Antonia gab sich gedanklich einen Klaps auf den Hinterkopf. Geräuschvoll atmete sie aus, nachdem sich die langen Beine und der knackige Hintern aus ihrem Blickfeld entfernt hatten.

Allmählich musste sie sich eine andere Strategie überlegen, wenn sie die Zugfahrt überleben wollte. Abweisung und Missachtung waren immer ein probates Mittel, wenn es gefährlich wurde. Aber was machte man, wenn die Gefahr verdammt sexy aussah, ein heiteres Gemüt hatte und direkt neben einem saß? Antonia blies die Backen auf und ließ die Luft mit einem klagenden Laut entweichen.

»Voilà, Ihr Kaffee, schwarz wie die Nacht und süß wie die Sünde«, raunte Joyce mit einem verführerischen Klang in der Stimme. Lächelnd hielt sie Antonia das Getränk entgegen, als würde sie ihr einen hochdotierten Filmpreis überreichen wollen.

Antonia beäugte stirnrunzelnd das dampfende Einweggefäß in Form eines Pappbechers. Definitiv nicht oscarreif, aber die Präsentation war es durchaus. Sie zögerte, weil sie sich nicht so richtig entscheiden konnte, welche Stufe auf ihrer Vertrauenswürdigkeitsskala das Getränk einnahm.

Joyce schien wieder einmal ihre Gedanken lesen zu können. »Der Kaffee ist auch nicht vergiftet, nur heiß. Ich schwöre es«, flüsterte sie.

Antonia zog missbilligend die Augenbrauen zusammen. »Danke«, erwiderte sie knapp. Sie nahm den Becher aus dem Getränkehalter, hielt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und stellte ihn schnell auf dem kleinen Tisch ab. »Was schulde ich Ihnen?«

»Hm, lassen Sie mich mal überlegen.«

»Was gibt es denn da zu überlegen?«

Joyce verzog angestrengt das Gesicht, als hätte sie eine komplizierte Mathematikaufgabe zu lösen. Sie setzte sich und nahm erst einmal einen Schluck von ihrem Kaffee. Er war ebenfalls schwarz. Dann reichte sie Antonia ein Holzrührstäbchen und zwei Zuckersticks. »Ich wusste nicht, wie süß Sie Ihren Kaffee mögen, daher habe ich für alle Fälle noch was mitgebracht.«

»Verstehe.« Nun wieder etwas skeptischer geworden, starrte Antonia auf die dunkle, dampfende Brühe in ihrem Pappbecher. Wie viel Zucker hat sie denn da schon reingetan? fragte sie sich. Ganz vorsichtig nahm sie den Becher wieder in die Hand und nippte daran. Mmmh! Ihre Skepsis verwandelte sich in Erstaunen. »Der Kaffee schmeckt ja sogar.«

»Ist ja nicht zu fassen.« Joyce’ Stimme kletterte eine Nuance höher, was bei ihr irgendwie ulkig klang. »Ich erlebe Sie tatsächlich einmal zufrieden. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.« Hätte sie beide Hände frei gehabt, dann hätte sie sie wahrscheinlich gen Himmel gestreckt.

»Also veralbern kann ich mich auch selbst«, grummelte Antonia. Über den Becherrand hinweg schmetterte sie Joyce einen warnenden Blick zu.

Doch dafür erntete sie wieder nur ein erheitertes Lachen.

Missmutig nahm sie einen weiteren Schluck von dem Kaffee. Der aromatische Geschmack entschädigte ein wenig dafür, dass diese Joyce sie derart auf die Schippe nahm.

»Innsbruck.«

»Wie bitte?«

Joyce griente. »Meine Antwort auf Ihre Frage, was mein Reiseziel ist. Und das ist Innsbruck.«

»Na wunderbar.« Antonia stöhnte mit einem theatralischen Augenrollen auf.

»Und für den Kaffee will ich kein Geld.«

»Ach, und was wollen Sie stattdessen?« Antonia stellte vorsorglich den Kaffeebecher auf den Tisch zurück. Irgendwie ahnte sie nichts Gutes. Und sie wollte bei einer möglicherweise eintretenden Schockstarre das heiße, schwarze Getränk nicht auf ihre Hose verschütten.

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, begann Joyce.

Das klingt gar nicht gut. Antonia senkte den Kopf und atmete tief durch.

»Da Sie meine Gesellschaft vermutlich noch ein Weilchen ertragen müssen«, setzte Joyce fort, »könnten wir uns doch mit einem Frage-Antwort-Spiel die Zeit vertreiben.«

Antonias Augenbrauen schossen katapultartig in die Höhe. »Sie meinen aber nicht diesen Sag-nur-die-Wahrheit-Blödsinn?«

»Wenn schon, denn schon«, erwiderte Joyce lässig. Plötzlich stand sie auf und setzte sich Antonia gegenüber. »So können wir uns besser in die Augen schauen, ohne uns dabei zu verrenken«, erklärte sie feierlich.

Antonia blieb glatt die Spucke weg. Diese Frau war im wahrsten Sinne wie Sand im Getriebe, wie ein verborgenes Hindernis, das ihren gewohnten Lebensrhythmus störte. »Ich wüsste nicht, warum ich diesen Unsinn mitmachen sollte. Ich kenne Sie doch überhaupt nicht«, echauffierte sie sich.

Ihr gegenüber formten sich volle Lippen zu einem Schmunzeln. Und mit einem verheißungsvollen Glanz in den blauen Augen beugte Joyce sich halb über den Tisch. Ohne diese Barriere wäre sie Antonia vielleicht noch nähergekommen. »Nun, eine ehrliche Unterhaltung miteinander wäre eine wunderbare Möglichkeit, sich besser kennenzulernen. Und Sie haben von mir, einer Fremden, einen Kaffee angenommen. Ich hätte auf dem Weg hierher sonst was da reinmachen können«, betonte sie mit einem herausfordernden Augenzwinkern.

Antonia starrte Joyce entgeistert an. Ihr fehlten die Worte, und das kam äußerst selten vor. Wie ein Fisch, der an Land gezogen wurde, schnappte sie nach Luft. Ihre Finger krallten sich um den Pappbecher und drohten ihn zu zerquetschen. Und wie aufs Stichwort verspürte sie nun tatsächlich ein Unwohlsein in der Magengegend. Wilder Zorn flammte in ihr auf. Doch noch bevor er sich entladen konnte, presste sie die Lippen fest zusammen.

»Das war ein Scherz!« Joyce schüttelte lächelnd den Kopf. »Aber ist schon okay, Sie müssen nicht mit mir reden . . .« Sie winkte geradezu gönnerhaft ab und lehnte sich wieder zurück. »Schweigen kann auch sehr entspannend sein.«

»Das bezweifle ich doch sehr, dass Sie sich dabei entspannen könnten«, erwiderte Antonia bissig. Mist! Ihre Stimme war zwar zurückgekehrt, aber wieder einmal hatte sie sich von der Frau aus der Reserve locken lassen.

Warum konnte sie sie nicht einfach ignorieren? Weil sie dir gefällt, gefällt, gefällt . . . Die Worte hallten wie Paukenschläge durch ihren Kopf. »Schwachsinn«, brummelte sie.

»Wie meinen Sie?« Joyce warf ihr einen fragenden Blick zu.

Ahhh, jetzt hab ich auch noch laut gesprochen. Antonia zog es vor, nicht zu antworten. Eher hätte sie sich die Zunge abgebissen. Und was sollte sie auch sagen? Seufzend wich sie Joyce’ Blick aus und starrte in ihren Kaffeebecher. Aber diesmal rührte sie ihn nicht an.

Nach ein paar Sekunden des Schweigens räusperte Joyce sich leise. »Es tut mir leid, wenn ich Sie verschreckt haben sollte«, sagte sie dann. »Das war nicht meine Absicht. Manchmal gehen mit mir die Pferde durch.«

Der bloße Klang ihrer Stimme weckte angenehme Empfindungen in Antonia. Sie blickte auf und sah in Joyce’ betrübtes Gesicht. Sie konnte nicht anders, als darüber zu schmunzeln. Ganz kurz nur, das gestattete sie sich, bevor sie wieder ihre kühle, beherrschte Miene zur Schau stellte. »Wie kommen Sie denn darauf, dass Sie mich verschreckt haben könnten?«, fragte sie.

Joyce neigte den Kopf zur Seite und strich sich flüchtig über die Lippen. »Tja, wie komme ich da drauf?«, stellte sie sich die Frage noch einmal selbst.

Antonia war sich sicher, dass Joyce nur Zeit gewinnen wollte. War das ihre Art, Rücksicht zu nehmen, um ihre zartbesaitete Seele nicht zu verletzen? Fast hätte Antonia darüber gelacht. Die attraktive Schwarzhaarige schien ein wahres Mysterium zu sein. Und Antonia ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie gern mehr über sie erfahren wollte. Nein, Herrgott noch mal, will ich nicht!

Bevor sie sich ebenfalls zurücklehnte, setzte sie sich etwas seitlich. Dann schlug sie lasziv die Beine in ihren schicken Stiefeln übereinander. Dabei bemerkte sie sehr wohl, dass Joyce sie verstohlen beobachtete. Herausfordernd wippte sie mit der rechten Schuhspitze. »Also?«

»Na ja«, Joyce wand sich ein wenig. »Ich will ja nur nicht, dass Ihr Kaffee kalt wird.«

»Was?« Antonia glaubte, sich verhört zu haben. »Sie machen sich lediglich Sorgen um die ideale Trinktemperatur meines Kaffees?«

Sima G. Sturm: Entgegen jeder Vernunft

Antonia »Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?« »Tut mir leid,...
Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder...
Doch dann prustete die plötzlich los. »Das gibt’s doch wohl nicht.« Kopfschüttelnd griff sie nach...
Antonia wischte den Gedanken beiseite und schob es auf die Langeweile, die wie eine Krankheit...
Antonia gab sich gedanklich einen Klaps auf den Hinterkopf. Geräuschvoll atmete sie aus, nachdem...
»Kaffee schmeckt nun mal nicht, wenn er kalt ist«, führte Joyce augenzwinkernd aus. »Und Sie...
Warum nur hörte sich das in Antonias Ohren nicht so unschuldig an, wie es womöglich gemeint war?...
Sie huschte ins Zimmer hinein, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich tief durchatmend gegen...
»Also dann . . . « Sie nickte Joyce kurz zu, die ihren Gruß mit einem hinreißenden Lächeln...
»War das jetzt ein Angebot?« Joyce lachte erheitert auf. »Sehr verlockend, das muss ich schon...
»Du bist also nicht nur hartnäckig, sondern auch noch ungeduldig. Da darf ich mich wohl auf...
Wäre da nicht Joyce, der ein paar Stunden ausgereicht hatten, an ihr zu rütteln, dass der Putz nur...