Teil 02

»Danke, das kann ich nur zurückgeben.« Dass Vivi sich eigentlich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht hatte, wie der Abend werden sollte und sie einfach nur von zu Hause weggewollt hatte, verschwieg sie. »Dann auf einen schönen Abend.« Sie stieß mit Alessa an. »Warum ziehst du denn nach Münster?«

»Ich fange Montag einen neuen Job an.«

»Lass mich raten!« Vivi betrachtete Alessa eingehend. Dann legte sie einen Zeigefinger an ihre Lippen. »Was könnte eine Frau wie du machen?« Sie runzelte die Stirn. »Für eine Lehrerin bist du eindeutig zu sexy. Du würdest die armen Schüler nur ablenken.«

Alessa wich ihrem Blick aus. »Übertreib nicht.«

»Das meine ich ernst.« Jetzt war Vivi ganz in ihrem Element. Sie liebte es, offensiv zu flirten.

In ihrer Zeit als Animateurin hatte sie in den letzten Jahren häufig Frauen kennengelernt. Der Urlaub machte sie meist locker und entspannt, und nur die wenigsten waren einem Abenteuer abgeneigt gewesen. Vivi hatte das gern ausgenutzt. Insbesondere weil klar war, dass spätestens zum Rückflug alles zu Ende war. Es hatte keine Verpflichtungen gegeben.

»Du bist sehr elegant gekleidet«, fuhr sie fort, und unweigerlich fiel ihr Blick auf Alessas nackte Knie, die ihr leicht hochgerutschter Rock freigab. »Du hast auch etwas Ernsthaftes an dir. Du siehst aus, als könnte man dir etwas Wichtiges anvertrauen.« Sie legte den Kopf ein wenig schief.

Alessa schien sich etwas zu entspannen und grinste. »Jetzt bin ich gespannt.«

»Vielleicht bist du Bankerin oder Versicherungsmaklerin.«

Alessa schüttelte amüsiert lachend den Kopf. »Nein, du liegst daneben. Aber einen Versuch gebe ich dir noch.«

Vivi sah Alessa tief in die Augen, und für einen ganz kurzen Moment vergaß sie alles um sich herum. Sie schluckte.

»Also?«, holte Alessa sie wieder in die Realität zurück.

»Du bist Anwältin oder so was.«

Alessa klatschte in die Hände. »Wow, bravo. Volltreffer. Ich bin tatsächlich Anwältin. Und was machst du beruflich? Bestimmt etwas, bei dem man hartnäckig und neugierig sein muss und Leute auf den ersten Blick einschätzen können muss.« Sie hielt einen Moment inne. »Bist du Detektivin? Oder Kriminalbeamtin?«

»Um Gottes willen.« Vivi lachte laut auf. Und das tat gut. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass sie sich etwas unbeschwerter fühlte. Aber der Gedanke an ihren Beruf ließ sie sofort wieder hart auf den Boden der Realität aufschlagen.

»Tut mir leid«, sagte Alessa, die wohl Vivis abrupten Stimmungswechsel bemerkt hatte. »Wenn das kein gutes Thema ist, vergiss meine Frage bitte.«

»Nein, mir tut es leid.« Vivi verwischte das Kondenswasser, das sich an ihrem Glas gebildet hatte. »Ich bin Tanzlehrerin und Fitnesstrainerin. Und eigentlich sollte ich auf Fuerteventura sein.« Sie hob tief einatmend die Schultern. »Dort habe ich zuletzt als Animateurin in einem Hotel gearbeitet.«

»Auch ein Job, bei dem man viel Menschenkenntnis braucht.«

Vivi nickte. »Stimmt.«

Alessa rutschte ein Stückchen näher zu Vivi. Ihr Blick wurde ernst. »Möchtest du jetzt vielleicht darüber reden, warum du hier bist und so traurig aussiehst?« Sie klang aufrichtig interessiert.

Vivi holte erneut tief Luft. Vielleicht half es ja. »Mein Vater hatte gestern einen Schlaganfall, und deswegen bin ich heute zurück nach Münster gekommen.« Als die Worte erst einmal ausgesprochen waren, spürte sie eine gewisse Erleichterung.

»Das tut mir sehr leid.« Alessa nahm Vivis Hand in ihre. »Kann ich irgendetwas für dich tun?«

»Nein, danke.« Schnell zog Vivi ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Alessa schien nur für einen kurzen Moment irritiert, aber nicht beleidigt zu sein. Ihre dunklen Augen ruhten erwartungsvoll auf Vivi, die eigentlich nicht weitersprechen wollte.

Aber dann sprudelten die Worte doch aus ihr heraus. »Mein Vater hat hier in Münster eine Tanzschule, die ich eines Tages übernehmen soll, aber ich fürchte . . .« Sie brach ab. Die Bilder von ihrem kranken Vater tauchten vor ihr auf. Das konnte sie nicht ertragen. Wenn kein Wunder geschehen würde, würde er nie wieder tanzen können. Und der besagte Tag würde sehr viel schneller kommen als erwartet.

Vivi drehte sich leicht von Alessa weg. Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. »Das Taktgefühl ist sein Leben«, fuhr sie fort. »Tanzen ist sein Leben.« Ihre Stimme klang kratzig. »Aber lass uns nicht darüber reden.« Sie richtete sich wieder auf, räusperte sich und wandte sich an die Barkeeperin. »Noch zwei Gin Tonic«, orderte sie. Damit war dieses Thema für sie erledigt.

»Kommst du aus Münster?«, fragte Alessa nach einer Weile der Stille.

»Ja, ich bin hier geboren und aufgewachsen, aber irgendwann hat es mich in die Welt hinausgezogen.« Vivi nahm den Strohhalm zwischen ihre Lippen und sog daran. So langsam spürte sie den Alkohol. Und der Drink schmeckte gar nicht mehr ganz so bitter, sondern eher angenehm süßlich.

»Und dann bist du Animateurin geworden?«, mutmaßte Alessa.

»Genau.«

»Das stell’ ich mir ziemlich spannend vor.«

»Es klingt deutlich spannender, als es ist, vor allem ist es anstrengend.« Langsam entspannte sich Vivi ein bisschen. Sie fühlte sich auf sicherem Terrain. Ähnliche Gespräche hatte sie schon viele Male geführt. Viele Gäste in den Clubs erkundigten sich danach. »Aber es macht auch sehr viel Spaß. Man lernt viele neue Leute kennen, alle sind glücklich und zufrieden, weil sie im Urlaub sind. Die Stimmung ist gut und man kommt herum.« Sie sah Alessa in die Augen. Dieses Mal war sie es, die Alessas Nähe suchte, und sie legte ihre Hand auf Alessas Oberschenkel. Sie wusste selbst nicht, warum sie das plötzlich tat. Aber es fühlte sich gut an. Genau das brauchte sie jetzt.

Alessa zuckte kurz zusammen und schloss für einen winzigen Moment ihre Lider. »Wo warst du denn schon überall?« Ihre Stimme war eine Nuance dunkler geworden. Das gefiel Vivi.

»In Ägypten, der Türkei, in Andalusien, auf Gran Canaria und auf Kreta. Und jetzt eben noch auf Fuerteventura. In den meistens Clubs bin ich nur eine oder zwei Saisons lang gewesen. Sonst wäre es schnell langweilig geworden.« Ihr Daumen begann kleine Kreise auf Alessas Bein zu zeichnen.

Alessas Lippen öffneten sich einen kleinen Spalt. Eine Geste, die Vivi unweigerlich erregte. »Und was machst du dann den ganzen Tag?« Es kostete Alessa sichtbare Mühe, die Worte hervorzubringen.

Spätestens jetzt wusste Vivi, was sie wollte. Sie wollte Alessa küssen, sie wollte sie verführen. Sex war noch immer ihr bestes Mittel gegen allen Kummer. »Interessiert dich das wirklich?« Sie beugte sich etwas näher zu Alessa. Sie roch süß, nach einer Mischung aus Mango und Kokos. »Was hältst du davon, wenn wir stattdessen lieber gehen?«, raunte sie in Alessas Ohr.

Alessa nickte. »Wir können zu mir ins Hotel.« Ihre Stimme zitterte leicht.

Vivi zahlte schnell und bestellte ein Taxi für sie.


»Komm!« Alessa ergriff Vivis Hand, nachdem sie aus dem Taxi ausgestiegen waren, und zog Vivi mit sich in die Hotellobby. Offensichtlich hatte sie es eilig. Vielleicht waren Vivis Finger, die sich schon im Taxi unter Alessas Rock geschoben hatten und millimeterweise Alessas Oberschenkel hinaufgewandert waren, nicht unschuldig daran gewesen.

Vor dem Fahrstuhl blieben sie stehen. »Mein Zimmer ist in der vierten Etage.« Alessa drückte auf den Knopf.

Vivis Puls ging schneller. »Lass uns die Treppe nehmen.«

»Warum?« Alessa runzelte die Stirn. »Der Fahrstuhl ist bestimmt sofort da.«

»Bitte«, war alles, was Vivi erwiderte. Auf lange Erklärungen hatte sie jetzt keine Lust. Dieses Mal war sie es, die Alessa mit sich zog. Alessa ließ es widerstandslos geschehen. Und so kamen sie wenig später etwas außer Atem vor Alessas Zimmertür an.

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • No comments found

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Suche


Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren.
Datenschutzerklärung Einverstanden