Teil 12

Nicht gefühlsmäßig an sich heranlassen. Dass Marina und sie heute Nacht im selben Bett geschlafen hatten, zählte nicht. Selbst wenn sie miteinander geschlafen hätten, hätte das nicht gezählt. Eine rein körperliche Nähe bedeutete gar nichts. Wenn die Seele nicht berührt wurde . . .

Endlich löste sie sich von der Tür, an der sie gelehnt hatte, und ging zur Dusche hinüber. Auf dem Weg zog sie das, was sie eben erst im Zimmer gegenüber angezogen hatte, wieder aus, diesmal allerdings inklusive der Unterwäsche. Sie ließ alles auf den Boden fallen.

Was auch immer dieser Tag bringen würde, sie erwartete nicht viel davon. Sie musste Marina unbedingt so schnell wie möglich loswerden, das war das einzige Ziel.

In der Dusche überlegte sie, wie sie das bewerkstelligen konnte. Marina hatte immer wieder davon gesprochen, dass sie kein Geld hatte, sich auch nicht so leicht welches besorgen konnte. Zumindest nicht, ohne dass ihr Bräutigam davon erfuhr, was sie anscheinend nicht wollte.

Also war Geld doch vermutlich die Lösung. Als ihr dieser Gedanke durch den Kopf ging, nickte sie. Ja, genau. So würde sie es machen. Sie würde Marina Geld anbieten. Das löste das Problem bestimmt sofort.

Das Prozedere war ihr nicht neu. Zwar hatte Marina in keiner Weise den Eindruck gemacht, dass sie zu den Frauen gehörte, die sich von einer Beziehung einen finanziellen Vorteil versprachen, aber da sie sich im Moment in einer Notlage befand, hatte Ronja kein Problem damit, diese Notlage auszunutzen.

Zumindest, wenn es sich nur um Geld handelte. In anderer Weise natürlich nicht. Dann hätte sie sich heute Nacht völlig anders verhalten. Aber so etwas lag nicht in ihrer Natur. Auf jeden Fall hätte es aber auch ihrer Erziehung widersprochen. Beides zusammen machte es zu einem unüberwindlichen Hindernis.

Die Entscheidung, die sie gerade getroffen hatte, hob ihre Stimmung. Bald würde das Problem Marina erledigt sein. Ihrer Großmutter konnte sie ja sagen, dass Marina früher zu ihrem Job zurückgerufen worden wäre, trotz Flitterwochen. Manche Chefs nahmen da ja heutzutage keinerlei Rücksicht.

Als sie sich jetzt einseifte und die Haare wusch, schlich sich sogar ein Lächeln in ihr Gesicht.

Es gab für jedes Problem eine Lösung.

Und es war doch immer schön, wenn man sie fand.


»Du willst mir Geld anbieten?« Marina sah ziemlich entgeistert aus.

»Ja . . . ähm . . . Ich dachte . . . Du brauchst es doch. Hast du gesagt.« Ronja fühlte sich viel unwohler bei dieser Geschichte, als sie sich das vorher vorgestellt hatte. Sie hatte irgendwie gedacht, es wäre einfacher.

»Nur damit ich gehe?«, führte Marina ihre Entgeisterung noch weiter aus.

»Ich wollte nicht . . .« Ronja räusperte sich. »Also damit will ich natürlich nicht sagen, dass ich deine Gesellschaft nicht als . . . angenehm empfinde.«

Zudem empfand sie es als ziemlich schwierig, das zu formulieren. Sie wollte Marina ja wirklich nicht verletzen. Aber auf der anderen Seite: Sie hatten keinerlei Beziehung zueinander. Es gab keine Bindung welcher Art auch immer. Sich jetzt wieder zu trennen war ungefähr so, wie man sich von jemandem trennte, den man zufällig im Bus getroffen und mit dem man sich während der Fahrt gut unterhalten hatte. Nicht mehr.

»Das hoffe ich«, sagte Marina. »Oder habe ich . . .« Sie legte leicht den Kopf schief. »Habe ich dich zu sehr bedrängt? Ich meine, ich wollte nichts Böses. Es war nur so, dass ich dachte . . . dass ich so ein Gefühl hatte –« Sie brach ab.

»Nein, nein«, wiegelte Ronja sofort ab. »Das ist es nicht. Es kam ja alles etwas überstürzt, und dann auch noch die Sache mit meiner Großmutter . . .« Unbehaglich räusperte sie sich. »Wohin sollte die Urlaubsreise denn gehen?« Sie hob fragend die Augenbrauen. »Die Flitterwochen meine ich. Wo wolltet ihr die verbringen? So eine typische Hochzeitsreise in den Süden, nehme ich an?«

»Die . . . Flitterwochen?« Diese Frage schien Marina zu überraschen.

»Ja, ihr hattet doch eine Reise geplant, sagtest du. Ist ja auch normal. Macht jeder. Und die Tickets hat dein Verlobter. Weshalb du die Reise jetzt nicht antreten kannst. Auch weil du kein Geld hast.« Ronja merkte selbst, dass sie etwas überhastet sprach. Es schien so viel zu sein, was herauswollte.

Als Marina sie jedoch nicht unterbrach, noch nicht einmal Anstalten dazu machte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ziemlich nervös fortzufahren: »Also wenn du mir sagst, wohin die Reise gehen sollte, kaufe ich dir ein Ticket. Oder eins in irgendeine andere Gegend. Falls du es zu gefährlich finden solltest, genau dahin zu fahren, wo die ursprüngliche Buchung war«, fügte sie eilig hinzu. »Es besteht ja immerhin die Möglichkeit, dass er jetzt die Tickets genutzt hat, zumindest seins. Das ist nicht ganz auszuschließen.«

Sie hätte am liebsten tief Luft geholt, weil sie sich ganz erschöpft fühlte. Solche Reden aus dem Stegreif waren wirklich nicht ihr Ding. Normalerweise hatte sie Redenschreiber für so etwas, und sie las das nur noch ab oder lernte es auswendig. Auch wenn alles, was in der Rede stand, vorher abgesprochen war.

»Nein. Nein, das ist es wohl nicht.« Marina kaute auf ihrer Lippe herum. »Und wenn ich jetzt sage Bahamas? Oder Malediven, Seychellen? Irgend so etwas?«

»Kein Problem.« Ronja zuckte die Schultern. »Du hast dich doch bestimmt auf deine Hochzeitsreise gefreut. Wäre doch schade, wenn du jetzt deinen ganzen Urlaub hier herumhängen müsstest, ohne etwas davon zu haben.«

»Ohne etwas davon zu haben«, wiederholte Marina nachdenklich, als müsste sie noch einmal jedes Wort hören, es selbst aussprechen, um seinen Sinn zu erfassen.

»Ach, hier seid ihr!« Eine fröhliche Stimme gab Marina keine Zeit mehr zu antworten. Justus kam freudestrahlend auf sie zu. »Ich hatte schon ein bisschen die Befürchtung«, er räusperte sich und zwinkerte heftig, »dass ihr noch . . . oben wärt.«

Reflexartig hob Ronja den Arm und schaute auf die Uhr. »Es ist gleich zwölf! Wer ist denn da noch im Schlafzimmer?«

»Och. Da wüsste ich schon den einen oder anderen . . .«, Justus’ Blick wanderte schnell zu Marina hinüber, und er grinste, »schönen Grund. Und nach einer Hochzeitsnacht braucht man ja vielleicht auch etwas länger, um seine«, erneut räusperte er sich, »Erschöpfung auszuschlafen.«

Marina lachte leise und stand von dem kleinen Sofa im Salon auf, das nah am Fenster stand und durch das sie in den Garten hinausgeblickt hatte, als Ronja eintrat. »Du weißt ja, was Ronjas Großmutter gesagt hat«, entgegnete sie verschmitzt.

»Na ja, das war nicht eure erste gemeinsame Nacht, das ist mir schon klar«, nahm Justus den Faden sofort verständnisvoll auf. »Ihr kennt euch ja schon länger. Aber eine Hochzeitsnacht ist doch immer etwas . . . Besonderes.«

»Ja, das ist es.« Marinas Mundwinkel zuckten, als sie nun einen Blick zu Ronja hinüberwarf, der das alles mehr als peinlich war.

ENDE DER FORTSETZUNG

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