Was sie dann auch tat. Trotz der Achtsamkeitsübung, die sie eben durchgeführt hatte, konnte sie sich nur mühsam zurückhalten. Doch das musste sie. Schließlich kam sie aus der Zivilisation, und das hier war der Wilde Westen. Da durfte sie nicht die Wilde sein. Sie musste sich beherrschen und den Leuten hier zeigen, was Erziehung ausmachte.

Also griff sie sich die Gummistiefel, drehte sich um und stapfte wie ein wutschnaubender Bison, wie es sie hier in der Prärie haufenweise gab, ohne ein Wort zu sagen aus dem Laden hinaus.

3

Selbstverständlich war von einem Klempner weit und breit nichts zu sehen, als sie nach Hause kam. Von der Katze auch nicht. Ihr war es wohl zu nass geworden.

Mit den Gummistiefeln bewaffnet ging sie ins Haus hinein, und es erwartete sie genau das, was sie schon erwartet hatte: Der See hatte sich noch weiter ausgebreitet und die Kuhle weiträumig verlassen. Leider hatte sie nicht die geringste Ahnung von Rohrleitungen oder dem, was man tun musste, um sie zu reparieren. Aber die Gummistiefel erlaubten es ihr, jetzt wenigstens nach der sprudelnden Quelle des Unglücks zu suchen. Vielleicht konnte sie ja ein Tuch drumwickeln, wie es ihr die gelangweilte Sekretärin des Maklers empfohlen hatte.

Diesmal versuchte sie gar nicht erst, das Wasser in den Eimer zu befördern. Es hatte ja doch keinen Sinn. Sie konnte nur hoffen, dass sie den Nachschub aus dem Rohr ein wenig aufhalten konnte, damit der See nicht den gesamten unteren Bereich des Hauses überschwemmen würde.

Während das Wasser ihr an den Stiefeln nun schon bis an die Knöchel stand, beobachtete sie die Bewegung der Wasseroberfläche in der Kuhle. Von wo wurde sie ausgelöst? Sie stand ganz still, bis sie selbst keine Bewegung mehr verursachte, und nach einer Weile konnte sie erkennen, dass das Wasser auf jeden Fall aus dem hinteren Teil der Küche kam, wo die Waschmaschine stand. Da war logischerweise auch der Wasseranschluss.

Sie ging auf die Waschmaschine zu und versuchte, sie von den Kacheln wegzuziehen. Allerdings war die Maschine vermutlich schwerer als sie selbst, und deshalb gestaltete sich dieses Unterfangen etwas mühsam. Aber mit langsamem Hin- und Herruckeln, viel Stöhnen und Ächzen und der Hilfe des Wassers, das den Untergrund rutschig genug machte, sodass auch die Waschmaschine sich nicht mehr am Boden festkrallen konnte, schaffte sie es, die Maschine so weit vorzuziehen, dass sie sich durch die entstandene Lücke knapp dahinterschieben konnte.

Das Haus war so alt, dass die Rohre nicht unter Putz lagen – jedenfalls diese hier nicht –, und so konnte sie jetzt sehen, wo am Rohr sich das Leck gebildet hatte. Offenbar nicht zum ersten Mal, denn um die Stelle herum war eine ganze Menge Duct Tape gewickelt, unter dem allerdings jetzt das Wasser wieder hervorquoll. Manche Leute dachten tatsächlich, mit Duct Tape könnte man alles reparieren. Auf jeden Fall hatte das wohl der Vormieter dieses Hauses gedacht, denn nach professioneller Klempnerarbeit sah das nicht aus. Wahrscheinlich hatte er sich den Klempner sparen wollen, und es hatte zumindest so lange gehalten, bis er ausgezogen war.

Aber nicht so lange, bis ich eingezogen bin. Jessica seufzte. Vielleicht fand sie hier ja noch etwas Duct Tape, das der Vormieter zurückgelassen hatte. Dann konnte sie seine Methode noch einmal anwenden und das Haus vor weiteren Verwüstungen bewahren, bis der Klempner kam. Falls er kam...

In dem Putzschrank, den sie zuvor schon einmal durchsucht hatte, hatte sie kein Duct Tape gesehen. Möglicherweise unter der Spüle? Sie kämpfte sich durchs Wasser zur Spüle hinüber. Nein, da war nichts. In der Garage vielleicht?

Schnell verließ sie das Haus und öffnete das Garagentor. Es war nicht abgeschlossen. Warum wunderte sie das jetzt nicht?

Die Garage sah nicht besonders aufgeräumt aus, aber auf einem Regal entdeckte sie schon von weitem das vertraute Klebeband. In großen Mengen sogar. Wie viele Rohrbrüche gab es denn hier so im Jahr?

Mit einer Rolle Duct Tape in der einen und einem scharfen Teppichmesser, das daneben auf dem Regal gelegen hatte, in der anderen Hand stiefelte Jessica zurück zum Haus und betrat es, wenn auch widerstrebend, erneut. Sie versuchte gar nicht hinzusehen, wie viel Wasser ihr jetzt bereits auf der Hälfte des Wohnzimmers entgegenkam.

In der Küche klemmte sie sich mit Mühe hinter die Waschmaschine und wiederholte das, was ihr Vormieter offensichtlich schon einmal getan hatte, nämlich das Rohr so dick mit Duct Tape zu umwickeln, dass kein Wasser mehr heraustrat. Wie lange das auch immer her war, das Rohr hatte mittlerweile offensichtlich weiter gelitten, und es gelang ihr nicht ganz, das Leck abzudichten. Also holte sie einen Eimer und stellte ihn darunter. Nun tropfte oder eher perlte das Wasser in den Eimer. Den würde sie wohl bald schon ausleeren müssen.

Seufzend griff sie sich den anderen Eimer und den Mopp und begann die Bescherung aufzuwischen. Zuerst einmal öffnete sie die Tür aus der Küche in den Hinterhof und fegte das meiste Wasser mit dem Mopp hinaus. Den Rest musste sie dann jedoch tatsächlich mühsam über den Eimer entsorgen. In der Zwischenzeit war der Eimer unter dem Rohr schon fast wieder vollgelaufen, den sie dann auch im Ausguss im Hinterhof entleerte, nachdem sie den anderen Eimer als Ersatz unter das Leck gestellt hatte.

Sie atmete tief durch, stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete das Leck, das sich nicht schließen wollte, misstrauisch. So konnte es nicht bleiben. Wenn der Klempner heute nicht mehr kam, würde heute Nacht, während sie schlief, wieder die ganze Küche mit Wasser volllaufen. Vielleicht sogar das halbe Haus. Und falls das Duct Tape nicht hielt, auch noch der Hinterhof.

Sie musste unbedingt diesen Makler noch einmal anrufen. Der Klempner musste einfach kommen. Sie ging zurück ins Wohnzimmer und nahm ihr Handy, aber als sie die Nummer schon auf dem Display hatte, hörte sie plötzlich Stimmen.

Sie spitzte die Ohren. Das klang, als käme es aus dem Nebenhaus. Ihre Nachbarn waren nach Hause gekommen. Vielleicht konnten die ihr helfen. Sie mussten die Probleme mit diesem Haus hier ja eigentlich noch vom Vormieter her kennen.

Ein erfreutes Lächeln glitt über ihr Gesicht. Sie war nicht mehr allein im Kampf gegen das defekte Rohr. Gleich würde sie Hilfe bekommen.

Sie tauschte die Eimer noch einmal aus, den vollen gegen den leeren, dann verließ sie hoffnungsfroh das Haus, um ihre Nachbarn zu fragen, ob sie vielleicht noch eine bessere Idee hatten.

Draußen vor dem Haus hatte ein Fahrrad gelegen, als sie gekommen war. Das war jetzt weg. Dafür stand ein großer Truck in der Auffahrt. Trucks waren überall in Amerika beliebt, aber dieser hier war besonders groß. Er sah auch so aus, als wäre er nicht nur ein Familienmobil, sondern würde auch für Transporte benutzt. Nach dem Dreck zu urteilen für Transporte von Materialien, die eher in den Baubereich gehörten.

Das Lächeln auf ihrem Gesicht vertiefte sich. Vielleicht war der Hausherr Handwerker. Der konnte ihr bestimmt helfen.

Sie betrat die Veranda und zog die Fliegentür auf, klopfte an die Haustür. »Hallo?« Obwohl sie eben noch Stimmen gehört hatte, waren sie jetzt verstummt. »Hallo? Ist jemand da?«, fragte sie überflüssigerweise, denn sie wusste ja ganz genau, dass jemand da war. »Ich bin Ihre neue Nachbarin. Von nebenan.«

Sina Kani: ... wenn ihr die schöne Nachbarin gefällt

1 »Teenager mit Problemen sind keine Kinder, die du betütern kannst, sondern eine Gefahr für...
»Du kannst es doch machen wie er«, schlug Jessica deshalb vor. »Du nimmst dir nur drei Monate vor....
Sie wankte auf die Couch zu, um sich fallenzulassen, da hörte sie plötzlich ein Geräusch. Im...
»Du kennst dich ja hier aus, oder?«, sagte sie zu der Katze, weil sie das Gefühl hatte, es...
Obwohl es unbehaglich in Jessica grummelte, war es psychologisch gesehen immer am besten, solchen...
In ihr schien sich eine Art Brodeln aufzubauen, das sie nicht unterdrücken konnte. Wie das Wasser...
Was sie dann auch tat. Trotz der Achtsamkeitsübung, die sie eben durchgeführt hatte, konnte sie...
Drinnen fiel anscheinend etwas um, dann schien es, als näherten sich schwere Schritte der Tür....
4 Am Morgen wurde Jessica von lauter Musik geweckt. Allerdings war es nicht die Art von Musik, die...
Also schnappte sie sich ihre Tasche und ging zu ihrem Wagen hinaus, um einkaufen zu fahren. Als...
Sie hatte jetzt wirklich andere Sorgen als eine Freundin zu finden. »Hauptsache, deine Küche steht...
Auch wenn Jessica überhaupt nicht damit einverstanden war, wie deren Mutter sie behandelte, aber...