Teil 01

Dein Vater hatte einen Schlaganfall.

Noch immer hallten die Worte in ihrem Gedächtnis nach. Unauslöschlich. Der Telefonanruf ihrer Mutter am Tag zuvor hatte sie völlig unvermittelt erreicht. Auf Fuerteventura.

Dein Vater hatte einen Schlaganfall.

Vivi hatte sofort gewusst, dass dieser eine Satz ihr Leben komplett auf den Kopf stellen würde, dass sich alles ändern würde. Nichts würde bleiben, wie es war. Und doch hatte sie nicht mit dem gerechnet, was sie erwartete, als sie am Nachmittag in Münster angekommen und ins Krankenhaus geeilt war.

Und jetzt saß sie hier. Allein in einer Bar in ihrer Heimatstadt. Gedankenverloren rührte sie in ihrem Gin Tonic.

Der Anblick ihres kranken Vaters hatte ihr das Herz zerrissen. Er hatte kaum reagiert, und überall hingen Kabel an ihm. Die rechte Seite hatte er gar nicht bewegen können, und gesprochen hatte er auch nicht. Nichts war mehr übrig von dem stattlichen Mann, den Vivi in Erinnerung hatte.

Ausgerechnet ihr Vater, der immer so aktiv und sportlich gewesen war, gesund gelebt hatte. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein.

»Noch einen?«, fragte die Barkeeperin mit Blick auf Vivis leeres Glas.

Sie nickte stumm, und nur wenige Sekunden später stand ein neuer Longdrink vor ihr. Er schmeckte ebenso bitter wie der letzte. Aber der Alkohol würde ihr helfen.

Was sollte jetzt aus ihr werden? Aus ihrem bisherigen Leben? Würde sie in dieser Saison noch einmal nach Fuerteventura zurückkehren können? Und was würde aus ihrem Vater werden?

Sie biss sich auf die Unterlippe, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Die melancholische Klaviermusik, die sanft im Hintergrund spielte, machte ihre Stimmung nicht besser.

»Kannst du mir noch einen Kaffee machen?«, wandte sie sich nach einigen weiteren schweigsamen Minuten an die Barkeeperin. Sie malte ein paar Kreise mit ihren Fingern auf die dunkel glänzende Theke.

Die schwarze Flüssigkeit tropfte aus der modernen Siebträgermaschine in eine Tasse und verströmte ein intensives Aroma.

»Milch und Zucker?«

»Nein, ohne alles bitte. Und möglichst stark.« Sie benötigte eine ordentliche Portion Koffein gegen die bleierne Müdigkeit. In der vergangenen Nacht hatte sie kaum geschlafen.

Nachdem sie einen Flug gebucht, mit ihrem Chef gesprochen und ihre Sachen gepackt hatte, war sie innerlich so aufgewühlt gewesen, dass an Schlaf nicht zu denken gewesen war. Und auch jetzt wusste sie, dass sie kein Auge zumachen würde, wenn sie zu Hause in ihrem Bett lag. Ihre Gedanken würden ihr keine Ruhe lassen. Genau deswegen war sie hergekommen. Sie wollte sich ablenken.

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

Es dauerte einen Moment, bis Vivi begriff, dass sie gemeint war. Erst ein erneutes »Darf ich nun?« machte ihr bewusst, dass sie angesprochen wurde. Sie drehte sich um und blickte in das Gesicht eines mindestens zwanzig Jahre älteren Mannes, der sie mit seinen schiefen Zähnen anlächelte und dabei in seinem Markenanzug den Eindruck vermittelte, als sei er davon überzeugt, der attraktivste Mann der Welt zu sein.

»Ähm . . .«, setzte sie an. Aber noch ehe sie richtig antworten konnte, zog sich der Mann einen Barhocker zurecht, um seinen üppigen Körper darauf zu platzieren.

»Entschuldigen Sie.« Plötzlich drängte sich eine kleine Frau zwischen sie. »Ich glaube nicht, dass meine Freundin Interesse daran hat, dass Sie sich zu uns setzen.« Sie funkelte den Mann böse an.

»Ihre Freundin?« Seine Blicke sprangen verwirrt von Vivi zu der Frau mit den dunklen Locken und wieder zurück. Ihr eigener Gesichtsausdruck war wahrscheinlich nicht weniger durcheinander.

Noch ehe sie begriff, was gerade passierte, fuhr die Fremde fort: »Ja, genau.« Sie legte ihre Hand auf Vivis Arm. Vivi spürte eine angenehme Wärme auf ihrer Haut. »Oder meine Frau. Oder meine Partnerin. Wie auch immer Sie das nennen wollen«, fuhr die Frau fort, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Sie setzte sich auf den Hocker, den der Mann mittlerweile gezwungenermaßen freigegeben hatte, weil die dunkelhaarige Schönheit ihm gar keine andere Wahl gelassen hatte.

»Und ich denke, es ist an der Zeit, dass Sie uns nun wieder alleinlassen.« Ihr Tonfall ließ keinerlei Widerrede zu. Mit einem Zeigefinger schob sie die Brille auf ihrer Nase ein Stückchen hoch.

Vivi saß einfach nur da und beobachtete, wie sich der Mann umdrehte und fluchend abzog. »Blöde Kühe«, konnte sie gerade noch vernehmen.

Die Fremde lächelte sie an. »Entschuldige, ich hoffe, das war okay. Aber du sahst nicht so aus, als hättest du Interesse an seiner Gesellschaft.«

Nur mühsam fand Vivi ihre Sprache wieder. »Ja, vielen Dank.«

»Ich bin übrigens Alessa.« Die Dunkelhaarige streckte ihr die Hand entgegen. »Und wenn du lieber deine Ruhe haben möchtest, bin ich sofort wieder weg.« Sie lächelte entwaffnend.

Vivi wusste selbst nicht genau, was sie eigentlich wollte. Aber sie wusste, dass Alessa sie überrascht hatte, und das imponierte ihr. Sie ergriff die Hand. »Vivi«, stellte sie sich vor. »Ich glaube, ich bin heute keine gute Gesellschaft, trotzdem würde ich mich freuen, wenn du noch ein bisschen bleibst.« Eine kleine Plauderei mit Alessa würde vielleicht für die gewünschte Ablenkung sorgen.

Alessa bestellte ebenfalls einen Gin Tonic, dann wandte sie sich wieder an Vivi. »Möchtest du darüber reden?«

»Worüber?«

»Über den Grund, warum du so schrecklich traurig aussiehst.«

Vivi schüttelte den Kopf und nahm einen großen Schluck von ihrem Drink. »Ehrlich gesagt, im Moment nicht.«

Alessa nickte. »Kein Problem. Aber wenn du deine Meinung änderst, höre ich dir gern zu. Manchmal hilft reden.«

Während Alessa ihr Glas in die Hand nahm, sah Vivi sie etwas genauer an. Alessa musste in etwa in ihrem Alter sein. Ihre dunklen Locken fielen offen auf ihre Schultern. Das dunkle, eckige Brillengestell passte gut zu ihren dunkelbraunen Augen und verlieh ihr etwas Seriöses. Und sie war sehr attraktiv.

»Bist du Spanierin?«, fragte Vivi.

Alessa schüttelte den Kopf. »Nein, aber fast. Meine Eltern sind Italiener.«

Das erklärte das südländische Aussehen. »Das war wirklich nett von dir gerade«, sagte Vivi nach einer Weile. »Danke.«

»Keine Ursache. Ich habe . . .« Alessa brach ab und starrte in ihr Glas.

»Ja?«, hakte Vivi nach.

»Vergiss es.« Alessa errötete leicht. Das passte gar nicht zu dem ersten Eindruck, den Vivi von ihr bekommen hatte. Sie hatte Alessa keineswegs für schüchtern gehalten.

»Du solltest wissen, dass ich sehr neugierig bin und nicht so schnell aufgebe. Also, was wolltest du gerade sagen?«

Alessa seufzte, aber dann lächelte sie. Neben ihrem Mund bildeten sich kleine, unwiderstehliche Grübchen. »Ich habe dich schon eine Weile beobachtet«, gestand sie. »Du bist mir in dem Moment aufgefallen, als du die Bar betreten hast. Aber du sahst so gedankenverloren und mitgenommen aus, dass ich dachte, dass du bestimmt keine Lust hast, dich mit mir zu unterhalten. Aber als dann dieser widerliche Typ kam . . .« Sie zuckte die Schultern.

». . . hast du mich vor ihm gerettet«, vollendete Vivi den Satz.

Sie hatte gar nicht bemerkt, wie voll die Bar war, freie Tische gab es gar nicht mehr. Die Luft war heiß und stickig geworden. Es tat ihr fast leid, dass ihr Alessa nicht aufgefallen war. Normalerweise hätte sie so eine Frau nicht übersehen. Aber heute war eben nichts normal.

Vivi atmete tief durch. Genug davon. »Was machst du eigentlich Samstagabend allein in dieser Bar?«, fragte sie.

Alessa strich ihre rote Bluse glatt. »Ich bin quasi erst heute nach Münster gezogen, aber da meine Wohnung noch nicht fertig ist, schlafe ich im Hotel. Und bevor mir dort die Decke auf den Kopf fällt, dachte ich, ich genehmige mir einen Cocktail. Oder auch zwei.« Sie prostete Vivi zu. »Ich hatte ehrlich gesagt auf eine so charmante Begegnung wie diese gehofft.«

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