Drinnen fiel anscheinend etwas um, dann schien es, als näherten sich schwere Schritte der Tür. Jessica trat einen Schritt zurück und blickte an der geschlossenen Türfüllung leicht in die Höhe, weil sie erwartete, gleich einen großen Mann vor sich zu sehen.

Die Tür wurde nach innen aufgezogen. Die Höhe, auf der Jessica ihren Blick hatte ruhen lassen, war ziemlich gut geschätzt gewesen. Nur war es kein Mann, dem sie jetzt gegenüberstand.

Sie hätte fast nach Luft geschnappt. »Ähm...«, brachte sie nur heraus.

»Was wollen Sie denn schon wieder?«, fragte Wynona mit dunkel zusammengezogenen Augenbrauen. »Wollen Sie die Gummistiefel umtauschen?«

»Nein... Ähm...« Was sollte Jessica bloß tun? Diese Frau konnte sie doch nicht darum bitten, ihr zu helfen.

»Irgendwie habe ich Sie etwas wortgewaltiger in Erinnerung«, bemerkte Wynona sarkastisch. »Wie alle Leute aus dem Osten. Ihr hört ja kaum auf zu reden.« Ihre Brauen, die sich zwischenzeitlich etwas entspannt hatten, zogen sich gemeinsam mit ihrer Stirn erneut zu einer abweisenden Miene zusammen. »Und mischt euch überall ein«, fügte sie noch geringschätzig hinzu. »Also, was wollen Sie?« Nun blitzten ihre dunklen Augen auch noch misstrauisch. »Woher wissen Sie überhaupt, wo ich wohne?«

»Ich... ähm...« So oft, wie sie dieses peinliche Verlegenheitswörtchen jetzt ausgesprochen hatte, hatte Jessica es in den ganzen letzten Monaten nicht ausgesprochen. Wynona verwirrte sie aber auch mehr als alles, was sie in den letzten Monaten erlebt hatte. »Ich bin Ihre neue Nachbarin«, wiederholte sie endlich. »Ich wohne seit heute da drüben.« Sie wies mit einer Hand zu ihrem Häuschen hinüber.

»Sie?« Das schien Wynona mehr zu erstaunen, als es sie hätte erstaunen sollen. Hatte sie nicht erwartet, dass irgendwann einmal wieder jemand in dieses Haus einziehen würde?

»Ja, ich«, bestätigte Jessica leicht gereizt, denn Wynonas Reaktion führte sofort wieder dazu, dass sich das innere Brodeln, das sich nach ihrer ersten Begegnung nur widerwillig beruhigt hatte, erneut meldete. »Ich kann es auch nicht ändern. Ich wusste ja nicht, dass Sie hier –« Sie brach ab und trat auf der Veranda zurück. »Entschuldigen Sie, dass ich Sie gestört habe.« Mit schnellen Schritten ging sie die Verandastufen hinunter.

»Weshalb tragen Sie die Gummistiefel?«, hörte sie da jedoch Wynonas Stimme in ihrem Rücken. »Steht Wasser im Haus?«

Hatte sie nicht im Geschäft schon mal erwähnt, dass sie einen Rohrbruch hatte? Aber warum hätte diese Frau sich das merken sollen? Jessica verzog verärgert das Gesicht, atmete tief durch und drehte sich um. »Ja«, bestätigte sie kurzangebunden. »Aber das ist ja nicht Ihr Problem. Sorry noch mal für die Störung.« Wieder drehte sie sich um und wollte zu ihrem Haus hinübergehen.

Sie hörte nur einen Schritt hinter sich, dann einen Sprung. Diese Frau benutzte mit ihren langen Beinen nicht die Stufen der Veranda, sondern nahm sie gleich alle auf einmal. Sie kam Jessica nach. »Ich kenne das Problem«, sagte sie und ging neben Jessica her zum Haus hinüber. »Ist nicht das erste Mal.«

»Hab ich gesehen«, nickte Jessica. »Da war eine Menge Duct Tape ums Rohr gewickelt. Und noch mehr in der Garage.«

»Das Rohr müsste mal ersetzt werden«, sagte Wynona. »Irgendwann hilft Duct Tape einfach nicht mehr.«

»Das können Sie laut sagen«, stimmte Jessica ihr zu. »Ich habe noch mal eine Menge drumgewickelt, aber ich wette, der Eimer, den ich druntergestellt habe, ist schon wieder übergelaufen in der kurzen Zeit, in der ich jetzt bei Ihnen war.«

»Haben Sie das alte Duct Tape vorher abgemacht?« Die Frage klang, als ob Wynona schon erwarten würde, dass Jessica das nicht getan hatte.

Und das hatte sie auch nicht. Aber so schnell wollte sie das nicht zugeben. »Immerhin habe ich das Wasser dazu gebracht, dass es nicht mehr in Strömen herausfließt«, gab sie patzig zurück.

»Große Leistung«, murmelte Wynona, während sie schon die Verandastufen hier an diesem Haus in einem Satz hinaufsprang, wie sie sie an ihrem eigenen Haus heruntergesprungen war.

Ja, das ist eine große Leistung, dachte Jessica trotzig. Es laut zu sagen hatte ja wahrscheinlich sowieso keinen Sinn bei dieser eingebildeten Wilden. Für jemanden, der normalerweise keine Rohre repariert.

Wynona trug robuste Cowboystiefel, weshalb ihre Schritte im Haus wohl auch so schwer geklungen hatten, und deshalb machte sie sich nicht die Mühe, sie aus- oder etwas anderes wie zum Beispiel Gummistiefel anzuziehen, als sie nun in die Küche traten. Sie ignorierte das Wasser, das sich mittlerweile wieder angesammelt hatte, einfach und stapfte hindurch auf die Waschmaschine zu. Mit einer geübt erscheinenden Bewegung packte sie sie und zog sie mit einem Ruck mindestens um das Doppelte von dem zur Seite, das Jessica mit ihrem gefühlt stundenlangen Ruckeln geschafft hatte. Sie blickte auf den Eimer, der wie erwartet bereits bis zum Rand voll und übergelaufen war.

»Ich brauche das Teppichmesser aus der Garage«, sagte sie und war fast schon wieder aus der Küche hinaus, anscheinend, um es zu holen.

»Es ist hier.« Jessica sprang in das Wasser in der Kuhle hinein, dass es hochspritzte, und platschte hinüber zur Spüle, wo sie das Duct Tape und auch das Messer abgelegt hatte. »Ich hatte es gleich aus der Garage mitgebracht.«

Beinah erstaunt blickte Wynona sie an, nahm das Messer, das Jessica ihr nun reichte, und brummte irgendetwas, das Jessica nicht verstand. Wie Danke klang es jedenfalls nicht.

Tut Höflichkeit eigentlich weh? dachte Jessica, biss aber die Zähne zusammen und sagte nichts, während Wynona mit dem Messer hinter die Waschmaschine glitt.

Sie hockte sich hin und es ratschte ein paar Mal, dann streckte sie den Arm zu Jessica hinaus. »Das Tape«, befahl sie.

Also betrachtete sie Jessica jetzt wohl als ihre Handlangerin. Jessicas Kiefer verkrampften sich fast, weil sie sie nicht mehr lösen konnte, aber sie reichte Wynona die Klebebandrolle zu.

Wieder ratschte es, als Wynona das Band mehrmals hintereinander von der Rolle abzog, dann hörte Jessica metallische Geräusche, und ein paar Minuten später richtete Wynona sich auf und kam rückwärts aus der Höhle, die die Rohrleitungen verbarg, heraus, bevor sie Jessica ohne sie anzusehen anwies: »Holen Sie den Eimer da raus. Dann kann ich die Maschine wieder zurückschieben.«

Konnte man jemanden, der einem gerade geholfen hatte, einen Rohrbruch zu verschließen, zum Dank ohrfeigen? dachte Jessica, aber dann nahm sie sich zusammen und holte den vollen Eimer heraus.

Kaum stand sie damit in der Kuhle, griff Wynona an die Seiten der Maschine, stemmte sich dagegen und schob sie ohne große Mühe wieder an ihren Platz. »Das hält jetzt eine Weile«, sagte sie. »Aber ich bin keine Klempnerin. Sie sollten den Klempner holen, damit er das Rohr austauscht.«

»Den hatte ich schon bestellt«, quetschte Jessica zwischen zusammengepressten Lippen hervor. »Über den Makler, der mir dieses Haus vermietet hat. Beziehungsweise seine Sekretärin. Aber sie sagte, sie wüsste nicht, ob der Klempner Zeit hat. Und bis jetzt hatte er anscheinend keine.«

»Georgie?« Ein wissendes Grinsen blitzte kurz in Wynonas Gesicht auf. »Der hat schon Zeit. Wahrscheinlich verbringt er die nur gerade beim Fischen.«

Na, das kann ja heiter werden in diesem Nest, dachte Jessica. Wenn die hier alle lieber angeln gehen als zu arbeiten.

Wobei sie zugeben musste, dass Wynona zumindest darin eine Ausnahme war, denn sie hatte tatsächlich in ihrem Laden gestanden, als Jessica angekommen war.

Sina Kani: ... wenn ihr die schöne Nachbarin gefällt

1 »Teenager mit Problemen sind keine Kinder, die du betütern kannst, sondern eine Gefahr für...
»Du kannst es doch machen wie er«, schlug Jessica deshalb vor. »Du nimmst dir nur drei Monate vor....
Sie wankte auf die Couch zu, um sich fallenzulassen, da hörte sie plötzlich ein Geräusch. Im...
»Du kennst dich ja hier aus, oder?«, sagte sie zu der Katze, weil sie das Gefühl hatte, es...
Obwohl es unbehaglich in Jessica grummelte, war es psychologisch gesehen immer am besten, solchen...
In ihr schien sich eine Art Brodeln aufzubauen, das sie nicht unterdrücken konnte. Wie das Wasser...
Was sie dann auch tat. Trotz der Achtsamkeitsübung, die sie eben durchgeführt hatte, konnte sie...
Drinnen fiel anscheinend etwas um, dann schien es, als näherten sich schwere Schritte der Tür....
4 Am Morgen wurde Jessica von lauter Musik geweckt. Allerdings war es nicht die Art von Musik, die...
Also schnappte sie sich ihre Tasche und ging zu ihrem Wagen hinaus, um einkaufen zu fahren. Als...
Sie hatte jetzt wirklich andere Sorgen als eine Freundin zu finden. »Hauptsache, deine Küche steht...
Auch wenn Jessica überhaupt nicht damit einverstanden war, wie deren Mutter sie behandelte, aber...