Teil 02

»Ich weiß.« Seufzend richtete Ker sich auf und fuhr sich mit beiden Händen durch die kurzen schwarzen Haare, die sich ein wenig lockten, wenn sie sie länger wachsen ließ, was sie aber kaum je tat. »Hier im Büro werden wir die aber nicht finden. Die Tatortfotos geben nichts her.« Sie warf einen fast verächtlichen Blick darauf.

»Nein.« Marita stand auf, schaute ebenfalls auf die Bilder hinunter. »Sie hat sie erschossen.«

»Das bestreitet sie ja auch nicht!«, fuhr Ker auf. »Es war ein höchst tragischer Unfall.«

»Ein Unfall, hmhm«, machte Marita skeptisch. »Was für eine Geschäftsreise hatte ihre Frau eigentlich geplant? Wissen wir etwas darüber?«

»Ja, das ist merkwürdig.« Ker beruhigte sich wieder und kehrte zu ihrem professionellen Verhalten zurück. »In ihrem Wagen waren keine Unterlagen. Keine Notizen für irgendwelche Meetings in München, keine Termine in ihrem Terminkalender für die nächsten zwei Tage, die sie hätte in München sein sollen.«

»Sekretärin?«, fragte Marita.

Ker zuckte die Schultern. »Ist in Urlaub. Anscheinend hat sie das im Moment alles selbst geregelt.«

»Wie praktisch«, stellte Marita leicht ironisch fest. »Hat sie ihre Termine alle im Kopf behalten? Brauchte sie nichts, um das aufzuschreiben? Kein Papier und auch nicht ihren digitalen Terminkalender?«

»Keine Ahnung.« Ker zuckte die Schultern. »Weiß ich doch nicht. Vielleicht hatte sie ein gutes Gedächtnis.«

»Ein Terminkalender auf dem Smartphone ist da wohl erheblich zuverlässiger. Und eine Geschäftsfrau ist das allemal gewöhnt. Die schreibt alles auf, weil es sonst viel zu viel ist, um es im Kopf zu behalten.« Marita runzelte die Stirn. »Wo ist das?«

»Vielleicht war es so wichtig, dass sie dachte, sie würde es nicht vergessen. Oder sie wollte es geheimhalten. Vor ihrer Frau oder vor wem auch immer. Weil sie nicht wollte, dass jemand wusste, wo sie war.« Kers Mundwinkel zuckten. »Oder dass sie überraschend zurückkommen würde.«

»Ja, so überraschend, dass ihre Frau sie erschießen konnte.« Als Ker schon wieder auffahren wollte, fuhr Marita nachdenklich fort: »Ein gutes Gedächtnis . . .« Sie schüttelte den Kopf. »Und dann hat sie vergessen, dass im Schlafzimmer ein geladener Revolver lag? Geht einfach so rein, obwohl ihre Frau sie nicht erwartet? Ohne anzuklopfen? Ohne etwas zu sagen?«

»Vielleicht wollte sie sie nicht stören. War ja schließlich schon spät«, vermutete Ker eigensinnig.

»Und der süße blonde Engel hat nicht einen Moment gezögert zu schießen.« Marita biss sich nachdenklich auf die Lippe. »Hat sie eine Ausbildung?«

»Würde ich nicht vermuten, so wie sie aussieht«, verteidigte Ker Adriane sofort.

»Dafür hat sie aber sehr gut getroffen. Vier Mal«, entgegnete Marita trocken. »Mitten ins Herz.«

»In die Brust«, korrigierte Ker.

»Fast dasselbe.« Marita schüttelte argwöhnisch den Kopf. »Niemand, der dafür kein Training hat, kann das so einfach. Das wäre ein merkwürdiger Zufall. So ein Revolver ist ganz schön schwer und unhandlich, wenn man ihn nicht gewöhnt ist. Beim Schießen kann man den Rückschlag nicht ausgleichen, ballert wild in der Gegend herum . . . Aber vier Mal in die Brust –«

»Zum Teufel noch mal!« Kers Stimme wurde so laut, dass Kollegen, die außerhalb des Büros standen, aufmerksam herüberblickten. »Solche Zufälle gibt’s. Sie war in Panik, Adrenalin ohne Ende. Das hat ihr Kraft gegeben.«

»Solche Zufälle gibt’s . . . selten«, korrigierte Marita. »Äußerst selten. Und bei nicht trainierten Frauen ist das praktisch unmöglich.«

»Praktisch«, wiederholte Ker, während ihre Kiefer mahlten, »heißt nicht immer.«

»Ja, ausschließen kann man es nicht«, stimmte Marita widerwillig zu. »Wer hatte das Geld für dieses protzige Haus? Ihre Frau?«

»Adriane Reichardt verdient bestimmt gut. Bei ihrem Aussehen. So als Model.« Ker versuchte mit aller Gewalt, Maritas Argumente zu entkräften.

»Hast du die Finanzen schon überprüft?« Fragend hob Marita die Augenbrauen.

»Dazu bin ich noch nicht gekommen«, schnappte Ker. »Sie sagte, die Unterlagen sind wahrscheinlich im Safe, und sie kennt die Kombination nicht.«

»Dann müssen wir ihn wohl aufschweißen.« Marita ging an ihren Schreibtisch zurück. »Wer macht das?«

»Hab schon angerufen«, antwortete Ker. »Wir können rüberfahren und warten, während sie ihn öffnen.«

Marita zog nachdenklich ihre Stirn zusammen. »Ich glaube, da müssen wir nicht beide rumstehen. Du kannst rüberfahren, und ich schaue mal, ob ich was über die Ehefrau rausfinde. Wieso gibt es keine Unterlagen? Das kann ich mir nicht erklären. Eine erfolgreiche Geschäftsfrau behält nicht alles im Kopf, sonst wäre sie keine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie muss perfekt sein in ihrer Terminverwaltung. Mit oder ohne Sekretärin.«

»Tja.« Ker zuckte die Schultern. »Vielleicht war sie die Ausnahme von der Regel. Eine chaotische erfolgreiche Geschäftsfrau.«

Marita hob zweifelnd die Augenbrauen. »Mal sehen.« Plötzlich grinste sie. »Ich denke, du bist nicht böse, wenn ich dich nicht begleite? Du musst ja noch den Rest der Aussage von dem schönen Biest aufnehmen. Dabei störe ich nur.«

»Dafür werde ich bezahlt«, entgegnete Ker widerborstig. »Egal, ob es mir gefällt oder nicht.«

»Na, diesmal gefällt es dir sicher«, bemerkte Marita mit zuckenden Mundwinkeln und verließ das Büro.


Am Haus angekommen stieg Ker von ihrer Maschine, nahm den Helm ab und schaute sich um. Bei Tag sah das Anwesen sogar noch protziger aus als bei Nacht. Es schien allen Dieben zuzurufen: »Kommt her! Hier gibt es eine Menge zu holen!«

Sie schüttelte den Kopf. Normalerweise hatte sie nicht sehr viel in diesen Kreisen der Gesellschaft zu tun, die regelten ihre Angelegenheiten meistens auf andere Art als durch Gewalt. Jedenfalls nach außen hin.

Ein kleiner Kastenwagen kam die Auffahrt herauf. Die Aufschrift wies darauf hin, dass das der Schweißer sein musste.

Ker ging zu ihm hinüber und begrüßte ihn, als er ausstieg.

Danach begaben sie sich gemeinsam zu der imposanten Eingangstür und klingelten.

Ein sanftes Glockenspiel erklang und spielte die ganze Melodie zuerst zu Ende, bevor die Tür geöffnet wurde.

Eine ältere Frau schaute sie fragend an. »Ja, bitte?«

»Polizei«, sagte Ker und zog ihren Ausweis heraus. »Ist Frau Reichardt da?«

Die Frau nickte. »Im Garten.« Sie trat zurück und wies auf den hinteren Teil des Hauses.

»Warten Sie kurz hier.« Ker nickte dem Schweißer zu, der sein schweres Gerät in der Halle abstellte. »Ich werde schnell Bescheid sagen, dass wir jetzt mit dem Aufschweißen anfangen.«

»Alles klar.« Der Mann war offenbar die Gelassenheit in Person. Er wirkte, als ließe er sich durch nichts aus der Ruhe bringen. »Ich habe keine Eile.«

Ker folgte der älteren Frau, die vermutlich die Haushälterin war – sie konnte sich nicht vorstellen, dass Adriane Reichardt selbst einen Putzlappen in die Hand nahm –, in Richtung der großen Glastür, die in den Garten führte.

Die beiden Teile der Schiebetür waren weit nach rechts und links aufgeschoben, sodass eine leichte Brise hereinwehte, ein süßer Hauch, der von Blütenduft geschwängert war.

Als Ker auf die Terrasse hinaustrat, hatte sie das Gefühl, sie beträte das Paradies. Es war mehr ein Park als ein Garten, ein Pool in der Mitte war wie eine Oase gestaltet, keine geraden Linien, als hätte die Natur einen himmlischen See erschaffen, in den sich ein kleiner Wasserfall plätschernd ergoss. Der Garten Eden musste dagegen fast langweilig erschienen sein.

Kaum hatte sie das gedacht und ihren Blick schweifen lassen, bemerkte sie, wie eine schmale Gestalt aus den Tiefen des Sees auf sie zuschwamm. Eva hatte sich entschlossen, die Besucherin ihres Paradieses zu begrüßen.

Adriane Reichardt kam über den flachen Rand, der den Pool abschloss, wie eine Nymphe aus dem Meer gestiegen. Ihre langen Haare fielen nun durch die Nässe glattgezogen über die Schultern auf ihren Rücken hinunter.

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • Keine Kommentare vorhanden

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4

Suche

Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren. Es gibt keine Tracker und keine Weitergabe Ihrer Nutzungsdaten an Dritte.