Fast hätte Amity lachen müssen, aber sie biss sich auf die Lippe. McCrea sollte nicht zu schnell den Eindruck bekommen, dass Amity etwas für sie übrig hatte. Denn das hatte sie.

»Wie wär’s«, sagte McCrea in diesem Moment und hielt ihr Glas in Amitys Richtung, »wenn wir mit diesem blöden Sie aufhören? McCrea?«

»Amity«, nickte Amity, und sie stießen an. McCrea erwartete jetzt hoffentlich keinen Verbrüderungskuss von ihr, denn dann hätte Amity nicht gewusst, was sie tun sollte.

Aber in der Beziehung war McCrea anscheinend zurückhaltend. Sie nippte nur an ihrem Bier, leerte das Glas damit und winkte dem Barkeeper, dass er ihr Nachschub bringen sollte.

»Ich habe da eben mitgekriegt, dass es ein Problem gibt?«, fragte sie währenddessen. Dann schaute sie wieder Amity an. »Mit deiner Ranch?«

Amity holte tief Luft und seufzte. »Nicht meiner. Leider«, antwortete sie. »Obwohl ich zugeben muss, dass ich sie manchmal als meine betrachte. Die alten Eigentümer haben sich kaum darum gekümmert. Kamen nur in den Ferien vorbei. Da konnte man schon den Eindruck kriegen, man sitzt auf der eigenen Scholle.«

»Aber die sind gestorben?«, fragte McCrea. Mittlerweile hatte der Barkeeper ihr das erneut gefüllte Glas herübergeschoben.

Amity nickte. »Der Mann war schon eine Weile tot, aber vor Kurzem ist auch seine Frau gestorben. Die war jahrelang nicht hier. Und jetzt«, sie rollte die Augen, »hat das irgendein entfernter Verwandter geerbt, der überhaupt keine Beziehung zu dem Land hat. Der hat die Ranch noch nicht mal gesehen und will sie schon verkaufen.«

»Hm«, machte McCrea. Der neu gefüllte Bierkrug wanderte an ihre Lippen und hinterließ dort einen kleinen Schaumbart, als sie das Glas wieder absetzte.

Das brachte Amity zum Lachen, ohne dass sie es verhindern konnte.

»Warum lachst du?«, fragte McCrea.

»Du hast da was . . .« Amity hob die Hand, und gleichzeitig beugte McCrea sich zu ihr. Was dazu führte, dass Amitys Finger McCreas Lippe berührte. Sie zuckten beide zusammen.

Schnell zog Amity ihren Finger zurück. »Vielleicht schaust du einfach in den Spiegel«, schlug sie vor, während ihr innerlich heiß wurde.

Wie in praktisch jeder Bar der Welt war ein Spiegel hinter der Theke angebracht, vor dem viele Flaschen aufgereiht waren. McCrea reckte den Kopf, bis sie ihre eigenen Lippen sehen konnte, und lachte dann auch.

»Ach so . . .« Sie wischte sich mit der Hand darüber, und der Schaumbart war weg. »Besser?«

Diese hellen Augen . . . Und überhaupt . . . Amity versuchte sich zu beherrschen, aber es fiel ihr schwer. Wenn sie mit einem nicht gerechnet hatte, dann damit, dass bei diesem Besuch in der Stadt irgendjemand erotische Gefühle in ihr auslösen würde. Das hatte sie nun wirklich nicht auf dem Schirm gehabt.

Sicher, viele Gelegenheiten hatte sie nicht. Draußen auf der Ranch gab es mehr Männer als Frauen. Und die Frauen, die es gab, waren entweder verheiratet – mit Männern – oder viel zu jung, um für Amity infrage zu kommen. Wenn sie von ihrer sexuellen Ausrichtung her überhaupt infrage kamen.

»So ein Bart hat auch was«, antwortete sie lächelnd und merkte, dass sie flirtete.

McCrea merkte es auch. Und wenn Amity das richtig sah, hatte sie auch genau das beabsichtigt. Die hellen Augen bekamen einen schimmernden Glanz, den sie zuvor nicht gehabt hatten.

»Soll ich mir einen wachsen lassen?«, fragte sie scherzend.

»Das piekt so«, gab Amity zurück, als wäre es kein Scherz gewesen.

»Beim Küssen, meinst du?« McCrea führte die Diskussion genauso gespielt ernsthaft fort, nahm einen Schluck von ihrem Bier und wischte sich sofort den Schaumbart ab, bevor Amity wieder darüber lachen konnte. »Habe ich noch nie ausprobiert.«

Amity schluckte. »Ich auch nicht«, sagte sie.

Ihre Augen versanken ineinander.

Auf einmal blickte McCrea von ihr ziellos weg in den Raum und räusperte sich hart. »Entschuldigst du mich einen Moment?« Schnell rutschte sie von dem hohen Barhocker und ging auf das Zeichen zu, das zu den Toiletten wies.

Habe ich sie jetzt vertrieben? fragte sich Amity und sah ihr erstaunt nach. Wird sie zurückkommen? So schnell war noch keine Frau vor ihr geflüchtet. Sie hatte das wohl nicht mehr drauf mit dem Flirten.

Gleich darauf gab ihr Handy einen leisen Ton von sich. Sie hatte es so eingestellt, dass sie jederzeit benachrichtigt wurde, nicht nur, wenn Nachrichten über einen Messenger kamen, sondern auch, wenn eine E-Mail kam. Und so eine war jetzt in ihrem Posteingang eingetroffen.

Empört schnappte sie nach Luft, als sie den Inhalt las. Da war sie extra in die Stadt gekommen – eine stundenlange Fahrt –, und dann sagte dieser . . . Affe ab? Taylor Williams konnte keine guten Manieren haben. Verursachte ihr so einen Aufwand, und entschuldigte sich noch nicht einmal richtig dafür. Bis auf ein kleines Sorry am Anfang der Mail war nichts von einer Entschuldigung zu erkennen.

Sorry, mir ist was dazwischengekommen. Hoffe, es klappt ein anderes Mal mit unserem Treffen. Taylor Williams.

Keine Erklärung, gar nichts. Am liebsten hätte Amity das Handy an die Wand geschleudert. Aber das arme kleine Ding konnte ja nichts dafür, was für ein . . . wie hatte Roy gesagt? . . . Arsch dieser Taylor Williams war.

Sie löschte die Mail – die wollte sie nicht noch einmal in ihrem Posteingang sehen – und schüttelte den Kopf.

»Was passiert?«, fragte McCrea, die gerade von der Toilette zurückkam. »Du siehst so grimmig aus.«

»Ach, dieser . . .«, Amity atmete tief durch, um sich zu beruhigen und ihre Wortwahl zu mäßigen, »Taylor Williams hat abgesagt.« Sie sah McCrea an. »Ich hatte eine Besprechung mit ihm hier. Wegen der Ranch. Er ist der Erbe, der sie verkaufen will.«

»Ist das nicht gut?«, fragte McCrea stirnrunzelnd. »So wird sie jetzt doch erst einmal nicht verkauft.«

»Pah!« Laut und abschätzig stieß Amity die Luft aus. »Wahrscheinlich wird er mich demnächst bitten, ihm die Dokumente hier«, sie hob die Blätter an, die sie vom Tisch mit herübergebracht hatte, »einfach zu mailen. Und dann verkauft er, ohne dass ich ihn überhaupt je gesehen habe. Und ohne dass ich eine Chance habe, ihn davon abzubringen.«

»Ich sehe das eher positiv«, sagte McCrea. Ganz nah beugte sie sich an Amity heran, und ihre Augen funkelten wie helle Kristalle. »So können wir jetzt zusammen lunchen und haben den Nachmittag für uns. Vielleicht sogar Dinner?«

In Amity kribbelte alles. Das waren so ungefähr drei Dates auf einmal. Und nach dem dritten Date gab es . . . Sex.

Sie richtete ihren Blick auf den Boden und wandte sich von McCrea ab, weil sie Hitze in ihre Wangen schießen fühlte. Sie musste rot wie eine Wüstenrose sein.

»Wenn ich jetzt nicht zur Ranch zurückfahre, muss ich hier übernachten«, wandte sie ein und sprach dabei zu den rustikal gemusterten Fliesen, die fast so aussahen wie Holz, während sie so tat, als müsste sie etwas in ihrem Handy nachsehen. »Das wollte ich eigentlich nicht.«

Sina Kani: Die Ranch

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