Teil 10

Max fuhr sich durch seine kurzen, blonden Haare. »Verstehe«, sagte er nur. Sein Zeigefinger fuhr über den Rand seines Bierglases.

»Bist du immer noch Steuerberater?«, wechselte Alessa das Thema.

Max lachte. Um seine blauen Augen bildeten sich kleine Fältchen. »Ja, das bin ich. So schnell wechselt man seinen Beruf ja eher nicht, oder?«

»Stimmt.« Alessa zwinkerte ihm zu. »Das war eine blöde Frage.«

Sie plauderten eine Weile über die Arbeit. Alessa erzählte von ihrem neuen Job in der Kanzlei und Max von seinem Dasein als angestellter Steuerberater.

»Bist du eigentlich vergeben?«, fragte Alessa irgendwann, nachdem der Kellner noch einmal neue Getränke gebracht hatte. Sie betrachtete den goldenen Ring an Max’ Finger, mit dem er schon die ganze Zeit spielte.

»Ja.« Max’ Gesicht leuchtete vor Glück. »Seit zwei Jahren bin ich jetzt mit Jens zusammen.« Er holte sein Handy aus der Hosentasche und zeigte Alessa stolz einen Schnappschuss von seinem Liebsten.

»Beneidenswert«, meinte Alessa.

»Sag nicht, du bist Single!« Max legte den Kopf ein wenig schief. »So eine attraktive, intelligente Frau wie du muss doch tausende Verehrerinnen haben.«

»Ich bin wohl eher mit meiner Arbeit liiert«, sagte Alessa nüchtern. Und im Grunde hatte ihr das bisher auch nie etwas ausgemacht. Ganz im Gegenteil, sie hatte es bewusst so gewählt.

»Es muss doch irgendeine Frau in deinem Leben geben«, blieb Max beharrlich. Er griff in die kleine Schüssel mit Erdnüssen, die auf dem Tisch stand, und steckte sich eine Nuss in den Mund, während er Alessa erwartungsvoll ansah.

»Ich bin keine Nonne, falls du das denkst.«

»Das hätte mich auch überrascht.« Max grinste. »Aber war denn nie etwas Ernsthaftes dabei?«

Alessa verschränkte ihre Finger. »Doch. Dachte ich jedenfalls. Aber das ist alles vorbei. Im Moment gibt es da niemanden.« Sie biss auf ihre Unterlippe.

Max Augen verengten sich. »Niemanden? Bist du dir sicher? Das sieht aber gerade ganz anders aus.«

Ertappt senkte Alessa den Blick. »Nicht der Rede wert.«

Doch Max ließ nicht locker, und schließlich hatte er Alessa so weit, dass sie ihm von Vivi erzählte. Sie wusste selbst nicht warum, aber Max hatte sofort ihr Vertrauen zurückerobert. Es war, als hätte es die vielen Jahre ohne Kontakt gar nicht gegeben.

Und Alessa musste endlich mit jemandem über Vivi reden, sie konnte es nicht länger mit sich allein ausmachen. Wie damals war Max ein aufmerksamer Zuhörer, der Alessa ein gutes Gefühl vermittelte.

»Tja«, schloss Alessa ihre Ausführungen ab. »Sie hat gesagt, dass sie mich nicht wiedersehen will, und dann habe ich aufgelegt.«

Max bedeutete dem Kellner, noch zwei Bier zu bringen. »Diese Vivi muss verrückt sein, dass sie dich nicht haben will.«

»Ich weiß ja selbst nicht mal, ob ich überhaupt Interesse an ihr habe.« Alessa seufzte. »Eigentlich will ich überhaupt keine Beziehung. Die letzte hat mehr als gereicht.« Allein die Erinnerung daran bereite Alessa Bauchschmerzen. »Ich sollte mich auf den Job konzentrieren«, brachte sie ihre Gegenargumente, die sie sich bereits selbst hundertfach vorgesagt hatte, vor. »Diese Option auf die Juniorpartnerschaft ist meine große Chance. Eine einzigartige Möglichkeit, verstehst du?«

»Papperlapapp.« Max klopfte mit seinen Handflächen rhythmisch auf den Tisch. »Glaubst du, du hättest diese ganzen Anstrengungen unternommen, wenn sie dir egal wäre?«

»Ich fand es einfach nur nicht okay, dass sie so ganz ohne Erklärung gegangen ist. Sie schuldet mit noch den Grund für ihre überstürzte Flucht.«

Max verdrehte die Augen. Dann räusperte er sich. »Weißt du was? Ich glaube, wir sollten ganz dringend Tanzen lernen.« Er grinste breit. »Ich habe da von einer sehr guten Tanzschule gehört. Mit einer äußerst attraktiven Tanzlehrerin.«

»Das ist nicht dein Ernst.« Alessa starrte ihn an. »Ich werde bestimmt nicht Tanzen lernen.«

»Warum denn nicht? Ein paar Tanzschritte zu können hat noch niemandem geschadet. Und wenn die Tanzlehrerin . . .«

»Stopp«, unterbrach Alessa ihn. »Vivi hat gesagt, sie will mich nicht mehr sehen. Dann werde ich mich ihr ganz bestimmt nicht aufdrängen.«

»Wer sagt denn, dass du dich ihr aufdrängst?« Max blieb stur. »Dein schwuler Freund wollte Tanzen lernen und hat einen Kurs gebucht, da konntest du doch nicht ahnen, dass es ausgerechnet bei ihr ist.« Er nahm einen großen Schluck Bier. »Kannst du tanzen?«

»Nein, kann ich nicht«, erwiderte Alessa etwas patzig.

»Siehst du. Und tanzen zu können, auch für wichtige berufliche Anlässe, ist doch wirklich sinnvoll.«

Alessa betrachtete nachdenklich eine Serviette, die noch auf dem Tisch lag. Vielleicht war Max’ Idee doch gar nicht so schlecht und zumindest einen Versuch wert. Letztlich hatte sie nichts zu verlieren. »Ich weiß nicht«, sagte sie, klang aber längst nicht mehr so abwehrend.

»Ich suche Termine raus und melde uns zu einem Anfängerkurs an«, schlug Max vor. »Außerdem bedeutet das, dass wir uns dann bald jede Woche sehen. Das ist doch großartig.« Er rieb sich über seinen Bauch. »Und etwas Sport kann mir auch nicht schaden.«

Alessa lächelte. »Wenn ich nur halb so trainiert wäre wie du, wäre ich sehr zufrieden. Aber du hast recht, ich sollte auch wieder mehr Sport machen.«

»Deal?« Max streckte ihr über den Tisch hinweg seine Hand entgegen und sah sie erwartungsvoll an.

Alessa ergriff die Hand »Deal.« Und fast im selben Moment bereute sie es. Aber nun war es zu spät.

•••

Vivi sah sich zufrieden um. In den vergangenen zwei Wochen war sie in ihre neue Rolle als Tanzlehrerin zunehmend hineingewachsen. Von Stunde zu Stunde machte es ihr mehr Spaß. Auch die alteingesessenen Kunden meldeten ihr zurück, dass ihnen Vivis Art zu unterrichten gefiel.

In wenigen Minuten begann ein neuer Anfängerkurs. Der erste Kurs, den Vivi von Anfang an begleiten würde, den sie nach ihren Vorstellungen aufbauen konnte.

Die Tische, die um die Tanzfläche platziert waren, waren bereits gut gefüllt. Im Hintergrund lief leise Tanzmusik. Die meisten Paare saßen sich etwas nervös gegenüber. Besonders die Männer wirkten angespannt.

Vivi musste schmunzeln. Irgendwie war es süß, die immer gleichen Beziehungsmuster zu beobachten.

»Ein Wasser, bitte.« Eine junge Frau war an die Theke gekommen. Vivi goss ihr ein Glas ein, reichte es ihr und kassierte.

Manchmal war es ganz schön anstrengend, Mädchen für alles zu sein, aber mehr Personal konnten sie sich definitiv nicht leisten. Tom hatte einen verdienten freien Abend, und ihre Mutter, die sonst oft mitgeholfen hatte, war ganz mit den Sorgen um ihren Vater beschäftigt.

In diesem Moment ging die Tür erneut auf. Ein blonder Mann trat ein und hinter ihm . . .

Vivi starrte die Frau ungläubig an. Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus. Das konnte nicht sein. Unmöglich. Sie musste halluzinieren.

Sie drehte sich weg und stützte sich an der Arbeitsplatte ab. Sie musste sich irren. Doch als sie sich erneut zum Eingangsbereich umdrehte, wusste sie, dass ihr Verstand ihr keinen Streich gespielt hatte.

Hinter dem Mann betrat Alessa die Tanzschule. Ausgerechnet.

Für einen Moment überlegte Vivi zu fliehen, aber natürlich war das keine Option. Sie musste die beiden behandeln wie alle anderen Kunden auch. Also straffte sie die Schultern und trat um Professionalität bemüht auf die beiden zu.

Lächelnd begrüßte sie den Mann, der noch immer vor Alessa stand und Vivi so die Sicht versperrte. »Hallo, ich bin Vivi, die Tanzlehrerin.«

»Freut mich. Ich bin Max.« Er trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf Alessa frei.

Wortlos standen sie sich gegenüber. Alessa schien ebenso wenig zu wissen, wie sie sich verhalten sollte, wie Vivi. »Hallo Vivi«, sagte sie schließlich. Sie vermied den Blickkontakt, studierte stattdessen das Parkett.

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