Teil 02

»Na, da kenne ich noch jemanden, der in diesen Dingen nicht besonders vernünftig ist«, erwiderte Fabiola leicht schmunzelnd.

»Ach, bei uns ist das doch etwas anderes.« Carlo winkte ab. »Wir Jungs sind nicht so kompliziert. Aber ihr Mädels . . .« Er schüttelte den Kopf.

»Wir müssen auch nicht kompliziert sein«, widersprach Fabiola. Sie warf einen Blick nach hinten, wo aber nichts mehr von Sarah zu sehen war. »Aber sie ist noch sehr jung.«

»Ach so? Und du bist alt und abgeklärt?« Carlo lachte.

»Älter als sie auf jeden Fall«, sagte Fabiola. »Aber ich sehe«, sie wechselte das Thema und schaute sich anerkennend um, »dass du einen neuen Künstler entdeckt hast.«

»Eine Künstlerin«, korrigierte Carlo. »Und nicht ich habe sie entdeckt, sondern Sarah. Sie ist Gold wert. Hat einen untrüglichen Blick für das Besondere.«

Fabiola lachte. »Bei Künstlern, aber nicht bei ihrer Freundin?«

»Tja.« Carlo zuckte die Schultern. »Wie es eben manchmal so ist . . . Aus der Nähe ist das Auge blind.«

»Scheint so«, sagte Fabiola.

»Ah . . .«, machte Carlo gedehnt. »Da ist wieder dieses Funkeln in deinen Augen.« Er nickte. »Vic ist das ganze Wochenende nicht da, wie es aussieht.«

Fabiola wiegte zweifelnd den Kopf hin und her. »Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Sie wirkt ziemlich . . .«, wieder wanderte ihr Blick nach hinten, »verletzlich.«

»Sie braucht nur die richtige Frau, die sie aufbaut«, behauptete Carlo. »Und nicht eine, die sie immer nur runterzieht.« Sein Gesicht verzog sich grimmig, was ganz untypisch für ihn war. Er war eher eine Frohnatur, der alles – bis auf sein Geschäft – leichtnahm. »Du würdest ihr einen Gefallen tun.«

Fabiolas Mundwinkel zuckten. »Ich bin nicht sicher, ob sie das genauso sieht. Aber ich kann sie ja mal zum Essen einladen.«

»Das kann auf jeden Fall nie schaden«, bestätigte Carlo und rieb sich zufrieden die Hände. »Aber jetzt musst du mich entschuldigen. Hinten ist noch einiges zu tun. Und du kommst ja sicher nachher zur Vernissage.« Er schaute sie fragend an.

»Natürlich.« Fabiola nickte lächelnd. »Das lasse ich mir bestimmt nicht entgehen.«

Carlo lachte leise. »Jetzt würde ich gern wissen, ob du dabei an die Bilder denkst oder an . . . etwas anderes.«

Neckend tippte Fabiola ihm mit einem Finger auf die Nase. »Sage ich dir nicht.«

»Weiß man bei dir nie so genau«, meinte Carlo. »Dann bis später«, verabschiedete er sich nun schon mit abwesend gerunzelter Stirn über dem Winken seiner sorgfältig manikürten Hand. »Wir sehen uns.« Und wie einer von diesen kleinen, agilen Hunden begab er sich geschäftig nach hinten.

Fabiola stand noch kurz da, dann drehte sie sich um und ging hinaus.


Als sie am Abend wieder in der Galerie ankam, waren die meisten Gäste schon eingetroffen. Stimmengewirr zwischen Champagnerschalen. Sie nickte Carlo nur kurz zu, der am anderen Ende der Galerie stand, als sie zur Eingangstür hereinkam. Carlo lächelte zurück und widmete sich erneut seinen Gesprächspartnern.

Gemächlich begab Fabiola sich zum Buffet und beobachtete von dort aus die Gesellschaft, um sich einen Überblick zu verschaffen. Sie wusste immer gern, wer von ihren Konkurrenten da war und wie das Publikum auf einen neuen Künstler reagierte. Und heute – sie schaute sich um – hatte sie auch noch ein anderes Interesse.

Die junge Frau, Sarah, war ebenso wie Carlo mit Kunden oder vielleicht auch Pressevertretern beschäftigt, die sie anscheinend über die neue Künstlerin ausfragten. Möglicherweise war eine der Frauen in der Gruppe sogar die Künstlerin selbst, auch wenn das von Fabiolas Position aus nicht festzustellen war. Aber sicherlich würde die Neuentdeckung im Laufe des Abends dem Publikum vorgestellt werden.

Fabiola überlegte, ob sie so lange warten und sich erst einmal die angeblich so besonderen Bilder ansehen sollte, aber sie merkte, dass das nicht unbedingt das war, was sie jetzt tun wollte. Ihr stand der Sinn nach etwas anderem, also schlenderte sie langsam, als würde sie tatsächlich die Bilder betrachten, zu der Gruppe um Sarah hinüber.

Als sie in Hörweite war, konnte sie feststellen, wie viel sicherer und selbstbewusster als bei ihrer ersten Begegnung Sarahs Stimme klang. Sie sprach über etwas, das sie wirklich interessierte und womit sie sich hervorragend auskannte, das merkte man.

Es wurde schnell klar, dass die junge Frau neben ihr wohl die Künstlerin sein musste. Sie war in eine weite persische Hose und einen ebensolchen Kaftan gekleidet, die in allen Regenbogenfarben leuchteten, wirkte ein wenig schüchtern und trug eine runde Nickelbrille, vermutlich aus irgendeinem Retroladen.

Fabiolas Blick verweilte jedoch nicht auf ihr. Ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, wurde er von Sarah gefesselt. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so von einer Frau fasziniert gefühlt.

Sarah wirkte verglichen mit der Künstlerin dezent gekleidet, für sie war das hier Arbeit, und dementsprechend hatte sie ein unauffälliges schulterfreies Kleid gewählt, das zwar dem Anlass angemessen war, aber keiner der anwesenden Damen Konkurrenz machte. So unauffällig das Kleid jedoch auch war, Sarah und insbesondere Sarahs nackte Schultern waren es für Fabiola nicht.

Der Unterschied zu heute Nachmittag war frappierend, denn da hatte Sarah noch fast freizeitmäßig ausgesehen in Jeans und ihrem weiten T-Shirt. Alles war von oben bis unten mit Sägespänen und Klebeband, Farbe und Kordelresten übersät gewesen von den Vorbereitungen für die Vernissage.

Nun sah sie irgendwie . . . gediegen aus. Während Carlo immer versuchte, sich selbst einen künstlerischen Touch zu verleihen, hatte Sarah offensichtlich darauf verzichtet. Ihre Aufmachung war eine klare Aussage zu Understatement. Sie wollte weder der Künstlerin noch sonst jemandem die Schau stehlen. Alle sollten sich nur auf die Bilder konzentrieren, nicht auf sie, das schien sie zu beabsichtigen.

Allerdings gelang es Sarah nicht, die Aufmerksamkeit ganz von sich abzuwenden. Fabiola war nicht die einzige, die sie mit ihren Blicken verfolgte, wie sie bald bemerkte. Sie lächelte leicht. Ja, Sarah hatte etwas, da konnte sie noch so sehr versuchen, sich unscheinbar zu machen, sie war es nicht.

Sie lauschte Sarahs Erklärungen für eine Weile, nur, um ihre Stimme zu hören, die sie geradezu in ihren Bann zog.

Dann endlich war der Moment gekommen, da Carlo zu ihnen trat und die offizielle Vorstellung der Künstlerin verkündete. Er hatte eine kleine Rede vorbereitet, mit geschickt eingestreuten Sentenzen, die das Publikum immer wieder zum Lachen brachten, es dann aber erneut ernst lauschen ließen, ganz wie er es wollte. Wie ein Puppenspieler ließ er alle wie Marionetten nach seiner Pfeife tanzen. Fabiola wusste, wie sehr er das genoss. Das waren seine großen Momente, die er sich niemals hätte nehmen lassen.

Endlich war der offizielle Teil vorbei, und Carlo forderte alle auf, sich den Bildern, aber auch dem Buffet zu widmen, bevor er sich lächelnd einem künstlerisch gekleideten jungen Mann am anderen Ende des Raumes zuwandte. Er trug ein Samtjackett, eine verwegen auf dem Ohr hängende Baskenmütze und einen locker, ganz Picasso Junior, um den Hals geschlungenen roten Schal.

Das ist sein neuer Favorit, dachte Fabiola schmunzelnd. Vielleicht hofft er ebenfalls auf eine Ausstellung.

Sie betrachtete noch eine Weile das Bild, vor dem eben noch die Gruppe mit der Künstlerin gestanden hatte, und musste zugeben, dass es wirklich etwas Besonderes war. Das Besondere lag aber nicht an der Oberfläche, man musste genauer hinschauen, um es zu entdecken. Das hatte Sarah offensichtlich getan.

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