Teil 11

»Das ist aber eine Überraschung«, fand auch Vivi ihre Sprache wieder. Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen.

»Ihr kennt euch?«, fragte Max. »Was für ein Zufall.« Dabei klatschte er in die Hände. »Wie klein die Welt doch ist.« Er klang ganz begeistert.

»Das kann man so sagen«, erwiderte Vivi, bemüht um einen möglichst neutralen Tonfall, auch wenn in ihrem Inneren ein wahrer Aufruhr herrschte. Warum machte Alessa sie nur so nervös? Dazu gab es keinen Grund. Sie war eine Tanzschülerin wie jede andere auch. Vivi räusperte sich. Dann spulte sie ihre üblichen Begrüßungsfloskeln ab. »Schön, dass ihr da seid. Eure Jacken könnt ihr an die Garderobe hängen, und dann könnt ihr euch gern einen freien Platz suchen.«

Alessa sah auf, und dieses Mal trafen sich ihre Blicke, hielten sich fest. Vivi drohte in dem dunklen Braun zu versinken.

Nein, das durfte nicht sein, ermahnte sie sich selbst. Schluss damit.

»Na komm.« Max tippte Alessa auf die Schulter. Sie nickte und löste sich von Vivis Blick.

Vivi blieb keine Zeit, ihre Gedanken zu ordnen. Es war bereits neunzehn Uhr, und der Kurs musste beginnen. Sie stellte die Hintergrundmusik aus und bat alle Paare auf die Tanzfläche.

In den nächsten sechzig Minuten unterrichtete sie die Paare, wie man Cha-Cha-Cha tanzte. Zumindest den Grundschritt. Doch so sehr sie sich dabei bemühte, sich auf den Kurs zu konzentrieren, es wollte ihr nicht gelingen. Viel öfter als nötig beobachtete sie Alessa und Max.

Alessa lächelte fast die ganze Zeit. Sie sah glücklich aus. Und einfach umwerfend. Wahrscheinlich war sie direkt von der Arbeit in die Tanzschule gekommen, denn sie trug noch einen schwarzen Businessrock und eine rosafarbene Bluse, die sich eng an ihre Kurven schmiegte. Ihre dunklen Locken hatte sie hochgesteckt.

Max zog Alessa eng in der Tanzhaltung an sich. Die beiden stellten sich sehr talentiert an, vor allem harmonisierten sie perfekt miteinander, fast so, als würden sie sich schon ewig kennen und . . .

Vivi schob den Gedanken beiseite. Bestimmt waren sie nur Freunde. Nach dieser Nacht gab es doch eigentlich keinen Zweifel daran, dass Alessa lesbisch war. Oder hatte sie sich so sehr getäuscht? Und warum hätte sie sonst noch mal angerufen?

Während der kurzen Pause wurde sie so sehr von den anderen Paaren mit Getränkebestellungen und diversen Fragen in Beschlag genommen, dass sie keine Zeit hatte, mit Alessa zu sprechen.

Nach einer Stunde war der Kurs zu Ende. Vivi hatte das Gefühl, noch nie so schlecht unterrichtet zu haben, und es tat ihr leid, dass sie den meisten Teilnehmern kaum Beachtung geschenkt hatte. Sie hatte nur Augen für Alessa gehabt. Sie ärgerte sich über sich selbst und ihre Unprofessionalität. Seit dieser unsäglichen Nacht hatte sie ihre Gefühle einfach nicht mehr unter Kontrolle.

»Bis nächste Woche«, verabschiedete sie nach und nach alle Tanzschüler mit einem Handschlag und einem freundlichen Lächeln.

Nur Max und Alessa waren schließlich noch übriggeblieben und standen an der Garderobe. Sie tuschelten miteinander, fast sah es aus, als würden sie sich streiten, bis Max Alessa irgendwann mit einem strengen Blick einen kleinen Schubs gab und Alessa daraufhin auf Vivi zukam.

Vivi wischte ihre Hände an ihrer Jeans ab. »Du tanzt wirklich gut«, sagte sie.

»Na ja«, entgegnete Alessa. »Das liegt wahrscheinlich nur daran, dass du so eine gute Lehrerin bist.« Sie legte den Kopf ein wenig schief.

Es entstand eine kurze Pause. »Es tut mir leid«, durchbrach Vivi schließlich die Stille. »Also, wie ich mich verhalten habe.« Sie stockte und strich eine widerspenstige Haarsträhne hinter ihr Ohr. »Es war die letzten Wochen ziemlich viel los. Mit meinem Vater, der Tanzschule . . .« Sie hielt die Luft an.

»Schon gut.« Alessa trat einen Schritt näher auf Vivi zu.

Für einen Moment dachte Vivi, dass sie ihre Hand nach ihr ausstrecken wollte.

Aber Alessa tat nichts dergleichen. »Ich hoffe, es ist trotzdem okay, dass wir hier tanzen.«

»Natürlich«, beeilte sich Vivi zu sagen. Und es stimmte. Nicht nur, weil sie froh um jeden neuen Tanzschüler war. Es hatte keinen Sinn, sich selbst zu belügen.

»Max ist ein alter Schulfreund«, fuhr Alessa fort. »Wir haben uns in Münster wiedergetroffen, und dann sind wir auf die Idee gekommen, zusammen tanzen zu lernen.« Sie machte ein entschuldigendes Gesicht. »Er hat uns für den Kurs angemeldet, ich hatte keine Ahnung, dass das in deiner Tanzschule sein würde.« Ein Hauch Röte überzog ihre Wangen.

»Ich . . .« Vivi sah ihr direkt in die Augen. »Das mit dem Telefonat . . .«, stammelte sie. »Das tut mir wirklich leid. Ich wollte nicht so abweisend sein.« Sie schluckte. Für einen kurzen Moment vergaß sie ihren Vorsatz, professionelle Distanz zu wahren.

Dieses Mal streckte Alessa ihre Hand nach ihr aus und berührte sacht ihren Oberarm. »Vergiss es einfach.« Langsam fuhren ihre Finger hinunter bis zum Ellenbogen.

Vivis Haut kribbelte. »Okay«, brachte sie mühsam hervor. Unwillkürlich atmete sie tief den Duft von Alessas süßem Parfüm ein. Eine Mischung aus Beeren und Kokos. Sie konnte sich Alessas Anziehungskraft nur mühsam erwehren. Aber sie musste es schaffen. Sie wollte keinen engeren Kontakt, erst recht keine Beziehung.

Sie wich einen Schritt zurück, um wieder auf Abstand zu gehen. Es war besser so.

»Dann bis nächste Woche.« Alessa war bereits dabei, sich umzudrehen.

»Moment«, hielt Vivi sie auf. Sie griff nach einem Flyer, der neben der Theke lag. »Falls du noch Lust auf etwas anderes hast.« Sie drückte Alessa das Programmheft in die Hand. »Wir haben zum Beispiel noch einige Fitnesskurse im Angebot. Vielleicht ist ja etwas für dich dabei.« Sie wusste selbst nicht, warum sie das auf einmal tat. Sie musste sich dringend besser in den Griff bekommen.

Alessa nahm den Flyer und steckte ihn in ihre Handtasche. »Danke. Bis bald.« Sie schenkte Vivi ein letztes bezauberndes Lächeln, bevor sie sich bei Max, der mittlerweile in ihre Richtung gekommen war, unterhakte, und dann waren sie verschwunden.

Vivi blieb allein zurück.

•••

Alessa heizte den Backofen ein. Was für ein Tag. Obwohl sie sich die Begegnung mit Vivi tausend Mal in ihren Gedanken ausgemalt hatte, war am Ende doch alles anders gekommen.

Um wieder einen halbwegs klaren Kopf zu bekommen, gab es für sie nur eine Möglichkeit: Sie musste backen. Wie gut, dass sie nun endlich wieder eine Küche hatte. Auch wenn sie sich in der neuen Wohnung bisher nur notdürftig eingerichtet hatte, wenigstens die Küche war bereits komplett.

Sie nahm die große Rührschüssel aus dem Schrank und siebte etwas zu schwungvoll das Mehl. Dass dabei ein nicht unerheblicher Teil danebenging, war ihr ausnahmsweise egal.

Wie hatte sie sich nur auf den Deal mit Max einlassen können? Was hatte sie sich davon versprochen? Vivi hatte nicht gerade begeistert ausgesehen, als sie in der Tanzschule aufgetaucht war. Fast hatte sie damit gerechnet, dass Vivi sie rausschmeißen würde.

Sie mischte Backpulver und eine Prise Salz unter das Mehl.

Und doch hatten sich ihre Blicke immer wieder getroffen. Jedes Mal hatte Alessa einen Blitz gespürt, der durch ihren Körper gefahren war. Sie hatte sich kaum auf die Tanzschritte konzentrieren können und wäre Max mehrfach beinahe auf die Füße getreten, hätte er nicht so gut aufgepasst.

Sie verrührte Butter, Zucker, etwas Zitronenabrieb und einen Schuss Rum zu einer schaumigen Masse, bevor sie einige Eigelbe hinzugab.

Als Tanzlehrerin war Vivi ganz anders gewesen, als sie das erwartet hatte. Mit ihrem Charme und ihrer Lockerheit hatte sie alle Kursteilnehmer sofort für sich eingenommen. Der Unterricht war überhaupt nicht trocken gewesen, ganz im Gegenteil, sie hatten sogar viel gelacht. Und von jetzt an würde Alessa Vivi jede Woche sehen, durfte sie jeden Dienstag die süßen Sommersprossen, die grünen Augen und das bezaubernde Lächeln betrachten.

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