Teil 12

Alessa nahm den Schneebesen und schlug die Eiweiße so energisch steif, dass ihr bald die Finger schmerzten.

Warum nur ging ihr Vivi nicht mehr aus dem Sinn?

Sie seufzte. Vielleicht, weil sie eine äußerst attraktive Frau war, mit der sie eine heiße Nacht verbracht hatte. Die erste seit langem. Das musste es sein, ihre Hormone spielten einfach verrückt. Sie strich eine Haarsträhne hinters Ohr.

Nach und nach gab sie die Mehlmischung und den Eischnee zu der übrigen Masse.

Ihr Blick fiel auf die große Küchenuhr, die die Form eines Tellers hatte. Als sie sie Uhr damals gesehen hatte, war sie ihr sofort ins Auge gefallen, schließlich war es die perfekte Küchenuhr.

Es war schon ziemlich spät. Morgen musste sie wieder früh aufstehen, denn in die Kanzlei durfte sie nicht zu spät kommen. Daraus würde Johannes ihr sofort einen Strick drehen.

Sie teilte den Teig in zwei gleichgroße Portionen und färbte die eine Hälfte mit Kakao.

Die ersten beiden Arbeitswochen waren fast geschafft. Ab morgen war die Einarbeitungsphase endgültig vorbei, und sie sollte ihre ersten eigenen Fälle betreuen.

Abwechselnd füllte sie die beiden Teighälften in eine Gugelhupfform und zog mit einer Gabel ein Muster.

Außer Johannes waren alle neuen Kollegen sehr nett und zuvorkommend, aber sie hatten ja auch keinen Konkurrenzkampf mit ihr. Johannes hatte in den ersten Tagen keinen Zweifel daran gelassen, dass er alles dafür tun würde, die Juniorpartnerschaft zu übernehmen.

Alessa stellte den Marmorkuchen in den vorgeheizten Ofen. Jetzt musste sie eine Stunde warten. Sie wischte ihre Hände an ihrer Schürze ab.

Es war ziemlich anstrengend mit Johannes. Ansonsten machte ihr die Arbeit aber Spaß und bot ihr viele neue Möglichkeiten, genauso wie sie sich das erhofft hatte.

Nach und nach stellte Alessa alle Backutensilien in die Spülmaschine. Sie holte zwei Töpfe aus dem Schrank und bereitete ein Wasserbad vor. Eine Schokoladenglasur würde dem Kuchen später nicht schaden.

Es roch bereits köstlich.

Sie goss sich ein Glas Wasser ein und wollte die Wartezeit mit einem Buch auf der Couch überbrücken. Dann fiel ihr der Flyer ein, den Vivi ihr gegeben hatte. Sie holte ihn aus ihrer Handtasche und sah ihn sich genauer an. Neben den Tanzkursen gab es tatsächlich jede Menge anderer Angebote. Vielleicht sollte sie mal den Zumbakurs ausprobieren. Das hatte sie schon immer interessiert. Und bevor sie ganz einrostete, wäre das doch eine gute Idee. Dass Vivi den Kurs leiten würde, war dabei natürlich nur eine Nebensächlichkeit.

Als Alessa den Flyer an ihre Pinnwand heftete, sah sie, dass ihr Anrufbeantworter hektisch blinkte. Sie drückte auf den Startknopf, und die vorwurfsvolle Stimme ihrer Mutter erklang.

»Alessa, Schätzchen, kommst du denn nun am Wochenende? Wir würden uns freuen, dich endlich mal wiederzusehen. Laura und Emilia werden auch da sein. Meld dich doch mal.«

Kaum war die Nachricht beendet, löschte Alessa sie.

Sie würde ihre Mutter morgen anrufen und ihr fürs Wochenende zusagen. Seit sie wieder in die Nähe ihrer alten Heimatstadt gezogen war, hatte sie es noch nicht geschafft, ihre Eltern zu besuchen. Das war sie ihnen schuldig. Und wenn ihre kleine Nichte auch da sein würde, dann würde es sicherlich ein schöner Nachmittag werden. Ablenkung von der Arbeit. Und von Vivi.

Die Uhr des Backofens klingelte. Der Marmorkuchen hatte eine perfekte goldbraune Kruste.

Alessa nahm ihn heraus. Sogleich fühlte sie sich seltsam entspannt. Wie immer, wenn sie ein Backwerk zustandegebracht hatte. Es gab kaum etwas Schöneres. Nur noch die Glasur, dann würde sie schlafen gehen.

Mit einem Lächeln machte sie sich an die Arbeit.

•••

»Wie war dein Tag?« Vivis Mutter stellte ihr eine Portion Rührei hin und setzte sich dann zu ihr an den Küchentisch.

»Gut«, sagte Vivi. »Heute ist ein neuer Anfängerkurs gestartet.« Sie konnte nicht verhindern, dass sie bei dem Gedanken an Alessa lächeln musste. Sie nahm ein Stückchen vom Rührei. Es war köstlich. Und nach dem Frühstück das erste, was Vivi zu sich nahm.

»Schmeckt es dir?«

»Ausgezeichnet«, lobte Vivi. »Wie geht es Papa?«

Seit sie in der Tanzschule arbeitete, blieb ihr kaum Zeit, ihren Vater zu besuchen. Dafür verbrachte ihre Mutter jede freie Minute mit ihm. Mittlerweile war er in eine Reha-Klinik ganz in der Nähe verlegt worden.

»Die Ärztin hat heute gesagt, dass er wahrscheinlich in zwei Wochen entlassen wird.«

»Schon?« Vivi sah ihre Mutter überrascht an.

Ihre Mutter nickte. »Mir kommt das auch sehr früh vor. Aber . . .« Sie faltete ihre Hände. »Die Ärztin meinte, dass es im Moment nicht viel Potential gibt, dass sich entscheidend etwas verbessert.«

Vivi knallte die Gabel auf den Tisch. »Was soll das denn heißen?« Ihre Stimme klang schrill.

»Das heißt, dass . . .« Ihre Mutter brach ab.

». . . dass er ein Pflegefall bleiben wird«, vollendete Vivi den Satz. Sie stand auf und stellte den leeren Teller laut scheppernd in die Spüle. Die Welt war einfach ungerecht. »Wie stellst du dir das vor?«

Ihre Mutter zuckte die Schultern. »Dein Vater wollte nie in ein Heim. Ich werde ihn hier zu Hause pflegen. Das bin ich ihm – und uns – schuldig.«

Vivi stellte sich hinter ihre Mutter und legte die Hände auf ihre angespannten Schultern. »Ich weiß«, sagte sie nun ganz ruhig. Es hatte ja keinen Sinn, sich aufzuregen. Sie begann ein wenig die harten Muskeln zu massieren. »Wir werden das schon schaffen. Irgendwie.«

Ihre Mutter starrte geradeaus auf die weiße Wand. »Das wird nicht leicht werden, und vor allem werde ich keine Zeit mehr haben, nebenbei in der Tanzschule zu helfen.« Ihre Unterlippe zitterte leicht, als wollte sie mit aller Macht die Tränen unterdrücken. »Du wirst noch mehr Verantwortung übernehmen müssen. Das tut mir alles so leid.« Sie schluckte schwer. Vielleicht machte sie sich auch Sorgen um ihre eigene Zukunft, immerhin hatte die Tanzschule auch sie finanziell versorgt. Sie hatte kein anderes Auskommen, war von ihrem Mann abhängig.

Vivi beugte sich tiefer zu ihrer Mutter hinunter und umarmte sie. »Du kannst doch nichts dafür. Wir werden eine Lösung finden. Vielleicht kann Tom noch etwas mehr übernehmen, und ein paar Aushilfskräfte für die Theke haben wir doch auch. Dann müssen die eben öfter ran.« Sie versuchte, optimistisch zu klingen, auch wenn sie selbst nicht wusste, woher sie diese Zuversicht nehmen sollte.

Das Gesicht ihrer Mutter wurde noch ernster. »Ich will dir keine Angst machen, aber ich habe mir erlaubt, einen ersten Blick in die Bücher zu werfen. Mir ist ja klar, wie ungern du so etwas machst.« Sie machte eine bedeutungsschwere Pause. »Du weißt, dass ich absolut kein Profi in solchen Dingen bin.«

Vivi ging wieder um den Tisch herum und setzte sich. Ihr wurde übel. Noch mehr schlechte Nachrichten wollte sie eigentlich nicht hören.

»Nach Durchsicht aller Unterlagen«, fuhr ihre Mutter fort, »sieht es finanziell tatsächlich sehr eng aus.« Sie seufzte. »In den letzten Monaten sind die Einnahmen kontinuierlich zurückgegangen, soweit ich das beurteilen kann.«

Ein schwerer Stein legte sich auf Vivis Brust. Das konnte nicht sein. Auch wenn sie natürlich wusste, dass es sehr wohl wahr sein konnte. Sie hatte es ja bereits geahnt. Aber jetzt, da sie es hörte, konnte sie es doch nicht glauben. »Verdammt.« Sie fuhr die Kante der Tischplatte mit so viel Druck entlang, dass das Holz fast in ihre Haut schnitt. »Was sollen wir denn jetzt machen?« Jürgen Bruch fiel ihr ein, aber sie verdrängte den Gedanken an sein Angebot sofort. Das kam nicht in Frage.

ENDE DER FORTSETZUNG

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