»Also dann . . .« Sie nickte Joyce kurz zu, die ihren Gruß mit einem hinreißenden Lächeln erwiderte.

Meine Güte, vielleicht sollte ich direkt ins Kaltwasserbecken springen. Antonia stöhnte innerlich und verließ nahezu fluchtartig die Saunakabine.

Sonntag, 30. Januar
Joyce

Mit nachdenklicher Miene blickte Joyce aus dem Fenster ihres Hotelzimmers. Die Berge schirmten das Licht der untergehenden Sonne ab und tauchten das Tal schlagartig in den Schatten. Es war ein friedliches Bild, das sich ihr offenbarte, und sie genoss den Augenblick der Ruhe.

Gerade eben hatte sie noch mit ihrem Auftraggeber telefoniert, doch das war ziemlich unnötig von ihm, sie zum jetzigen Zeitpunkt noch mal anzurufen. Bereits im Vorfeld hatten sie alles besprochen, und mit seinen spärlichen Informationen wäre sie sowieso nicht sehr weit gekommen.

Nun zumindest hatte sie durch ihn erfahren, dass ihre Zielperson in Innsbruck, hier in diesem Hotel, weilte. Sie würde den Auftrag ausführen, auch wenn sie sich nicht viel davon versprach. Denn ihre Zielperson war ein Profi auf ihrem Gebiet. Sie machte keine Fehler, jedenfalls keine, die sich einfach so finden ließen.

Diese Erfahrung hatte Joyce schon vor fast drei Jahren gemacht, als sie es zum ersten Mal mit ihr zu tun bekommen hatte. Doch damals war sie relativ unvorbereitet gewesen, und ihr Vorhaben war bereits zum Scheitern verurteilt gewesen, noch bevor es richtig angefangen hatte.

Also musste Joyce diesmal tiefer graben und unkonventionelle Wege gehen. Denn der Weg war das Ziel. Doch dafür musste sie fokussiert bleiben und sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Sie durfte sich nicht zu sehr von anderen Dingen ablenken lassen. Was gar nicht so einfach war, angesichts einer kratzbürstigen, aber sehr schönen und verführerischen Frau namens Antonia Reitmeyer. Und dann vorhin in der Sauna, wie sie sich redlich bemüht hatte, ihre sexuelle Erregung zu verbergen. Das hatte Joyce’ Blut erst recht in Wallung gebracht. Bereits im Zug hatte sie diese Anziehungskraft gespürt. Aber nun nach dieser zweiten Begegnung hatte sie so ihre Zweifel, ob sie der Versuchung würde widerstehen können.

Seufzend wandte Joyce sich vom Fenster ab. Sie stellte ihre schwarze Reisetasche auf das Bett und fuhr mit dem Zeigefinger über die nahezu unsichtbare, kaum fühlbare Erhebung am rechten Bodenrand. Mit einer Pinzette löste sie an der oberen Ecke vorsichtig den farbgetreuen Spezialklebestreifen und zog ihn langsam ab.

Zum Vorschein kam ein dünner, ebenfalls schwarzer Reißverschluss, der unauffällig in den Bodenrand eingearbeitet war. Sie öffnete ihn und glitt mit der flachen Hand behutsam unter die kunstlederummantelte Hartpappe. Anschließend zog sie aus dem niedrigen Bodenfach, das mit einer Schaumstoffschicht geschützt war, ihre Ausrüstung hervor.

Ihre erste Aufgabe bestand darin, die Schlüsselkarte ihrer Zielperson zu klonen. Das erforderliche Equipment und die Software dafür hatte sie ganz legal über das Internet erworben. Wie sie inzwischen wusste, waren in vielen Hotels weltweit die mit Chips ausgestatteten Plastikkarten vom Sicherheitsstandard her immer noch ein Witz. Unter Umständen reichte für den Datenaustausch bereits ein NFC-fähiges Smartphone.

Sie selbst benutzte ein spezielles Gerät mit zwei Antennen, Micro-USB-Anschluss und optionalem Akku-Steckplatz. Mit diesem kleinen Gerät in Kreditkartengröße, das RFID-Sender blitzschnell klonen konnte, ließen Karten sich je nach Schließsystem ganz einfach kopieren. Dafür musste sie nur für eine kurze Zeit nah genug an ihre Zielperson herankommen, wenn diese die Schlüsselkarte bei sich hatte. In einem Hotel sollte das kein Problem sein. Joyce nickte zufrieden.

Das, was sie fürs Erste benötigte, behielt sie bei sich. Den Rest ihrer Ausrüstung legte sie zurück in das geheime Fach. Danach verschloss sie den Boden wieder fein säuberlich. Die vermeintlich leere Tasche ließ sie geöffnet und stellte sie neben dem Schrank ab.

Ihre Klamotten hatte sie bereits vor ihrem Saunagang ausgepackt. Ein gewöhnlicher Einbrecher würde nur einen flüchtigen Blick in die unscheinbare Tasche werfen und sich dann schnurstracks zum Zimmersafe begeben, der zumeist im Kleiderschrank zu finden war.

Noch immer glaubte ein Großteil der Leute, das wäre der sicherste Ort in einem Hotel, um seine Wertsachen aufzubewahren. Dabei kursierten schon längst Videos im Internet, die zeigten, dass man einen Hotelsafe sogar mit einer gewöhnlichen Kartoffel öffnen konnte.

Außerdem sparte es dem Einbrecher Zeit, wenn er sich nur auf den Safe konzentrieren musste. Die wenigsten würden das Risiko eingehen, entdeckt zu werden, indem sie erst mal in aller Seelenruhe das ganze Hotelzimmer nach versteckten Wertsachen absuchten.

Joyce schlüpfte in einen tiefblauen Blazer und zog das Revers zurecht. In Kombination mit einem weißen Poloshirt und Bluejeans war sie leger und doch angemessen für das Hotel gekleidet.

Das Mini-Equipment steckte sie in die Innentasche ihres Blazers. Vor dem Spiegel kontrollierte sie noch einmal, ob alles perfekt saß. Noch ein letzter prüfender Blick, dann verließ sie ihr Zimmer.

Sonntag, 30. Januar
Hotelbar

Antonia saß in der Lobby-Bar und genehmigte sich zum Ausklang des Abends ein Glas Rotwein. Eigentlich fühlte sie sich jetzt noch abgespannter als bei ihrer Ankunft vor ein paar Stunden. Da hatte selbst die Massage nichts mehr retten können.

Vorhin im Restaurant hatte Antonia dann nur eine Kleinigkeit in Form von Obst und Gemüse zu sich genommen, da ihr die Tiroler Spezialitäten einfach zu kalorienhaltig waren. Schweres Essen schlug ihr außerdem schnell auf den Magen. Und dann immer dieser Speck an jedem zweiten Gericht. Sie verzog säuerlich die Mundwinkel.

Beim Abendessen hatte sie Joyce nicht noch mal gesehen. Wahrscheinlich, um sich selbst zu beruhigen, hatte sie sich dennoch mehrmals verstohlen umgeschaut.

Noch immer konnte sie es nicht fassen, dass Joyce im selben Hotel abgestiegen war. So klein war Innsbruck doch nun wirklich nicht, und es gab eine Menge Hotels hier in der Umgebung.

Und zur Krönung war Joyce dann auch noch zu der Zeit in die Sauna gekommen, als sie dort war. Das konnte doch alles gar kein Zufall mehr sein. Stellte Joyce ihr etwa nach? Antonia schüttelte grinsend den Kopf. Das war doch absurd. Und selbst wenn es so wäre, bei einer Frau wie Joyce hätte sie vermutlich gar nichts dagegen, dass die ihr nachstellte.

Der letzte Gedanke erschreckte Antonia so sehr, dass sie sich glatt am Wein verschluckte und hustend ins Glas prustete. Prompt landeten ein paar Rotweinspritzer auf ihrer pastellfarbenen Bluse, die sie vorhin erst frisch angezogen hatte. »Verflixt noch mal!«, fluchte sie leise.

Was war denn heute nur los mit ihr? Missmutig stellte sie das Glas auf den Tresen. Der Barkeeper blickte besorgt zu ihr herüber.

Sie zwang sich zu einem Lächeln und winkte ab. »Hab mich nur verschluckt«, krächzte sie.

Er nickte verstehend und widmete sich wieder dem Cocktail, den er gerade für einen Gast zubereitete.

»Solche Flecken bekommen Sie am besten mit Salz oder Zitronensaft wieder heraus.«

Zum Glück hielt Antonia ihr Weinglas noch nicht wieder in der Hand, sonst hätte sich jetzt vermutlich der gesamte Inhalt über ihre Bluse ergossen. Joyce! Immer noch verärgert drehte sie sich auf ihrem Barhocker herum.

»Ist das jetzt ein Hausfrauentipp oder arbeiten Sie in der Wäscherei?«

»Erstere . . .« Joyce grinste. »Obwohl ich mich nicht gerade als geborene Hausfrau bezeichnen würde.«

»Das hätte ich mir auch nur sehr schwer vorstellen können«, erwiderte Antonia zynisch.

Joyce behielt ihr Sonnenscheinlächeln ungerührt bei. »Der Barkeeper kann uns sicherlich was geben.«

»Uns?« Antonia zog übertrieben eine Augenbraue in die Höhe. »Wollen Sie mir vielleicht die Flecken aus der Bluse waschen, gleich oben bei mir auf dem Zimmer?« Es war ihr klar, dass ihre Worte vor Sarkasmus trieften. Aber bei Joyce hatte sie zunehmend das Gefühl, sich ihr gegenüber nicht anders behaupten zu können.

Sima G. Sturm: Entgegen jeder Vernunft

Antonia »Was soll das heißen, Sie haben keinen Platz mehr in der First Class frei?« »Tut mir leid,...
Antonia schnappte empört nach Luft. »Na hören Sie mal. Erstens ist das beige und nicht weiß. Oder...
Doch dann prustete die plötzlich los. »Das gibt’s doch wohl nicht.« Kopfschüttelnd griff sie nach...
Antonia wischte den Gedanken beiseite und schob es auf die Langeweile, die wie eine Krankheit...
Antonia gab sich gedanklich einen Klaps auf den Hinterkopf. Geräuschvoll atmete sie aus, nachdem...
»Kaffee schmeckt nun mal nicht, wenn er kalt ist«, führte Joyce augenzwinkernd aus. »Und Sie...
Warum nur hörte sich das in Antonias Ohren nicht so unschuldig an, wie es womöglich gemeint war?...
Sie huschte ins Zimmer hinein, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich tief durchatmend gegen...
»Also dann . . . « Sie nickte Joyce kurz zu, die ihren Gruß mit einem hinreißenden Lächeln...
»War das jetzt ein Angebot?« Joyce lachte erheitert auf. »Sehr verlockend, das muss ich schon...
»Du bist also nicht nur hartnäckig, sondern auch noch ungeduldig. Da darf ich mich wohl auf...
Wäre da nicht Joyce, der ein paar Stunden ausgereicht hatten, an ihr zu rütteln, dass der Putz nur...