ins Zimmer hinein, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich tief durchatmend gegen...
»Also dann . . . « Sie nickte Joyce kurz zu, die ihren Gruß mit einem hinreißenden Lächeln...
»War das jetzt ein Angebot?« Joyce lachte erheitert auf. »Sehr verlockend, das muss ich schon...
»Du bist also nicht nur hartnäckig, sondern auch noch ungeduldig. Da darf ich mich wohl auf...
Wäre da nicht Joyce, der ein paar Stunden ausgereicht hatten, an ihr zu rütteln, dass der Putz nur...