Antonia wischte den Gedanken beiseite und schob es auf die Langeweile, die wie eine Krankheit langsam von ihr Besitz ergriff. Ohne ihren Laptop war sie nun mal aufgeschmissen. Sie nahm ihre Handtasche auf den Schoß und holte ihr Handy heraus. Ein paar Nachrichten waren eingegangen, doch sie las sie nur mit gedämpftem Interesse. Nichts Privates, immer nur Arbeit. Sie verzog höhnisch das Gesicht. Woher beziehungsweise von wem hätten die privaten Nachrichten denn auch kommen sollen? Frustriert warf sie das Handy in die Tasche zurück.

Als Rechtsberaterin in einem globalen Versicherungsunternehmen tätig zu sein, bedeutete, dass immer irgendwer etwas von ihr wollte. Sie kannte es nicht anders. Doch jetzt war sie wirklich froh, dass sie sich dazu entschlossen hatte, die eintägige Fachkonferenz in Innsbruck mit einer Woche Skiurlaub in der Region zu verbinden. Einfach mal ein paar Tage raus aus diesem Affenzirkus.

Stirnrunzelnd beobachtete sie die aneinandergereihten Fahrzeuge auf der parallel verlaufenden Autobahn. Sie standen in einem kilometerlangen Stau. Der Zug rauschte an ihnen vorbei, und sie fing unwillkürlich an zu lächeln. Tja, wärt ihr mal lieber mit dem Zug gefahren.

Plötzlich spürte sie eine leichte Berührung an ihrer Schulter. Erschauernd zuckte sie zusammen. Aus den Augenwinkeln nahm sie einen dunklen Schatten wahr. War das nicht der schwarze Schopf ihrer Sitznachbarin? Wahrhaftig, denn die hatte sich zu ihr herübergebeugt und hing nun halb über ihrem Schoß.

Antonia riss den Kopf herum und starrte in ein grinsendes Gesicht. »Aber sonst geht’s Ihnen noch gut, oder?«, blaffte sie die Frau an.

Deren Mundwinkel zogen sich noch mehr in die Breite. »Sicher doch. Also ich kann mich nicht beklagen.« Sie nickte zum Fenster. »Definitiv ist der Zug die bessere Alternative.«

Antonia schnaubte. »Wenn man dabei nicht belästigt wird, dann vielleicht.«

Joyce Aigner lehnte sich lächelnd wieder in ihren Sitz zurück. »Sie fühlen sich also von mir belästigt?«

»Das habe ich so nicht gesagt.«

»Aber so gemeint . . .«

Das intensive Blau in den Augen, die nun abwartend auf Antonia ruhten, machte sie ganz irre. Ihre Antennen waren längst in alle Richtungen ausgefahren. Diese Frau machte sie wütend, weil sie sich ihretwegen zu unbeherrschten Reaktionen hinreißen ließ. Aber noch viel schlimmer war, dass sie anfing, dieses Wortgeplänkel mit ihr zu mögen, obwohl sie sich sehr bewusst war, dass sie dabei bislang nicht gut wegkam.

Doch es hatte einen gewissen Reiz. Und Joyce, um keine Antwort verlegen, versprühte einen Charme, dem sie sich nicht so recht entziehen konnte, ganz gleich, wie sehr sie sich dagegen auch wehrte. Doch genau das ließ die Alarmglocken bei ihr läuten.

Daher gab es nur einen Weg aus dieser Misere: Sie musste Joyce Aigner loswerden. »Sagen Sie mal, sitzen Sie eigentlich auf dem richtigen Platz?«, fragte sie mit gesenkter Stimme. »Es wäre auch interessant zu erfahren, ob Sie überhaupt eine Sitzplatzreservierung haben.«

»Wow . . .« Joyce fuhr sich mit ihrer Hand durchs Haar. »Was für eine nette Art, abserviert zu werden.« Sie wirkte erschüttert, für einen kleinen Moment zumindest. Denn ihre Miene hellte sich schnell wieder auf. Doch auf einmal stieß sie einen tiefen Seufzer aus und sagte: »Nun denn . . .«

War das jetzt ein Eingeständnis? Für Antonia hörte es sich jedenfalls so an. Nicht, dass es von Belang gewesen wäre, denn außer ihr hatte sich ja noch niemand beschwert, dass die Frau mit dem losen Mundwerk hier offenbar einen munteren Platzwechsel betrieb, je nachdem, wo für den Moment gerade frei war.

Das war ja auch nicht Antonias Problem. Deshalb hatte sie nicht gefragt. Und Joyce Aigner hatte das auch sofort erkannt. Okay, das war wahrscheinlich auch nicht schwer zu erraten.

Ein Ruck ging durch Joyce’ langen, schlanken Körper, und sie fuhr hoch, als hätte sie auf Sprungfedern gesessen. Dann trat sie auf den Gang.

Antonia riss überrascht die Augen auf. Sie gibt auf? So schnell? Eine gewisse Enttäuschung machte sich in ihr breit. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Sie hätte von der wie aus einem Mythos entsprungenen Amazone etwas mehr Kampfgeist erwartet. Aber sollte sie jetzt nicht zufrieden sein? Das war es doch, was sie wollte, diese Frau, deren Nähe sie zunehmend beunruhigte, zu vertreiben.

Joyce’ Blick huschte über den Sitzplatz auf der Gangseite, hoch zur Gepäckablage. Sicherlich hatte sie ihr Reisegepäck ebenfalls dort oben verstaut. Doch sie holte keine Tasche oder einen Koffer herunter. Sie tat nichts dergleichen. Denn nur einen Augenblick später ließ sie sich wieder geschmeidig neben Antonia nieder.

Auf Antonias verwirrten Blick hin sagte sie: »Jepp, meine Sitzplatznummer steht dran. Hab es noch mal überprüft.« Dabei griente sie übers ganze Gesicht.

Das darf doch wohl nicht wahr sein, stöhnte Antonia. Wie konnte sie auch nur eine Sekunde lang annehmen, dass eine Frau wie Joyce sich einfach so verscheuchen ließ?

»Sie schauen mich an, als wäre ich ein Geist. Bin ich aber nicht, das können Sie mir glauben.« Ihre zuckenden Mundwinkel verrieten, dass sie sich amüsierte.

Antonia rümpfte die Nase. »Das habe ich auch nicht angenommen«, erwiderte sie scharf. »Für einen Geist sind Sie . . .«, ihr Blick glitt über die großgewachsene Gestalt und blieb schließlich erneut im Gesicht hängen, »viel zu redselig.«

»Und das stört Sie?« Joyce grinste ein wenig verunsichert, wie es schien. Eine kleine Falte bildete sich auf ihrer Stirn.

»Das merkt man mir doch nicht etwa an?« Antonia hielt sich mit gespieltem Entsetzen eine Hand vor den Mund.

Wie auf Kommando lachte Joyce herzlich auf. »Sie können ja richtig witzig sein. Das gefällt mir.« Von Verunsicherung, falls es die jemals bei ihr gab, keine Spur mehr.

Es gefällt ihr? Dann mache ich irgendwas falsch. Antonia seufzte in sich hinein. In ihrem Bauch begann es angenehm zu kribbeln. Das alles fühlte sich viel zu gut an. Wie konnte das sein? Sie räusperte sich, um sich selbst aus diesem Gedankenkarussell zu befreien. »Ich schätze, für die Dauer der Zugfahrt müssen wir uns ja irgendwie arrangieren«, säuselte sie übertrieben. »Was war gleich noch mal Ihr Reiseziel?«

»Boah, jetzt winken Sie schon wieder mit einem ganzen Zaunfeld.« Die Schwarzhaarige wischte sich den imaginären Schweiß von der Stirn. »Ich glaube, ich brauche erst mal einen Kaffee. Möchten Sie auch einen?« Sie stand auf und schaute an sich hinunter. »Sehen Sie, ich habe schon Wackelpudding in den Beinen. Eine ordentliche Dosis Koffein wird es hoffentlich wieder richten.«

Antonia blickte auf Joyce endlos lange Beine. Das Kribbeln in ihrem Bauch breitete sich aus wie ein Ameisenheer, das in Schlachtreihen ausrückte, um die Termiten zu überfallen. Himmel, noch mal! Sie schluckte den Kloß, der sich in ihrem Hals bilden wollte, herunter. »Und Sie glauben wirklich, dass es nur am fehlenden Koffein liegt?« Dieses Gekrächze ist ja fürchterlich, verhöhnte sie sich selbst.

»Keine Ahnung.« Joyce zuckte schmunzelnd mit den Achseln. »Aber ich werde es herausfinden. Wie trinken Sie Ihren Kaffee? Weiß und ohne Zucker?«

»Ähm.« Mühsam löste Antonia sich von dem hypnotisch wirkenden Anblick. Eigentlich hätte sie jetzt lieber ein Glas Sekt gehabt. ALKOHOL! Wie ein Allheilmittel schwebte das Wort vor ihrem Geiste. Aber mit einer Stimme, die sich in ihren Ohren ganz fremd anhörte, antwortete sie: »Schwarz, mit Zucker.«

Joyce nickte. »Kommt sofort, Madame.«

Alles an ihr schien zu lächeln. Oder war das gar ein überdimensionales Strahlen? Jedenfalls hätte sie damit locker die Beleuchtung im ganzen Zug sicherstellen können. Oder gleich der Sonne Konkurrenz machen können.

Sima G. Sturm: Entgegen jeder Vernunft

Antonia »Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?« »Tut mir leid,...
Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder...
Doch dann prustete die plötzlich los. »Das gibt’s doch wohl nicht.« Kopfschüttelnd griff sie nach...
Antonia wischte den Gedanken beiseite und schob es auf die Langeweile, die wie eine Krankheit...
Antonia gab sich gedanklich einen Klaps auf den Hinterkopf. Geräuschvoll atmete sie aus, nachdem...
»Kaffee schmeckt nun mal nicht, wenn er kalt ist«, führte Joyce augenzwinkernd aus. »Und Sie...
Warum nur hörte sich das in Antonias Ohren nicht so unschuldig an, wie es womöglich gemeint war?...
Sie huschte ins Zimmer hinein, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich tief durchatmend gegen...
»Also dann . . . « Sie nickte Joyce kurz zu, die ihren Gruß mit einem hinreißenden Lächeln...
»War das jetzt ein Angebot?« Joyce lachte erheitert auf. »Sehr verlockend, das muss ich schon...
»Du bist also nicht nur hartnäckig, sondern auch noch ungeduldig. Da darf ich mich wohl auf...
Wäre da nicht Joyce, der ein paar Stunden ausgereicht hatten, an ihr zu rütteln, dass der Putz nur...