Obwohl es unbehaglich in Jessica grummelte, war es psychologisch gesehen immer am besten, solchen Leuten keine große Angriffsfläche zu bieten, wie sie durch ihre Ausbildung wusste. Deshalb hielt sie sich mit jeglicher Art von Kommentaren zurück, stellte sich selbst wieder sicher auf zwei Beine und den Blechnapf ins Regal und blickte sich erneut suchend um.

»Suchen Sie etwas Bestimmtes?«, fragte da die Frau in ihrem Rücken.

»Ich finde es schon.« Jessica nickte ihr nur beiläufig zu und entfernte sich etwas von dem Regal.

»Mir gehört der Laden hier«, erwiderte die Frau. »Im Allgemeinen weiß ich, wo alles ist.«

Ihr gehört der Laden. Jessica schloss kurz die Augen. Nun ja, Gummistiefel würde sie wohl so schnell keine mehr brauchen, und sie hatte auch nicht vor, in nächster Zeit campen zu gehen, also konnte sie den Kontakt trotzdem auf das Nötigste beschränken. Es sei denn, es war etwas mit den Kindern.

Sie drehte sich um. »Gummistiefel«, gab sie zurückhaltend Auskunft. »Ich brauche Gummistiefel. Haben Sie so etwas?«

»Natürlich.« Die große Frau mit den schwarzen Augen nickte. »In der Angelabteilung. Sogar welche, die bis über die Taille gehen.«

Gegen ihren Willen brachte das Jessica wieder ein wenig zum Lächeln. »In einen Fluss wollte ich eigentlich nicht waten, ich habe nur einen Rohrbruch in meinem Haus. Also denke ich, normal hohe Gummistiefel reichen.«

Die Besitzerin des Ladens ging ohne ein Wort an ihr vorbei nach hinten. Vermutlich beinhaltete das eine Aufforderung an Jessica, ihr zu folgen, aber längere Redeschwalle waren wohl nicht ihr Ding.

Jessica atmete tief durch und folgte ihr nach.

»Welche Schuhgröße haben Sie?« Der Blick der Frau wanderte auf Jessicas Füße, als sie hinter ihr in der Angelabteilung angekommen war. »Sechs?«

»Sieben«, antwortete Jessica.

»Hm.« Das war eher ein Brummen als ein Wort. Die Frau beugte sich hinunter, griff in den untersten Teil des Regals und tauchte mit einem Paar dunkelgrüner Gummistiefel in der Hand wieder auf. »Dann müssten die hier passen«, sagte sie, streckte den Arm aus und hielt Jessica die Gummistiefel hin.

»Kann ich die irgendwo anprobieren?«, fragte Jessica und sah sich nach einem Schemel oder so etwas in der Art um.

»Wo Sie wollen.« Sie erhielt nur eine uninteressierte Antwort, und die Frau kehrte einfach an ihr vorbei in den anderen Teil des Ladens zurück. Anscheinend hatte sie beschlossen, dass Jessica ausreichend bedient worden war.

Da sie keinen Stuhl oder etwas Ähnliches sah, auf das sie sich hätte setzen können, zog Jessica einen ihrer Schuhe im Stehen aus und schlüpfte dann in den Gummistiefel. Er passte perfekt. Als sie jedoch auf die Größe schaute, erstaunte es sie sehr, eine Neun in das Gummi hineingestanzt zu sehen. Oder war das vielleicht eine Sechs?

Sie zog den Gummistiefel wieder aus und ihren eigenen Schuh wieder an. Sie hatte gesagt Sieben, und die Frau hatte ihr eine Sechs gegeben. Und die Sechs passte. Also hatte sie wohl tatsächlich einen ganz guten Blick für Füße.

Dennoch ärgerte Jessica sich, dass sie ihre Auskunft einfach so ignoriert hatte. Wahrscheinlich akzeptierte sie es grundsätzlich nicht, nicht recht zu haben. Sie hatte Jessicas Füße auf eine Sechs geschätzt, und ganz egal, was Jessica ihr sagte – die es ja eigentlich wissen musste –, sie gab ihr Gummistiefel in Größe Sechs.

Auch wenn sie jetzt zufällig passten, sie hätte ihr zuerst die Größe Sieben geben müssen, um festzustellen, dass die vielleicht zu groß waren, und dann erst die Sechs zu probieren.

Erneut erinnerte Jessica sich an die Härte und Unerbittlichkeit in der Stimme dieser Frau, die sie schon von weitem wahrgenommen hatte. Sie allein war das Einzige, was sie interessierte, niemand anderer. Ihre Kinder nicht und ihre Kunden nicht.

Jessica wunderte sich, dass eine solche Frau überhaupt Kinder hatte. Das passte irgendwie überhaupt nicht zu ihr. Aber das war schließlich oft der Fall. Es gab Leute, die niemals hätten Kinder haben sollen, und trotzdem hatten sie welche.

Sie nahm sich vor, die Kinder noch mehr im Auge zu behalten, als sie es ohnehin schon vorgehabt hatte. Wenn sie je einmal einen blauen Fleck haben sollten...

Doch jetzt musste sie erst einmal diese Gummistiefel hier bezahlen und nach Hause zurückkehren, um zu sehen, wie sich der Rohrbruch entwickelt hatte. Und auf den Klempner warten, der vielleicht in einer Stunde kam oder auch in zwei oder drei... oder gar nicht? In dieser Stadt hier konnte sie das noch nicht einmal einschätzen.

Widerstrebend, weil sie die Sache mit der Schuhgröße eigentlich ansprechen wollte, gleichzeitig aber auch wusste, dass die Gummistiefel ja passten und sie sich vom Resultat her nicht beklagen konnte, begab sie sich zur Kasse. Eine zweite Sache, die sie hätte ansprechen wollen, wären die Kinder gewesen, aber auch da hatte sie schließlich schon beschlossen, das lieber sein zu lassen. So war sie also im Großen und Ganzen mit sich unzufrieden, als sie endlich an dem Kassentisch, hinter dem die Besitzerin des Ladens gerade etwas in ein Buch eintrug, ankam.

»Wynona! Mika hat sich in die Hand geschnitten!« Das Mädchen, das die Frau, die anscheinend also Wynona hieß, zuvor mit ihrem Bruder nach hinten geschickt hatte, kam laut rufend auf den Kassentresen zugerannt.

Wynona schloss sich ihrer Aufregung nicht an, sondern richtete sich ganz ruhig auf und fragte: »Was hat er jetzt wieder angestellt, Kim?«

»Er wollte etwas ausschneiden, und dabei ist ihm die Schere abgerutscht«, erklärte Kim, nun ebenfalls ruhiger. »Blutet fürchterlich!«

»Kann ich mir vorstellen.« Wynona warf einen ernsten Blick – konnte sie überhaupt lächeln oder gar lachen? – auf Jessica. »Sie wollen die Gummistiefel?«

Jessica nickte nur. »Aber das hat Zeit. Kümmern Sie sich besser zuerst um Ihren Sohn.« Wie konnte diese Frau hier so ruhig stehen? Jessica selbst war schon ganz hibbelig von dem, was Kim gesagt hatte, und von der Unruhe, die sie ausstrahlte.

Wynona schien zu stutzen. »Vierzig Dollar«, sagte sie dann und zeigte auf die Stiefel. »Sie können das Geld auch einfach hier liegenlassen.« Sie drehte sich um, ging auf ihre Tochter zu, und die beiden begaben sich nach hinten.

Verdutzt blickte Jessica den sich entfernenden Gestalten nach. Das war allerdings sehr... ländlich. Diese Frau, Wynona, hatte sie weder nach ihrem Namen noch nach ihrer Adresse gefragt. Auch schien sie sich keine Sorgen darum zu machen, dass Jessica die Stiefel einfach nicht bezahlen würde. Oder dass jemand anderer kam und sich das Geld vom Kassentresen holte, wenn Jessica es dort lassen würde und niemand hier war.

Sie war hin- und hergerissen. Sollte sie bleiben oder sollte sie gehen? Unentschlossen nahm sie zuerst einmal ihr Portemonnaie heraus und suchte nach Bargeld. Sie hatte keine vierzig Dollar. Normalerweise bezahlte sie mit Karte. Wie jeder andere auch. Das konnte sie aber nur, wenn jemand hier war, der die Karte durch das Lesegerät zog und die Kasse entsprechend bediente.

Also hatte sich das schon mal erledigt. Aber was sollte sie jetzt tun?

»Au!« Ein durchdringender Schrei drang von hinten nach vorn.

Alarmiert zuckte Jessica hoch. Das Portemonnaie wäre ihr beinah aus der Hand gefallen. Der hohe Schrei musste von dem Jungen gekommen sein, der sich verletzt hatte. Wahrscheinlich ging seine Mutter nicht sehr sanft mit ihm um.

Sina Kani: ... wenn ihr die schöne Nachbarin gefällt

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