Doch dann prustete die plötzlich los. »Das gibt’s doch wohl nicht.« Kopfschüttelnd griff sie nach Antonias Koffer. »Okay, besser ich erledige das, ehe Sie mich noch ins Krankenhaus befördern.«

»Das ist wirklich sehr nett von Ihnen«, säuselte Antonia.

»Hmm.«

Und zack, schon landete der Koffer in der Gepäckablage. Als wäre es nur ein Kosmetikköfferchen. Antonia hob anerkennend die Augenbrauen. Nicht übel!

»Danke schön!«, sagte sie schnell, und noch bevor die ehemalige Neunundsechzig-Besetzerin sich wieder zu ihr umdrehte, schob sie sich an ihr vorbei und ließ sich auf ihrem Sitzplatz nieder.

Verdutzt sah die große Frau auf Antonia hinunter. Sie wirkte ein bisschen wie eine Kriegerin, als sie ihre muskulösen Arme vor der Brust verschränkte und Antonia mit einem feurigen Blick taxierte. Irgendwie hätte nur noch Pfeil und Bogen gefehlt.

»Das haben Sie ja clever eingefädelt«, sagte sie.

Antonia zuckte lässig mit den Achseln, während sie den Tisch herunterklappte und ihre Handtasche darauf ablegte. Im Sitzen schälte sie sich dann aus ihrem Mantel. »Wieso?« Sie erhob sich nur so viel, wie sie benötigte, um den Mantel unter ihrem Hintern hervorzuziehen. »Ich habe mich doch nur auf meinen Platz gesetzt.« Und damit war alles gesagt. Sie wandte ihren Blick ab, hängte den Mantel an den Haken zu ihrer Linken und schaute dann aus dem Fenster.

»Klar doch.« Agentin Nullnullneunundsechzig oder Herkuline oder wie auch immer die Frau heißen mochte ließ sich auf den Sitz neben Antonia gleiten.

Antonia war es ein Rätsel, wie die Frau mit den langen Beinen so überhaupt keinerlei Probleme mit den etwas beengten Platzverhältnissen zu haben schien. Zugegeben, so schlimm war es nicht, wenn man es nicht anders gewohnt war. Aber sie, Antonia, war es eben nicht gewohnt. Und ihre Sitznachbarin so dicht neben sich zu spüren, das beunruhigte sie irgendwie.

Mit Schrecken fiel ihr ein, dass sie ihren Laptop im Koffer verstaut hatte, weil er nicht in ihre Handtasche gepasst hatte. Normalerweise führte sie ihn immer im Handgepäck mit. Aber sie fuhr normalerweise ja auch nicht mit dem Zug. Was sollte sie denn jetzt die ganze Zeit machen, außer aus dem blöden Fenster zu starren?

Neben ihr raschelte es unangenehm laut. Antonia runzelte leicht die Stirn. Derartige Störgeräusche nervten sie gewaltig, vor allem, wenn sie kein Ende fanden. Doch diesmal mischte sich auch eine gewisse Neugier darunter. Was ihre Sitznachbarin da wohl trieb? Aber sie schaute natürlich nicht zu ihr, sondern stierte weiterhin aus dem Fenster. Überhaupt, seit wann kümmerte sie die Angelegenheiten anderer Leute? Sie hatte bekommen, was sie wollte, nämlich ihren Fensterplatz mit Klapptisch. Sie rollte mit den Augen. Wollen war vielleicht zu viel gesagt, aber für einen Platz in der zweiten Klasse war das noch akzeptabel.

Das Rascheln verstummte. Inzwischen hatten sich offenbar auch die Reisenden, die keinen Sitzplatz reserviert hatten, irgendwie im Zug verteilt. Zumindest kehrte jetzt eine gewisse und nicht zu erwartende Ruhe ein.

Antonia wandte ihren Blick vom Fenster ab, vermied es aber weiterhin, nach rechts zu sehen. Die beiden Plätze ihr gegenüber waren merkwürdigerweise unbesetzt geblieben. Vielleicht waren die auch reserviert und die Reisenden stiegen erst später zu.

Antonia jedenfalls war froh, dass sie in Fahrtrichtung saß. Sie hasste es, rückwärtsfahren zu müssen. Schon als Kind und Jugendliche wurde ihr schlecht, wenn auf dem Rummel das Fahrgeschäft plötzlich seine Richtung änderte. An Loopings wollte sie gar nicht erst denken. Jahrmärkte waren ihr ohnehin ein Gräuel. Nur ihren damaligen Schulfreundinnen zuliebe, und davon hatte sie nicht viele gehabt, war sie ein paarmal mitgegangen.

»Wollen Sie einen Apfel?«

Bitte was? Irgendwie brachte Antonia das Angebot nicht mit ihren Gedanken in Einklang. Nun blickte sie doch zur anderen Seite, ausnahmsweise. Die Schwarzhaarige hielt ihr lächelnd einen tiefroten Apfel vor die Nase.

»Danke, aber ich verzichte«, erwiderte sie kühl.

»Ich verspreche Ihnen, er ist nicht giftig.«

»Ach wirklich?« Antonia kräuselte die Lippen. »Also ein Apfel von mir wäre es unter Umständen.«

»Oh, oh . . . Warum überrascht mich das jetzt nicht? Ganz die böse Stiefmutter oder die Schwarze Witwe. Egal.« Ex-Neunundsechzig winkte lachend ab. Und sie lachte derart vergnügt, dass es in Antonias Ohren wie blanker Hohn klang.

Antonia musste diese Frau zum Schweigen bringen. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Und dann schleuderte sie ihrer Sitznachbarin einen vernichtenden Blick zu, dem eine Flut von Gewitterblitzen folgte. Niemals zuvor hatte das seine gewünschte Wirkung verfehlt. Aber bekanntlich gab es ja immer ein erstes Mal. Und bei der Schwarzhaarigen, die wie die weibliche Form von Adonis aussah, schien das völlig unbeeindruckt abzuprallen. Schlimmer noch, sie beabsichtigte keineswegs, wie sich sogleich herausstellen sollte, ihren Mund zu halten.

»Verstehe . . . ich korrigiere mich.«

Antonia hob lauernd die Augenbrauen, bereit, ihr im nächsten Moment an die Kehle zu springen.

»Sie nehmen nichts von Fremden an, weil man ja schon als Kind lernt, dass man das nicht tun soll.« Sie nickte, sich selbst bestätigend, während Antonia nicht mal mit der Wimper zuckte. »Okay, dann sollte ich mich vielleicht vorstellen.« Der Apfel hüpfte wie ein Jonglierball in hohem Bogen in ihre linke Hand, und sie streckte Antonia lächelnd ihre rechte Hand entgegen. »Joyce Aigner . . . Freut mich.«

Nun doch etwas verblüfft starrte Antonia auf die dargebotene Hand. Da hatte sie sich schon einen bissigen Kommentar zurechtgelegt, und nun wurde sie von Joyce’ – was für ein ungewöhnlicher Name – entwaffnender Freundlichkeit regelrecht überrumpelt.

Zögernd griff sie nach der Hand, als fürchtete sie, sich augenblicklich zu verbrennen. Sie öffnete den Mund, noch hin- und hergerissen zwischen der Wahl ihrer Worte.

»Ach, Sie brauchen sich nicht erst vorzustellen. Ich weiß ja schon, wer Sie sind.« Joyce Aigner grinste frech. »Antonia Reitmeyer, richtig?«

»Woher zum Teufel . . .«

». . . ich das weiß?«

Ein leises, tiefes Lachen, eindrucksvoll wie das Rauschen eines entfernten Gebirgsflusses, wehte zu Antonia herüber. Entsetzt zog sie ihre Hand zurück. Sie würde doch nicht etwa anfangen, diese unverschämte Person sympathisch zu finden?

»Bleiben Sie locker. Ich habe es vorhin nur auf Ihrer Reservierungsbestätigung gelesen.«

Ich soll locker bleiben? Antonia verschluckte sich fast vor Empörung.

»Apfel?«

Wie eine verbotene Frucht, die vom Baum der Erkenntnis lockte, blitzte das tiefe Rot erneut vor Antonias Gesicht auf. Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein, verdammt noch mal«, zischte sie verärgert. Was sollte das denn hier werden?

Joyce Aigner zuckte mit den Schultern. »Auch gut. Bleibt mehr für mich.« Kaum hatte sie das gesagt, biss sie auch schon herzhaft in den von Antonia verschmähten Apfel. Genießerisch schloss sie die Augen, während ein zufriedenes Seufzen ihre Lippen verließ.

Antonia schluckte. Schnell wandte sie sich ab. Ihr Blick klebte nun förmlich an der Fensterscheibe.

Der Zug eilte durch die Landschaft, an Hügeln und Tälern vorbei, an Flüssen und Straßen entlang. Und trotzdem kam Antonia das alles viel langsamer vor, obwohl der ICE mit Spitzengeschwindigkeiten von knapp dreihundert Kilometern pro Stunde aufwartete, wie sie der elektronischen Anzeige auf dem Bildschirm entnehmen konnte.

Doch das alles konnte sie nicht wirklich ablenken. Seit einer gefühlten Ewigkeit gab ihre Sitznachbarin, Joyce, keinen Mucks mehr von sich, obwohl wahrscheinlich nicht mal zehn Minuten vergangen waren.

Stopp! Wieso beunruhigte sie die Tatsache, dass diese Joyce endlich die Klappe hielt? Wollte sie sie nicht eben noch zum Schweigen bringen? Und jetzt hatte sie doch ihre Ruhe, weil selbst das Schnurpsen, solange sie noch an ihrem Apfel gekaut hatte, inzwischen verstummt war.

Sima G. Sturm: Entgegen jeder Vernunft

Antonia »Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?« »Tut mir leid,...
Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder...
Doch dann prustete die plötzlich los. »Das gibt’s doch wohl nicht.« Kopfschüttelnd griff sie nach...
Antonia wischte den Gedanken beiseite und schob es auf die Langeweile, die wie eine Krankheit...
Antonia gab sich gedanklich einen Klaps auf den Hinterkopf. Geräuschvoll atmete sie aus, nachdem...
»Kaffee schmeckt nun mal nicht, wenn er kalt ist«, führte Joyce augenzwinkernd aus. »Und Sie...
Warum nur hörte sich das in Antonias Ohren nicht so unschuldig an, wie es womöglich gemeint war?...
Sie huschte ins Zimmer hinein, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich tief durchatmend gegen...
»Also dann . . . « Sie nickte Joyce kurz zu, die ihren Gruß mit einem hinreißenden Lächeln...
»War das jetzt ein Angebot?« Joyce lachte erheitert auf. »Sehr verlockend, das muss ich schon...
»Du bist also nicht nur hartnäckig, sondern auch noch ungeduldig. Da darf ich mich wohl auf...
Wäre da nicht Joyce, der ein paar Stunden ausgereicht hatten, an ihr zu rütteln, dass der Putz nur...