»Du kennst dich ja hier aus, oder?«, sagte sie zu der Katze, weil sie das Gefühl hatte, es beruhigte sie, wenigstens mit jemandem zu sprechen, auch wenn es nur eine Katze war. »Denkst du, der Outdoorladen ist die richtige Adresse für Gummistiefel?«

»Mau«, machte die Katze bestätigend, sah aber gleichzeitig so aus, als hielte sie Jessica für geistig ziemlich beschränkt, dass sie sie das überhaupt fragte.

»Na dann...« Jessica setzte das Tier wieder auf den Boden, in den noch trockenen Teil des Wohnzimmers. »Muss ich wohl schneller einkaufen gehen, als ich dachte. Sonst kann ich mir noch nicht einmal einen Kaffee machen, ohne gleich wegzuschwimmen.«

Sie schnappte sich ihre Tasche und hob die Katze noch einmal hoch, um sie mit vor die Haustür zu nehmen – obwohl das wahrscheinlich wenig Sinn hatte, da sie ja offensichtlich wusste, wie sie ins Haus hineinkam –, wo sie sie auf der Veranda absetzte.

»Sag dem Klempner, ich komme gleich zurück«, wies sie sie scherzhaft an, musste über sich selbst lachen und ging dann zu ihrem Wagen.

Nach der schleppenden Art, wie ihre Meldung des Rohrbruchs von der Sekretärin des Maklers aufgenommen worden war, rechnete sie nicht mit einem zeitnahen Eintreffen des Klempners. Sie würde die Gummistiefel wohl noch eine ganze Weile brauchen, nahm sie an.

Es dauerte nur ein paar Minuten, bis sie bei dem Outdoorladen ankam, den sie schon auf der Herfahrt gesehen hatte. Wahrscheinlich dauerte in diesem Nest jede Fahrt nur ein paar Minuten, egal wo man hinwollte. Sie fuhr ihren Wagen auf den Parkplatz vor dem Geschäft.

Mit einem suchenden Blick ging sie in den Laden hinein, der sie mit dem üblichen Outdoor-Equipment empfing. Es gab Zelte, Gaskocher, Outdoorbekleidung inklusive vieler, vieler Hüte, ausklappbare Campingstühle mit Lehnen, in die Dosenhalter eingebaut waren, noch vieles andere und natürlich Gewehre. Gummistiefel sah sie auf den ersten Blick nicht, aber sie war überzeugt davon, die würde es hier auch geben. Der Laden war sehr groß und erstreckte sich weit nach hinten. Sie hatte noch nicht alles gesehen.

Als sie weiterging und ihren Blick immer noch nach links und rechts schweifen ließ, um nichts zu verpassen, was vielleicht einem Gummistiefel ähnlich sehen könnte, hörte sie auf einmal laute Stimmen. Es klang wie ein Streit.

Sie runzelte die Stirn und wandte den Kopf in die Richtung, aus dem die Stimmen gekommen waren. Stritt sich da ein Kunde mit einem Verkäufer, weil er nicht gut bedient wurde? Die Stimmen klangen jedoch sehr jung, wie Kinderstimmen fast. Nur eine der Stimmen wirkte älter. Eine Mutter mit ihren Kindern, die irgendetwas anstellten?

Jessica lächelte. Sie mochte Kinder gern, aber sie wusste auch, dass es nicht immer einfach war, mit ihnen umzugehen, auch wenn sie noch keine Erfahrung als Mutter hatte. Wer wusste das nicht?

Dann jedoch wurde die erwachsene Stimme lauter, fast befehlend. Und sie klang nicht sehr freundlich. Es war eindeutig die Stimme einer Frau, aber sie hatte etwas Hartes, Unerbittliches.

Unwillkürlich war Jessica den Geräuschen gefolgt, um zu sehen, was hier los war. Auch wenn sie das wahrscheinlich nichts anging. Aber die wütende Stimme eines Erwachsenen und die eher eingeschüchterten Stimmen von Kindern verhießen eventuell nichts Gutes.

Auf einmal knallte es, und mit einem lauten Geräusch fiel etwas herunter. Es hörte sich an wie blechernes Geschirr, das auf dem Boden noch eine Weile nach seinem endgültigen Platz suchte.

In diesem Moment kam Jessica um ein Regal herum, auf dem auf ihrer Seite hier ebenfalls Geschirr gestapelt war, jedoch aus Kunststoff und Holz, nicht aus Blech.

Das erste, was Jessica sah, war das heruntergefallene Blechgeschirr, denn sie wäre fast darauf getreten. Automatisch bückte sie sich und hob es auf. Dann erst hob sie den Blick, um die Menschen anzusehen, die sie zuvor nur gehört hatte.

Drei dunkle Augenpaare starrten sie an. Nun sprach niemand mehr, weder laut noch leise. Die dunklen Augenpaare befanden sich in auch recht dunklen Gesichtern unter ausnahmslos schwarzen Haaren. Die Frisuren waren allerdings sehr unterschiedlich.

Das sind Indianer, dachte Jessica und fragte sich dabei fast gleichzeitig, warum sie das so überraschte. Schließlich hatte sie schon die ganze Zeit an Indianer gedacht. Aber sie hatte noch nie welche getroffen.

Und sie kamen nicht auf sattellosen Ponys über die Prärie galoppiert, sondern standen in einem Geschäft vor dem Regal mit dem Campinggeschirr. Zudem unterschied sich ihre Kleidung auch in nichts von dem, was Jessica sonst hier gesehen hatte. Die große, breitschultrige Frau trug Jeans und ein Hemd, der zirka zwölfjährige Junge ebenfalls Jeans und ein T-Shirt und das zirka fünfzehnjährige Mädchen eine etwas farbenfrohere lockere Hose und ein bauchnabelfreies Top. Hinter ihnen am Fuße des Regals lagen ein paar Schulrucksäcke, die sie wohl einfach dort fallengelassen hatten.

Zwar hatten ihr die drei ein paar Schrecksekunden gegönnt, aber dann erklang die harte und unerbittliche Stimme wieder, die Jessica schon zuvor gehört hatte. Selbstverständlich gehörte sie keinem der Kinder, sondern der Frau, die fast wie eine Rachegöttin vor ihnen stand und von ihrer sie überragenden Höhe auf sie hinunterblickte. »Ich kann mich jetzt nicht mehr um euch kümmern«, sagte sie. »Geht und macht eure Hausaufgaben.«

Die beiden Kinder schauten sie an, als hätten sie sie nicht verstanden, und rührten sich nicht. Ihre Blicke wanderten zu Jessica, die immer noch hinter der unerbittlichen Frau stand. Sie sahen neugierig aus. Sie wollten jetzt nicht gehen. Jessica war etwas Neues für sie, denn in diesem Nest sah man wahrscheinlich nicht so oft Fremde. Und wie Kinder nun einmal so sind, wollten sie in Erfahrung bringen, wer diese Fremde wohl sein mochte. Hausaufgaben konnten da in der Aufregungsskala nur abfallen.

»Sofort!«, befahl die große Frau jetzt und begleitete diesen Befehl noch mit einer Armbewegung, die fast so aussah, als wollte sie die Kinder schlagen, dann jedoch nur nach hinten in den Laden wies. »Ich sage es nicht noch einmal!«

Murrend griffen die Kinder nach ihren Rucksäcken und warfen sie sich locker über die Schulter. Zumindest das etwas ältere Mädchen sah aus, als hätte sie große Lust, ihren Rucksack auf die Zehen der breitschultrigen Frau fallenzulassen. Dann jedoch ging sie mit dem Jungen in die Richtung, die die große Frau ihnen angezeigt hatte. Beide schauten sich immer wieder nach Jessica um, und die Neugier war ihnen immer noch anzusehen.

In dem Moment, als sie das Gefühl gehabt hatte, die Frau wollte die Kinder schlagen, war Jessica einen Schritt vorgezuckt, aber als es dann nicht geschah, abrupt wieder stehengeblieben. Deshalb stand sie jetzt praktisch auf einem Bein nach vorn gebeugt, während das hintere kaum mehr den Boden berührte.

»Ist das eine Yogaübung?«, fragte die große Frau auf eine Art, als würde sie sich köstlich über Jessica amüsieren, ohne zu lachen.

Sie zog ihre instabile Körperhaltung ins Lächerliche, um sich selbst mehr Stabilität zu verschaffen, eine Art moralischen Vorteil, der Jessica wahrscheinlich auf ihren Platz verweisen sollte. Nämlich dass sie das hier alles nichts anging und sie sich da raushalten sollte. Vermutlich hatte dieser indianische Kinderschreck es gern, sich überlegen zu fühlen, und machte sich regelmäßig über andere Leute lustig.

Was für eine unsympathische Person, dachte Jessica. Ich hoffe, mit der muss ich nicht viel zu tun haben.

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