Sie hatte jetzt wirklich andere Sorgen als eine Freundin zu finden.

»Hauptsache, deine Küche steht nicht mehr unter Wasser.« Karen Stone kehrte wieder zu den völlig pragmatischen Dingen des Alltags zurück. »Das hörte sich ja furchtbar an gestern.«

Jessica nickte. »So oder so, ob der Klempner das jetzt repariert hat oder ob es noch mit dem Duct Tape von gestern hält, das ist zumindest schon mal was. Als ich gestern hier ankam und das alles sah, dachte ich, ich müsste jetzt im Badeanzug schlafen.« Sie lachte.

Ihre Mutter hätte jetzt wieder sagen können, dass Jessica ja schließlich an diesen Ort gewollt hatte, aber das tat sie nicht. Sie lachte ebenfalls. »Ja, das sind so die Erfahrungen, die man im Laufe des Lebens macht. Auch wenn du jetzt gerade erst damit anfängst, weil du bisher ja noch zu Hause gewohnt hast.«

»Ich kann das jetzt erst so richtig schätzen, was Pop und du mir die ganze Zeit vom Hals gehalten habt, Mom«, schmunzelte Jessica. »Vielen Dank noch im Nachhinein dafür.«

»Gern geschehen«, antwortete ihre Mutter humorvoll. »Ist ja auch was aus dir geworden und wir sind stolz auf dich. Auch wenn wir gedacht haben, dass du hier in Ann Arbor eines der Angebote annimmst, die du hattest. Aber du bist eben abenteuerlustig. Das hast du von deinem Vater. Der ist in seiner Jugend mit dem Motorrad durch die halbe Welt gedüst, war sogar in Europa.«

»Tut mir leid, Mom, dass ich nicht mehr von dir habe«, entschuldigte Jessica sich etwas neckend.

»Die Intelligenz hast du von mir«, flüsterte ihre Mutter verschwörerisch durch den Hörer. »Aber sag das nicht deinem Vater.«

Jessica lachte laut auf. »Er weiß das doch schon. Er hat dich auch wegen deiner Intelligenz geheiratet, nicht nur wegen deiner guten Figur. Auch wenn du das vielleicht glaubst.«

Gutmütig stimmte ihre Mutter in das Lachen ein. »Komm du erst mal in mein Alter, dann stört dich das eine oder andere Gramm zu viel vielleicht auch. Aber jetzt brauchst du dir wirklich noch keine Gedanken darüber zu machen, da hast du recht.«

Jessica seufzte. »Ich glaube, ich sollte jetzt endlich mal meine Sachen aus dem Auto ausladen und mich hier im Haus einrichten. Mit dem ganzen Wasserkram hier bin ich noch überhaupt nicht dazu gekommen.«

»Dann wünsche ich dir viel Vergnügen dabei«, zog ihre Mutter sie etwas schadenfroh auf. »Das ist nur der Anfang. Du kennst das nur noch nicht. Ist ja dein erstes eigenes Haus.«

»Gemietet«, berichtigte Jessica. »Nur gemietet. Kaufen würde ich diese alte Bude bestimmt nicht. Die steht hier wahrscheinlich schon seit Custers Zeiten.«

»Na, dann pass mal gut auf, dass sie dir nicht über dem Kopf zusammenbricht«, warnte ihre Mutter etwas scherzhaft.

»Tu ich, Mom«, gab Jessica ebenso scherzend zurück. »Bye!«

»Bis morgen«, sagte ihre Mutter und legte auf.

Im selben Moment, als Jessica das Handy zur Seite legte, zeigte sich ein schwarzer Schatten am Fenster. »Miau?«, machte es gleich darauf fragend.

»Ach, Katzenfutter hätte ich mitbringen sollen«, murmelte Jessica. »Daran habe ich jetzt nicht gedacht.« Lächelnd ging sie zum Fenster und schob es auf. »Wieso fragst du erst?«, neckte sie die Katze schmunzelnd. »Du weißt doch anscheinend auch ohne das, wie du hier reinkommst.«

Majestätisch stolzierte die schwarze Schönheit an ihr vorbei über das Fensterbrett auf die Spüle, setzte sich dort erwartungsvoll hin und schaute Jessica an.

»Bist du hier vom Vormieter immer gefüttert worden?«, fragte Jessica sie.

So alt sah die Katze allerdings gar nicht aus, eher noch ziemlich jung. Und das Haus hatte ja lange leergestanden.

»Du hast Glück«, setzte sie hinzu, während sie das kleine Tier lächelnd streichelte. »Katzenfutter habe ich zwar nicht, aber eine Dose Thunfisch habe ich mitgebracht. Sollte zwar für mich sein, aber ich trete sie dir ab.«

Nicht dass die Kleine das als besonderen Gefallen empfunden hätte, so sah es jedenfalls nicht aus. Wie bei Katzen üblich, betrachtete sie das einfach als ihr gutes Recht. Was anderes waren Menschen überhaupt als Dosenöffner für Katzen?

Jessica lachte. »Mom hat recht«, bemerkte sie belustigt. »Das war erst der Anfang. Wer weiß, was hier noch so alles auf mich zukommt.«

5

Der Tag verging schneller, als sie gedacht hatte. Sie räumte stundenlang Sachen ein, obwohl sie doch nicht mit einem riesigen Speditionswagen gekommen war, sondern nur mit ihrem besonders in diesem Umfeld hier nicht sehr groß wirkenden 2015er Toyota Sienna, einem Mini-Van, der von anderen oft belächelt wurde, in den aber offenbar fast mehr reinging, als in diesem kleinen Haus Platz hatte.

Nachdem sie die Katze mit dem von ihr gerade noch so akzeptierten Thunfisch aus der Dose gefüttert hatte, hatte die auf Jessicas Sofa ihren Verdauungsschlaf gehalten und ließ sich auch nicht davon stören, dass Jessica ständig raus und rein und um sie herum lief. Nach einiger Zeit erwachte sie und begann sich zu putzen, blieb dann mit königlichem Gleichmut auf dem Polster in der Mitte sitzen und beobachtete Jessica bei ihrem anstrengenden Tun, ohne auch nur im Geringsten davon beeindruckt zu sein, wie es schien. Es war offensichtlich, dass ihr Zugucken mehr lag als Arbeiten.

»Du bist mir eine schöne Hilfe«, schimpfte Jessica einmal lachend beim Vorbeilaufen, als die Katze sich sogar verächtlich abwandte, weil sie ans Sofa gestoßen war. »Der Thunfisch war okay, aber das heißt noch lange nicht, dass du dich revanchieren musst, hm?«

Natürlich wusste sie, dass die Katze ihr überhaupt nicht helfen konnte, selbst wenn sie gewollt hätte, aber sie fand es schön, mit jemandem zu sprechen, während sie sich mit manchen Dingen doch ganz schön abquälte. Da fühlte sie sich gleich nicht so allein, obwohl ja tatsächlich kein Mensch da war und die Katze wohl kaum einen Ersatz dafür darstellte.

Während der ganzen Schufterei, die ihr den Schweiß aus den Poren trieb, dachte sie hin und wieder jedoch auch schon an ihre Arbeit, die sie am Montag beginnen würde. Wie würde es sein, endlich in einer Praxis zu arbeiten und nicht nur an der Uni? Wie würde es sein, an dieser High School mit den Kindern zu arbeiten?

Nun ja, vielleicht war Kinder auch das falsche Wort. Es waren alles schon Teenager. Da würde sie es möglicherweise nicht ganz leicht haben. Denn auch wenn sie in Ann Arbor noch über Brens Einwand gelächelt hatte, kam ihr das jetzt, nach dem Kennenlernen der Kinder ihrer Nachbarin, nicht mehr so lachhaft vor.

Ihre Gesichter erschienen nicht nur etwas dunkler, weil sie Indianer waren, sondern geradezu... düster. Es lag kein Lachen in ihnen, nicht ein bisschen der Kindern sonst so eigenen Verschmitztheit. In den dunklen Augen hatte viel zu viel Ernsthaftigkeit geschimmert, besonders auch bei dem doch noch vergleichsweise kleinen Jungen.

Natürlich war er kein wirklich kleines Kind mehr mit seinen von Jessica geschätzten zwölf Jahren, aber er war auch noch lange nicht erwachsen. Seine Schwester war ein anderes Thema, als Mädchen und doch etliche Jahre älter. Sie war genau in dem Alter, in dem sie vermutlich absolut keine Ratschläge annehmen würde.

Sie fragte sich, ob eines der Kinder in dem Teenager-at-Risk-Programm war oder sogar beide. Sie hatten immerhin eine Mutter, die sich um sie kümmerte, ein festes Haus, in dem sie wohnten, und sie gingen auch zur Schule, wie Jessica mitbekommen hatte. Jetzt am Samstag betrieb Mika offensichtlich Sport, uramerikanischen Baseball, und seine Schwester tat das, was Teenagergirlys meistens so tun, sie hing kichernd mit einer Freundin ab.

Sina Kani: ... wenn ihr die schöne Nachbarin gefällt

1 »Teenager mit Problemen sind keine Kinder, die du betütern kannst, sondern eine Gefahr für...
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