Nachdem sie sich gesetzt und ihre Getränke bestellt hatten, entfernte Bridget sich wieder, und sie saßen vor ihren geöffneten Karten, ohne sie anzuschauen. Dafür betrachtete McCrea Amity sehr eingehend.

Nach einer Weile fiel Amity das auf, und ihre Mundwinkel begannen ganz von selbst zu zucken. »Ich stehe nicht auf der Karte«, sagte sie. »Mich kannst du nicht bestellen.«

Es schien beinah, als zuckte McCrea zusammen. »Entschuldige«, erwiderte sie dann lächelnd. »Aber nichts auf der Karte könnte mich so fesseln wie du.«

Amity hob die Hände. »Dich zu fesseln, liegt mir fern. Du bist doch kein Kalb, das ich beim Rodeo einfangen muss.«

»Rodeo reitest du auch?« Überrascht hob McCrea die Augenbrauen.

»Früher mal«, sagte Amity. »Wenn wir auf der Ranch ein Fest hatten und eins veranstaltet haben. Nur so zum Spaß.«

»Du bist eine Frau mit vielen Fähigkeiten«, stellte McCrea mit einem anerkennenden Blick fest.

Lässig zuckte Amity die Schultern. »Auf einer Ranch muss man das sein. Da gibt es immer wieder neue Herausforderungen, denen man sich stellen muss. Das Wetter, die Tiere, die Menschen.« Sie holte tief Luft. »Das Wasser. Wir haben nicht sehr viel davon, und das kann manchmal knapp werden.«

»Klingt wie ein anstrengender Job.« McCrea sah sie nachdenklich an. »Wird dir das nicht manchmal zu viel?«

»Niemals.« Überzeugt schüttelte Amity den Kopf. »Es ist genau das, was ich tun will. Wo ich sein will. Ein Leben in der Stadt könnte ich mir nicht vorstellen.«

»Das heißt, es wäre sehr schlimm für dich, wenn du die Ranch verlassen müsstest?«, fragte McCrea.

Im selben Moment erschien Bridget wieder an ihrem Tisch und stellte die Getränke vor sie hin. »Was darf ich euch zu essen bringen?«, fragte sie fast gleichzeitig.

Etwas schuldbewusst zuckte Amitys Blick auf die Karte, die sie noch gar nicht beachtet hatte.

»Ein Steak«, antwortete McCrea jedoch praktisch ohne Verzögerung. Sie hatte gar nicht versucht, die Karte jetzt noch zu studieren.

»Ach, warum nicht?«, schloss Amity sich an. »Für mich auch ein Steak.« Sie schlug die Karte zu.

»Okay«, sagte Bridget nur und verschwand unverzüglich von ihrem Tisch.

»Sind die Steaks hier von deinen Rindern?« Neugierig sah McCrea Amity an.

»Weiß ich nicht.« Amity schüttelte den Kopf. »Ich verkaufe nicht direkt an Endkunden, nur an Viehhändler.«

»Ja sicher.« Mit einer sehr sympathischen Selbstironie in den Augen lachte McCrea sie an. »Du verkaufst deine Rinder nicht einzeln. Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich kenne mich mit so etwas einfach nicht aus.«

»Musst du ja auch nicht«, erwiderte Amity lächelnd. »Dafür habe ich wenig Erfahrung im Kurierdienst.«

»Da muss man nur Termine einhalten.« McCrea zuckte die Schultern. »Kann ein bisschen stressig werden manchmal, ist sonst aber sicher nicht so anspruchsvoll wie sich um Menschen, Tiere und Wetter zu kümmern.« Kurz hob sie die Augenbrauen. »Na ja, das Wetter kann schon mal eine Rolle spielen«, schränkte sie ein.

»Jeder Job ist anspruchsvoll, wenn man ihn richtig machen will«, meinte Amity freundlich.

Sie fand McCreas Bescheidenheit überraschend. Zuerst hatte sie sie mehr für den Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ gehalten. Was sie durchaus angezogen hatte. Denn sie mochte Frauen, die wussten, was sie wollten.

»Ist schon wahr«, stimmte McCrea ihr zu und nickte. »Aber es gibt anspruchsvoll und anspruchsvoll. Du hast viel Verantwortung.«

»Das ja«, bestätigte Amity. »Aber genau das ist es auch, was mich reizt. Ein Job ohne Verantwortung wäre nichts für mich.«

»Die geborene Führungskraft.« McCrea lachte.

Obwohl in ihr immer noch die Wellen der vergangenen Stunden nachschwangen, hob Amity missbilligend die Augenbrauen. »Traust du mir das nicht zu?«

»Doch, natürlich«, beeilte McCrea sich sofort, ihr zu versichern. »Du bist nur sehr jung. Und die Ranch ist sehr groß. Wahrscheinlich«, fügte sie an. »Ich weiß ja nicht genau, wie groß sie ist.«

»Du hast recht. Sehr groß«, nickte Amity. »Aber eigentlich spielt das ab einer gewissen Größe keine Rolle mehr.« Sie lachte. »Nur wenn man Kälber suchen muss, die sich verlaufen haben oder so was.«

Verwundert schüttelte McCrea den Kopf. »Über solche Dinge habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Das ist ganz fremd für mich. So was kenne ich nur aus Filmen.«

»Das kann ich mir wiederum nicht vorstellen.« Nachsichtig lächelte Amity sie an. »Aber wenn man in der Stadt aufgewachsen ist, ist das vermutlich normal.«

»Ja.« McCrea lächelte nicht, sondern musterte Amity mit einem ganz merkwürdigen Blick. »Das ist normal.«

»Was ist?« Irritiert fasste Amity sich an die Nase. »Habe ich da irgendwas?«

»Nein.« Auf einmal begann McCrea nun doch zu lächeln, als wäre sie eben mit ihren Gedanken ganz weit weg gewesen. »Jedenfalls nichts, was da nicht hingehört. Du hast eine ganz süße Nase.«

Amity musste lachen. »Süß? Na, ich weiß nicht . . .«

»Doch, doch.« Mit einem heftigen Nicken beharrte McCrea auf ihrer Behauptung. »Sehr süß. Auch wenn du das vielleicht nicht hören willst als große Managerin einer großen Ranch. Aber dein süßes Näschen hat mich sofort an dir angezogen.« Sie grinste und ihre Mundwinkel zuckten heftig.

»Jetzt hör aber auf«, wehrte Amity sich. »Du meinst das doch gar nicht ernst. Das sehe ich dir an.«

»Ich meine das sehr ernst.« Wie um ihre Aussage zu bekräftigen, wurde auch McCreas Gesichtsausdruck wieder ernst. »Ich habe wirklich nicht erwartet, eine Frau wie dich hier zu finden.«

»Frauen wie du kommen auch nicht gerade jeden Tag in die Stadt«, gab Amity das Kompliment – denn sie vermutete, dass es eins gewesen war – zurück. »Das war eine . . .«, sie räusperte sich, »schöne Überraschung.«

McCreas Mundwinkel zuckten so heftig, dass Amity befürchtete, sie würden gleich abfallen. »Das kann man so sagen«, bestätigte sie höchst amüsiert. »Vermutlich«, sie schaute sich um, und ihr Blick blieb auf Bridget hängen, »sind Frauen . . . hm . . . unserer Art hier ziemlich selten?«

Amity nickte. »Es gibt hier ohnehin nicht so viele Leute. Und es kommt ja nur ein kleiner Prozentsatz der Frauen infrage.«

»Umso schöner finde ich es, dass wir uns getroffen haben.« McCreas Augen hatten auf einmal einen warmen Glanz, den man diesen hellen Diamanten gar nicht zutraute.

Unvermittelt hatte Amity das Gefühl, sie müsste leer schlucken. Deshalb griff sie nach ihrem Glas und nahm stattdessen einen Schluck von dem Root Beer, das sie bestellt hatte.

Glücklicherweise entband Bridgets Ankunft mit zwei großen Tellern sie von einer Antwort.

»Ein Steak und . . . ein Steak«, sagte sie, während sie die Teller zuerst vor Amity und dann vor McCrea hinstellte. »Guten Appetit.« Schnell warf sie einen Blick auf die Gläser. »Kann ich sonst noch etwas für euch tun?«

»Nein danke«, entgegnete Amity und lächelte sie an. »Ich glaube, wir haben alles, was wir brauchen.«

»Das würde ich auch so sagen«, schmunzelte McCrea.

4

Wenn ich jetzt einen Wunsch frei hätte und mir etwas ganz Beliebiges wünschen könnte, wüsste ich wirklich nicht, was ich mir wünschen sollte, dachte McCrea.

Sina Kani: Die Ranch

1 Meine Güte. Sieht die gut aus. Amity betrachtete die Frau in der Fliegerjacke, die gerade die...
Fast hätte Amity lachen müssen, aber sie biss sich auf die Lippe. McCrea sollte nicht zu schnell...
»Ich habe ein Zimmer hier im Hotel«, sagte McCrea. »Ich wollte sowieso hier übernachten.« Wie...
2 Das war eine Überraschung gewesen. McCrea verschränkte die Arme unter dem Kopf und schaute an...
Widerstrebend wand Amity sich aus ihrem Arm. »Wenn du dich da mal nicht irrst . . . «, sagte sie....
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Das wäre jetzt nicht das Wort gewesen, das ich gewählt hätte, dachte McCrea. Im Gegenteil, sie...
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Nein! schrie es in Amity. Und gleichzeitig: Ja! »Aber selbstverständlich«, beantwortete ihre...
Sie war nun einmal ein Zugvogel, und Amity wollte ihr nicht die Flügel beschneiden. Auch wenn sie...
Sie hatte gemerkt, dass ihr Auftauchen Amity verunsichert hatte. Ihr war fast der Mund offenstehen...