Warum nur hörte sich das in Antonias Ohren nicht so unschuldig an, wie es womöglich gemeint war? Sie hob den Kopf und versuchte, in Joyce’ Gesicht zu lesen, um sich davon zu überzeugen, dass die Einbildung ihr nur einen Streich spielte. Doch sie konnte nichts erkennen, weil Joyce keine Regung zeigte. Nicht mal ein für sie schon typisch amüsiertes Lächeln lag auf ihren Lippen.

Die plötzliche Lautsprecherdurchsage, die den nächsten Halt in Kufstein ankündigte, riss sie abrupt aus ihren Gedanken. Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass der Zug bereits die österreichische Grenze passiert hatte. Diese Joyce hatte sie in ihren Bann gezogen, einfach so, mit ihrer unbeschwerten Art und der schon schmerzhaft guten Laune.

Antonia atmete tief durch. Jetzt würde es ja ohnehin nicht mehr lange dauern. Denn auch, wenn sie dasselbe Reiseziel hatten, am Bahnhof in Innsbruck würden sich unweigerlich ihre Wege trennen. Gut so, redete sie sich trotzig ein, als sich ein Hauch Traurigkeit bei ihr einnisten wollte. Das war so was von lästig.

Der Zug hielt und Joyce, die sich jetzt schon minutenlang zurückgehalten hatte, fragte: »Fahren Sie Ski?«

Antonia wandte sich ihr regelrecht erschrocken zu. »Ja, schon«, murmelte sie. »Aber ich habe auch beruflich in Innsbruck zu tun.«

»Sie verbinden also Arbeit mit Vergnügen. Das machen Sie richtig.« Joyce schenkte ihr ein weiches, fast schon zurückhaltendes Lächeln. Wie ungewöhnlich.

»Hm.« Antonia nickte. »Und Sie?«

Joyce setzte gerade zu einer Antwort an, als sie von drei älteren Damen, die mit ihren kleinen Rollkoffern den Gang vor ihrer Sitzgruppe belagerten, unterbrochen wurden.

»Entschuldigen Sie bitte«, ergriff eine der Damen das Wort. »Wir haben die Plätze achtundsechzig, siebzig und einundsiebzig reserviert, und das wäre hier.«

»Na, so was«, erwiderte Joyce sichtlich irritiert.

Antonia ertappte sich dabei, dass ihr Mund sich zu einem spöttischen Grinsen verzog. War doch sonnenklar, dass Joyce gar keine Sitzplatzreservierung hatte. Das hatte sie ja von Anfang an vermutet. Genüsslich lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück, verschränkte die Arme vor der Brust, während das Dauergrinsen nicht aus ihrem Gesicht weichen wollte.

»Sind Sie sich sicher?« Joyce stand auf und zog ein gefaltetes Blatt Papier aus ihrer Gesäßtasche.

»Ja, ganz gewiss«, antwortete die Frau, die gerade gesprochen hatte.

»Komisch.« Joyce runzelte die Stirn. »Dann muss wohl eine Doppelreservierung vorliegen. Ich habe nämlich auch den Platz Nummer achtundsechzig.«

Antonia zog eine Augenbraue hoch. Pokerte Joyce jetzt etwa? Sie würde einer alten Dame doch wohl den Sitzplatz nicht streitig machen wollen?

»Kann ich Ihnen helfen, meine Damen?« Ein Zugbegleiter war unbemerkt an die Frauen herangetreten.

»Die Reservierung für die Achtundsechzig wurde zweimal vergeben«, schimpfte die kleinere und dem Anschein nach älteste der drei Damen ein wenig ungehalten.

Antonia konnte sie nur zu gut verstehen. Typisch Deutsche Bahn!

»Darf ich Ihre Reservierungen mal sehen? Das klärt sich bestimmt gleich auf«, meinte der Zugbegleiter gutmütig.

Alle Frauen, einschließlich Joyce, reichten ihm ihre Reservierungsbestätigungen. Mit einer Seelenruhe ging er die Papiere durch. Antonia rollte verständnislos die Augen. Wäre sie davon betroffen, dann wäre sie jetzt schon wieder an die Decke gegangen.

»Ähm, Frau Aigner?« Der Zugbegleiter schaute auf, und Joyce hob brav die Hand.

»Das bin ich.«

Der Zugbegleiter fing an zu schmunzeln. »Also, es ist richtig, dass Sie ebenfalls die Nummer achtundsechzig reserviert haben. Aber Ihr Sitzplatz ist vorn in der ersten Klasse. Und das hier ist die zweite Klasse.«

Hätte Antonia nicht gesessen, dann wäre sie jetzt auf der Stelle umgefallen. Was? Das ist doch wohl ein Scherz!

»Ach, ich Dummerchen«, entschuldigte Joyce sich mit einem verschmitzten Lächeln. »Der Unterschied ist mir gar nicht aufgefallen«, lobhudelte sie zu Antonias Entsetzen auch noch.

Galant machte sie den drei älteren Damen Platz. »Bitte sehr, und entschuldigen Sie bitte das Missverständnis. Soll ich Ihnen mit den Koffern helfen?«

»Danke«, kam es synchron aus den Mündern der drei Frauen, die ebenfalls ein wenig überrascht schienen.

Ruckzuck hievte Joyce erst ihre Reisetasche herunter, um dann gemeinsam mit dem Zugbegleiter die drei anderen Koffer in der Gepäckablage zu verstauen.

Fast schien es, als wollte sie gehen, ohne sich von Antonia zu verabschieden. Doch dann drehte sie sich zu ihr um und sah ihr noch einmal tief in die Augen.

Antonia fühlte sich wie in einem Strudel gefangen. Sämtliche Emotionen schienen auf einmal über sie hereinzubrechen. Mit offenem Mund starrte sie Joyce an.

»Ich wünsche Ihnen noch eine angenehme Reise, Antonia. Und vielen Dank für die nette Unterhaltung. Hat doch noch ganz gut funktioniert mit dem Frage-Antwort-Spiel, nicht wahr?« Sie zwinkerte ihr verschmitzt zu, doch Antonia brachte kein einziges Wort mehr hervor.

Sonntag, 30. Januar
Im Hotel

»Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt, Frau Reitmeyer.« Die Empfangsdame des schicken Tagungshotels, das nur wenige Schritte vom historischen Zentrum der Stadt Innsbruck entfernt war, überreichte ihr freundlich lächelnd die Schlüsselkarte für ihr Zimmer. »Sollten Sie noch Fragen haben oder irgendwelche Probleme auftreten, dann sind wir selbstverständlich für Sie da. Wir werden uns dann darum kümmern.«

»Vielen Dank!« Antonia rang sich zu einem leichten Lächeln durch. Probleme jedweder Art konnte sie ganz gewiss nicht gebrauchen, denn sie fühlte sich ziemlich erschöpft. Sie wollte jetzt nur auf ihr Zimmer und sich ein wenig ausruhen. Die Konferenz fand erst morgen statt, also hatte sie noch genügend Zeit, um die Seele baumeln zu lassen.

Mit ihrem Rollkoffer im Schlepptau schritt sie durch das Foyer und betrat den geräumigen Lift.

Normalerweise mochte sie bodentiefe Spiegel. Schon als kleines Mädchen hatte sie sich gern darin betrachtet und dabei getanzt und sich gedreht, während ihr Röckchen oder das Kleidchen flatterte. Heute trug sie freilich weder das eine noch das andere. Und in einem öffentlichen Aufzug würde sie mit Sicherheit auch nicht mehr vor dem Spiegel tanzen.

Dennoch waren große Spiegel einfach mal Gold wert, denn sie, Antonia, legte immer sehr viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild. Und meistens war sie zufrieden mit dem, was sie sah.

Doch als sie jetzt einen Blick hineinwarf, erschrak sie regelrecht. Das künstliche Fahrstuhllicht tat sein Übriges. Unter ihren grüngesprenkelten Augen traten dunkle Schatten hervor. Ihre langen, kastanienbraunen Haare hatten sich vereinzelt aus dem Zopf gelöst. Ihre Kleidung war zerknittert, und ihr Mantel hatte das Zugabenteuer nicht unbeschadet überstanden und wies diverse Flecken auf.

»Verdammt noch mal!« Antonia stöhnte genervt auf. Demonstrativ wandte sie dem Spiegel den Rücken zu.

Der Aufzug hielt in der dritten Etage und mit einem Ping öffneten sich die Türen.

Hastig verließ Antonia den Lift und eilte durch den Flur, von der Angst getrieben, auch nur einem weiteren Hotelgast zu begegnen, der sie dann in ihrem verwahrlosten Zustand sehen könnte. Es war schließlich gut möglich, dass sie demjenigen dann morgen auf der Konferenz wiederbegegnete. Und was machte das denn für einen Eindruck? Als wäre sie geradewegs aus der Gosse gekommen.

Später, nachdem sie sich ein wenig ausgeruht hatte, würde sie auf jeden Fall dem Wellness- und Spa-Bereich des Hotels einen Besuch abstatten. Vielleicht konnte sie ihren Augenringen bis morgen Abhilfe schaffen, ohne sich eine dicke Schicht Make-up ins Gesicht schmieren zu müssen.

Göttin sei Dank! Ein Seufzer der Erleichterung rutschte ihr über die Lippen, als sich ihre Zimmertür anstandslos öffnen ließ. Mit Keycards hatte Antonia auch schon andere Erfahrungen gemacht. Und das hätte ihr jetzt gerade noch gefehlt.

Sima G. Sturm: Entgegen jeder Vernunft

Antonia »Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?« »Tut mir leid,...
Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder...
Doch dann prustete die plötzlich los. »Das gibt’s doch wohl nicht.« Kopfschüttelnd griff sie nach...
Antonia wischte den Gedanken beiseite und schob es auf die Langeweile, die wie eine Krankheit...
Antonia gab sich gedanklich einen Klaps auf den Hinterkopf. Geräuschvoll atmete sie aus, nachdem...
»Kaffee schmeckt nun mal nicht, wenn er kalt ist«, führte Joyce augenzwinkernd aus. »Und Sie...
Warum nur hörte sich das in Antonias Ohren nicht so unschuldig an, wie es womöglich gemeint war?...
Sie huschte ins Zimmer hinein, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich tief durchatmend gegen...
»Also dann . . . « Sie nickte Joyce kurz zu, die ihren Gruß mit einem hinreißenden Lächeln...
»War das jetzt ein Angebot?« Joyce lachte erheitert auf. »Sehr verlockend, das muss ich schon...
»Du bist also nicht nur hartnäckig, sondern auch noch ungeduldig. Da darf ich mich wohl auf...
Wäre da nicht Joyce, der ein paar Stunden ausgereicht hatten, an ihr zu rütteln, dass der Putz nur...