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Am Morgen wurde Jessica von lauter Musik geweckt. Allerdings war es nicht die Art von Musik, die sie hier erwartet hatte. Auf dem Weg hierher hatte sie im Auto Radio gehört, und da hatte sie die Auswahl gehabt zwischen Country, Country und... Country. Country-Musik war das, was jetzt in ihre Ohrmuscheln drang, jedoch auf keinen Fall.

Sie schüttelte den Kopf und lächelte. Langweilig war das Landleben bis jetzt tatsächlich nicht. Es war voller Überraschungen. Und wenn sie diese Musik hörte, dachte sie, sie wäre wieder in der Stadt.

Vertu dich da nur nicht. Schließlich ist der Rohrbruch immer noch nicht endgültig repariert, dachte sie etwas innerlich seufzend.

Aber für den Moment zumindest so weit im Zaum gehalten wie ein wilder Mustang, der in den Stall gesperrt worden war. Wahrscheinlich musste man damit hier in dieser Gegend einfach zufrieden sein.

Sie streckte sich im Bett und musste nun doch schmunzeln. Ihren ersten Morgen nach ihrer ersten Nacht hier hatte sie sich etwas anders vorgestellt. Ein leise plätschernder Bach hinter dem Haus, ein paar Vögel, die sie mit ihrem lieblichen Gesang begrüßten... Aber so konnte man das, was da aus dem Nebenhaus drang, bestimmt nicht nennen.

Sie schwang die Beine aus dem Bett und setzte sich auf die Bettkante, stieß sich wie bei einer sportlichen Übung davon ab und stand elastisch auf. Neuer Tag, neues Glück. Und ganz bestimmt ein ganz neues Leben.

Als sie aus dem Bad ins Schlafzimmer zurückkehrte, hörte sie eine Stimme, die nicht Teil des Heavy-Metal-Geschreis war, es sogar noch übertönte.

»Ich hab dir schon tausendmal gesagt, dass ich diesen Scheiß hier nicht hören will!«, brüllte Wynona. »Und unsere Nachbarn auch nicht!«

Nachbarn? Jessicas Stirn runzelte sich. Meinte Wynona etwa sie damit? Sollte das so eine Art Rücksichtnahme sein?

Na ja, immerhin hatte sie den Rohrbruch notdürftig geflickt. Das musste man ihr zugutehalten. Manieren konnte man hier im Wilden Westen eben nicht erwarten.

Nachdem sie dafür gesorgt hatte, dass Jessica in dieser Nacht nicht wegschwimmen würde, hatte sie sich sang- und klanglos wieder verabschiedet, sich auf dem Absatz umgedreht und war in ihr Haus zurückgekehrt, als ob Jessica gar nicht da wäre. Obwohl nur ihre Gummistiefel nass waren und nicht ihr Kopf, hatte Jessica sich gefühlt wie ein begossener Pudel, als sie dastand und ihr hinterhersah. Sie hatte noch nicht einmal mehr Danke sagen können.

Das Heavy-Metal-Gedröhn verstummte. Während Jessica noch im ersten Stock am Fenster stand und nachdenklich zum Nachbarhaus hinüberblickte, sah sie einen ziemlich altersschwachen Truck auf ihr Grundstück fahren. Auf der offenen Ladefläche lagen irgendwelche rostigen Metallteile. Wollte die jemand hier entsorgen, weil er dachte, das Haus wäre immer noch unbewohnt?

Sie öffnete das Fenster und beugte sich mit einem fragenden Gesichtsausdruck leicht hinaus, während gleichzeitig ein älterer Mann aus der Fahrerkabine des Trucks stieg. Er blickte zu Jessica nach oben. Das Fenster hatte beim Öffnen einigen Krach gemacht, gequietscht und gescheppert. Das musste wohl auch mal repariert werden. Und vermutlich noch einiges andere in diesem Haus. Jessica seufzte.

»Sind Sie der Rohrbruch?«, fragte der Mann mit den weißen Haaren in diesem Augenblick mit in den Nacken gelegtem Kopf zu ihr hoch.

Jessica stutzte. »Sind Sie der Klempner?«, fragte sie überrascht zurück.

»Jo«, bestätigte er lässig. Nach diesem Wortschwall verstummte er, ging hinten an seinen Truck und nahm eine altertümliche Metallwerkzeugbox von der Ladefläche, die sich mit ihrem rostigen Äußeren gut dem Rest der Ladung angepasst hatte.

Will der mir etwa so ein rostiges Rohr hier einbauen? dachte Jessica entsetzt.

Das musste dann wohl dieser Georgie sein. Und sie wunderte sich, dass seine Ladefläche gar kein Angelzeug enthielt.

Schnell schlüpfte sie in ihre Jeans und lief ins Erdgeschoss hinunter, um ihn einzulassen.

»Wer hat das denn verbrochen?«, fragte er knurrend, nachdem sie mit vereinten Kräften die Waschmaschine wieder hervorgezogen hatten, sodass er dahinterkriechen konnte. »Sie?«

»Da war vorher auch schon Duct Tape drauf«, verteidigte Jessica sich. »Deshalb habe ich versucht, das auch damit hinzukriegen.« Sie schüttelte den Kopf. »Aber ich habe es nicht geschafft. Meine Nachbarin hat das gemacht.«

»Ach so, Wynona.« Das schien ihn sofort zu besänftigen.

Wie? dachte Jessica. Wenn ich das gemacht hätte, wäre es Schrott, aber wenn Wynona das macht, ist es in Ordnung? Das war wohl Dorfsolidarität. Sie als Fremde von außerhalb hatte keinen Anspruch darauf.

Er brummelte noch etwas hinter der Waschmaschine herum, dann kam er wieder aus dem dunklen Loch heraus. »Muss ich ersetzen«, verkündete er knapp.

Jessica nickte. »Das habe ich mir schon gedacht.« Besorgt erinnerte sie sich an die rostigen Metallteile auf seinem Truck. »Aber das neue Rohr wird dann länger halten?«, fragte sie misstrauisch.

»Oh ja.« Er schien ziemlich überzeugt. »Der neue Plastikkram hält schon ’ne Weile.«

Plastik. Fast hätte Jessica erleichtert ausgeatmet. Plastik war das auf seinem Truck jedenfalls nicht.

»Muss ich aber erst besorgen«, informierte er sie. »Ich fahr mal kurz rüber zum Hardware Store.«

Aber hoffentlich nicht zwischendurch noch zum Fischen, hätte Jessica ihn am liebsten gewarnt, doch sie verkniff es sich, denn dann hätte sie ihn vielleicht erst noch auf die Idee gebracht. Oder er hätte es aus Trotz getan, weil eine neu Zugezogene ihm Vorschriften machen wollte.

»Ist gut«, nickte sie. »Ich warte solange.« Eigentlich hatte sie ein paar Lebensmittel einkaufen gehen wollen, denn alles, was sie noch hatte, war ein Proteinriegel von der Fahrt, und das war doch ein bisschen wenig fürs Frühstück. Geschweige denn für die restlichen Mahlzeiten des Tages. Aber jetzt war das hier wichtiger, und sie musste Prioritäten setzen, obwohl ihr Magen knurrte.

Er zuckte die Schultern. »Se müssen nich’ warten. Lassen Se einfach de Tür auf. Machen wir sowieso hier alle.«

Jessica runzelte die Stirn. Das mochte ja stimmen, aber jetzt war das hier ihr Haus, und sie war es nicht gewöhnt, alles offenstehen zu lassen. Ihr knurrender Magen sprach jedoch eine recht fordernde Sprache. »Vielleicht mache ich das«, entgegnete sie unbestimmt.

Ihm war es offensichtlich egal, denn er schlappte hinaus zu seinem Truck, ohne noch etwas hinzuzufügen, und fuhr ab. Die rostigen Teile auf seiner Ladefläche klapperten fröhlich, als er über die unebene Kante des Grundstücks auf die Straße fuhr.

Soll ich das wirklich machen? dachte Jessica. Sie schnappte sich den Proteinriegel und aß ihn erst einmal, aber das änderte an ihrem Appetit-Level leider überhaupt nichts.

Gestern Abend nach all der Aufregung und der stundenlangen Fahrt davor war sie so müde gewesen, dass sie überhaupt nichts mehr gegessen hatte, sondern halbtot ins Bett gefallen war. Und auf der Fahrt selbst hatte es auch nur ein paar Proteinriegel gegeben. Sie aß auf langen Fahrten generell fast nichts, weil ihr als Kind im Auto immer schlechtgeworden war.

So hatte sie also seit ihrer Übernachtung in dem Motel mitten im Nirgendwo nichts Richtiges mehr zu sich genommen, und das merkte sie jetzt.

In gewisser Weise konnte sie sich auch tatsächlich nicht vorstellen, dass irgendwelche Einbrecher nur auf sie gewartet hatten. Und in diesem Haus war ja sowieso nichts, was sich zu stehlen lohnte, da sie selbst kaum etwas mitgebracht hatte außer ihren persönlichen Sachen. Die noch im Auto waren und worunter auch nichts besonders Wertvolles war.

Sina Kani: ... wenn ihr die schöne Nachbarin gefällt

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