Teil 01

1

Kristin saß in einem eleganten Wartezimmer vor einem Büro, in dem sie noch nie gewesen war. Sie hatte sich auch nie gewünscht, an einem solchen Ort zu sitzen, um Geld betteln zu müssen, und das auch noch bei einer alten Schulfreundin. Das ganze Gebäude gehörte ihr, Larissa Marzell, ein Hochhaus aus Glas mitten in Frankfurt.

Das war nicht immer so, Larissa war nicht immer reich gewesen, im Gegenteil, sie kam aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Früher war Kristin diejenige gewesen, der es materiell weit besser ging. Aber das hatte sich geändert. Der kleine Verlag, den Kristin von ihrem Vater geerbt hatte, lief nicht mehr. Wie so viele andere kleine Verlage konnte sie nicht mehr mit den großen mithalten, die mittlerweile den ganzen Markt beherrschten und alle anderen schluckten. Kleine Verlage gab es praktisch überhaupt nicht mehr. Selbst wenn die Namen noch existierten, waren sie mittlerweile nur noch Stempel für Unterabteilungen eines großen Konzerns.

Damit konnte Kristin sich nicht abfinden. Es war das Lebenswerk ihrer Großmutter, das sie übernommen hatte und dem sie sich verpflichtet fühlte. Ihre Großmutter hatte diesen Verlag zu Zeiten, als das für Frauen noch kaum möglich gewesen war, gegründet, während ihr Großvater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, ständig abwesend und mit anderen Frauen beschäftigt gewesen war. Möglicherweise hatte ihre Großmutter ihren eigenen Geschäftssinn nur aus Verzweiflung über ihre unglückliche Ehe entwickelt, aber dann hatte sie wohl auch Spaß daran gefunden und war sehr erfolgreich damit geworden.

Da sie keine Töchter gehabt hatte, sondern nur Söhne, hatte der jüngste der drei, Kristins Vater, ihr am nächsten gestanden, denn er war der sensibelste von allen, selbst ein Künstler, er malte. Das hatte ihre Großmutter dazu bewogen, ihm den Verlag zu übergeben, obwohl er den Geschäftssinn seiner Mutter leider nicht geerbt hatte. Eine Weile hatte er noch von dem gut eingeführten Namen profitiert, aber dann war es stetig bergab gegangen, und als er bereits mit fünfundvierzig Jahren an einem Herzinfarkt verstarb, erbte Kristin eigentlich nur Schulden.

Sie hätte das Erbe ablehnen können, dann wäre sie schuldenfrei gewesen, aber das hätte ihr Herz bluten lassen. Sie wusste, mit welcher Leidenschaft ihre Großmutter bis zum Schluss an diesem ihrem vierten Kind, wie sie es immer nannte, gehangen hatte, und wollte nicht so schnell aufgeben.

Obwohl Kristin Larissa schon seit dem Schulabschluss nicht mehr gesehen hatte, wusste sie, dass sie mittlerweile mehrfache Millionärin war. Jeder in ihrer gemeinsamen Heimatstadt, die weit kleiner war als Frankfurt, wusste das, und vielleicht reichte Millionärin noch nicht einmal. Schon als Kind war Larissa sehr zielstrebig gewesen, wollte in der Schule immer die Beste sein, hatte sich dadurch ein Universitätsstipendium erarbeitet, das ihr ihre Mutter, die mehr getrunken als gearbeitet hatte, nie hätte bezahlen können. Ihren Vater hatte sie nur kurz gekannt. Er war ebenfalls Alkoholiker gewesen und hatte die Familie verlassen, als Larissa noch nicht einmal drei Jahre alt war.

Schon allein aus diesem Grund hatte Larissa nie etwas getrunken, selbst wenn sie dafür ausgelacht wurde. Sie wollte nicht enden wie ihre Mutter und ihr Vater und war überzeugt davon, dass sie das Alkoholiker-Gen bei dieser doppelten Vorbelastung geerbt hatte, weshalb sie Alkohol selbst in kleinsten Mengen mied. Die Leidenschaft, aus diesen Verhältnissen herauszuwachsen, hatte sie vorangetrieben, und nun war sie eine erfolgreiche Investmentbankerin. Sie hatte immer schon gut rechnen können.

Kristin hingegen hatte sich als Kind keinerlei Sorgen um Geld machen müssen, zudem hatte sie die künstlerische Begabung ihres Vaters geerbt und hätte am liebsten den ganzen Tag gemalt. Sie hatte nach dem Abitur Kunst studiert. Allerdings hatte sie das Studium beim Tode ihres Vaters sehr abrupt abbrechen müssen, weil ihre Mutter allein absolut nicht in der Lage gewesen war, den Verlag weiterzuführen. Ihre Mutter hatte ihren Vater eigentlich nur geheiratet, weil sie ein angenehmes Leben an seiner Seite führen wollte, mit vielen Künstlern um sich herum und vor allem den dazugehörigen Partys. Sie konnte das Wort Bilanz noch nicht einmal buchstabieren.

Als Kristin zur Beerdigung ihres Vaters nach Hause gekommen war, hatte ihre Mutter sie hysterisch begrüßt, völlig aufgelöst und in Tränen. Aber nicht, weil sie ihren Vater so geliebt hatte, sondern weil sie mittlerweile erfahren hatte, dass kein Geld mehr vorhanden war, das ihren aufwendigen Lebensstil finanzieren konnte.

»Wie soll ich denn so weiterleben?«, hatte sie geschluchzt.

Worauf Kristin nichts anderes antworten konnte als »Du wirst es müssen, Mutter.«

Trotzdem hatte sie die Verantwortung für ihre Mutter gespürt, auch wenn sie nie ein gutes Mutter-Tochter-Verhältnis gehabt hatten. Eigentlich hatten sie überhaupt kein Verhältnis gehabt, denn ihre Mutter hatte sich nie für ihre Tochter interessiert. Kristin war ihrem Vater viel näher gewesen.

»Frau Corda?« Die Sekretärin, die irgendwie genauso steril wirkte wie das Glas dieses Gebäudes und genauso herablassend, sprach sie an. »Sie können jetzt hineingehen. Frau Marzell erwartet Sie.« Sie stand nicht auf, um Kristin die Tür zu öffnen. Anscheinend fand sie sie dafür nicht wichtig genug.

Kristin hatte schon ihren ganzen Mut aufbringen müssen, um überhaupt hierherzukommen, nun bildete sich ein Kloß in ihrem Hals. Noch hatte sie Larissas Büro nicht betreten, sie konnte immer noch gehen, weglaufen.

Unwillkürlich erinnerte sie sich an einen Bericht über Larissa, den sie gelesen hatte. In einer Wirtschaftszeitung. Selbstbewusst und kühn hatte der Journalist sie genannt, wagemutig, mit einer eindeutigen Vorliebe für das größte denkbare Risiko.

Sonst hätte sie – das war Kristin völlig klar – auch nicht so viel Geld in so kurzer Zeit machen können. Die Möglichkeit, dabei alles zu verlieren, hatte sie offenbar nicht einmal in Betracht gezogen. So war sie immer schon gewesen, wild und ungestüm, ohne nach links und rechts zu schauen. Sie hatte nur ihr Ziel vor Augen, ein einziges Ziel, und dafür ließ sie alles andere stehen.

Das hatte sie reizvoll und attraktiv für viele gemacht – neben ihren blauen Augen und dunklen Haaren, die einen atemberaubenden Kontrast bildeten –, aber auch das hatte Larissa nicht interessiert. Es war, als ob sie diejenigen, die hinter ihr her waren, gar nicht sehen würde. Als wären sie nur Figuren hinter Glas, die sie gar nicht beachtete. Einige Jungs und auch Mädels hatte das fast zur Verzweiflung getrieben, denn so sehr sie auch versuchten, ihr nahezukommen, sie schafften es nicht.

Ja, das waren Erinnerungen . . . Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen, als sie sich alle noch nicht mit den Zwängen des Lebens hatten herumschlagen müssen.

Nervös strich Kristin sich über die Haare. Wahrscheinlich sah sie unmöglich aus. Ihr Tag hatte schon vor Stunden begonnen, denn der Weg aus dem kleinen Städtchen, in dem sie immer noch wohnte, nach Frankfurt war weit, und ihr Auto hatte sie vor kurzem im Stich gelassen. Die Reparatur würde Unsummen kosten, weshalb der Werkstattbesitzer, ebenfalls ein alter Schulfreund, ihr geraten hatte, sich doch ein neues Auto zuzulegen. Darüber hatte Kristin nur gelacht, denn woher sollte sie das Geld dafür nehmen?

Deshalb war sie heute Morgen sehr früh mit dem Bus in die nächstgrößere Stadt gefahren, um dort die Regionalbahn zu nehmen, die über sämtliche Dörfer gebummelt war und nie anzukommen schien. Sie hatte nichts gegessen und getrunken, nur darauf gewartet, endlich Larissa gegenübertreten zu können, um sie um ein Darlehen zu bitten, das für die jetzt Millionärin wahrscheinlich wie ein Betrag aus der Portokasse war, für Kristin aber der Unterschied zwischen Überleben und Untergehen.

Larissa. Wie würde sie aussehen? Das letzte Mal, als Kristin sie gesehen hatte, war sie genauso wie sie selbst fast noch ein Kind gewesen, ihre erste große Liebe. Ja, sie hatte Larissa sehr geliebt. Dann waren andere gekommen, aber sie hatte Larissa nie vergessen.

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