»Kaffee schmeckt nun mal nicht, wenn er kalt ist«, führte Joyce augenzwinkernd aus. »Und Sie zögern, ihn zu trinken, weil Sie plötzlich Angst haben, dass er doch vergiftet sein könnte.«

»Das ist doch völliger Quatsch«, widersprach Antonia energisch. Wie zum Beweis griff sie nach dem Becher und nahm einen großen Schluck. »Zufrieden?«

»Eher beruhigt.« Joyce lächelte wieder.

Antonia schüttelte verständnislos den Kopf. »Halten Sie mich etwa für einen Feigling?«

»Oh, ganz und gar nicht«, wehrte Joyce lachend ab. »Ich denke eher, dass Sie eine mutige Frau sind, die sich im Leben zu behaupten weiß.«

Verwundert hob Antonia eine Augenbraue. »Interessant! Und was denken Sie noch so über mich?«

Joyce hüstelte scheinbar verlegen in die hohle Hand, um sich gleich darauf am Kopf zu kratzen. »Ich bin nicht sicher, ob Sie das wirklich hören wollen«, antwortete sie schließlich.

»Oh, doch. Ich bin schon sehr gespannt.« Das war Antonia wirklich. Sie wusste, wie die Leute in der Firma über sie dachten und dass sie auch unter ihren Juristen-Kollegen als knallhart, launisch und arrogant galt. Würde Joyce diese Meinung teilen, nach nicht mal einer Stunde, die sie miteinander verbracht hatten?

Doch Joyce ließ sich Zeit mit einer Antwort. Sie kippte den Rest ihres Kaffees herunter und warf den Becher in den dafür vorgesehenen Abfallbehälter. Schließlich klopfte sie sich auf ihre straffen Oberschenkel, als müsste sie sich erst noch zusätzlich motivieren. »Okay, Sie haben es nicht anders gewollt«, begann sie. »Aber beschweren Sie sich nachher nicht, sollte ich falschliegen.« Noch einmal streiften ihre blauen Augen mit einem nachdenklichen Ausdruck über Antonias Gesicht.

Antonia nickte ihr auffordernd und mit gespielter Lässigkeit zu, aber in ihr drinnen breitete sich ein mulmiges Gefühl aus. Es lag nahezu auf der Hand, dass Joyce’ Charakterstudie nicht sonderlich positiv ausfallen dürfte, nach dem bisherigen Verlauf ihrer Begegnung. Und das hatte sie ja mit ihrer Bemerkung eben schon angedeutet. Aber was sollte Joyce schon über sie, Antonia, wissen? Gar nichts wusste sie. Und wenn doch, dann konnte ihr das doch egal sein.

Seufzend versuchte Antonia, sich ein wenig zu entspannen, als sie merkte, dass sie schon einen ganz steifen Rücken hatte. An dem Sitz konnte das eigentlich nicht liegen. So unbequem war er nun auch nicht.

Joyce wartete noch einen Moment, dann sagte sie: »Ich würde sagen, dass Sie sehr intelligent, wortgewandt und erfolgsverwöhnt sind . . .« Lächelnd hielt sie kurz inne.

Könnte schlimmer sein, dachte Antonia ein wenig belustigt und erleichtert zugleich.

»Aber«, setzte Joyce fort, »Sie scheinen auch eine zynische und vom Leben enttäuschte Frau zu sein, der die Meinung ihrer Mitmenschen ziemlich gleichgültig ist. Das war aber vermutlich nicht immer so.«

Autsch! Antonia starrte Joyce mit großen Augen an. Das hat sie jetzt nicht ernsthaft gesagt? Sie kam nicht dazu, sich näher damit auseinanderzusetzen, weil Joyce bereits fortfuhr.

»Mit Ehrgeiz und absolutem Willen haben Sie beruflich wahrscheinlich fast alles erreicht. Und Sie sind es gewohnt zu bekommen, was Sie wollen. Aber was Ihr Privatleben betrifft . . .« Joyce machte eine betonte Pause. »Da sieht es wohl eher trostlos aus. Und deswegen sind Sie auch nicht glücklich.«

Das war eindeutig zu viel für Antonia. Sie riss den Mund auf, weil sie plötzlich das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Wie kam diese Frau dazu, sich eine Meinung über ihr Privatleben zu bilden? Und was heißt denn hier überhaupt eine vom Leben enttäuschte Frau?

»Was wissen Sie denn schon?«, plauzte es aus ihr heraus.

Joyce hob besänftigend die Hände. »Ich hatte Sie gewarnt. Und ich habe auch nicht behauptet, dass ich etwas über Sie weiß. Aber Sie wollten hören, was ich über Sie denke.«

Antonia sank immer mehr in sich zusammen. Ja, sie war wütend, schrecklich wütend sogar. Aber das Schlimmste war, dass Joyce mit ihrer Einschätzung ziemlich richtig lag. Wenn man mal davon absah, dass ihr Joyce’ Meinung gerade ganz und gar nicht gleichgültig war. Aber das war seit Jahren tatsächlich eher eine Ausnahme. Wie war es also möglich, dass Joyce den Finger derart zielsicher in die Wunde legen konnte?

Entnervt winkte sie ab. »Ja, schon gut. Ich schätze mal, ich habe es nicht anders verdient.«

»Das würde ich so nicht sagen«, widersprach Joyce leise. »Sie haben etwas viel Besseres verdient.«

»Tatsächlich?« Antonia musterte Joyce argwöhnisch.

»Ja.« Joyce nickte voller Überzeugung. »Sie haben es verdient, geliebt zu werden.«

Antonia hatte das Gefühl, als wäre sie fälschlicherweise in einer Wäscheschleuder gelandet. Joyce war ihr ein absolutes Rätsel, denn die fiel von einem Extrem ins andere.

»Wohl kaum«, murmelte sie. Und das meinte Antonia genauso, wie sie es gesagt hatte. Sie war gewiss keine liebenswerte Frau, und es war ihr schleierhaft, warum Joyce der Meinung war, sie hätte es verdient, geliebt zu werden.

Plötzlich durchfuhr ein Ruck Antonias Glieder und sie straffte ihren Rücken. »Was sind Sie? Sind Sie so eine Psycho-Tante, die verlorenen Seelen den Weg zurück ins Leben erleichtern will?«

Joyce lachte sichtlich überrascht auf. »Oh, nein, nichts dergleichen. Ich beobachte einfach nur gern Menschen und ihr Verhalten. Das ist sozusagen ein Hobby von mir.«

»Und das betrifft vor allem alleinreisende Frauen, meinen Sie?«

Mit einem verschmitzten Lächeln schüttelte Joyce den Kopf. »Ich würde das nicht nur darauf reduzieren. Aber ich gebe zu, dass ich Sie für eine sehr interessante Frau halte.«

Wow. War das jetzt ein Kompliment? Antonia räusperte sich. »Haben Sie noch irgendwelche anderen Hobbys, von denen ich wissen sollte?« Sie gestikulierte unbestimmt mit einer Hand in die Luft. »Nur für den Fall, dass ich mich wappnen und meine gepanzerte Rüstung anlegen sollte. Denn Briefmarkensammeln wird wohl eher nicht dazu zählen, wenn ich mich nicht irre.«

Joyce’ Mundwinkel zuckten leicht. »Sie haben Ihre Rüstung doch noch gar nicht abgelegt, Antonia. Aber Ihr Humor ist zurückgekehrt. Das finde ich sehr schön«, fügte sie mit weicher Stimme hinzu.

Antonia schluckte. Es war das erste Mal, dass Joyce sie direkt beim Vornamen angesprochen hatte. »Sie haben meine Frage nicht beantwortet«, schimpfte sie, allerdings nur halbherzig. Denn noch immer spukten ihr Joyce’ Worte im Kopf herum.

»Ach, da gibt es so einiges«, antwortete Joyce schmunzelnd. »Aktive Bewegung steht bei mir ganz oben auf der Liste.«

»Kann ich mir vorstellen«, rutschte es unbewusst aus Antonia heraus. Ihr Blick wanderte über Joyce’ Oberschenkel, die vermutlich hart wie Stahl waren, und glitt weiter über den flachen Bauch. Da war keine Wölbung zu sehen, nicht mal eine kleine Speckfalte. Und dabei saß Joyce und trug ein enganliegendes Longshirt. Fast hätte Antonia laut geseufzt.

Sie biss sich leicht auf die Unterlippe und setzte ihre optische Reise über die muskulösen Arme nach oben fort, bis sie von leuchtend blauen Augen eingefangen wurde. Ups!

Für einen kurzen Moment sahen sie sich nur schweigend an. Doch dabei blieb es nicht. Ihre Blicke versanken ineinander, tiefer und immer tiefer. Sehnsucht und Erregung schossen wie ein Vulkanausbruch in Antonia hoch. Gar nicht gut!

Etwas zu hastig senkte sie wieder den Blick und betrachtete ihre perfekt manikürten Fingernägel. »Also sind Sie eine Sportskanone?«, fragte sie mit leicht krächzender Stimme. Es sollte beiläufig klingen, so als würde sie die Antwort nicht wirklich interessieren. Doch im Stillen verfluchte sie sich bereits für all diese verräterischen Anzeichen, die sie aussandte und nicht zu kaschieren vermochte.

Joyce antwortete nicht gleich, und Antonia spürte ihre Blicke auf sich ruhen. Doch schließlich sagte sie: »Ich treibe gern Sport, das stimmt. Aber das Leben besteht ja nicht nur daraus. Es gibt noch andere Sachen, die mir Vergnügen bereiten.«

Sima G. Sturm: Entgegen jeder Vernunft

Antonia »Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?« »Tut mir leid,...
Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder...
Doch dann prustete die plötzlich los. »Das gibt’s doch wohl nicht.« Kopfschüttelnd griff sie nach...
Antonia wischte den Gedanken beiseite und schob es auf die Langeweile, die wie eine Krankheit...
Antonia gab sich gedanklich einen Klaps auf den Hinterkopf. Geräuschvoll atmete sie aus, nachdem...
»Kaffee schmeckt nun mal nicht, wenn er kalt ist«, führte Joyce augenzwinkernd aus. »Und Sie...
Warum nur hörte sich das in Antonias Ohren nicht so unschuldig an, wie es womöglich gemeint war?...
Sie huschte ins Zimmer hinein, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich tief durchatmend gegen...
»Also dann . . . « Sie nickte Joyce kurz zu, die ihren Gruß mit einem hinreißenden Lächeln...
»War das jetzt ein Angebot?« Joyce lachte erheitert auf. »Sehr verlockend, das muss ich schon...
»Du bist also nicht nur hartnäckig, sondern auch noch ungeduldig. Da darf ich mich wohl auf...
Wäre da nicht Joyce, der ein paar Stunden ausgereicht hatten, an ihr zu rütteln, dass der Putz nur...