In ihr schien sich eine Art Brodeln aufzubauen, das sie nicht unterdrücken konnte. Wie das Wasser im Topf, das erst Luftblasen bildete – das war schon die ganze Zeit der Fall –, jetzt aber endgültig hochstieg und gleich überkochen würde.

Die ganze Zeit hatte sie sich zurückgehalten, aber jetzt konnte sie einfach nicht mehr. Mit großen Schritten begab sie sich nach hinten.

Hinter einem Vorhang fand sie die kleine Familie. Der Junge – Mika hatte seine Schwester ihn wohl genannt – saß am Tisch und hielt seinen Arm von sich gestreckt. Seine Mutter beugte sich über seine Hand und war gerade dabei, ein Taschentuch über dem Daumen zuzuknoten.

»Das sollte reichen«, sagte sie. »Pass das nächste Mal besser auf. Wie oft habe ich dir das schon gesagt?«

In Anbetracht der Tatsache, dass der Junge sicher Schmerzen hatte und ein bisschen Trost hätte vertragen können, klang die Stimme dieser Wynona schon wieder sehr hart. Aber selbst unter normalen Umständen... Jessica konnte es nicht glauben. Hatte sie ihn überhaupt in den Arm genommen, als sie hereingekommen war? Wahrscheinlich nicht.

»Warum hast du nicht die andere Schere genommen?«, fragte Wynona jetzt und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Dann griff sie nach Mikas Schulrucksack und schaute hinein, kramte darin herum. »Die habe ich doch extra für die Schule gekauft.«

»Die ist überhaupt nicht scharf«, beklagte Mika sich und schien seine Hand für einen Augenblick vergessen zu haben. »Damit kann man nichts ausschneiden.«

»Deine Lehrerin hat dir aber bestimmt nicht gesagt, dass du deinen Daumen ausschneiden sollst.« Wynonas Lippen pressten sich zusammen und sie sah Mika strafend an.

»Das kann doch jedem mal passieren.« Jessica konnte sich nicht mehr zurückhalten und mischte sich ein. »Besonders einem Kind. Wie alt ist er? Zwölf?«

Erstaunt blickte Wynona, die am Tisch saß und deshalb jetzt nicht ganz so furchteinflößend wirkte, zu ihr hoch. »Das hier ist privat«, wies sie Jessica fast genauso scharf zurecht wie zuvor Mika. »Sie haben hier nichts zu suchen.«

Damit hatte sie zwar theoretisch recht, aber Jessica fand immer, besondere Situationen erforderten besondere Mittel. »Ich habe Ihren Sohn schreien gehört«, gab sie gereizt zurück. »Das hörte sich nicht gut an.«

»Jod auf einer Wunde hört sich nie gut an«, erwiderte Wynona trocken. »Da mussten wir alle schon mal durch. Heilt wieder.« Sie erhob sich vom Tisch und blickte auf ihren Sohn hinunter. »Lass dir von Kim beim Ausschneiden helfen, wenn du es nicht kannst. Und jetzt mach den Rest deiner Hausaufgaben.« Damit drehte sie sich um und ging durch den Vorhang an Jessica vorbei nach draußen, wieder in den Laden zurück.

Jessica war perplex. Kurz ließ sie ihren Blick noch einmal auf dem Jungen ruhen, der jetzt ein Heft zu sich heranzog. Er war offensichtlich Linkshänder, denn seine rechte Hand war verletzt, aber er nahm den Stift ganz automatisch in die linke Hand und fing an zu schreiben.

»Tut es noch weh?«, fragte Jessica besorgt.

Er blickte zu ihr hoch, als hätte er ihre Frage gar nicht verstanden. Dann runzelte er die Stirn, überlegte kurz und antwortete: »Geht so. Ist nicht so schlimm.« Er musterte sie noch einmal neugierig, wie er es schon mal getan hatte.

»Mach deine Hausaufgaben«, befahl ihm nun seine Schwester fast im selben Ton wie seine Mutter zuvor. »Wenn ich jetzt schon den Mist für dich ausschneiden muss, weil du zu blöd bist, eine Schere zu halten.«

Zwischen Geschwistern war das natürlich etwas anderes. Sie sagten sich schon mal so was. Aber eine Mutter sollte das nicht, dachte Jessica. »Soll ich euch helfen?«, fragte sie.

Der Junge schien sich noch nicht entschieden zu haben, da schüttelte Kim schon den Kopf. »Wir brauchen keine Hilfe. Wir schaffen das schon allein.«

Wie interessiert sie vorhin im Laden auch immer an Jessica gewesen war, jetzt war sie es nicht mehr oder wollte es einfach nur nicht zeigen. Es schien, als hätte sie die Aufgabe erhalten, Wynona 2 zu sein.

Die hat ihre Kinder richtiggehend dressiert, dachte Jessica empört. Sie tun alles, was sie sagt, und beklagen sich nicht. Noch nicht mal, wenn sie sich wehgetan haben. Ist das die übliche abhärtende Erziehung für Indianer? Indianer weinen nicht?

Hier weinte jedenfalls niemand. Beide Kinder saßen jetzt mit gesenkten Köpfen am Tisch, Kim schnitt etwas aus und Mika kaute auf seinem Stift herum, während er konzentriert auf sein Heft starrte.

Widerstrebend musste Jessica einsehen, dass es für sie hier nichts mehr zu tun gab. Sie drehte sich ebenfalls zu dem Vorhang um, der diesen privaten Raum abteilte, schob ihn beiseite und trat wieder in den Laden hinaus. Dann blieb sie unentschlossen stehen.

Eigentlich wollte sie dieser Wynona nun endgültig die Meinung sagen, aber auf der anderen Seite konnte sie sich mittlerweile schon vorstellen, wie sie reagieren würde. Wenn auch vielleicht nicht laut, aber auf jeden Fall leise würde sie Jessica auslachen. War etwa etwas mit den Kindern? Sie hatte Mika versorgt, oder? Wie es von einer guten Mutter erwartet wurde.

Kurz schloss Jessica die Augen und konzentrierte sich auf ihre innere Wut. Sie presste ihre Hände zu Fäusten zusammen und öffnete sie wieder, ließ dann ihre Aufmerksamkeit von den Zehen bis zum Kopf durch ihren Körper wandern und zählte bis zehn. Danach schlug sie die Augen wieder auf.

Jetzt konnte sie dieser Frau, die für sie das Gegenteil von einer guten Mutter war, zumindest äußerlich ruhig entgegentreten. Sie begab sich gemessenen Schrittes zum Kassentisch.

Wynona schien völlig ungerührt. Anscheinend hatte sie das wieder aufgenommen, worin Mikas Scherenunfall sie unterbrochen hatte. Sie wirkte so, als wäre sie sich überhaupt nicht mehr dessen bewusst, dass Jessica noch da war.

»Vierzig Dollar sind ein bisschen viel nur für Gummistiefel, oder?«, konnte sie sich jedoch nicht enthalten, herausfordernd zu fragen.

Ruhig und ohne die Miene zu verziehen blickte Wynona auf. »Sie können es ja woanders versuchen«, gab sie mit einem so ausdruckslosen Gesicht zurück, wie man es von einer Indianerin erwartete. »Irgendwo in einer Großstadt an der Ostküste, wo Sie wahrscheinlich herkommen, haben die Sachen keinen so weiten Weg hinter sich. Da können sie billiger sein. Bis sie hier bei uns sind, sind sie teurer.«

»Ich komme nicht von der Ostküste. Ich bin aus Michigan«, korrigierte Jessica sie nicht ohne eine gewisse innere Schadenfreude. »Ann Arbor.«

Die Besitzerin des Outdoorladens betrachtete sie gleichgültig, so als wartete sie nur darauf, dass Jessica bezahlen oder gehen würde. Vermutlich hätte sie ihr genauso gut mitteilen können, sie käme vom Mond, das interessierte diese nur teilweise gezähmte Wilde nicht ein bisschen.

»Dummerweise brauche ich die Stiefel jetzt«, quetschte Jessica zwischen zusammengepressten Lippen hervor. »Mein Haus läuft gerade voll Wasser. Ich habe keine Zeit, die ganze Stadt abzuklappern.«

Als ob sie vor einem Bühnenauftritt eine verheißungsvolle Pause einlegen wollte, sagte ihr Gegenüber ein paar Sekunden lang nichts. »Vierzig Dollar«, wiederholte sie dann völlig unbeeindruckt.

Jessica zog ihre Kreditkarte heraus und legte sie ihr hin. Wynona nahm sie, zog sie durch den Kartenleser, betätigte die Kasse, ließ einen Bon heraus und reichte Jessica ihre Karte und den kleinen Papierfetzen zurück. Mehr tat sie nicht. Die Gummistiefel, die immer noch auf dem Tisch standen, musste Jessica sich selbst schnappen.

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