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Meine Güte. Sieht die gut aus. Amity betrachtete die Frau in der Fliegerjacke, die gerade die Hotelbar betreten hatte, interessiert.

Die schien sie aber gar nicht zu bemerken, sondern steuerte gleich den Barkeeper an und bestellte ein Shady Oak Blonde Ale.

Das überraschte Amity. Sie hätte die Fliegerjacke eher auf Whisky geschätzt als auf Bier. Aber ehrlich gesagt machte das die Frau noch interessanter, denn sie war in dieser Hinsicht schon einmal außergewöhnlich. Vielleicht auch in anderer.

Aber sich so einfach neben sie setzen und sie ansprechen? Das war nicht so ganz Amitys Stil. Doch würde diese Frau sie je bemerken, wenn sie es nicht tat?

Während sie noch so überlegte, was sie tun sollte, betrat auf einmal eine ganze Gruppe die Bar, die im Stil eines Saloons gehalten war.

»Hey Amity! Was machst du denn hier?« Ein Mann löste sich aus der Gruppe und kam auf sie zu. »Dich sieht man ja fast nie in der Stadt.« Er beugte sich zu ihr über den Tisch. »Konntest du dich endlich mal von deiner Ranch da draußen losreißen?«

Etwas zweifelnd blickte Amity auf die Dokumente, die vor ihr auf dem Tisch lagen. »Es ist nicht meine Ranch, Roy. Ich verwalte sie nur.«

Er nickte und tippte auf die Blätter. »Und deine Arbeit hast du mitgebracht?«

»Nicht direkt«, sagte sie.

»Dann komm mit an die Bar!« Er richtete sich auf und winkte ihr mit einer ausladenden Geste einladend zu. »Wenn du nicht arbeitest, kannst du auch trinken.«

Sie verzog das Gesicht. »Da hast du wahrscheinlich recht«, sagte sie. »Schließlich weiß ich noch nicht einmal, ob ich noch lange Arbeit haben werde.« Sie stand auf.

Fragend hob Roy die Augenbrauen. »Wieso? Eine bessere Ranch-Verwalterin als dich werden sie niemals finden.«

Ein wenig seufzend holte Amity Luft. »Wenn die Ranch verkauft wird, ist sie vielleicht keine Ranch mehr, die eine Verwalterin wie mich braucht.«

»Was erzählst du denn da für einen Blödsinn?« Mittlerweile waren sie an der Bar angekommen. »Richtig was trinken oder Root Beer?«, fragte er sie, während er dem Barkeeper winkte.

»Fangen wir mal mit Root Beer an«, schlug sie schmunzelnd vor. »Ich habe noch eine Besprechung hier im Hotel. Da ist es nicht so gut, wenn ich nach Whisky rieche.«

»Besprechung?«, fragte er. Dem Barkeeper rief er zu: »Root Beer und einen Zweistöckigen, Bill!«

Der nickte und machte sich daran, die Getränke einzugießen.

»Mit dem neuen Besitzer der Ranch«, erklärte Amity. »Dem . . . Erben.« Ihre Mundwinkel fielen nach unten. »Ist wohl nicht aus Texas. Hat keine Ahnung von einer Ranch. Will verkaufen.«

»Dann kauf du sie doch«, schlug Roy lässig vor, während er sein Whiskyglas vom Barkeeper entgegennahm und ihr zuprostete. »Du verstehst schließlich eine Menge davon.«

»Und womit sollte ich sie kaufen?«, fragte Amity. Sie nippte an ihrem Root Beer und stellte das Glas dann wieder auf der Theke ab. »Das ist eine große Ranch. Die verkauft er mir sicher nicht für ein Butterbrot.«

»Kannst ihn ja mal fragen.« Wie immer wirkte Roy ganz zuversichtlich.

Probleme kannte er nicht. Nur Lösungen. Und wenn es keine Lösung gab, ignorierte er das Problem einfach so lange, bis es sich von selbst auflöste. Er hatte viel Geduld und keinerlei Eile, was das betraf. Manchmal beneidete Amity ihn um seine entspannte Haltung.

»Du lebst irgendwo auf Wolke sieben, Roy.« Sie lachte. »Die Realität hier unten auf der Erde sieht leider etwas anders aus.«

»Muss ja ein ziemlicher Arsch sein, wenn er das nicht macht«, bemerkte Roy, indem er sein Whiskyglas halb leerte. »Ist doch schließlich mehr deine Ranch als seine.«

Skeptisch hob Amity die Augenbrauen. »Auf der Besitzurkunde steht was anderes. Zwar hat schon mein Vater die Ranch verwaltet, und ich bin dort geboren und aufgewachsen, aber wen interessiert das? Gehört hat sie immer jemand anderem.«

»Hey Roy!« Die Gruppe Rancharbeiter, mit der Roy hereingekommen war, wurde ungeduldig. »Spielst du nicht mit?«

Einer aus der Gruppe hob Pokerkarten in die Luft. »Sonst fangen wir ohne dich an.«

»Okay, okay. Ich komm ja schon.« Entschuldigend sah Roy Amity an. »Zeig dem Schnösel aus der Stadt, wo die Harke hängt«, verabschiedete er sich von ihr. »Das kann doch nicht sein, dass er dir die Ranch wegnimmt.«

Stirnrunzelnd schaute Amity ihm nach, als er sich nun zu seinen Kumpels am Tisch begab, die schon die Karten verteilten. Sie lehnte sich gegen die Bar und legte ihre beiden Hände um das große Root-Beer-Glas.

»Trinken Sie immer nur Root Beer?«, fragte da eine dunkle Stimme aus einiger Entfernung neben ihr. »Oder auch mal was anderes?« Die Frau in der Fliegerjacke, die ein paar Plätze weiter an der Bar stand, hob ihr Bierglas in Amitys Richtung an. »Zum Beispiel richtiges Bier?«

Wie sie das geschafft hatte, konnte Amity sich gar nicht vorstellen, aber sie hatte diese Frau tatsächlich für einen kurzen Augenblick vergessen. Nun kehrte die Erinnerung an ihren Anblick jedoch umso stärker zurück, sodass Amity sich mit Gewalt daran hindern musste, sich zu ihr umzudrehen. Für so etwas hatte sie jetzt überhaupt keine Zeit! Sie musste sich auf andere Dinge konzentrieren.

»Schöner Name, Amity.« So leicht ließ die andere sich aber nicht das Bier aus dem Glas nehmen. Sie kam langsam zu Amity herüber und stellte sich dann direkt neben sie an die Bar.

»Hab ich seit meiner Geburt«, erwiderte Amity etwas ablehnend. »Nichts Besonderes.«

Sie fand diese äußerst banale Anmache nicht sehr antörnend. Vielleicht hatte sie sich doch in der Frau getäuscht. Sie war nicht anders als die anderen. So eine Anmache war jedenfalls absolut nicht außergewöhnlich.

»McCrea«, sagte die Fliegerjacke.

Irritiert schaute Amity sie an. »Sie kommen aus McCrea?« Dass sie ihr einfach so den Namen einer Stadt in Texas hinwarf, fand sie jetzt auch nicht unbedingt originell.

Die andere nickte. »Das auch. Wie meine Eltern. Weshalb sie mir wahrscheinlich diesen Namen gegeben haben. Weil sie auch so heißen.«

»Das ist also Ihr Nachname?«, fragte Amity.

Die andere lachte leicht. »Und mein Vorname. Vorname und Nachname. McCrea McCrea aus McCrea.«

»Ist das ein Witz?« Erstaunt blickte Amity sie nun doch an.

Und sofort trafen sie durchdringend helle Augen.

Schmunzelnd schüttelte McCrea den Kopf. »Kein Witz. Obwohl ich schon oft deshalb ausgelacht worden bin. Besonders als Kind.« Sie nahm einen Schluck Bier. »Jetzt traut sich das natürlich keiner mehr so leicht.«

Das konnte Amity sich vorstellen. McCrea McCrea aus McCrea war zwar nicht viel größer als sie selbst, aber sie wirkte in der Fliegerjacke ziemlich breitschultrig.

»Sie sind aber nicht in McCrea aufgewachsen, oder?«, fragte sie. »Sie haben gar keinen texanischen Akzent.«

»Schuldig, Euer Ehren.« Wie zum Schwur hob McCrea eine Hand. »Ich musste in den kalten Osten, weil meine Eltern fanden, ich sollte was Richtiges lernen.«

Sina Kani: Die Ranch

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