Amity seufzte. Wenn man aus so verschiedenen Welten kam, mit anscheinend so verschiedenen Lebensvorstellungen wie McCrea und sie, gab es wohl keine Brücke, die das verband. Sodass die Königskinder zusammenkommen konnten.

Kopfschüttelnd lachte sie auf. Was für Königskinder denn? Sie war keins. Und McCrea wohl noch weniger, wenn sie in ihrem Auto lebte.

Das waren viel zu viele Gedanken am frühen Morgen. Viel zu viele Gedanken, die in eine Richtung gingen, die keinen Sinn hatte. Und mit sinnlosen Dingen verschwendete Amity nie ihre Zeit. Wie kam sie nur dazu, jetzt überhaupt so lange darüber nachzudenken?

Der Grund hatte einen Namen: McCrea. Aber McCrea war fort und sie selbst war hier. Zu Hause. Auf der Ranch.

Und sie hatte Pflichten hier wie jeden Tag. Die konnte sie nicht vernachlässigen, nur weil sie ein paar heiße Stunden in Rogers Creek verbracht hatte mit einer Frau, die sie noch nicht einmal kannte.

Sie hatte jetzt schon viel zu lange nach dem Aufwachen mit verschränkten Händen unter dem Kopf im Bett gelegen. Das tat sie doch sonst nie. Sie sprang immer sofort auf die Beine.

Mit einem etwas melancholischen Lächeln beobachtete sie ein letztes Mal den Lichtstreifen, der an der Decke immer heller wurde, warf dann entschlossen die Decke von sich und stand auf.

Sie fand diese frühen Morgenstunden schön, wenn langsam alles um sie erwachte, aber zum Grübeln neigte sie nicht. McCrea und sie hatten sich gestern in Rogers Creek verabschiedet, waren jede in verschiedene Richtungen davongefahren, und damit war diese Episode beendet.

Eine kurze und sehr intensive Episode, aber eben nur eine Episode. Kein Anfang von irgendetwas und auch kein Ende von irgendetwas, das lange genug gedauert hatte, um einen tiefen Eindruck zu hinterlassen. Sie hatten noch nicht einmal ihre Telefonnummern ausgetauscht.

Kurz hatte Amity darüber nachgedacht, aber dann war es ihr sinnlos erschienen. Was sollte das bringen? Ja, ihr Herz hatte ein ganz klein wenig nach dieser Nummer gefragt, aber ihr Mund hatte das dann doch nicht ausgesprochen.

Sie schlüpfte in ihre Jeans und in ihre Stiefel und musste fast lächeln, als sie daran dachte, dass McCrea sie noch nie so gesehen hatte. Würde sie sie so überhaupt wiedererkennen?

Ach, was sollte das? Unwillig winkte sie ab und begab sich nach unten zum Frühstück.

Das Frühstück bereitete sie immer selbst zu. Für sich und ihre Mutter. Nachdem ihr Vater gestorben war, war die Beziehung zwischen Amity und ihrer Mutter noch enger geworden. Sie hatten ja nun nur noch sich selbst.

Da Amity keine Geschwister hatte, waren sie immer eine kleine, nah verbundene Familie gewesen. Ihre Mutter hatte sich zwar schon lange eine Vergrößerung der Familie gewünscht, ein halbes Dutzend Enkelkinder am liebsten, aber damit hatte Amity ihr bisher nicht dienen können.

Vor allen Dingen deshalb, weil sie nicht gewusst hätte, mit wem sie diese Enkelkinder hätte produzieren sollen. Ein Ehemann kam für sie nicht infrage – und eine Ehefrau? Woher nehmen und nicht stehlen?

Außerdem hatte sie ja auch ihren Job. Sie musste die Ranch managen. Eine große Ranch, auf der immer etwas zu tun war. Die stets vollen Einsatz verlangte. Wie sollte sie da noch Kinder unterbringen?

Aber das stand ja auch gar nicht zur Debatte. Mit einer geübten Bewegung wendete sie die Pfannkuchen in der Pfanne, indem sie sie hochwarf und wieder auffing.

Sie musste sich unbedingt davon ablenken, dass sie gerade an ein Kind gedacht hatte, das wie McCrea aussah.

»Darin werde ich dich wohl nie mehr schlagen, was?« Lächelnd trat ihre Mutter zur Tür herein.

»’n Morgen, Mom.« Amity lächelte auch und sah ihre Mutter an. »Schließlich hast du das ja jahrelang getan. Du warst immer die Erste in der Küche. Warum solltest du nicht auch einmal länger schlafen?«

»Du könntest das Frühstück auch Aretha machen lassen.« Dieser Hinweis ihrer Mutter war nichts Neues. Aber Amity läutete den Tag einfach gern am Herd ein. »Sie wird ja sowieso gleich kommen.« Forschend blickte ihre Mutter kurz auf den Teller, der neben der Pfanne stand und auf dem Amity die Pfannkuchen, die sie bis jetzt gebacken hatte, gestapelt hatte. »Hast du jemand zum Frühstück eingeladen?«

»Nein. Wie-« Verwundert warf Amity nun auch einen Blick auf den Teller. »-so?«, beendete sie automatisch ihre Frage wie eine Kugel, die in Schwung ist und nicht sofort zur Ruhe kommen kann.

Mit ihrem Blick beantwortete sich ihre Frage jedoch von selbst. Auf dem Teller lag ein solcher Berg Pfannkuchen, dass ihre Mutter und sie die beim allerbesten Willen nicht allein essen konnten.

»Ich habe wohl vor mich hingeträumt«, murmelte Amity erstaunt. »Das habe ich gar nicht gemerkt.«

»Du und vor dich hinträumen?« Ihre Mutter nahm Teller und Tassen aus dem Schrank. »Seit wann das denn?«

Aber keine Mutter war eine richtige Mutter, wenn sie nach so einer Beobachtung nicht noch eine Frage anschloss. »War irgendwas in der Stadt? Du hast gar nichts erzählt.«

Zwar versuchte ihre Mutter, sich einen ganz harmlosen Gesichtsausdruck zu geben, aber Amity merkte die leichte Anspannung, die von ihr ausging. Sie schüttelte den Kopf. »Natürlich habe ich das erzählt. Dieser blöde Taylor Williams ist nicht gekommen.«

»Und trotzdem bist du in der Stadt geblieben.« Selbstverständlich war ihrer Mutter das nicht entgangen. Diesmal schloss sie jedoch keine Frage mehr an.

»Es war schon zu spät, um zurückzufahren«, behauptete Amity. »Weil ich so lange auf ihn gewartet habe.«

»Du warst aber nicht auf dem Viehmarkt.« Ganz beiläufig stellte ihre Mutter das fest.

»Wir haben ja auch nichts verkauft.« Amity trug den Teller mit den Pfannkuchen zum Tisch hinüber. »Und neue Tiere brauchen wir im Moment auch nicht.«

»Hast du irgendwelche Bekannten getroffen?«, fragte ihre Mutter, stieß ihre Gabel in die zwei obersten Pfannkuchen und zog sie auf ihren Teller hinüber.

»Nur Roy und seine Jungs«, gab Amity Auskunft. »Die hatten Rinder in die Stadt getrieben und kamen danach in die Hotelbar, wo ich auf Williams gewartet habe. Und dann später Bridget, weil ich im Restaurant des Hotels gegessen habe.«

»Allein?« Amity erstaunt anblickend schob ihre Mutter sich das erste Stückchen Pfannkuchen in den Mund, das sie abgeschnitten hatte.

Nun war Amity in Bedrängnis. Sollte sie ihrer Mutter von McCrea erzählen? Das war doch schon wieder vorbei gewesen, kaum dass es angefangen hatte. Hatte im Prinzip noch nicht einmal angefangen. Also lohnte es sich überhaupt nicht.

»Guten Morgen«, ertönte da eine fröhliche Frauenstimme von der Küchentür her, die von draußen hereinführte. »Gut, dass so viele Pfannkuchen da sind. Ich habe hier nämlich einen hungrigen Wanderer mitgebracht.«

Amity wäre fast die Kinnlade heruntergefallen. Hinter dem freundlichen schwarzen Gesicht von Aretha, ihrer Köchin und Haushälterin, blitzte ein spitzbübisches weißes hervor.

»Ich liebe Pfannkuchen«, sagte McCrea grinsend. »Darf ich reinkommen?«

Sina Kani: Die Ranch

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