Teil 10

Ronja begann zu zittern. Sie griff nach Marinas Handgelenk und hielt es fest. »Du weißt sehr gut, dass du nicht abstoßend bist. Du bist«, sie schluckte, »sehr attraktiv. Aber das hat hier jetzt keine Bedeutung. Wir geben etwas vor, das wir nicht sind, ein Ehepaar. Und das ist einfach nicht richtig.«

»Das macht dir wirklich Sorge, hm?« Marina biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. »Das hätte ich nicht gedacht.« Sie warf einen Blick auf ihr Handgelenk. »Du kannst mich loslassen. Ich fasse dich nicht an, wenn du das nicht willst. Ich dachte nur . . .«, eindringlich musterte sie Ronjas Gesicht, »wo wir schon einmal hier sind . . .«

»Und dein Verlobter? Dein Bräutigam?«, fragte Ronja heftig. »Den scheinst du ja wohl völlig aus deinem Gedächtnis gestrichen zu haben. Dabei hast du heute Morgen noch mit ihm am Traualtar gestanden, und ihr wolltet euch das Jawort geben. Ist das alles so einfach für dich zu vergessen?«

»N-nein.« Diese Bemerkung schien Marina auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. »Das habe ich nicht vergessen.«

»Dann solltest du dich dementsprechend verhalten«, sagte Ronja. »Du bist immer noch seine Verlobte und nicht meine. Ganz zu schweigen von meiner Frau.« Sie verstummte und starrte blicklos in die Luft.

»Das stimmt. Das bin ich nicht.« Marina wirkte auf einmal erschöpft. »Du hast recht. Das alles hier ist nur . . . ein Witz.« Sie schaute sich in dem großen Zimmer mit der Stuckdecke und den uralten geschnitzten Wandtäfelungen aus dunklem Holz um. »Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.«

»Es ist eben kein Witz!« Ronja starrte sie wieder missvergnügt an. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, es wäre wie in den wilden Tagen ihrer Kindheit. Sie fühlte all das wieder – aber sie wollte nicht fühlen! Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und presste die Finger so sehr zusammen, dass sie wehtaten.

»Entschuldige.« Marina schaute sie auf einmal ziemlich erwachsen an. Als wäre sie schlagartig zehn Jahre älter geworden. »So war es nicht gemeint.« Sie lächelte besänftigend. »Aber in meinem ganzen Leben habe ich noch nie so ein fantastisches Himmelbett gesehen. So etwas sieht man sonst nur in Filmen.«

»Wenn es dir so gut gefällt, kannst du gern darin schlafen«, grummelte Ronja. »Aber ich nicht.«

»Nun gut.« Marina atmete tief durch. »Vielleicht hätte ich auch Probleme, im Bett meiner Eltern –« Sie brach ab. »Aber was machen wir jetzt? Offenbar gibt es hier keine Ausziehcouch für Gäste oder so etwas, nur diese zierlichen Sesselchen, die«, sie runzelte die Stirn, »nicht sehr bequem aussehen.«

»Sind sie auch nicht«, bestätigte Ronja. »Schon gar nicht zum Schlafen.« Sie blickte zur Tür. »Ich werde sehen, ob ich mich in mein eigenes Zimmer hinüberschleichen kann. Jetzt müssten eigentlich alle weg sein.«

»Und morgen früh?«, fragte Marina. »Ich meine, ich weiß ja nicht, wie das mit Dienstboten ist, ich hatte noch nie welche«, sie lachte etwas befremdet auf, »aber kommen die nicht morgens rein, ziehen die Vorhänge auf und bringen das Frühstück? Und erwarten das Brautpaar gemeinsam im Bett?«

»Ja . . .« Ronja legte nachdenklich einen Finger ans Kinn. »Johann macht das bestimmt. Für meine Eltern hat er das auch immer getan, und er wird es sich nicht nehmen lassen, die Tradition fortzuführen.«

»Dann solltest du morgen früh hier sein«, meinte Marina. »Sonst fliegt alles auf, und deine Großmutter –«

»Ach, verdammt!« Ronja fluchte. Fast hätte sie sich die Haare gerauft.

»Das Bett ist riesig.« Marina ließ überlegend ihren Blick darüber schweifen. »Wir könnten so eine Art Grenze vereinbaren«, schlug sie vor. »Jede bleibt auf ihrer Seite. Dann können wir beide im Bett schlafen, und morgen früh wird es so aussehen, als ob –«

Ronja runzelte wenig überzeugt die Stirn. »Und du wirst dich daran halten?«

Marina seufzte tief auf. »Muss ich wohl. Sonst wirfst du mich vermutlich aus dem Bett, und ich möchte weder auf diesen rückenbrechenden Sesselchen noch auf dem Boden schlafen.«

Mit einem sehr skeptischen Blick hob Ronja die Augenbrauen.

»Du glaubst es vielleicht nicht, aber wenn ich mein Wort gebe, halte ich es auch«, versicherte Marina ihr. Sie lächelte. »Auch wenn es mir schwerfällt.«

»Wir können es versuchen«, bemerkte Ronja zweifelnd. Obwohl sie wusste, dass es nicht nur Marina schwerfallen würde. Und gerade das wollte sie ihr auf keinen Fall zeigen. Es hatte ja auch keine Bedeutung. Sie schämte sich dafür, dass sie überhaupt daran dachte. Hatte sie denn vergessen –? Sie räusperte sich. »Es gibt noch Decken im Schrank, die können wir zwischen uns legen.«

»Wenn es denn sein muss . . .«, seufzte Marina erneut. »Ich sehe zwar wirklich nicht, wo das Problem liegt, aber langsam werde ich müde. Ich würde mich gern hinlegen. War ein anstrengender Tag.«

So geht meine Prophezeiung doch noch in Erfüllung, dachte Ronja beinah etwas erheitert. Marina geht früh schlafen, weil sie müde ist. »Dann machen wir es so«, sagte sie und holte die Decken aus dem Schrank.

Nachdem sie sie in der Mitte aufgestapelt hatten, war es tatsächlich fast eine richtige Mauer, die sie trennte.

»Na, da . . .«, meinte Marina mit zuckenden Mundwinkeln, »kann ja wohl wirklich nichts passieren.«

»Das hoffe ich«, erwiderte Ronja warnend.

»Dann auf zur Hochzeitsnacht.« Marina ließ sich mit einem lauten Stoßseufzer auf ihre Seite fallen, wodurch sie von Matratzenhöhe aus betrachtet hinter der Deckenwand verschwand.

Ronja konnte sie natürlich noch sehen, da sie ja stand, und so schaute sie kurz von oben auf sie hinunter, bevor sie auf ihre Seite glitt, und wartete dann mit klopfendem Herzen darauf, dass Marina das Licht löschen würde, was sie auch kurz darauf tat. »Gute Nacht«, sagte Ronja leise. »Schlaf gut.«

»Wünsche ich dir auch.« Marinas Stimme klang nicht mehr amüsiert, sondern erstaunlicherweise ernst. »Und danke, dass du mich mitgenommen hast.«

»Gern geschehen«, sagte Ronja.

Danach wechselten sie kein einziges Wort mehr, und schon nach kurzer Zeit hörte Ronja Marinas tiefe Atemzüge. Sie war eingeschlafen.

Da sie immer noch angezogen war, entkleidete Ronja sich schnell bis auf die Unterwäsche und schlüpfte unter die Decke.

Doch sie selbst brauchte zum Einschlafen erheblich länger.

3

Ronja rang um Atem. Sie hatte plötzlich das Gefühl, ein Mühlstein hätte sich auf ihre Brust gelegt und sie bekäme keine Luft mehr. Hatte sie einen Albtraum?

In Sekundenschnelle riss sie die Augen auf und – sah in Marinas Gesicht. Marina lag auf ihr und schien sich da ganz wohlzufühlen. Doch bevor Ronja etwas sagen konnte, hörte sie, wie Johann das Zimmer betrat.

»Was machst du da?«, versuchte sie mühsam zu zischen, so leise, dass Johann es nicht verstehen konnte. »Geh von mir runter!«

Marinas Ohren schienen wie nach hinten gerichtet. Vom Eindruck her, den das auf Ronja machte. Selbstverständlich hatte Marina keine Hundeohren, die sie in der Gegend herumschieben konnte, wie sie wollte.

Sie hatte sehr hübsche Ohren, fiel Ronja beim nächsten Wimpernschlag auf. Hübsche, niedliche, kleine Ohren. Was denke ich denn da?

»Oh«, machte Marina in diesem Augenblick und zog sich ein wenig auf ihre Seite zurück. »Johann. Ich habe Sie gar nicht kommen hören.«

Falls Johann ein Schmunzeln unterdrückte, man sah es nicht. Er zog einfach nur die schweren Samtvorhänge auf. »Guten Morgen, gnädige Frau. Ich bringe das Frühstück«, sagte er, drehte sich jetzt erst um, als hätte er Ronja und Marina Zeit geben wollen, sich wieder in eine gesellschaftsfähige Position zu begeben, und brachte ein Tablett ans Bett.

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