Nein! schrie es in Amity. Und gleichzeitig: Ja!

»Aber selbstverständlich«, beantwortete ihre Mutter da jedoch die Frage schon. »Sie sind zu Fuß unterwegs?«

»Nicht wirklich.« McCrea verzog das Gesicht. »Mein Wagen hat den Geist aufgegeben. Ist leider schon etwas älter, das gute Stück. Und manchmal braucht es eben«, sie betrat nun hinter Aretha die Küche, »ein bisschen Aufmunterung.«

»Benzin oder was anderes?«, fragte Amitys Mutter.

McCreas Gesicht verzog sich noch mehr. »Was anderes, fürchte ich. Getankt hatte ich.« Sie ließ ihren Blick durch die Küche schweifen und streifte Amity damit, als hätte sie sie bis jetzt noch gar nicht wahrgenommen. »Hallo Amity. Du auch hier?« Ihre Augen öffneten sich weit vor Erstaunen. »Ist das hier etwa deine Ranch?«

»Nicht meine«, antwortete Amity automatisch.

Und gleichzeitig kam es überrascht, aber auch durchaus neugierig von ihrer Mutter: »Ihr kennt euch?«

Ich muss die Wüstenrose auf meinen Wangen zum Verschwinden bringen, sonst weiß Mom sofort Bescheid.

»Ja, ähm . . .«, stotterte Amity etwas, während sie versuchte, der Hitze in ihrem Inneren etwas Kühles entgegenzusetzen. An Eiswürfel denken. Kalte Cola. Kaltes Bier. Ach nein, das lieber nicht.

»Das ist . . . McCrea. Ich habe sie im Hotel an der Bar getroffen, als ich dort auf Taylor Williams gewartet habe«, brachte sie so tonlos wie möglich hervor.

»Wir haben uns sehr nett unterhalten«, ergänzte McCrea, während sie ein paar Schritte in die Küche hineintrat. Obwohl auch sie ihrer Stimme anscheinend einen harmlosen Klang zu verleihen versuchte, blitzten ihre Augen Amity kurz schelmisch an. »Hätte aber nicht gedacht, dass wir uns noch einmal wiedersehen würden.«

Ich auch nicht, dachte Amity und vergrub ihren Blick in den Pfannkuchen auf ihrem Teller. Was mache ich jetzt?

»Interessanter Name, McCrea.« Amitys Mutter lud McCrea mit einer Handbewegung ein, sich zu ihnen zu setzen, und lächelte sie freundlich an. »Stammen Sie daher?«

McCrea nickte. »Ja. Aber ich bin größtenteils im Osten aufgewachsen. Deshalb der falsche Akzent.« Sie lachte. »Das ist Amity auch schon aufgefallen.«

Da Aretha sich gerade neben Amitys Mutter gesetzt hatte, um wie immer mit ihnen zu frühstücken, erschien es ganz selbstverständlich, dass McCrea sich neben Amity an die andere Seite des Tisches setzte. Der Tisch war ziemlich lang und hätte noch mehr Besucher aufnehmen können.

Amity war sich jedoch nicht ganz sicher, ob McCrea sich nicht auf jeden Fall neben sie gesetzt hätte. Ob das weniger Zufall als Absicht war. Das konnte sie sie jetzt aber nicht fragen. Sie musste mit den Konsequenzen leben.

Und die waren, dass die Wüstenrose von ihren Wangen sich jetzt über ihren ganzen Körper ausbreitete. McCreas Schenkel war genau neben ihrem und schien eine Hitze auszustrahlen, als säße Amity direkt neben der Sonne.

»Dein Auto ist zusammengebrochen?«, fragte sie so beiläufig wie möglich. »Was Schlimmes?«

»Gibt es hier auf der Ranch jemanden, der Autos reparieren kann?«, fragte McCrea zurück, sah zuerst Amity an und ließ ihren Blick dann hinüber zu ihrer Mutter schweifen.

»Kommt drauf an, was es ist«, antwortete Kimberley Wheeler. »Je nach Modell wird es mit Ersatzteilen manchmal schwierig. Für Traktoren haben wir eine Menge da, aber nicht unbedingt für Personenwagen.«

»Außer es ist ein Dodge.« Aretha zwinkerte etwas, als sie McCrea diese Auskunft gab. »Mr. Wheeler hatte ein ganzes Lager angelegt, für seinen. Das war auch ein altes Schätzchen. Aber er wollte keinen neuen.«

»Ja, mein Vater war da etwas eigen.« In der Erinnerung, wie oft ihr Vater an seinem Wagen herumgewerkelt hatte, musste Amity lächeln.

»Leider kein Dodge«, bemerkte McCrea bedauernd. »Ich habe einen alten Chevy. So viele Ersatzteile, wie der braucht, wäre es zum Schluss wahrscheinlich billiger, einen neuen zu kaufen. Aber dafür habe ich kein Geld.«

»Ich dachte, du hättest gut verdient in Waco«, sagte Amity.

McCrea lachte. »So gut nun auch wieder nicht. Ich hatte gehofft, in der nächsten Stadt einen neuen Job zu finden.«

Warum bist du dann nicht in Rogers Creek geblieben? fragte Amity sich. Da gibt es auch Jobs. Hatte McCrea so viel Abstand wie möglich zwischen sie legen wollen? Damit kein zufälliges Treffen sie mehr zusammenführen konnte?

Doch wenn es so war, warum? Amitys Stirn runzelte sich, als sie überlegte, ob sie McCrea das, was sie sich nur gedacht hatte, laut fragen sollte.

»Haben Sie schon mal auf einer Ranch gearbeitet?«, kam es da aber schon von Kimberley.

»Leider nein, Mrs. Wheeler.« Sehr höflich wandte McCrea sich an Amitys Mutter. »Darin habe ich keine Erfahrung. Aber ich bin lernfähig.«

Ach? Auf einmal? Amity erinnerte sich an McCreas Ablehnung in Rogers Creek. Da hatte sie es völlig ausgeschlossen, jemals auf einer Ranch zu arbeiten oder auch nur arbeiten zu wollen.

»Kurierdienst«, sagte Amity, »haben wir hier aber im Allgemeinen nicht.«

»Kurierdienst?« Kimberleys Stirn runzelte sich auf fast dieselbe Art wie Amitys zuvor.

»Das war mein Job in Waco«, erklärte McCrea zuvorkommend in ihre Richtung gewandt. »Davon hatte ich Amity erzählt.«

»Ach so«, sagte Kimberley. »Darüber können wir uns vielleicht ein andermal unterhalten. Essen Sie jetzt erst einmal ein paar Pfannkuchen, damit Sie wieder zu Kräften kommen.«

Bevor jemand anderer auf die Idee kam, stand Aretha auf und holte schnell einen Teller und Besteck aus dem Schrank, platzierte es vor McCrea auf dem Tisch. »Hier. Dann guten Appetit.«

Sie setzte sich gar nicht erst wieder hin, sondern nahm ihren eigenen Teller und stellte ihn in die Spüle. »Gibt es heute was Besonderes, Miss Kimberley? Sonst fange ich wie üblich mit den Schlafzimmern an.«

»Nichts Besonderes«, antwortete Kimberley. »Ich komme gleich mit nach oben.« Auch sie stand auf und stellte ihren Teller in die Spüle. »Du kümmerst dich um McCrea, Amity?«, wandte sie sich im Hinausgehen an ihre Tochter. »Vielleicht wäre es am besten, wenn jemand mit dem Truck rausfährt und den Wagen herholt. Damit wir sehen können, was zu machen ist.«

Im nächsten Augenblick war sie verschwunden, und Amity war mit McCrea allein.

»Unerwartetes Wiedersehen«, sagte McCrea und packte sich gleichzeitig einen ganzen Stapel Pfannkuchen auf den Teller. Sie lächelte Amity an. »Ich hoffe, es ist dir nicht unangenehm.«

»Warum sollte es mir unangenehm sein?« Fragend hob Amity die Augenbrauen. »Aber vielleicht ist es dir unangenehm, weil du jetzt doch gezwungen bist, hier auf der Ranch zu sein. Wo du nie hinwolltest.«

Sie wusste nicht, warum sie das sagte. Vielleicht, weil sie sich so sehr wünschte, dass McCrea bleiben würde. Deshalb wollte sie den Eindruck erwecken, sie wünschte es sich nicht. Weil sie ihre eigenen Hoffnungen auf dem niedrigstmöglichen Level halten wollte.

McCrea hätte einen Job auf der Ranch annehmen können. Amity hatte es ihr ja angeboten. Aber das hatte sie abgelehnt.

Vermutlich würde sie sich jetzt nicht anders entscheiden. Auch wenn Kimberley ihr erneut einen Job angeboten hatte. Sobald McCreas Wagen repariert war, würde sie weiterziehen.

Sina Kani: Die Ranch

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