Teil 02

Zudem hatte sie, Kristin, für Liebesgeschichten wenig Zeit gehabt. Kaum hatte sie ihr Studium angefangen, musste sie auch schon wieder damit aufhören und von morgens bis abends schuften, um den Verlag am Leben zu erhalten. Was sich jetzt als sinnlos herausstellte.

Aber es durfte nicht sinnlos sein. Das durfte es einfach nicht! Sie ballte eine Hand zur Faust. Ihr Herz pochte so laut, dass sie dachte, jeder müsste es hören, insbesondere diese Sekretärin, die sie nun mit einem irritierten Blick ansah, weil Kristin nicht hineinging.

Ob Larissa etwas mit ihr hat? dachte Kristin auf einmal, und es war, als ob so etwas wie Eifersucht in ihr aufflackerte. Warum Eifersucht? Larissa hatte ihre Liebe nie erwidert, auch wenn Kristin sie ihr einmal im Überschwang der Gefühle gestanden hatte. Sie waren kurz davor gewesen, sich zu küssen, an einem lauen Abend nach dem schnöden Schulabschluss, der nichts weiter beinhaltete als das Aushändigen der Zeugnisse und einen für jeden immer gleich teilnahmslos gemurmelten Wunsch für ein erfolgreiches Leben.

Als Larissas blaue Augen immer näher kamen, hatte Kristin sich nicht mehr zurückhalten können und ein Ich liebe dich gehaucht, weil ihr Herz fast aus der Brust gesprungen war, weil es nun endlich passierte. Sie hätte sofort mit Larissa geschlafen, wenn Larissa das gewollt hätte.

Erwartungsvoll hatte sie die Augen geschlossen, dem Kuss entgegengefiebert, aber er kam nicht, und als sie die Augen wieder öffnete, schaute Larissa sie an, als würde sie sie wie ein Versuchsobjekt studieren. »Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist«, sagte sie. Dann hatte sie Kristin losgelassen, sich umgedreht und war gegangen. Am nächsten Tag hatte sie die Stadt verlassen und war nie mehr zurückgekehrt.

Nie hatte sie Kristin erklärt, warum sie gefunden hatte, dass es keine gute Idee war. Möglicherweise weil sie miteinander aufgewachsen waren, weil sie sich schon seit dem Kindergarten kannten, aber das hatte Kristin auch nicht daran gehindert, sich in Larissa zu verlieben. Wenn sie es rückblickend betrachtete, war sie wahrscheinlich schon immer in sie verliebt gewesen, ihr ganzes Leben lang.

»Was ist denn los?« Plötzlich öffnete sich die Tür, und Larissa trat heraus. »Habe ich nicht einen Termin?« Fragend und auch ein wenig vorwurfsvoll blickte sie auf ihre Sekretärin.

Die nickte und zeigte mit einer Hand voller langer, rot lackierter Fingernägel auf Kristin. »Ihr Termin ist hier.«

Larissa stutzte, dann verzogen ihre Mundwinkel sich erfreut. »Kristin. Ich wusste nicht, dass du mein Termin bist. Ich dachte, es ist jemand, der einen Investor sucht.«

Kristin zog die Schultern hoch. »Ich fürchte, das bin ich.«

Larissas Augenbrauen wanderten nach oben, und sie streckte einladend einen Arm aus. »Komm rein. Du glaubst gar nicht, wie ich mich freue, dich zu sehen.«

Fast etwas zögernd ging Kristin an Larissa vorbei, und ein dezenter Hauch von Abenteuer streifte sie. So hatte sie Larissas Geruch immer empfunden, selbst bevor sie beide angefangen hatten, Parfum zu benutzen.

Sie betrat das große und wirklich beeindruckende Büro, dessen Fensterfront vollständig aus Glas bestand. Dazu passend gab es einen weitausladenden, modernen Schreibtisch aus Glas und Chrom, vor dem ein breiter Chefsessel thronte, aus dem Larissa wahrscheinlich gerade aufgestanden war, denn die Sitzfläche zeigte in Richtung Tür.

»Magst du einen Kaffee?«, fragte Larissa in ihrem Rücken.

Ruckartig drehte Kristin sich um. »Kaffee? Ja. Ja, gern. Ich habe seit Stunden nichts getrunken.«

Larissa nickte, ging zu ihrem Schreibtisch und bestellte Kaffee bei ihrer Sekretärin, dann drehte sie sich wieder zu Kristin um. »Lass uns doch hier auf den Kaffee warten.« Sie zeigte auf eine Sitzecke mit bequem aussehenden Sesseln. »Das ist angenehmer als am Konferenztisch.« Auch ein solcher stand in diesem Büro. »Wir sind ja nur zu zweit.«

Kristin fühlte sich immer noch etwas erschlagen von diesem riesigen Arbeitsraum, der ihr fast so groß erschien wie ihre ganze Druckerei. »Ja, wir sind nur zu zweit«, wiederholte sie leise und lauschte den Worten nach. Was für eine intime Bedeutung hätten sie haben können, aber aus Larissas Mund klangen sie nicht so.

Bislang hatten sie sich nicht berührt, aber nun legte Larissa eine Hand ganz leicht auf Kristins Schulter, und Kristin fühlte es, als hätte sie ein elektrischer Schlag getroffen. Natürlich war diese Berührung völlig unschuldig, aber ihr Herz schlug schneller, machte einen richtigen Satz.

Da hatte Larissa ihre Schulter schon wieder losgelassen und wies mit ihrer Hand auf einen der Sessel. »Setz dich doch.« Während Kristin sich niederließ, tat Larissa dasselbe, schlug die Beine übereinander und schaute sie interessiert an. »Was kann ich für dich tun?«

Wie konnte sie so unbeeindruckt sein? Sie hatten sich Jahre nicht gesehen, und ihre letzte Begegnung hatte fast in einem Kuss geendet. Trotzdem benahm Larissa sich, als wären sie lediglich alte Schulfreundinnen, die nicht viel gemeinsam gehabt hatten.

Kristin versuchte ihr aufgeregtes Herz zu beruhigen. Das hier würde sicherlich nicht in einem Kuss enden, es war eine Geschäftsbesprechung, und so sollte sie sich auch verhalten. »Du hast vielleicht gehört, dass mein Vater gestorben ist«, setzte sie an.

Larissa beugte sich vor. »Oh ja, das tut mir leid. Er war so ein wunderbarer Mensch.«

Kristin musste schlucken. »Ja, das war er.« Sie räusperte sich. »Meine Mutter konnte den Verlag nicht ohne ihn weiterführen . . .« Sie nahm wahr, wie Larissas Mundwinkel zuckten. Von Kristins Mutter hätte sie sicherlich nicht gesagt, dass sie ein wunderbarer Mensch war. »Jedenfalls«, fuhr sie fort, »musste ich mein Studium abbrechen und zurückkommen. Und seither führe ich den Verlag.«

»Bravo«, sagte Larissa, und ihre Augen leuchteten auf. »Ich wusste immer, dass mehr in dir steckt als nur dieses bisschen Pinselei.«

»Pinselei?« Kristin fuhr auf.

Vielleicht weil sie aus so bescheidenen Verhältnissen stammte, hatte Larissa nie viel für Kunst übriggehabt, wie sie sich erinnerte. Und sie hatte sich auch früher schon hin und wieder über Kristin und ihren Vater lustiggemacht, wenn sie gemeinsam ihre Staffeleien einen Berg hinaufschleppten, nur um dort oben zu malen. Das waren einige der wenigen Augenblicke gewesen, in denen sie Larissa durchaus so einen Berg hätte hinunterstoßen können.

»Schon gut.« Larissa hob lachend die Hände. »Du hast es ja aufgegeben, deshalb muss ich nicht mehr darüber meckern.« Sie legte leicht den Kopf zur Seite. »Außerdem geht es mich ja auch überhaupt nichts an. Was sagt deine Frau dazu?«

Kristin runzelte die Stirn. »Wie kommst du darauf, dass ich eine habe?«

»Der Ring«, sagte Larissa und zeigte auf Kristins Hand.

»Oh.« Kristin hob die Hand an und begann den Ring an ihrem Finger zu drehen. Es war der Ring ihres Vaters, den sie hatte kleiner machen lassen, um ihn tragen zu können. Sie hatte schon fast vergessen, dass das den Eindruck erwecken konnte, sie wäre verheiratet. In ihrem Heimatstädtchen wussten alle, dass sie es nicht war. »Sie . . .«, sie räusperte sich erneut, »sie hat nichts dagegen.« Schief zog sie einen Mundwinkel hoch. »Außerdem komme ich vor lauter Arbeit für den Verlag ohnehin nicht mehr dazu.«

Warum hatte sie das getan? Warum tat sie so, als wäre sie verheiratet? Vielleicht damit klar war, dass zwischen ihnen nichts passieren konnte? Aber dass das so war, dafür hatte Larissa ja schließlich das letzte Mal selbst gesorgt. Sie würde kaum Interesse daran haben, nun auf einmal das Gegenteil zu tun.

»Die Zeiten sind schwierig, hm?« Larissa nickte. »Die Verlagsbranche ist nicht mehr das, was sie einmal war.« Sie lächelte. »Wenn ich bedenke, dass du mir damals wie eine Prinzessin erschienen bist, die in einem Schloss wohnt.« Sie zuckte die Schultern. »Verglichen mit unserer Behausung war allerdings so ziemlich alles ein Schloss.«

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