»Du kannst es doch machen wie er«, schlug Jessica deshalb vor. »Du nimmst dir nur drei Monate vor. Wenn es dir dann in Kalifornien nicht gefällt – oder mit ihm –, kommst du wieder zurück.« Sie lächelte. »Auf die Art ist es keine endgültige Entscheidung. Du nimmst dir in gewisser Weise nur Urlaub von deinem normalen Leben. Wie er.«

Richtig erleichtert begannen Brendas Mundwinkel sich zu einem breiten Schmunzeln zu verziehen. »Jetzt weiß ich, warum du Psychologie studiert hast.«

»Ich will nur, dass meine beste Freundin glücklich ist.« Jessica lachte und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. »Dazu brauche ich nicht Psychologie zu studieren.«

2

So ganz genau hatte Jessica nicht gewusst, was sie in Sioux Falls erwartete. Außer der Wasserfall natürlich, von dem die Stadt ihren Namen hatte. Der Big Sioux River war einer der schönsten Flüsse, die es gab, wenn man den Bildern im Internet glauben wollte. Die ganze Landschaft in South Dakota hatte etwas Urtümliches, als wäre die Zeit daran vorbeigegangen, und jederzeit könnten Indianer auf Indianerponys mit Geheul durch die Prärie stürmen.

Auch wenn Jessica wusste, dass man diese Gedanken, die ihr durch den Kopf liefen, während sie in die Stadt hineinfuhr, durchaus als rassistisch hätte bezeichnen können, machte sie sich darüber keine Sorgen. Denn sie wusste ebenso ganz genau, dass sie das nicht war. Für sie war jeder Mensch gleich viel wert und erst einmal ein Mensch, nichts anderes. Nur durch ein näheres Kennenlernen konnte man entscheiden, was genau für ein Mensch das war, nicht durch Äußerlichkeiten oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Herkunftsfamilie, davon war sie fest überzeugt.

Und ihr Studium hatte diese Überzeugung noch gefestigt. Je mehr sie darüber erfuhr, wie Menschen dachten und fühlten – die verschiedensten Menschen mit ganz verschiedener Herkunft –, desto mehr hatte sie erkannt, dass alle tief innerlich dieselben Probleme hatten, dieselben Erwartungen, dieselben Träume. Und alle auf genau die gleiche Art enttäuscht waren, wenn diese Träume platzten.

Unterschiedlich war nur, wie sie reagierten, wenn Träume sich erfüllten. Aber solche Menschen kamen nicht in Therapie, die waren einfach nur glücklich. Da brauchte niemand einen Seelenklempner, der ihm erzählte, dass er daran arbeiten sollte, nicht glücklich zu sein.

Jessica lachte, als sie daran dachte, wie verdreht diese Vorstellung war. Vor allem, wenn man durch eine Stadt wie Sioux Falls fuhr, wo alles noch ein bisschen so aussah, wie man es aus dem einen oder anderen Western kannte.

Doch nicht nur. Dem stand eine moderne Architektur gegenüber, die kaum vermuten ließ, dass man sich hier mitten auf der Prärie befand, die noch vor zweihundert Jahren nur von Büffeln bevölkert gewesen war. Und den Indianern, die von ihrem Fleisch lebten und sich in Kleidung aus ihrem Büffelleder hüllten.

Heutzutage konnte man nicht mehr so leicht erkennen, wer ein Indianer war und wer nicht. Alle trugen Jeans, Hemden und Cowboyhüte. Oder sogar geschäftsmäßige Anzüge. Nur das pechschwarze Haar und die etwas dunklere Haut unterschieden einen Native American, einen amerikanischen Ureinwohner, wie Indianer heutzutage politisch korrekt genannt wurden, von einem erst später eingewanderten Amerikaner aus Europa, Asien oder Afrika.

Jessicas Familie war schon vor der amerikanischen Unabhängigkeit 1776 nach Amerika gekommen, das damals noch weit davon entfernt war, die Vereinigten Staaten von Amerika zu sein. Es gab nur weites Land, das niemandem gehörte, Büffel und Indianer. Fühlte sie sich auch deshalb so zu dieser Urform des amerikanischen Lebens hingezogen?

Über sich selbst schmunzelnd schüttelte sie den Kopf. Ihr hessischer Ur-Ur-und-noch-viele-Urgroßvater hatte sich wohl nicht als Amerikaner betrachtet. Sie selbst allerdings war so uramerikanisch, wie man nur sein konnte. Fast zweihundertfünfzig Jahre später war von dem deutschen Erbe nur noch ihr blondes Haar übriggeblieben und etwas Stolz auf die Pionierleistung ihrer Vorfahren.

Langsam cruiste sie durch die Hauptstraße und ließ ihren Blick immer wieder von links nach rechts schweifen, während sie an den verschiedenen Läden vorbeifuhr. Sie musste sich ja orientieren, was es wo gab, wenn sie etwas brauchte. Vor allen Dingen war es wohl wichtig zu wissen, wo man Lebensmittel einkaufen konnte.

Noch einmal musste sie gähnen, wie sie es zuvor schon des Öfteren getan hatte. Sie war jetzt über acht Stunden mit dem Auto unterwegs und rechtschaffen müde. Aber gleich musste sie bei dem Haus ankommen, das sie gemietet hatte. Ein kleines Haus, das auf einer Ecke stand und etwas altertümlich aussah. Sie hatte Bilder davon im Internet gesehen. Obwohl es ein freistehendes Haus war, würde es für sie allein gerade so reichen, denn es hatte nur ein Schlafzimmer.

Die Geschäfte zogen weiterhin an ihr vorbei, da war ein Barbier, daneben so eine Art Souvenirladen, dann gab es auch ein paar Fast-Food-Restaurants, die üblichen Ketten, aber auch ein kleines, recht gemütlich aussehendes Café. Was man hier sicherlich auch gut gebrauchen konnte, war der Outdoorladen auf der anderen Straßenseite.

Sie fuhr weiter, und langsam erkannte sie die Abzweigung, die der Makler ihr beschrieben hatte. Nur noch diese Straße, und dann musste sie die Ecke, auf der ihr Haus stand, schon sehen können.

Wieder musste sie gähnen, während sie das Lenkrad drehte, um abzubiegen. Nicht dass sich diese Nebenstraße sehr von der Hauptstraße, von der sie gerade gekommen war, unterschied. Auch hier standen Häuser in demselben altertümlichen Stil, wie es auch ihres war. Die meisten waren nur größer als das, was sie selbst gemietet hatte. In einigen Auffahrten lagen Fahrräder oder anderes Spielzeug. Es war eindeutig, dass dort Kinder wohnten.

Unwillkürlich lächelte sie. Der Gedanke an Kinder zauberte fast immer ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sie mochte sie einfach.

Aha, da war es. Das Haus dahinten auf dem Eckgrundstück musste es sein. Sie freute sich schon darauf, sich auf eine Couch sinken lassen zu können und zu schlafen. Sie hatte das Haus möbliert gemietet, und der Makler hatte ihr versichert, dass sie alles vorfinden würde, was sie zu ihrer Bequemlichkeit brauchte.

Endlich fuhr sie den Wagen in die Einfahrt direkt vor die Garage, die neben dem Haus stand. Sie stieg aus und streckte sich erst einmal. Auch ein weiteres Gähnen konnte sie nicht verhindern. Dann kramte sie in ihrer Tasche nach der Telefonnummer des Maklers, der ihr den Schlüssel übergeben musste.

Sie rief ihn an, aber er war gerade unterwegs mit anderen Kunden, und die Sekretärin teilte ihr mit, dass sie ihn sowieso nicht brauchte, weil der Schlüssel für das Haus unter einem Blumentopf neben dem Eingang auf sie wartete.

Erneut musste Jessica lächeln. In so einem altertümlichen kleinen Ort auf dem Land musste man sich wohl keine Sorgen um Einbrecher machen. Das war ein sehr anheimelndes Gefühl.

Sie ging auf den Eingang zu, sah sich nach dem Blumentopf um, der nicht schwer zu finden war, hob ihn etwas an und fand den Schlüssel wie versprochen darunter. Sie nahm ihn, ging die paar Stufen auf die Veranda hinauf und weiter zur Tür, zog die Fliegengittertür auf, hielt sie mit einer Hand fest und schloss mit der anderen auf.

Sofort stand sie im Wohnzimmer. Und da war auch die Couch, von der sie schon geträumt hatte. Ihre Augen fielen fast zu, weil sie sich bereits darauf niedersinken sah. Wenn jemand hier gewesen wäre, hätte er sich über das ziemlich unintelligente Lächeln gewundert, das auf einmal Jessicas sonst an sich immer sehr intelligent wirkendes Gesicht überzog.

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