Das wäre jetzt nicht das Wort gewesen, das ich gewählt hätte, dachte McCrea. Im Gegenteil, sie fand Amity aufregend anders.

»Ich würde nicht sagen, dass ich viele Femme fatales kennengelernt habe«, sinnierte sie. »Der Vamp-Typ liegt mir irgendwie nicht. Mir ist es schon lieber, wenn ich weiß, woran ich bin. Spielchen sind absolut nicht mein Ding.« Etwas abrupt verstummte sie.

Doch Amity bemerkte es nicht. »Meins auch nicht«, entgegnete sie nickend. »Ich bin für absolute Ehrlichkeit. Das ist meines Erachtens – und meiner Erfahrung nach – der beste Weg. Wenn man etwas zu verbergen hat, stimmt irgendetwas nicht. Ein anständiger Mensch hat nichts zu verbergen und legt seine Karten offen auf den Tisch. Damit bin ich immer ziemlich gut gefahren.«

Leicht fragend hob McCrea die Augenbrauen. »Könnte es nicht vielleicht auch Ausnahmen geben?«

»Ausnahmen von der Wahrheit?« Amity runzelte die Stirn. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Was sollte das sein?«

»Vielleicht ist Wahrheit nicht immer gleich Wahrheit«, wagte McCrea einzuwenden. »Man könnte sich ja auch in einer Zwangslage befinden.«

»In einer Zwangslage?« Während sie leicht die Augenbrauen zusammenzog, dachte Amity darüber nach. Anscheinend fiel ihr keine Zwangslage ein, die es erforderlich machte, zu lügen. Dann jedoch nickte sie. »Wenn es um Leben und Tod geht vielleicht«, gab sie zu. »Das wäre eine Ausnahme.«

»Andere Zwangslagen erkennst du nicht an?« McCrea fühlte sich etwas unbehaglich.

Aber hatte sie nicht schon gespürt, dass Amity etwas Besonderes war? Warum sollte sie es in dieser einen Hinsicht nicht sein? Wenn die ganze Welt log, war jeder, der die Wahrheit sagte, vielleicht ein Dummkopf, aber auf jeden Fall eine Ausnahme, die auffiel.

Doch ein Dummkopf war Amity bestimmt nicht. Sie war einfach nur ehrlich. Was etwas war, das McCrea schon gar nicht mehr für möglich gehalten hatte. Eigentlich versuchte doch jeder ständig, den anderen über den Tisch zu ziehen. Jedenfalls nach ihrer Erfahrung, die sich anscheinend sehr von der von Amity unterschied.

Deshalb hatte McCrea es bisher für das Normale gehalten, dass jeder jeden betrog. Es zumindest versuchte. Dass man immer auf der Hut sein musste, damit man nicht übervorteilt wurde.

Aber so war es nicht für Amity. Für Amity war die Wahrheit das Normale.

Und das war jetzt ein Problem.

5

Als Amity am übernächsten Morgen erwachte, schien es ihr im ersten Moment, als hätte sich nichts geändert. Sie lag allein in ihrem Bett, in ihrem Zimmer auf der Ranch, und die Sonne kräuselte sich gerade mal ein wenig über den Horizont.

Sie wachte immer früh auf, war fast immer überall die Erste, das war schon seit ihrer Kindheit so. Und im Erwachsenenleben hatte es ihr dann gute Dienste geleistet, eine Frühaufsteherin zu sein.

Das war schon so lange ihre Gewohnheit, dass sie sich an kaum einen Tag erinnern konnte, an dem es anders gewesen wäre. Außer sie war krank gewesen, aber das kam auch ausgesprochen selten vor.

Gestern jedoch . . . gestern war ein Tag gewesen, wie sie ihn noch nie erlebt hatte. Natürlich hatte es eigentlich schon vorgestern angefangen, als sie in die Stadt gefahren war, um sich mit diesem Taylor Williams zu treffen.

Den sie dann nicht getroffen hatte, weil er abgesagt hatte. Weshalb sie die Fahrt in die Stadt normalerweise als unnütze Zeitverschwendung betrachtet hätte, sofort wieder zurückgefahren wäre. Und sie hätte sich darüber geärgert, sich überhaupt darauf eingelassen zu haben.

Dann aber war der Tag völlig anders verlaufen, als sie sich das je hätte vorstellen können. Nicht nur war sie nicht sofort zurückgefahren, sondern sie hatte sogar noch die Nacht in Rogers Creek verbracht. Mit McCrea.

Am nächsten Morgen waren sie zusammen aufgewacht – anscheinend war McCrea auch eine Frühaufsteherin – und hatten noch einmal ihr Zusammensein genossen, bevor sie aufstehen mussten.

Amity musste zugeben, dass sie selten so eine Ekstase erreicht hatte wie an diesem frühen Morgen, während das Licht sich erst langsam durch die Vorhänge schlängelte. Als sie jetzt daran dachte, wurde ihr sofort wieder heiß.

Schon am Nachmittag davor hatte sie gedacht, dass es mit McCrea besonders schön gewesen war. Aber der Morgen danach hatte das noch einmal übertroffen. Vielleicht weil sie wussten, dass sie sich bald trennen mussten.

Da McCrea erwähnt hatte, dass sie einen Job suchte, hatte Amity ein wenig gehofft, dass dieser Job bei ihr auf der Ranch sein könnte. Zwar suchte sie nicht direkt Leute, aber ein paar kräftige Hände mehr konnte man immer gebrauchen. Es gab genug zu tun.

Und kräftige Hände hatte McCrea. Wieder schoss die Hitze in Amity hoch. Kräftig und doch sanft. Sie konnten beides sein. McCrea hatte sie damit dermaßen verwöhnt, dass sie sich ein Kissen hatte in den Mund stopfen müssen, um es die anderen Hotelgäste nicht hören zu lassen. Das war ihr schon lange nicht mehr passiert.

Doch dann war sehr schnell klar geworden, dass McCrea ein Job auf einer Ranch nicht interessierte. Einerseits, weil sie noch nie auf einer gearbeitet hatte, andererseits aber auch, weil sie das Gefühl hatte, weiterziehen zu müssen, fast schon zu lange an diesem Ort hier zu sein.

Das konnte Amity natürlich überhaupt nicht verstehen, denn sie hatte sich fast ihr ganzes Leben lang am selben Ort aufgehalten und fand absolut nichts dabei. Im Gegenteil, sie mochte das sehr und wollte auch gar nichts anderes.

In der Beziehung waren McCrea und sie offensichtlich sehr verschieden.

Sie verschränkte die Arme unter dem Kopf und fragte sich, wie es sein musste, immer unterwegs zu sein, kein Zuhause zu haben. Nicht wirklich zu wissen, wo man hingehörte. Wie es wohl dazu gekommen war?

Schließlich hatte McCrea erzählt, dass sie ein gutes Elternhaus hatte. Eltern, die sie sogar zur Ausbildung in den Osten geschickt hatten. Denen etwas daran lag, dass ihre Tochter all das lernte, was nötig war, um ein gutes Leben zu führen.

Aber führte sie das jetzt? Anscheinend doch nicht. Auf dem Weg von Job zu Job, von Stadt zu Stadt? Es musste irgendetwas passiert sein, das den Plan ihrer Eltern, der vielleicht auch einmal McCreas eigener Plan gewesen war, durchkreuzt hatte.

Die Vorstellung ließ Amity schaudern. Für sie selbst war das eine Horrorvorstellung.

Sie fand es sehr wichtig, dass man wusste, wohin man gehörte. Dass man einen festen Platz im Leben hatte, an den man immer zurückkehren konnte, der einem Sicherheit gab und Geborgenheit, ein Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammenhalt.

Musste man nicht wie ein Blatt im Wind herumtaumeln, wenn man das nicht hatte? War das nicht ein furchtbares Gefühl?

Für McCrea wohl nicht. Für sie war es wahrscheinlich umgekehrt. Länger an einem Ort bleiben zu müssen war eine Horrorvorstellung für sie.

Sina Kani: Die Ranch

1 Meine Güte. Sieht die gut aus. Amity betrachtete die Frau in der Fliegerjacke, die gerade die...
Fast hätte Amity lachen müssen, aber sie biss sich auf die Lippe. McCrea sollte nicht zu schnell...
»Ich habe ein Zimmer hier im Hotel«, sagte McCrea. »Ich wollte sowieso hier übernachten.« Wie...
2 Das war eine Überraschung gewesen. McCrea verschränkte die Arme unter dem Kopf und schaute an...
Widerstrebend wand Amity sich aus ihrem Arm. »Wenn du dich da mal nicht irrst . . . «, sagte sie....
Nachdem sie sich gesetzt und ihre Getränke bestellt hatten, entfernte Bridget sich wieder, und sie...
Nicht dass sie sich sonst viel mit Wunschvorstellungen beschäftigte. In letzter Zeit eigentlich...
Das wäre jetzt nicht das Wort gewesen, das ich gewählt hätte, dachte McCrea. Im Gegenteil, sie...
Amity seufzte. Wenn man aus so verschiedenen Welten kam, mit anscheinend so verschiedenen...
Nein! schrie es in Amity. Und gleichzeitig: Ja! »Aber selbstverständlich«, beantwortete ihre...
Sie war nun einmal ein Zugvogel, und Amity wollte ihr nicht die Flügel beschneiden. Auch wenn sie...
Sie hatte gemerkt, dass ihr Auftauchen Amity verunsichert hatte. Ihr war fast der Mund offenstehen...