»Ich habe ein Zimmer hier im Hotel«, sagte McCrea. »Ich wollte sowieso hier übernachten.«

Wie nannte man das noch mal bei älteren Damen? Fliegende Hitze? War sie gerade durch die Menopause gegangen?

Amity wusste nicht, warum diese Gedanken ihr durch den Kopf schossen, aber die Hitze, die sie überflutete, passte dazu. Sie konnte nicht so richtig bestimmen, woher genau die Hitze kam. Aus ihrem Körper auf alle Fälle, aber zum Teil, hatte sie das Gefühl, auch aus ihrem Kopf. Weil sie sich schämte.

Wie lange kannte sie McCrea jetzt? Fünfzehn Minuten? Zwanzig? Und da wollte sie schon mit ihr ins Bett gehen? Das konnte doch einfach nicht möglich sein!

»Nicht dass du denkst, ich wollte dir zu nahetreten«, hörte sie auf einmal McCreas Stimme wie durch einen Nebel aus Watte. »Das war nur eine . . .«, sie räusperte sich, »Information.«

Ja, genau. Nur eine Information. Amity musste innerlich schmunzeln, und das kühlte sie erstaunlicherweise ab.

Ihre Mundwinkel zuckten ein wenig, als sie nun wieder zu McCrea aufsah. »Lunch fällt bei mir meistens aus«, sagte sie. »Aber Dinner wäre schön. Wenn ich schon einmal hier bin . . . Ich komme so selten in die Stadt.«

Obwohl sie nicht vermutet hätte, dass so helle Augen noch heller werden konnten, geschah es. McCreas Augen leuchteten auf, als hätte jemand dahinter einen Strahler angeschaltet.

»Obwohl du so selten in die Stadt kommst, kennst du die Stadt aber bestimmt besser als ich«, sagte sie. »Willst du sie mir zeigen? Ich bin zum ersten Mal hier.«

Darauf hätte ich wetten können, dachte Amity. Wenn du schon mal hiergewesen wärst, wärst du mir bestimmt aufgefallen.

»Sicher«, sagte sie und nickte. »Ich habe ja jetzt unerwartet . . .«, ihre Mundwinkel fielen herunter, »frei.«

»Ärger dich nicht.« Es sah so aus, als wollte McCrea sie in den Arm nehmen und trösten, aber dann schaute sie sich um und hielt sich zurück. »So was kann doch immer mal passieren. Dass einem etwas dazwischenkommt. Er hat es bestimmt nicht böse gemeint.«

»Schon allein, dass er die Ranch verkaufen will, ist böse!«, fuhr Amity auf. Doch dann beruhigte sie sich wieder. »Nein, wahrscheinlich hast du recht. Für ihn ist es eben . . .«, sie holte tief Luft, »einfach nicht wichtig. Nicht so wichtig wie für mich.«

McCrea zuckte die Schultern. »Wenn er aus der Stadt kommt, ist eine Ranch für ihn vielleicht etwas sehr . . . Exotisches. Möglicherweise hat er Angst davor, sich dem Unbekannten zu stellen.«

»Angst?« Entgeistert starrte Amity sie an. »Jetzt übertreibst du aber. Wer hat denn Angst vor einer Ranch?«

Leise fing McCrea an zu lachen. »Du bist einfach . . . hinreißend.«

»Da solltest du mich mal in meinen Cowboy-Klamotten sehen«, gab Amity frotzelnd zurück.

Heute hatte sie sich für die Besprechung feingemacht. Statt Jeans, Cowboystiefeln und einem groben karierten Hemd trug sie ein Kostüm, ihr Sonntags-Outfit, das eigentlich für die Kirche reserviert war. Modisch war es nicht gerade auf dem neuesten Stand, denn sie hatte es schon seit Jahren, aber weil sie es sehr schonte, sah es aus wie neu.

»Würde ich gern«, sagte McCrea. Ihre Augen bestätigten das, aber was sie noch mehr bestätigten, war, dass sie vermutlich am allerliebsten sehen würde, wenn Amity jede Art von Klamotten auszog.

»Es ist heller Tag«, flüsterte Amity, doch gleichzeitig fühlte sie schon wieder, wie ihre Wangen heiß wurden. Die Wüstenrose fing jetzt wahrscheinlich richtig an zu blühen.

»Du . . . hm . . .«, McCrea schmunzelte heftig, »tust es nur bei Dunkelheit?«

Amity musste schwer an sich halten, jetzt nicht gleich hier über McCrea herzufallen, aber sie gab sich einen ganz kühlen Anschein und antwortete so wohlerzogen wie möglich: »Bevorzugt. Irgendwas dagegen?«

»Oh nein!« McCrea hob die Hände und trat einen Schritt zurück. »Selbstverständlich ist das völlig in Ordnung.« Sie lächelte, und dieses Lächeln warf Amity noch mehr um als alles andere. »Zeigst du mir trotzdem die Stadt?«

»Aber sicher.« Amity nickte. »Lass mich das nur schnell in den Wagen bringen.« Sie hob die Blätter an, die sie in der Hand hielt. »Das möchte ich nicht die ganze Zeit mit herumschleppen.«

Sie besaß noch nicht einmal einen Aktenkoffer, also hatte sie keine andere Möglichkeit, das Zeug zu verstauen.

»Ich komme mit«, sagte McCrea und warf ein paar Scheine auf die Theke. »Okay, Bill?«, fragte sie zum Barkeeper hinüber.

Der zählte mit einem schnellen Blick durch und nickte. »Alles klar.«

»Hast du jetzt für mich mitbezahlt?«, fragte Amity tadelnd.

»Ach komm. Das eine Root Beer. Das macht mich jetzt auch nicht arm.« McCrea lachte. »Das nächste Mal kannst du ja bezahlen.«

Ehrlich gesagt mochte Amity es gar nicht, wenn so über sie bestimmt wurde, aber heute war ein besonderer Tag. Und McCrea war eine besondere Frau. Also ließ sie ihr Geld stecken und ging aus der Bar hinaus.

In gewisser Weise hatten sie jedoch beide – oder zumindest Amity – die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn der Weg aus der Bar führte direkt an der Treppe vorbei, die hinauf zu den Hotelzimmern wies.

Darunter war eine im Schatten liegende Ecke, wo es abwärts in den Keller ging. Als sie diese Ecke passierten, verlangsamten sie beide ihre Schritte, als hätten sie sich abgesprochen, und im nächsten Moment zog McCrea Amity in ihre Arme und gleichzeitig unter die Treppe in den Schutz der Dunkelheit.

Ein heißer Kuss ließ Amitys Lippen erbeben, bevor sie überhaupt wusste, wie ihr geschah.

»Sorry«, keuchte McCrea nach einer gefühlten Ewigkeit, nach der sich ihre Lippen wieder voneinander lösten. »Das war nicht . . . Entschuldige.«

Sie ließ Amity los und lehnte sich rückwärts gegen die Wand, wo der Schatten direkt unter der Treppe ihre Gestalt beinah restlos verbarg.

Amity war noch immer völlig benommen von dem Kuss, in den sie sich mit ihrem ganzen inneren Begehren hatte fallen lassen. »Du hast das wohl etwas zu ernst genommen mit der Dunkelheit«, bemerkte sie schweratmend.

»Vermutlich.« McCrea hatte sich bereits wieder erholt und lächelte. Sie stieß sich von der Wand ab. »Wie war das jetzt mit der Stadtbesichtigung?«

Fast wie unter Hypnose nickte Amity. »Ja. Ja, natürlich.« Sie trat einen Schritt zurück und schwenkte zu den unteren Stufen der Treppe, um an ihnen vorbeizugehen. Dann jedoch setzte sie einen Fuß darauf.

McCrea hob die Augenbrauen und sah sie abwartend an. Ansonsten rührte sie sich nicht und sagte auch nichts.

Die hellen Augen schienen tatsächlich eine Art hypnotischen Einfluss auf Amity auszuüben, denn nach dem ersten Fuß setzte sie nun auch den anderen auf die Treppe. Auf die zweite Stufe.

Dort verhielt sie kurz, blickte auf McCrea, die jetzt ein Stück kleiner war als sie, hinunter, drehte sich dann endgültig um und ging die Treppe hinauf.

Sina Kani: Die Ranch

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