Sie war nun einmal ein Zugvogel, und Amity wollte ihr nicht die Flügel beschneiden. Auch wenn sie sich ein wenig wünschte, das hätte sie tun können.

»Ich konnte es mir nicht vorstellen, auf einer Ranch zu arbeiten«, erwiderte McCrea fast noch mit vollem Mund. Die Pfannkuchen schienen ihr zu schmecken. »Aber jetzt, wo ich hier bin . . .« Sie nahm sich den nächsten Pfannkuchen und lächelte Amity an. »Du siehst deiner Mutter sehr ähnlich.« Mit der Gabel wies sie auf den Pfannkuchen auf ihrem Teller. »Hat sie die gemacht? Die sind fantastisch.«

»Nein, ich.« Amity versuchte, sich den Anschein von Normalität zu geben, und aß selbst auch weiter, obwohl ihr McCreas Ankunft beinah die Kehle zugeschnürt hatte.

»Du?« Auf einmal schien der Appetit McCrea für kurze Zeit verlassen zu haben, und sie sah Amity erstaunt an.

»Pfannkuchen kann jeder machen«, winkte Amity ab. »Das ist keine Kunst. Aber ich habe es von meiner Mutter gelernt. Insofern sind es auch ihre Pfannkuchen. Da hast du mit deiner Vermutung recht.«

»Es ist einfach . . .« McCrea lachte. »Ich habe dich bisher nie an einem Herd stehen sehen. Auch in meiner Vorstellung nicht. In Rogers Creek dachte ich, du bist eine reine Geschäftsfrau. Sitzt den ganzen Tag am Schreibtisch«, sie lachte wieder, »oder auf einem Mustang. Aber nicht in der Küche.«

»Normalerweise kocht Aretha.« Nickend gab Amity ihr recht. »Früher oft auch meine Mutter. Wir hatten nicht immer eine Köchin. Aber Aretha wohnt nicht im Haus, deshalb mache ich meistens das Frühstück. Außer meine Mutter steht noch früher auf als ich.«

»Dann hatte ich also doch recht«, bemerkte McCrea zufrieden und wandte sich wieder ihrem Pfannkuchen zu. »Du bist in erster Linie Geschäftsfrau.«

»Notgedrungen«, sagte Amity. »Nachdem mein Vater so überraschend gestorben ist.«

»Woran ist er gestorben?«, fragte McCrea.

»Ein Pferd hat ausgetreten, als er dahinter war. Voll gegen die Stirn.« Amity schluckte. »Da war nichts mehr zu machen.«

»Das tut mir leid.« Betroffen schaute McCrea sie an. »Entschuldige. Ich hätte nicht fragen sollen.«

Amity zuckte die Schultern. »Es ist ja nun einmal eine Tatsache. An der man nichts mehr ändern kann. Er hat mich praktisch von klein auf eingearbeitet. Aber eigentlich dachte ich, ich habe noch ein paar Jahre Zeit, nachdem ich vom College zurückkam.«

McCrea aß weiter, lächelte Amity jedoch an. »Irgendwie überrascht mich das jetzt. Ich dachte, du hättest die Ranch nie verlassen.«

»Austin ist nicht aus der Welt«, sagte Amity. »Und mein Vater bestand darauf, dass ich aufs College gehe. Weil er nie auf einem war. Ich bin so oft wie möglich nach Hause gekommen.«

»Nach Hause gekommen . . .« McCrea wiederholte es nachdenklich, steckte sich geistesabwesend ein Stück Pfannkuchen in den Mund und kaute. »Wie das klingt.«

»Du hast doch auch ein Zuhause«, sagte Amity. »In McCrea.«

Unwillkürlich schien McCrea zu stutzen. »Ja. In McCrea«, wiederholte sie, sagte aber weiter nichts dazu.

»Leben deine Eltern noch?«, fragte Amity.

McCrea schüttelte den Kopf. »Nein. Sie sind beide tot.«

Nun war es Amity, die sie betroffen anschaute. »Das tut mir furchtbar leid.« Etwas wehmütig verzog sie das Gesicht. »Jetzt komme ich mir fast etwas privilegiert vor, weil ich noch meine Mutter habe.«

»Und was für eine nette Mutter«, sagte McCrea. »Jetzt weiß ich, woher du deinen sympathischen Charakter hast.«

»Mein Vater war auch nett. Sehr nett«, widersprach Amity ein wenig. »Oftmals behauptet meine Mutter, ich käme mehr auf ihn als auf sie.«

»Das kann ich natürlich nicht beurteilen«, sagte McCrea, »aber deine Schönheit hast du ganz bestimmt von ihr.« Sie grinste Amity ein wenig von unten herauf an, weil sie sich gerade vorgebeugt hatte, um den vorletzten Pfannkuchen vom Teller zu nehmen. »Isst du eigentlich gar nichts?«, fragte sie dabei. »Soll ich dir den letzten übrig lassen?«

»Würdest du den auch noch essen?« Amity musste lachen. »Du kannst ja was verdrücken. Und nicht nur Steaks.« Als Antwort auf McCreas Frage schüttelte sie den Kopf. »Du kannst gern alles aufessen. Ich bin satt. Und wo die herkommen, sind auch noch mehr. Mehl kaufen wir auf Vorrat, seit wir selbst keine Weizenfelder mehr haben, und unsere Hühner versorgen uns jeden Tag mit mehr Eiern, als wir essen können.«

»Ich dachte, ihr wärt eine reine Rinderfarm«, meinte McCrea überrascht. »Weizen?«

»Früher«, sagte Amity. »Da gab es alles. Richtige Selbstversorgung. Aber seit die Preise für Weizen so gefallen sind, hat sich das nicht mehr gelohnt. Deshalb hat mein Vater damals entschieden, dass wir aus den Weizenfeldern auch noch Weiden für die Rinder und Pferde machen.«

»Ich verstehe wirklich nichts von einer Ranch.« McCrea machte dem letzten Pfannkuchen den Garaus. »Weizen war doch immer schon billig. Der ist im Preis gefallen?« Beinah entschuldigend schüttelte sie den Kopf. »Ich kaufe kein Mehl. Deshalb ist mir das wohl nicht so aufgefallen.«

»Das hat andere Gründe«, sagte Amity. »Aber darüber möchte ich jetzt eigentlich nicht sprechen. Ich denke«, sie schaute aus dem Fenster, »wir sollten deinen Wagen mit dem Truck abholen, wie meine Mutter gesagt hat.«

Sie stand auf und war froh, dass die Hitze an ihrem Bein schlagartig nachließ. Als ob die Sonne schlafengegangen wäre.

»Lohnt sich das denn, wenn ihr keine Ersatzteile habt?«, fragte McCrea. »Wäre es da nicht besser, jemanden aus Rogers Creek den Wagen abholen zu lassen? Damit er dort repariert werden kann?«

»Kannst du machen, wie du willst«, sagte Amity. »Ist dein Wagen. Aber in welcher Richtung bist du denn liegengeblieben? Mehr Richtung Rogers Creek? Oder warst du schon weiter?«

»Eher weiter weg von Rogers Creek«, gab McCrea zu. »Näher hier zur Ranch als zu Rogers Creek.«

»Na dann . . .«, sagte Amity, schnappte sich ihren Hut und ging zur hinteren Küchentür. »Versuchen wir es doch erst einmal selbst, bevor du Geld für eine Werkstatt rausschmeißt. Du hast ja nicht so viel davon.«

»Das ist wahr.« McCrea wischte sich mit einer Papierserviette, die in einem Ständer auf dem Tisch mit vielen anderen auf ihre Benutzung gewartet hatte, den Mund ab. »Dann lass uns mal sehen, ob noch alle Räder am Wagen sind. Oder ob mittlerweile jemand vorbeigekommen ist, der sie mitgenommen hat.«

»Du kommst wirklich aus der Stadt«, entgegnete Amity kopfschüttelnd. »So was tut hier niemand.«

6

Was mache ich eigentlich hier?

McCrea schüttelte über sich selbst den Kopf. Sie hätte gleich aus Rogers Creek mit Amity mitfahren können, einen Job auf der Ranch annehmen können, als Amity ihr das anbot, und doch hatte sie das nicht getan. Allein die Vorstellung hatte alle Alarmlämpchen in ihr aufleuchten lassen. Deshalb hatte sie spontan abgelehnt.

Und nun war sie doch hier. Auf eine eher zufällige Art. Die vielleicht nicht ganz so verpflichtend war? Zumindest konnte sie das behaupten. Denn dass sie jetzt auf der Ranch bleiben musste, lag ja nur daran, dass ihr Auto nicht fuhr. Es war nicht ihre, McCreas, persönliche Entscheidung. So sah es zumindest aus.

Sina Kani: Die Ranch

1 Meine Güte. Sieht die gut aus. Amity betrachtete die Frau in der Fliegerjacke, die gerade die...
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