Auch wenn Jessica überhaupt nicht damit einverstanden war, wie deren Mutter sie behandelte, aber wie verwahrloste Kinder sahen sie auf keinen Fall aus.

Doch das hieß nichts. Selbst Kinder aus Millionärsfamilien konnten verwahrlost sein, weil sie zwar materiell alles hatten, was sie brauchten, mehr als das, aber im nicht materiellen Bereich quasi verhungerten.

Und da war diese Wynona sicherlich auch nicht gerade besonders bewandert. Den Kindern Gefühle zu zeigen – außer vielleicht Ärger wie gestern im Outdoorladen –, das schien nicht zu ihr zu passen. Als Mika sich verletzt hatte, hatte sie ihn noch nicht einmal getröstet. Stattdessen hatte sie ihn aufgefordert, seine Hausaufgaben zu machen, als wäre nichts geschehen.

Erneut schüttelte Jessica den Kopf über dieses Verhalten. Wusste Wynona denn überhaupt nicht, was Kinder brauchten? Jessicas eigene Mutter war sicherlich nicht überfürsorglich gewesen. Sie hatte Jessica so viel Freiheit wie möglich gelassen, und überschwängliche Gefühlsausbrüche waren auch absolut nicht ihr Ding.

Dennoch hätte ihre Mutter ganz anders reagiert, wenn Jessica sich eine solche Verletzung zugefügt hätte wie Mika gestern. Gerade deshalb hatte Jessica sich auch immer sicher und geborgen gefühlt. Ihre Mutter hätte ihr auf jeden Fall ein bisschen mehr Zeit gelassen, sich von so einer Verletzung, die ja auch immer ein Schock war, zu erholen, als nur die fünf Minuten, die Wynona Mika gerade mal so mit Mühe und Not zugestanden hatte.

Vielleicht hätte Jessicas Mutter ihr auch beim Ausschneiden geholfen, wie Kim es dann auf Wynonas Anweisung hatte tun müssen. Aber sie hätte es selbst getan, nicht jemand anderem die Aufgabe zugewiesen. Weil sie Jessica gleichzeitig noch mit Worten getröstet oder sich nach ihren Schmerzen erkundigt hätte, ihr vielleicht Geschichten erzählt hätte, um sie davon abzulenken.

Nichts davon bei Wynona. Geschichtenerzählen lag ihr vielleicht nicht, aber sie hatte sich auch nicht dazu verpflichtet gefühlt, sich überhaupt noch um Mika zu kümmern, nachdem sie ihn verarztet hatte. Ziemlich kalt hatte sie das private Hinterzimmer einfach wieder verlassen.

Was hieß ziemlich? Jessicas Augenbrauen wanderten nach oben. Die Einschränkung konnte man weglassen. Kalt. Das reichte völlig. Wynona hatte eine sehr kalte Ausstrahlung, besonders den Kindern gegenüber.

Auch Jessica gegenüber, sie hatte sich das ebenfalls gefallen lassen müssen, aber Jessica war schließlich eine Fremde, eine Erwachsene, eine gerade erst Zugezogene. Da war eine gewisse Reserviertheit vielleicht verständlich oder zumindest nachvollziehbar. Zumal, da sie weiß war und offenbar keinerlei Verbindung zu Sioux Falls hatte.

Aber bei den eigenen Kindern? War das wirklich so üblich bei Indianern? Jetzt ärgerte sie sich, dass sie sich nie mit diesem Thema beschäftigt hatte. Sie hatte sich generell mit Psychologie beschäftigt, mit auffälligen Verhaltensmustern und deren Therapien, speziell bei Kindern und Heranwachsenden, bei schwarzen wie bei weißen Kindern, aber nie bei indianischen Kindern. Sie musste sich eingestehen, dass das ihrer Aufmerksamkeit völlig entgangen war. Fast wäre sie rot geworden, weil sie sich dafür schämte.

Bei all ihren Überlegungen hatte sie gar nicht mitbekommen, dass Wynonas Truck plötzlich nebenan in der Auffahrt stand. Als sie es endlich sah, stand Wynona jedoch auch schon bei ihr in der Küche. Sie musste ins Haus hereingekommen sein, als Jessica gerade oben im Schlafzimmer gewesen war.

»War Georgie da?«, fragte sie ohne Einleitung und ohne Gruß. Noch nicht einmal ein Hi war Jessica ihr anscheinend wert.

Jessica nickte. »Ja, er war da«, antwortete sie auch nicht sehr freundlich, denn dass Wynona sich einfach so selbst eingeladen hatte, ging ihr doch ziemlich gegen den Strich. Auch wenn hier immer alle Türen offenstanden und jeder hier wohl einfach so bei jedem ein und aus ging, aber sie hätte ja wenigstens mal klopfen können oder rufen. »Heute Morgen«, fuhr sie ganz nüchtern fort, beließ es aber bei dieser knappen Information.

»Hat er’s repariert?«, stellte Wynona die nächste Frage mit Blick auf die Waschmaschine. Jessica ignorierte sie fast.

»Das weiß ich nicht.« Jessica zuckte die Schultern. »Heute Morgen sagte er, er muss das Rohr ersetzen, dann ist er zum Hardware Store und ich bin einkaufen gefahren. Als ich zurückkam, war er nicht mehr da. Ist auch nicht mehr wiedergekommen. Nur die Waschmaschine stand wieder an der Wand. Aber ehrlich gesagt wollte ich das schwere Ding nicht noch mal vorziehen, um zu überprüfen, ob er das Rohr jetzt wirklich ersetzt hat oder ob er die Maschine nur zurückgeschoben hat.«

Wynona nickte, ohne sie richtig anzusehen, griff an die Maschine und zog sie einfach vor wie schon das letzte Mal, ohne jede sichtbare Anstrengung. Sie streckte nur ihren langen Oberkörper in die entstandene Lücke hinein und richtete sich innerhalb von Sekunden wieder auf. »Er hat’s ersetzt«, bemerkte sie zufrieden.

»Ich war nicht ganz sicher, ob er nicht lieber zum Fischen gegangen ist«, gab Jessica etwas bissig zurück.

»Er hatte es mir versprochen«, sagte Wynona. »Ich habe gestern noch mit ihm telefoniert.« Mit ihren kräftigen Händen griff sie wieder oben an die Seiten der Maschine und schob sie einfach zurück.

»Sie...«, setzte Jessica fassungslos an, »haben mit ihm telefoniert?«

»Mir gehört das Haus«, erklärte Wynona beiläufig. »Ich habe selbst hier gewohnt, bevor ich wegen der Kinder in das größere Haus nebenan ziehen musste.« Sie drehte sich zu Jessica um. »Das alte Duct Tape war auch von mir.« Nun schien sie zum ersten Mal fast zu grinsen. »Ich wollte das Rohr immer ersetzen, bin aber nicht dazu gekommen. Nun hat’s Georgie gemacht. Auch gut.«

Ach deshalb, dachte Jessica. Sie hatte sich schon sehr gewundert, warum Wynona ihr geholfen hatte. Der Makler hatte ihr nicht verraten, wem das Haus gehörte. Der Name hätte ihr ja auch nichts gesagt.

Allerdings hätte er ihr schon sagen können, dass die Hausbesitzerin nebenan wohnte. Und dass sie nicht sehr verträglich war.

»Und?«, fragte Wynona so ganz nebenbei, genauso wie sie eben das Fallbeil hatte herabsausen lassen, dass ihr das Haus gehörte. »Haben Sie sich schon eingerichtet? Ich habe gesehen«, sie wies mit einem Daumen nach draußen, »dass Ihr Van jetzt leer ist.«

Nicht dass du mir nicht deine Hilfe hättest anbieten können mit all deiner Kraft, dachte Jessica sarkastisch. Hätte mir einiges an Schweißausbrüchen erspart.

»Ja, ich habe alles hier im Haus untergebracht«, antwortete sie. »War manchmal schon ein bisschen schwierig.«

Gleichgültig zuckte Wynona die Schultern. »Sie können die Möbel, die Sie mitgemietet haben, rauswerfen, wenn sie Sie stören. Mir macht das nichts aus. Ist sowieso alles ziemlich alt.«

»So alt wie das Rohr, das jetzt ersetzt worden ist, vermutlich«, bemerkte Jessica etwas spitz.

»Oh nein.« Beinah herablassend schüttelte Wynona den Kopf. »Das Rohr musste ich in den vergangenen Jahren schon öfter ersetzen. Die Möbel sind älter.«

Was für eine Werbeveranstaltung von einer Vermieterin für ihr Haus... Als ob sie es der neuen Mieterin richtig madig machen wollte. Das hörte sich so an, als ob das Rohr gleich im nächsten Moment wieder leck werden könnte und die Möbel eigentlich auf den Müll gehörten.

Jessica war ziemlich überrascht. Doch dann auch wieder nicht. Wynona hing noch nicht einmal an ihren Kindern, warum sollte sie dann an ihren alten Möbeln hängen, auch wenn sie jahrelang darin gewohnt hatte?

»Ich werd’s mir überlegen«, sagte sie. »An manchen Stellen könnte ich schon ein bisschen mehr Platz gebrauchen.«

Eine unangenehme Stille lastete plötzlich über ihnen. Als würden sie beide noch gern etwas sagen, warteten aber darauf, dass die andere zuerst etwas sagen würde.

»Sind Ihre Kinder zurück?«, fragte Jessica vor lauter Verlegenheit. »Ich habe gesehen, dass Mika zum Baseball ist, und Kim wurde wohl von einer Freundin abgeholt.«

Auf einmal zuckten Wynonas Mundwinkel höchst verdächtig. »Sie kennen die Namen der Kinder und beobachten sie?«

In Jessica baute sich ein Wutanfall auf. »Die Namen habe ich in Ihrem Laden mitgekriegt«, antwortete sie gereizt. »Und wir wohnen schließlich direkt nebeneinander. Von Beobachtung kann keine Rede sein. Ich bin doch keine alte Frau, die den ganzen Tag im Fenster liegt, weil sie sonst nichts zu tun hat.«

»Nein, wie eine alte Frau sehen Sie nicht aus.« Das klang jetzt eindeutig anzüglich, fand Jessica. Insbesondere durch den Blick, von dem diese Aussage begleitet wurde.

»Ich rede mit Ihnen über Ihre Kinder, und Sie machen mich an?«, platzte Jessica wütend heraus. Im nächsten Moment hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Wie war sie denn auf die Idee gekommen?

Wynonas Lächeln verschwand. Anzüglich oder nicht anzüglich, jetzt war nichts mehr da, als sie sagte: »Das sind nicht meine Kinder.«

ENDE DER FORTSETZUNG

Sina Kani: ... wenn ihr die schöne Nachbarin gefällt

1 »Teenager mit Problemen sind keine Kinder, die du betütern kannst, sondern eine Gefahr für...
»Du kannst es doch machen wie er«, schlug Jessica deshalb vor. »Du nimmst dir nur drei Monate vor....
Sie wankte auf die Couch zu, um sich fallenzulassen, da hörte sie plötzlich ein Geräusch. Im...
»Du kennst dich ja hier aus, oder?«, sagte sie zu der Katze, weil sie das Gefühl hatte, es...
Obwohl es unbehaglich in Jessica grummelte, war es psychologisch gesehen immer am besten, solchen...
In ihr schien sich eine Art Brodeln aufzubauen, das sie nicht unterdrücken konnte. Wie das Wasser...
Was sie dann auch tat. Trotz der Achtsamkeitsübung, die sie eben durchgeführt hatte, konnte sie...
Drinnen fiel anscheinend etwas um, dann schien es, als näherten sich schwere Schritte der Tür....
4 Am Morgen wurde Jessica von lauter Musik geweckt. Allerdings war es nicht die Art von Musik, die...
Also schnappte sie sich ihre Tasche und ging zu ihrem Wagen hinaus, um einkaufen zu fahren. Als...
Sie hatte jetzt wirklich andere Sorgen als eine Freundin zu finden. »Hauptsache, deine Küche steht...
Auch wenn Jessica überhaupt nicht damit einverstanden war, wie deren Mutter sie behandelte, aber...