Teil 02

Dabei blieb Bea normalerweise lieber allein. Sie gehörte nicht unbedingt zu den geselligen Menschen. Seit Jahren fuhr sie zum Campen an die Ostsee, und ihre schönsten Momente hatte sie immer dann gehabt, wenn sie ohne Begleitung unterwegs gewesen war. Aber was war seit dem Augenblick, als Mel sie angesprochen hatte, schon normal?

Mel stupste sie in die Seite. »Also, was ist?«, fragte sie behutsam an. Ihr war sicher nicht entgangen, dass es Bea regelrecht die Sprache verschlagen hatte. »Oder möchtest du erst noch auf eine Dusche von oben warten?« Sie lachte leicht und schlang die nackten Arme um ihren Oberkörper. Es war jetzt merklich kühler geworden, seit die Sonne endgültig von den dicken, schwarzen Wolken verdrängt wurde.

Bea schüttelte lächelnd den Kopf. Obwohl eine kalte Dusche mir wahrscheinlich guttun würde, dachte sie noch, als bereits einzelne dicke Regentropfen herniederplatschten. Der Sturm zerrte an dem kleinen Zelt, und Bea fragte sich, ob es nachher noch stehen würde.

Doch es blieb keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. »Auf zur Gaststätte«, sagte sie laut, um das Donnergrollen zu übertönen. Geld! Verdammt, sie hatte nicht einen einzigen Cent einstecken. »Ich muss noch mal schnell ins Auto«, rief sie, während sie sich schon von Mel abwandte.

Aber Mel hielt sie am Arm fest. »Nicht jetzt. Wir müssen uns beeilen.« Sie wirkte jetzt fast ein wenig besorgt. Hatte sie etwa Angst vor Gewitter?

Erste Blitze zeigten sich am Horizont. Sie ließen den wunderschön bewaldeten Campingplatz wie das Bühnenbild eines verwunschenen Märchenwaldes erscheinen.

Als sie losliefen, wurden sie von mehreren Donnerschlägen begleitet. Sie waren nur wenige Meter weit gekommen, als der Regen erbarmungslos herunterprasselte.

Mel nahm Bea an die Hand. »Vergiss die Gaststätte«, japste sie. Ein Regentropfen perlte von ihrer Nasenspitze. »Bis wir dort sind, sind wir bis auf die Haut durchnässt.« Dann zog sie Bea hastig mit sich, und sie stolperten zu ihrem Wohnwagen. Mit flinken Fingern öffnete sie den Reißverschluss des Vorzeltes. »Schnell, komm rein«, rief sie und zog Bea unter das schützende Zeltdach.

Noch ganz außer Puste schüttelte sie heiser lachend den Kopf. Dabei wippte ihr Zopf neckisch hin und her. »Puh, das war aber knapp«, stieß sie keuchend aus.

»Meine Schuld«, entschuldigte Bea sich sofort und verzog zerknirscht das Gesicht. »Ich hätte mir mit meiner Entscheidungsfindung eben nicht so viel Zeit lassen sollen.«

»Ach was. Ist doch nichts passiert.« Mel winkte sogleich ab. Sie schenkte Bea ein strahlendes Lächeln, das jedes Unwetter, und sei es auch noch so bedrohlich, zur Bedeutungslosigkeit verblassen ließ. »Komm«, sagte sie nun. Und dann stiegen sie die kleine Treppe, die in den geräumigen Wohnwagen führte, hinauf.

Doch als Bea das Innere betrat, wäre sie am liebsten wieder umgekehrt. Zwei Männer und vier Frauen tummelten sich in der Sitzecke und auf der Schlafmatratze. Um das Trommeln des Regens zu übertönen, brüllten sie alle durcheinander, und offenbar war auch keiner mehr ganz nüchtern.

Stirnrunzelnd blieb Bea in der Tür stehen.

»Hey Süße . . . machst du mal die Tür zu? Sonst schlägt hier noch der Blitz ein«, rief eine großgewachsene Rothaarige zu ihr herüber. Ihren Worten folgte das Gelächter der anderen. Sie spitzte die Lippen und sah Bea dabei provozierend an.

Mel griff an Bea vorbei und schloss die Tür. »Kaddl, das ist Bea. Sie hat ihr Iglu schräg gegenüber. Ich habe ihr beim Aufbau geholfen.«

»Na, wie schön«, erwiderte Rotschopf im gelangweilten Ton. Mit ihren hellen Augen taxierte sie Bea von oben bis unten. »Dann mach’s dir mal gemütlich. Sofern du noch ein Plätzchen findest.« Sie grinste süffisant.

Bea atmete tief durch. Sie warf einen abschätzigen Blick auf Miss Rotflamme, die ihr im Gegensatz zu Mel direkt unsympathisch war. Sie seufzte innerlich auf. Entgegen ihrer Art verunsicherte sie das alles. Sie fühlte sich schlichtweg nicht wohl in ihrer Haut.

Hilfesuchend blickte sie zu Mel, die immer noch neben ihr stand und sie jetzt mit einem aufmunternden Lächeln bedachte, als wüsste sie, dass Bea im Begriff war, auf der Stelle kehrtzumachen.

»Das ist Katrin, meine Freundin. Ignorier sie einfach, wenn sie dir frech kommt.« Mel drehte sich zu ihrer Freundin um, und Bea kam es so vor, als warf sie ihr einen warnenden Blick zu. Die zog theatralisch die Augenbrauen nach oben, ehe sie sich demonstrativ wieder ihren Sitznachbarn zuwandte.

»Ich glaube, sie hat schon ein Bier zu viel«, sagte Mel, als müsste sie sich dafür entschuldigen. »Die anderen sind übrigens gute Bekannte von uns, auch alles Camper, aber wir haben uns hier eher zufällig getroffen.«

Bea nickte verstehend. Was sollte sie auch sonst tun? Ehe sie es sich anders überlegen konnte, zog Mel sie zur einzigen freien Stelle, die der Wohnwagen noch zu bieten hatte. Sie zog eine Weinflasche aus dem Kühlschrank und befüllte zwei Gläser.

»Prost«, sagte sie. »Auf einen wunderschönen Urlaub.«

Bea hob ihr Glas und stieß es leicht gegen Mels. Während sie einen kleinen Schluck von dem leichten Sommerwein nahm, musterte sie Mel über den Rand ihres Glases hinweg. Mit gerunzelter Stirn stand die hübsche Brünette an die Wand gelehnt, und es sah so aus, als würde sie angestrengt über etwas nachdenken.

Bea wäre dem gern auf den Grund gegangen. Überhaupt hätte sie gern mit ihr über dies oder jenes geplaudert und ihre Anwesenheit genossen, aber hier drinnen war das nahezu unmöglich.

Zum Geräuschpegel des Gewitters und der lautstarken Unterhaltung kam nun auch noch Musik hinzu, die mit viel Bass aus einem Lautsprecher dröhnte.

Allmählich wähnte Bea sich im falschen Film. Noch immer hielt sie das Weinglas an ihre Lippen gepresst, als könnte sie sich dahinter verstecken.

Unvermittelt schaute Mel sie plötzlich an. Der Blick aus ihren jetzt viel dunkleren Augen nahm Bea völlig gefangen. Starr erwiderte sie den Blick. Sie konnte sich kaum rühren. Es war wie ein Zauber, der sich über ihre Seele legte.

Mel beugte sich langsam zu ihr. Dabei berührten ihre weichen Lippen ganz sacht Beas linkes Ohrläppchen. Zufällig? Bea wusste nicht, ob dies aus Versehen geschah, aber die kurze Berührung genügte, dass sie aufzuckte und tief durch die Nase atmete.

»Vielleicht sollten wir woanders hingehen«, bot Mel an. Ihr warmer Atem streifte die empfindlichen Stellen an Beas Ohr.

Aahh, ich werde wahnsinnig. Sie wollte mir doch nur was sagen. Kein Grund also, etwas anderes in die klitzekleine Berührung hineinzuinterpretieren, rief Bea sich zur Ordnung. Trotzdem, sie konnte nichts dagegen machen, dass ihr Körper auf seine Weise reagierte. Eine prickelnde Gänsehaut breitete sich vom Hals abwärts über ihre Arme und Schultern aus. Beinahe hätte sie gestöhnt. Blitzschnell biss sie sich auf die Unterlippe.

Sie brauchte einen Moment, um sich auf Mels Worte zu besinnen. Nichts lieber als das, war der erste Gedanke, der ihr kam. »Wieso? Amüsierst du dich etwa nicht?«, fragte sie jedoch mit neckendem Unterton. Sie hatte sich wieder halbwegs im Griff, stellte sie beruhigt fest.

Mel stutzte für einen Augenblick und schaute Bea mit großen Augen an. »Nun, wenn du möchtest, können wir uns ruhig noch ein bisschen wie zwei Sardinen in der Konservendose fühlen«, antwortete sie keck.

Bea verfiel in ein breites Schmunzeln. Mel hatte Humor, und das gefiel ihr. »Nein, du darfst mich natürlich gern erlösen«, erwiderte sie schließlich und wischte sich den imaginären Schweiß von der Stirn. »Hast du irgendeine Idee, ohne dass wir vom Blitz getroffen werden?«

Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als sie mit noch geöffnetem Mund innehielt. Plötzlich war ihr die Zweideutigkeit ihrer Worte bewusst geworden. Wie vom Blitz getroffen . . . Ja, genauso fühlst du dich gerade, liebe Bea, schoss es ihr durch den Kopf. Sie klappte den Mund wieder zu und schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. Sie spürte, dass Mel sie aufmerksam beobachtet hatte. Deren Blick ruhte regungslos auf ihrem Gesicht.

»Alles okay?«, fragte Mel nach einer Weile. Ein zartes Lächeln schlich sich um ihre Mundwinkel.

»Ja, alles prima«, antwortete Bea mit einem leichten Kratzen in der Stimme.

Mel nickte anscheinend zufrieden. »Wir können ja erst mal im Vorzelt bleiben, bis das Gewitter vorüber ist. Und danach?« Sie zuckte die Schultern. »Warst du heute überhaupt schon mal am Strand?«

Bea schüttelte den Kopf. »Nein, dafür war noch keine Zeit.«

»Na, dann haben wir doch schon mal ein Ziel«, meinte Mel augenzwinkernd. Sie nahm die noch halbvolle Weinflasche an sich und drehte sich bereits zur Tür.

Doch wie aus dem Nichts erschien plötzlich Katrin, die sich regelrecht vor ihnen aufbaute. »Wo soll’s denn hingehn, ihr zwei Hübschen?«, fragte sie mit schwerer Zunge.

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