Sie hatte gemerkt, dass ihr Auftauchen Amity verunsichert hatte. Ihr war fast der Mund offenstehen geblieben, als McCrea plötzlich mit Aretha durch die Küchentür eintrat. Und eine Röte hatte ihr Gesicht überzogen, die an ihre Stunden im Hotelzimmer erinnerte.

Auch McCrea hatte ihr Herz klopfen gespürt, selbst wenn sie sich nichts hatte anmerken lassen. Darin war sie ziemlich gut. Das hatte sie seit ihrer Kindheit geübt. Wenn man sich etwas anmerken ließ, wurde man angreifbar. Verletzlich. Und das hatte sie damals genauso vermeiden wollen wie heute.

Sie wollte sich nicht binden, weil Bindungen nur Unglück bedeuteten. Qual und Pein. Was hatte man davon? Eine Bindung war nur das Vorspiel zu einer Trennung. Also konnte man die Trennung auch gleich einläuten.

Amity sah das völlig anders. Das hatte McCrea gleich gemerkt. Für Amity war Bindung das Normale. Die Bindung an das Land, die Bindung an ihren Job, die Bindung an ihre Familie. Da gab es bestimmt noch mehr Mitglieder als nur ihre Mutter.

McCrea sah Amity in einem ganzen Familienverband vor sich, bei gemeinsam gefeierten Geburtstagen, an denen sie glücklich die Kerzen ausblies. Kerzen, die auf einer Torte angeordnet waren, die jemand anderer mit Freude für sie gebacken hatte.

Um auch ihr eine Freude zu machen. Um sie daran zu erinnern, dass die Menschen um sie herum sich freuten, dass Amity existierte, dass sie da war. Und auch Amity hatte sich sicher darüber gefreut.

Solche Geburtstage hatte McCrea nie gekannt. Und deshalb hatte sie mit der Zeit beschlossen, dass das lächerlich war. Leute, die ihren Geburtstag so feierten, waren einfach nur lächerlich. Sie machten sich etwas vor. Das war alles nur Fake. Konnte gar nicht anders sein.

Weil sie beschlossen hatte, es lächerlich zu finden, hatte sie es dann auch nicht mehr vermisst. Und das war gut so. Dinge zu vermissen, Menschen zu vermissen war sinnlos. Und auch sinnlos quälend. Am Schluss war man doch immer wieder nur allein.

Solche Gedanken machte Amity sich bestimmt nie. McCreas Blick schweifte zu Amity hinüber, die neben ihr im Truck saß. Hinten hatten sie McCreas Chevy mit einer Abschleppstange angehängt, und es klapperte jedes Mal, wenn sie über ein Schlagloch fuhren. Von denen es hier auf dieser Straße sehr viele gab.

Nein, Amity war glücklich und zufrieden mit ihrem Leben. Sie wollte nichts daran ändern. Sie hatte die Ranch, ihre Aufgaben, ihre Mutter. Freundliche Angestellte wie Aretha und bestimmt noch viele andere. Ihr ganzes Leben bestand aus Freundlichkeit und Liebe. So hatte es sich beim Frühstück in der Küche angefühlt.

Gemeinsames Pfannkuchenessen. Das war wirklich familiär. Und anheimelnd. Wie das Idealbild aus einer TV-Serie. Das niemals stimmte und das es in Wirklichkeit nicht gab, von dem sich aber viele vormachten, dass es das geben könnte. Und dann unglücklich darüber waren, dass sie dieses Ideal niemals erreichen konnten.

Was sie dabei vergaßen, war, dass niemand ein Ideal je erreichen konnte. Deshalb hieß es Ideal. Weil alles daran perfekt war. Und Menschen waren nicht perfekt. Das Leben war nicht perfekt. Es gab keinen Grund, das anzustreben. Alles, womit man zurechtkommen musste, war dieser Tag. Den musste man überstehen.

Amity überstand ihre Tage nicht, sie lebte sie. Sie füllte sie mit Leben, wo andere nur Leere sahen. Selbst jetzt, wo sie nach vorn auf die Straße schaute, während sie zur Ranch zurückfuhren, sah sie sicherlich nicht nur Leere vor sich.

Obwohl das ländliche Texas eine einzige Leere war. Vor ihnen war nichts. Absolut nichts. Neben ihnen und hinter ihnen auch nicht. Es war das Nirgendwo im Nirgendwo. Nichts von der Landschaft, die sie jetzt durchquerten, hatte auf irgendeiner Landkarte irgendeine Bedeutung. Es war nur eine einzige weiße Fläche.

Mit einer einzigen langen, geraden Straße, die diese weiße oder in Wirklichkeit eher sandfarbene Fläche durchzog. Es gab keine Häuser, keine Menschen, keine Städte. Noch nicht einmal Tiere sah man. Obwohl es hier überall Rinder geben musste.

»Das kriegen wir schon hin«, sagte Amity, wandte den Kopf zur Seite und sah McCrea leicht lächelnd an. »Mach dir keine Sorgen.«

McCrea wäre fast zusammengezuckt, als Amity zu sprechen begonnen hatte, denn eine ganze Weile waren sie wortlos gefahren. »Sehe ich so aus, als ob ich mir Sorgen mache?«, fragte sie zurück.

»Ein bisschen«, sagte Amity. »Du hast einen sehr ernsten Gesichtsausdruck. Schon seit wir deinen Chevy angehängt haben und losgefahren sind. So ernst habe ich dich noch nie gesehen.«

»Das täuscht«, behauptete McCrea. »Ich bin die ganze Strecke hier vorhin gelaufen. Bin ziemlich müde.«

»Sicher.« Amity nickte. »Wenn wir auf der Ranch sind, kannst du dich erst einmal ausruhen. Wir haben genügend Zimmer im Haus.«

»Im Haus?« Stirnrunzelnd schaute McCrea sie an.

Amity lachte. »Wo willst du denn sonst schlafen? In einer Scheune? Kannst du natürlich auch haben, aber ich würde behaupten, im Haus ist es bequemer.«

Irritiert schüttelte McCrea den Kopf. »So habe ich das nicht gemeint. Ich hatte nur noch überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass ich hier ja dann übernachten muss.«

»Wahrscheinlich für ein paar Tage«, nickte Amity. »Oder länger. Falls wir keine passenden Ersatzteile haben. Wenn wir die nämlich erst bestellen müssen, kann es dauern.«

»Ich dachte, heutzutage könnte man alles bei Amazon bestellen«, murmelte McCrea.

»Kannst du ja dann mal versuchen«, gab Amity locker zurück. »Aber aus Erfahrung kann ich dir sagen, das könnte schwierig werden. Wir haben Internet und alles, aber gewisse Dinge hängen immer noch an Menschen. Und an der Verfügbarkeit.«

McCrea nickte. »Da hast du sicher recht. Gerade Ersatzteile sind manchmal schwer zu bekommen. Besonders für ältere Modelle. Nicht nur für Autos, auch für Flugzeuge.«

Kurz musterte Amity sie. »Ich habe mich schon gefragt . . . Hat die Fliegerjacke irgendeine Bedeutung? Kannst du fliegen?«

Das brachte McCrea jetzt etwas in Bedrängnis. »Ich war bei der Army«, sagte sie schnell. »Da habe ich es gelernt. Bin jetzt aber schon lange nicht mehr geflogen.«

»Wow.« Amity gab ein beeindrucktes Geräusch von sich. »So jemanden könnten wir auf der Ranch gut gebrauchen. Mein Vater konnte fliegen. War auch bei der Army, wo er es gelernt hat.« Sie lächelte zu McCrea herüber. »Wir haben ein eigenes Flugzeug. Was bei Bränden manchmal gut ist. Oder auch, um die Herden im Blick zu behalten. Nur leider«, sie zuckte die Schultern, »kann es jetzt niemand mehr fliegen.« Sie runzelte die Stirn, was ihr zum ersten Mal, seit McCrea sie kannte, einen Hauch von Unzufriedenheit verlieh. »Merkwürdigerweise hat mein Vater mir alles beigebracht, aber das nicht. Er hat wohl bei der Army einen guten Freund verloren, als der abgestürzt ist. Deshalb wollte er das nicht.«

McCrea nickte. »Kann ich verstehen. Aber ich könnte dir das Fliegen beibringen, wenn du willst. Ist auch nicht schwerer als Autofahren.«

»Das würdest du tun?« Sehr überrascht starrte Amity sie an. »Aber dann müsstest du . . . länger bleiben.«

ENDE DER FORTSETZUNG

Sina Kani: Die Ranch

1 Meine Güte. Sieht die gut aus. Amity betrachtete die Frau in der Fliegerjacke, die gerade die...
Fast hätte Amity lachen müssen, aber sie biss sich auf die Lippe. McCrea sollte nicht zu schnell...
»Ich habe ein Zimmer hier im Hotel«, sagte McCrea. »Ich wollte sowieso hier übernachten.« Wie...
2 Das war eine Überraschung gewesen. McCrea verschränkte die Arme unter dem Kopf und schaute an...
Widerstrebend wand Amity sich aus ihrem Arm. »Wenn du dich da mal nicht irrst . . . «, sagte sie....
Nachdem sie sich gesetzt und ihre Getränke bestellt hatten, entfernte Bridget sich wieder, und sie...
Nicht dass sie sich sonst viel mit Wunschvorstellungen beschäftigte. In letzter Zeit eigentlich...
Das wäre jetzt nicht das Wort gewesen, das ich gewählt hätte, dachte McCrea. Im Gegenteil, sie...
Amity seufzte. Wenn man aus so verschiedenen Welten kam, mit anscheinend so verschiedenen...
Nein! schrie es in Amity. Und gleichzeitig: Ja! »Aber selbstverständlich«, beantwortete ihre...
Sie war nun einmal ein Zugvogel, und Amity wollte ihr nicht die Flügel beschneiden. Auch wenn sie...
Sie hatte gemerkt, dass ihr Auftauchen Amity verunsichert hatte. Ihr war fast der Mund offenstehen...