Teil 02

»Ihr Mann . . .« Ronja räusperte sich. »Ihr Verlobter ist älter?«

»N-nein.« Marina zögerte, als ob sie gar nicht wüsste, wie alt ihr Verlobter war.

»So alt wie Sie?«, fragte Ronja.

»Ein bisschen älter«, sagte Marina, nun anscheinend sicherer. »Ein paar Jahre.«

»Also auch noch sehr jung.« Da Marina kleiner war als sie, lächelte Ronja fast etwas gönnerhaft auf sie hinunter.

»Sie waren doch auch mal jung.« Marina wirkte leicht eingeschnappt. »Alle tun immer so, als wäre Jugend eine Schande.«

Diesmal lachte Ronja laut auf. »Ganz bestimmt nicht! In dieser jugendverliebten Gesellschaft? Genießen Sie es, solange Sie noch so jung sind wie jetzt. Das geht schnell vorbei.«

»Ich hoffe, dann sehe ich immer noch so gut aus wie Sie.« Marina warf von unten herauf einen koketten Blick in Ronjas Gesicht.

Ronjas Mundwinkel zuckten belustigt. »Ich habe mich gut gehalten für mein Alter, meinen Sie?«

Die Fahrstuhltür öffnete sich, und Ronja trat hastig hinaus. Noch mehr von diesen schmeichelnden Blicken konnte sie kaum ertragen. Sie konnte sich nicht erinnern, dass junge Leute heutzutage so begeistert vom Alter waren. Marina musste da irgendwie aus der Art geschlagen sein.

Sie ging zur Wohnungstür und schloss auf.

»Gibt es keine anderen Wohnungen hier?«, fragte Marina erstaunt, während sie mit ihren Blicken nach weiteren Türen suchte.

»Nein.« Ronja öffnete die Tür und hielt sie für Marina auf. »Nur diese.«

»Die ganze Etage?« Marina wirkte schwer beeindruckt. Fast etwas verwirrt betrat sie die Wohnung.

»Es ist die oberste Etage«, sagte Ronja, schloss die Tür hinter ihr und wies mit der Hand auf eine Wendeltreppe, die aus dem unteren Teil der Wohnung nach oben führte. »Dort oben geht es noch weiter.«

Marina blieb überwältigt stehen. »Zwei Etagen?«

»Anderthalb.« Ronja lächelte abwesend. »Oben gibt es auch Schrägen.« Sie ging weiter ins Wohnzimmer. »Kann ich Ihnen irgendetwas anbieten? Was trinken Sie gern?«

»Oh, ich . . . Sie haben nicht zufällig einen Jogginganzug oder so etwas?« Mit beiden Händen strich Marina über ihr weitausladendes Kleid. »Darin kann ich kaum sitzen.«

»Aber Sie konnten springen.« Wieder lachte Ronja. Marina brachte so etwas jugendlich Frisches in ihre Welt, dass sie heute schon mehr gelacht hatte als im ganzen letzten Jahr. »Natürlich«, fuhr sie fort. »Warten Sie.«

Sie ging in den Flur und zog einen Jogginganzug aus dem Schrank, den sie Marina brachte. »Ich bin etwas breiter in den Hüften als Sie, aber bei einem Jogginganzug sollte das wohl nichts ausmachen.«

»Ich glaube, wir haben die gleiche Größe«, erwiderte Marina. »Der passt auf jeden Fall.« Sie warf einen Blick die Wendeltreppe hinauf. »Wo kann ich mich umziehen?«

»Wo Sie wollen«, sagte Ronja. »Hier im Badezimmer oder oben im Schlafzimmer.«

»Ich finde so eine Galerie wunderbar.« Marina legte den Kopf in den Nacken und schaute geradezu sehnsüchtig in die Höhe.

»Bitte«, bemerkte Ronja zuvorkommend. »Lassen Sie sich nicht abhalten.«

Obwohl das Kleid die ganze Wendeltreppe ausfüllte, ging Marina hinauf und gab dabei immer wieder kleine begeisterte Laute von sich.

Ronja schmunzelte. Sie lebte schon so lange in dieser Wohnung, dass sie nichts Besonderes mehr daran fand, aber am Anfang – Ihr Gesicht verschloss sich, und sie ging zur Bar hinüber, nahm zwei Gläser und schätzte die Reihe der Flaschen nach Brauchbarkeit ab.

Für etwas Hartes war es noch viel zu früh, aber einen Cocktail konnte man immer vertragen. Sie mixte etwas in einem Krug zusammen und füllte eines der Gläser halb, nahm es und ging zu der großen, altertümlichen Fenstertür, die auf den schmalen Balkon hinausführte.

Normalerweise betrat sie ihn nie, sie betrachtete ihn mehr als Dekoration. Diese alten Häuser waren zu der Zeit, als sie gebaut wurden, nicht mit Balkonen versehen worden, damit man darauf Grillfeste veranstaltete. Man fragte sich oft, warum sie überhaupt Balkone hatten.

»Das ist ja toll!« Marinas helle Stimme ließ Ronja herumfahren.

Marina stürzte an ihr vorbei, riss die Fenstertür auf und sprang auf den Balkon hinaus. Sie beugte sich begeistert über die Brüstung und schaute hinunter.

Wie in einem Reflex folgte Ronja ihr, weil ihr Herz vor Schreck für einen Schlag ausgesetzt hatte. Dieses Kind! So hoch war die Brüstung nicht, dass man nicht hinunterfallen konnte.

»Der Balkon ist nur zur Zierde da«, sagte sie, blieb hinter Marina stehen und fragte sich, wie irgendein Mensch es fertigbrachte, in einem Jogginganzug so gut auszusehen. Sie schluckte. »Gehen wir wieder hinein? Ich habe Cocktails gemixt.«

Marina wandte sich mit strahlenden Augen kurz zu ihr zurück, dann beugte sie sich fast noch weiter über die Brüstung. »Das ist unglaublich, was man von hier sehen kann!«

»Nicht.« Ronja trat schnell einen Schritt vor. »Kommen Sie wieder rein. Bitte.«

»Haben Sie Angst?« Marina lachte, drehte sich um, stützte sich rückwärts auf der flachen Deckplatte des Geländers ab, dass sich ihre kleinen, festen Brüste deutlich unter dem Joggingoberteil abzeichneten, und hüpfte mit einem mühelosen Satz auf die Balustrade. Etwas mit den Beinen schlenkernd saß sie wie Pippi Langstrumpf darauf.

»Könnten Sie bitte da runterkommen?«, bat Ronja mühsam. Ihre Stimme klang gepresst.

Auf einmal wurde Marina ernst. »Sie haben wirklich Angst«, stellte sie fest. »Sind Sie nicht schwindelfrei?«

»Es geht«, sagte Ronja. »Aber solche akrobatischen Kunststücke würde ich in dieser Höhe nicht veranstalten.«

»Na gut.« Lachend sprang Marina auf den Balkon zurück. »Ich will ja nicht, dass Sie einen Herzinfarkt bekommen.« Sie lief an Ronja vorbei wieder in die Wohnung hinein. »Wie war das jetzt mit den Cocktails?«

Erleichtert folgte Ronja ihr, ging zur Bar und füllte das zweite Glas mit der Mischung aus dem Krug. »Hier, bitte.« Sie streckte den Arm aus, um Marina den Cocktail zu reichen.

»Mhm, sehr gut«, urteilte Marina, nachdem sie probiert hatte. »Sie wissen wirklich, wie man so etwas zusammenmischt.«

»Nichts Besonderes.« Ronja lächelte leicht. »Es gibt Schwierigeres.«

»Ich habe es noch nie versucht.« Marina begab sich lässig zu Ronjas Couch und ließ sich darauf nieder, zog die Beine unter sich und schaute Ronja an. »Aber ich denke, man kann da auch viel falschmachen.«

»Dann muss man das Ergebnis ja nicht trinken«, sagte Ronja, folgte ihr und setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel. »Man schüttet es einfach weg.«

»Och, all die guten Sachen . . .?« Marina sah richtig betrübt aus.

Ihr Gesichtsausdruck veranlasste Ronja fast dazu zu lachen. »Sie sind ein sehr sparsamer Mensch, scheint mir.«

»Na ja . . .« Marina schaute sich um. »So etwas wie das hier könnte ich mir nicht leisten.«

»Wenn Sie so alt sind wie ich, können Sie es vielleicht«, antwortete Ronja lächelnd.

»Jetzt reiten Sie schon wieder auf Ihrem Alter herum.« Marina protestierte energisch. »Wie alt sind Sie denn, dass Sie sich wie Methusalem fühlen?« Fragend öffnete sie die Augen.

»Ja, ich gebe zu, neunhundert Jahre sind es noch nicht«, erwiderte Ronja schmunzelnd, »aber wenn ich Sie so anschaue, merke ich doch, wie groß der Unterschied ist.«

»Ist alles relativ«, behauptete Marina. »Ich komme mir manchmal uralt vor. Und ich finde, Sie wirken ziemlich jung.«

»Oh danke.« Ronja verneigte sich leicht spöttisch lächelnd. »Das ist sehr nett von Ihnen.«

»Können wir nicht Du sagen?« Marina hob auffordernd ihr Glas. »Wir könnten darauf anstoßen.« Glockenhell lachte sie auf. »Ich kenne kaum Leute, die ich sieze, das ist ganz ungewohnt für mich.«

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