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»Teenager mit Problemen sind keine Kinder, die du betütern kannst, sondern eine Gefahr für jeden, der ihnen zu nahe kommt. Deshalb sollte man sich von denen am besten so weit wie möglich fernhalten.« Brenda Murphy hob besorgt die Augenbrauen, während ihre Blicke ihrer besten Freundin Jessica durchs Zimmer folgten. »Willst du dir das wirklich antun, Jess?«

Jessica lachte. »Ach, Bren, das ist es doch gerade. Das ist die Herausforderung, die ich gesucht habe.« Sie ging vom Bett zum Kleiderschrank und suchte Sachen zusammen. »Wozu hätte ich sonst Psychologie studiert? Wenn ich es nicht dort anwende, wo es nötig ist? Und vielleicht etwas verändern kann?«

Bren seufzte. »Du denkst, du kannst die ganze Welt verändern. Aber ich sage dir eins: Das kannst du nicht. Niemand kann das.« Sie wartete kurz, ob Jessica etwas dazu sagen würde, dann wollte sie erneut seufzen, unterdrückte es aber, stellte sich Jessica in den Weg und nahm sie stattdessen lieber in die Arme. »Du wirst es trotzdem tun, ich weiß. Ich kann dich nicht davon abhalten.«

»Nein, kannst du nicht.« Jessica löste sich leicht von ihr und lächelte sie an.

»Aber South Dakota. Wirklich, Jess. South Dakota!« Die letzten beiden Wörter hörten sich an, als wären sie in Großbuchstaben geschrieben. »Da zieht man doch nur hin, wenn man ein Buch schreiben will mit dem Titel Wo die Kojoten heulen. Oder so.« Verständnislos schüttelte Brenda den Kopf. »Unser gutes, altes Ann Arbor ist ja vielleicht auch keine Großstadt, aber hier findet man doch wenigstens ab und zu ein gutes Restaurant oder nette Leute. Schon allein wegen der Uni. Aber wo du da hinziehst...«

»Gibt es bestimmt auch nette Leute«, setzte Jessica den Satz zuversichtlich fort. »Die gibt es überall. Genauso wie die nicht so netten. Und dieses Programm, das sie da aufgelegt haben an der Schule, Teenager at Risk, das klingt für mich sehr interessant. Außerdem werde ich ja nicht nur Schulpsychologin sein, sondern auch eine eigene Praxis betreiben. Als Teil einer größeren Praxis, einer Gemeinschaftspraxis, die es schon lange gibt. Da kann ich gleich richtig einsteigen jetzt nach dem Studium.«

»Und das ist das, was du dir gewünscht hast? Wo du praktisch Jahrgangsbeste warst? Und noch eine Fachausbildung mit Auszeichnung als PhD abgeschlossen hast? Da könntest du doch in New York oder sonst wo die bestbezahltesten Jobs bekommen. Gleich inklusive Apartment mit Blick auf den Central Park und BMW als Dienstwagen dazu.«

»Wer braucht schon einen BMW?« Jessica zuckte die Schultern. »Ich bestimmt nicht.«

»Wie kann man mit achtundzwanzig noch so eigensinnig sein?«, fragte Brenda, während sie die Augen rollte. »Fühlst du dich deshalb so zu diesen Teenagern hingezogen?«

Jessica lachte. »Ich kenne sie ja noch gar nicht, also kann ich mich auch noch nicht zu ihnen hingezogen fühlen, nicht persönlich jedenfalls«, stellte sie richtig. »Und du bist genauso alt wie ich und nicht weniger eigensinnig. Oder würdest du das bestreiten?« Sie blinzelte Brenda an, während sie ein T-Shirt in ihren Koffer legte, der aufgeklappt auf dem Bett lag.

»Glaubst du, dass T-Shirts das Richtige sind für das Klima da?«, fragte Brenda zweifelnd. »Ist da nicht zehn Monate im Jahr Winter?«

»Und in Michigan scheint immer die Sonne?« Jessica lachte. »Nein, es ist nicht zehn Monate im Jahr Winter. Von Mai bis Oktober sind die Temperaturen laut Wetterdienst recht angenehm.«

»Okay, dann sind also nur sechs Monate Winter«, beharrte Bren auf ihrer weit pessimistischeren Einstellung. »Pack lieber einen Pullover mehr ein. Und dick gefütterte Stiefel.«

Jessica grinste. »Du kannst mich ja mal besuchen kommen. Im Juli. Da soll es ab und zu sogar mal dreißig Grad werden. Das ist heißer als die Durchschnittstemperatur in Ann Arbor im Sommer. Nur zu deiner Information.« Sie zwinkerte ihre skeptische Freundin neckisch an.

»Du hast dich mal wieder richtig schlaugemacht, hm?«, bemerkte Brenda etwas säuerlich. »Ist ja auch deine Spezialität.« Träumerisch blickte sie auf das T-Shirt, das Jessica zuvor eingepackt hatte. »Ich würde lieber in den Süden ziehen von hier aus.« Ihre Stimme klang sehnsuchtsvoll.

»Dann mach das doch«, unterstützte Jessica sie sofort. »Schließlich bist du völlig ungebunden. Single. Genau wie ich. Du kannst gehen, wohin du willst.«

»Was das Ungebundene angeht...« Brendas Blick schweifte zum Fenster.

»Ach?« Interessiert blickte Jessica sie an. »Du hast jemanden kennengelernt?«

»Na ja, weiß noch nicht... Er ist aus Europa.« Das schien für Brenda so etwas wie ein unüberwindliches Hindernis zu sein.

»Und was soll das heißen?« Jessica lachte. »Meine Vorfahren sind auch aus Europa hergekommen. Genauso wie deine.«

»Aus Deutschland, nicht?«, fragte Brenda. Nun klang ihre Stimme fast etwas hoffnungsvoll.

»Ja, aus Deutschland.« Mit einem Schulterzucken fügte Jessica hinzu: »Obwohl sich da mittlerweile auch noch ein paar andere Nationen eingemischt haben, glaube ich.«

»Aber die meisten aus Deutschland«, wiederholte Brenda, als wollte sie unbedingt darauf beharren.

Jessica vermutete etwas, und sie merkte, wie ihre Mundwinkel zu zucken begannen. »Er ist Deutscher? Der Mann, den du kennengelernt hast?«, fragte sie, obwohl sie es fast schon wusste. Sie und Brenda kannten sich schon seit dem Kindergarten, und manchmal hatte sie das Gefühl, sie konnten gegenseitig ihre Gedanken lesen.

»Ja.« Das klang ziemlich unglücklich. Brendas grüne Augen, die so gut zu ihren roten Haaren passten, richteten sich beinah flehend auf Jessica. »Du weißt, meine Eltern wollen, dass ich einen Iren heirate. Nur ein Ire kommt in Frage.«

»Sie haben dich ja auch mit genügend davon bekanntgemacht«, lachte Jessica. »Zwischen sechzehn und sechzig!«

»Echt.« Brenda rollte erneut die Augen. »Dieser eine Typ, dieser Autohändler, der ist schon Großvater!«

»Dann können deine Kinder ja mit seinen Enkeln spielen.« Jessica hatte ihren Koffer nun fast fertig gepackt. Sie blickte noch einmal prüfend auf alles, was darin lag, hinunter.

»Das ist nicht lustig, Jess!« Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrte Brenda sie an.

»Du musst ihn ja auch nicht heiraten«, gab Jessica lässig zurück. »Du hast ja jetzt deinen Deutschen.« Sie lächelte. »Wie alt ist er?«

Brenda seufzte. »Ein Jahr jünger als ich. Oder du. Er ist auf so einem Working Holiday hier.« Ihr Gesichtsausdruck wirkte auf einmal ziemlich abwesend, während sich ein Lächeln in ihre Mundwinkel schlich, als vor ihrem inneren Auge anscheinend ein Bild erschien. »Hat gerade sein Studium in Deutschland abgeschlossen und will sich noch mal in der Welt umsehen, bevor er richtig zu arbeiten anfängt.«

»Das heißt, er bleibt nicht?«, fragte Jessica mit gerunzelter Stirn.

Nun verzog sich Brendas etwas pausbäckiges Gesicht fast zum Weinen. »Ja«, bestätigte sie. »Er ist nur drei Monate hier. Für dieses Trimester an der Uni. Da unterrichtet er Deutsch. Wenn das Trimester vorbei ist, zieht er weiter. Wein pflücken in Kalifornien oder so etwas.«

»Das ist doch prima«, sagte Jessica. »Süden. Du wolltest doch in den Süden. Geh doch mit.«

Entgeistert riss Brenda die Augen auf. »Meinst du wirklich?«

»Warum sollte ich das nicht wirklich meinen?« Jessica setzte sich zu ihr aufs Bett, wo Bren sich während ihres Herumlaufens für die meiste Zeit niedergelassen hatte, und legte einen Arm um sie. »Willst du meinen professionellen Rat als Psychologin? Geh, wohin dein Herz dich führt. Deshalb gehe ich jetzt nach South Dakota. Warum du nicht nach Kalifornien?«

Dieser Vorschlag schien Brenda zu überraschen. Sie wirkte unentschlossen.

Sina Kani: ... wenn ihr die schöne Nachbarin gefällt

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