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Das war eine Überraschung gewesen. McCrea verschränkte die Arme unter dem Kopf und schaute an die Decke. Doch kaum eine Sekunde später drehte sie ihren Kopf auf die Seite und betrachtete Amity, die neben ihr lag und schlief.

Als McCrea in die Stadt gekommen war, hatte sie mit dem, was in den letzten Stunden hier passiert war, auf keinen Fall gerechnet. Das war eine merkwürdige Entwicklung.

Aber eine schöne. Ein Lächeln überzog ihr Gesicht. Die sie hier in einem Nest wie Rogers Creek nicht im Entferntesten erwartet hatte. Weshalb sie ihre Pläne jetzt auch ändern musste.

Sie hatte nicht vorgehabt, länger als eine Nacht in Rogers Creek zu bleiben, aber so, wie es im Moment aussah – ihr Lächeln vertiefte sich –, würde sie ihren Aufenthalt auf jeden Fall ausdehnen.

Wie lange, das wusste sie nicht. Schließlich hatte sie woanders Geschäfte zu erledigen. Aber es gab nichts, das nicht vielleicht ein oder zwei Wochen warten konnte. Nichts Lebenswichtiges jedenfalls.

Von den Frauen in Rogers Creek hatte sie sich auf jeden Fall falsche Vorstellungen gemacht. Zumindest von einer.

Ein leises Geräusch neben ihr zeigte an, dass Amity aufwachte. McCrea zog ihre Arme unter dem Kopf hervor und drehte sich zu ihr um, wartete darauf, dass sie die Augen aufschlug.

»Was starrst du mich so an?«

Anscheinend hatte McCrea den richtigen Augenblick verpasst, und im Bruchteil einer Sekunde hatte Amity die Augen erst halb geöffnet und dann weit aufgerissen, statt sie einfach nur aufzuschlagen, weiblich und gesittet.

»Darf ich das nicht?«, gab McCrea lächelnd zurück. »Du bist bei Weitem der schönste Anblick hier im Zimmer.«

Sie hob eine Hand und streichelte sanft über Amitys Wange, strich ihr eine der kurzen Locken zurück, die sich wild und ungebändigt auf ihrem Haupt kräuselten und ihr zum Teil ins Gesicht hingen.

Obwohl es so schien, als müsste sie zuerst darüber nachdenken, schmiegte Amity ihre Wange nach einem kurzen Zögern in McCreas Hand.

»Sorry«, sagte sie. »Ich bin aufgewacht und wusste für einen Moment nicht, wo ich bin.« Sie lachte leicht verschämt. »Das bin ich nicht gewöhnt.« Mit einer fließenden Bewegung hob sie die Arme und legte sie um McCreas Nacken. »Aber ich könnte mich tatsächlich daran gewöhnen.«

Wie um diese Aussage zu besiegeln, ergänzte sie sie mit einem Kuss.

McCrea genoss Amitys weiche Lippen auf ihren eigenen sehr. Alles an Amity war weich und ein Genuss, das hatte sie in den letzten Stunden erfahren dürfen.

»Ich auch«, flüsterte sie. »Wenn ich hier in der Gegend einen Job finden könnte.«

»Einen Job?« Erstaunt lehnte Amity sich zurück. »Du bist auf der Suche nach einem Job?«

Etwas ratlos zuckte McCrea die Schultern. »Ist man das nicht irgendwie immer?«

Amity lachte leicht. »Ich nicht. Ich habe schon mein Leben lang den gleichen Job. Und will auch gar keinen anderen.«

»Da bist du aber bestimmt die Ausnahme«, vermutete McCrea. »Ich kenne kaum Leute, die länger in einem Job bleiben.« Sie lachte auch, aber fast etwas schuldbewusst. »Hummeln im Hintern. So könnte man das glaube ich nennen.«

»Das heißt, du bleibst nirgendwo länger?«, fragte Amity. Ihre Stimme klang auf einmal nicht mehr so freudig erregt wie zuvor.

»Ich könnte zumindest nicht versprechen, dass ich das tue«, sagte McCrea. »Aber je nach den Umständen kann sich das sicher auch ändern.«

Langsam ließ Amity sich auf ihr Kissen zurücksinken. Dann sprang sie auf einmal mit einem einzigen Satz auf und stand vor dem Bett. »Hast du schon mal auf einer Ranch gearbeitet?« Sie sah sich nach ihren Kleidern um.

»Nicht . . . wirklich . . .«, antwortete McCrea zögernd. »Aber ich bin lernfähig.«

»Oh je, das hätte ich aufhängen sollen.« Etwas bedripst betrachtete Amity ihre gute Sonntagsbluse, die sie gerade vom Boden aufgehoben hatte. Sie war völlig zerknittert.

McCrea räusperte sich. »Die Umstände waren da wohl etwas . . .«, sie schmunzelte, »im Weg.«

Es war, als ob eine leichte Röte Amitys Gesicht überzöge, doch dann drehte sie sich weg, hob ihre Unterwäsche auf und zog sich schnell an.

»Ich bin es einfach nicht gewöhnt, so feine Sachen zu tragen«, erklärte sie bedauernd. »Sobald ich sonntags aus der Kirche komme, hänge ich das sofort wieder in den Schrank.«

»Ich gehe nie in die Kirche.« Mit leicht schiefgelegtem Kopf schaute McCrea sie an. »Und ich hätte auch gar keinen Schrank, wo ich irgendwas reinhängen könnte.«

Während Amity ihre Bluse immer noch kritisch betrachtete, runzelte sie die Stirn. »Keinen Schrank? Wie kann man denn keinen Schrank haben? Nicht mal einen kleinen?«

McCrea schüttelte den Kopf. »Ich bin praktisch immer unterwegs, schlafe oft in meinem Wagen. Viel besitze ich nicht. Da brauche ich keinen Schrank.«

Amity breitete die Bluse sorgfältig auf dem Bett aus und setzte sich kurz darauf. »Dann ist das heute wohl eine große Ausnahme«, bemerkte sie beiläufig. »Dass du einen Schrank hast. Hier im Hotelzimmer.«

»Das ganze Zimmer ist eine Ausnahme«, lachte McCrea. »Ich hatte gerade einen Job in Waco, der ganz gut bezahlt war.«

»Bist aber trotzdem nicht dageblieben?«, fragte Amity, während sie aufstand, ihre Bluse vor sich in die Luft hielt und zumindest halb zufrieden mit der improvisierten Po-Bügelei nickte. »Das wird gehen.« Sie warf die Bluse über.

»Die Leute haben mir nicht gefallen.« Wieder zuckte McCrea die Schultern.

»Was war das für ein Job?«, fragte Amity. Sie war nun vollständig angezogen und schlüpfte in ihre Schuhe.

»Nichts Besonderes«, sagte McCrea, schlug die Decke zurück und stand ebenfalls auf. »Kurierdienst.«

»Du auf einem Fahrrad?« Amity lachte. »Das kann ich mir irgendwie gar nicht vorstellen.«

»Weil es nicht so war«, grinste McCrea. »Es war . . . ein Motorrad.« Sie griff sich ihre Jeans vom Boden, in der noch ihre Unterhose steckte, und zog beides gleichzeitig an. »Hungrig? Dinner?«

Immer noch mit lachenden Augen schaute Amity sie an. »Könnte ich schon vertragen«, sagte sie. »Nach diesem . . . Nachmittag.«

Daraufhin konnte McCrea sich ein Grinsen noch viel weniger verkneifen. Sie trat auf Amity zu und zog sie in ihre Arme. »Ein wundervoller Nachmittag«, wiederholte sie halb das, was Amity gesagt hatte. »Ein wundervoller unerwarteter Nachmittag.« Sie suchte Amitys Lippen und küsste sie. »Rogers Creek hat Reize, von denen ich noch nicht einmal geträumt hätte.«

»Rogers Creek?«, fragte Amity blinzelnd.

»Eher eine Bewohnerin von Rogers Creek«, gab McCrea liebevoll lächelnd zu. »Oder noch genauer: die Bewohnerin einer Ranch, die in der Nähe von Rogers Creek liegt.«

»So genau muss es auch nicht sein«, sagte Amity. »Aber da die Stadtbesichtigung ausgefallen ist, kannst du die . . . Reize von Rogers Creek ja noch gar nicht beurteilen.«

»Doch, kann ich«, behauptete McCrea. »Wenn man einen kennt, kennt man alle.« Sie lachte und ihre Augen blitzten herausfordernd. »Und den einen kenne ich glaube ich schon . . .«, noch einmal hauchte sie einen Kuss auf Amitys Lippen, »ganz gut.«

Sina Kani: Die Ranch

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