Teil 03

»Ja, die Zeiten ändern sich«, sagte Kristin und schaute sich in dem Büro um, schaute durch die Glaswand hinaus auf die Frankfurter Wolkenkratzer. »Das Haus haben wir allerdings immer noch.«

»Trotzdem bist du in Schwierigkeiten.« Das war eine Feststellung, keine Frage. »Sonst kämst du nicht zu mir.«

Wie gern wäre ich schon so oft zu dir gekommen, dachte Kristin. Aber du bist damals gegangen. »Die Banken . . .« Für einen Moment konnte sie nicht weitersprechen. »Die Banken geben mir nichts mehr«, brachte sie dann schnell, fast überhastet hervor.

Ein leises Lächeln hob Larissas Mundwinkel, aber es erreichte ihre Augen nicht. »Da sind alte Freunde gut, nicht wahr?«

Glücklicherweise kam just in diesem Augenblick die Sekretärin mit dem Kaffee herein, denn beinahe wäre Kristin aufgesprungen und hätte dieses Büro, dieses Gebäude so schnell wie möglich verlassen. Ohne den Lift zu benutzen. Sie wäre die Treppe hinuntergerast, alle vierzig Stockwerke.

»Danke, Denise«, sagte Larissa und lächelte ihre Sekretärin auf eine Art an, die wieder Eifersucht in Kristin aufkommen ließ.

Aber deshalb war sie nicht hier. Sie nickte der Frau ebenfalls zu und sagte »Danke«, wobei sie bemerkte, wie der Blick dieser Denise sie streifte. Es war keine Sympathie, die darin lag.

Larissa nahm eine der beiden Tassen, lehnte sich zurück und nippte daran. Sie schien darauf zu warten, dass Denise den Raum wieder verließ. Die hingegen ging so langsam wie möglich hinaus und zog offenbar nur unwillig die Tür hinter sich zu.

Da ist doch was, dachte Kristin, aber es interessierte sie nicht mehr wirklich. Larissa hatte anscheinend ganz mit ihrem Leben in Dengelbach, dem Städtchen, aus dem sie beide kamen, abgeschlossen, es hinter sich gelassen und nie mehr zurückgeschaut. Auch nie mehr an Kristin gedacht.

Das konnte Kristin nicht von sich behaupten. Sie hatte sehr oft an Larissa gedacht. Sich gewünscht, dass sie damals die Initiative ergriffen, sie nicht Larissa überlassen hätte.

Aber wäre dann irgendetwas anders gekommen? So richtig glaubte sie das nicht. Wenn sie Larissa hier sah, in diesem Glaspalast, dann konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie mit weniger zufrieden gewesen wäre. Und in Dengelbach hätte sie das nie erreichen können.

Endlich hatte sich die Tür geschlossen, und Larissa sagte: »Das lohnt sich für mich nicht. Zu kleine Fische. Meine Investitionen haben eine Größenordnung, die weit darüber hinausgeht. Der Aufwand ist es nicht wert. Verkauf den Verlag. Verkauf das Haus. Dann bleibt doch bestimmt noch genug übrig, wovon deine Mutter und du gut leben könnt.«

Diese kühl geäußerten Vorschläge trafen Kristin wie ein Schock. Früher war Larissa immer sehr leidenschaftlich gewesen, wild entschlossen in allem, was sie tat. Wo war diese Leidenschaft auf einmal geblieben? Ja, sie waren älter geworden, aber doch nicht so viel älter.

Sie sah Larissa an, suchte ihre Augen, das Wilde darin, das sie früher so geliebt hatte, aber sie fand es nicht. Wenn sie überhaupt etwas fand, dann waren es Dollarzeichen. Oder Euro, je nach Bedarf. Vielleicht waren es auch Yen oder wie hieß die chinesische Währung noch mal? Die Chinesen waren ja jetzt groß im Kommen, kauften alles auf, sicherlich bewegte Larissa sich auch auf diesem Markt. Warum sollte sie nicht?

»Es tut mir leid«, sagte sie und stand auf. »Es tut mir leid, dass ich dich belästigt habe. Ich habe dir wohl nur deine Zeit gestohlen.«

Larissa blickte zu ihr auf und lächelte leicht. »Nein, gar nicht«, sagte sie. »Es war schön, dich einmal wiederzusehen. Und überhaupt . . .« Nun stand sie auch auf. »Geh mit mir essen. Du sollst nicht ganz umsonst hergekommen sein.«

»Oh, wie reizend von dir.« Ungläubig schaute Kristin sie an. »Soll das mein Trostpreis sein? Dann gib mir lieber das Geld für das Essen. Das kann ich besser gebrauchen.«

»Ich kann mich nicht erinnern, dass du das Wort Geld früher überhaupt in den Mund genommen hast.« War das ein Schmunzeln, das Larissas Gesicht da überzog? »Das ist etwas Neues.«

»Früher wusste ich nicht, wie wichtig Geld ist.« Kristin ging zur Tür. »Das musste ich erst lernen.«

Larissa folgte ihr. »Geh mit mir essen«, wiederholte sie noch einmal. »Wenn du stundenlang nichts getrunken hast, hast du doch wahrscheinlich auch nichts gegessen. Willst du so nach Dengelbach zurückfahren? Das ist fast ein halber Tag.« Sie öffnete Kristin die Tür. »Bist du mit dem Auto gekommen?«

»Nein, mit der Bahn«, sagte Kristin. »Mein Auto ist in der Reparatur.« Sie verschwieg geflissentlich, dass sie noch nicht einmal das Geld dafür hatte. Sie hatte sich nicht vorgestellt, dass diese Begegnung mit Larissa so peinlich werden würde. Nicht auf diese Art peinlich.

»Dann dauert es ja noch länger«, sagte Larissa. »Also musst du unbedingt etwas essen.«

Als wollte er Larissa zustimmen, knurrte in diesem Moment hörbar Kristins Magen.

»Siehst du?« Larissa lachte. »Er ist auch meiner Meinung.«

»Gegen so eine Übermacht kann ich mich ja gar nicht wehren«, lächelte Kristin. Es war so schön, Larissa lachen zu sehen. Das erinnerte sie an früher, wo sie das oft getan hatten, gemeinsam. Auf einmal war wieder eine gewisse Vertrautheit da, eine Vertrautheit, die ihr gefehlt hatte, seit sie Larissas Büro betreten hatte.

»Ich habe nicht viel Zeit«, sagte Larissa. »Also ein Fünf-Gänge-Menü wird das nicht.« Sie drehte kurz den Kopf zur Seite, als sie am Schreibtisch ihrer Sekretärin vorbeigingen. »Ich bin dann beim Mittagessen, Denise«, warf sie ihr so nebenbei hin. »Bin in einer Stunde wieder da.«

»In einer Stunde?«, fragte Denise zurück, und es klang zweifelnd.

»Ja, in einer Stunde«, bestätigte Larissa etwas ungeduldig. »Länger brauche ich nicht.«

Die Mundwinkel der Sekretärin zuckten. »Ich werde es so in den Kalender eintragen«, sagte sie.

Kristin erschien es so, als wollte Larissa etwas erwidern, aber dann hielt sie sich offensichtlich zurück, ein Muskel zuckte auf ihrer Wange, sie wandte sich Kristin zu und ging mit ihr weiter zum Fahrstuhl.

Es war ein Express-Fahrstuhl, der gleich alle vierzig Stockwerke hinunterschoss, ohne dazwischen zu halten. Als sie unten ausstiegen, begrüßte jeder, dem sie in der Eingangshalle begegneten, Larissa respektvoll.

Das musste ihr sehr gefallen, dachte Kristin, denn früher war ihr nicht immer Respekt entgegengebracht worden. Manche hatten ihre Mutter vielleicht noch bedauert, weil sie so früh von ihrem Mann verlassen worden war, viele hatten sie jedoch auch verachtet, weil sie sich so gehenließ, und diese Verachtung erstreckte sich manchmal auch auf Larissa.

Sie durchquerten die Halle und gingen durch die große gläserne Eingangstür hinaus. Draußen wandte Larissa sich nach links. »Magst du marokkanisch?«, fragte sie, während sie mit langen Schritten den Bürgersteig entlangstrebte.

»Keine Ahnung.« Kristin zuckte die Schultern. »Habe ich noch nie gegessen.«

»Ich denke, du wirst es mögen. Ich mag es sehr gern.« Larissa wandte kurz den Kopf zu ihr und lächelte leicht. »Ich mag auch Marokko sehr gern, war schon einige Male dort.«

Zwar waren solche Reiseziele heutzutage nicht mehr ungewöhnlich, für Kristin erschienen sie dennoch wie Märchen aus Tausendundeiner Nacht, sie hatte in den letzten Jahren nicht eine Minute Zeit gehabt, um Urlaub zu machen. »Ich noch nie«, entgegnete sie deshalb wahrheitsgemäß. »Mir kommt es manchmal schon fast so vor, als gäbe es außer Dengelbach nichts mehr auf der Welt.«

Larissa bog links in eine Seitenstraße ab. »Es gibt eine ganze Menge außer Dengelbach«, sagte sie. »Aber manchmal denke ich –« Sie brach ab und blieb vor einem alten Gebäude stehen, das mit seinen roten Backsteinen einen ganz entschiedenen Kontrast zu den vielen Hochhäusern und Glaspalästen in der Innenstadt bildete. »Hier ist es«, fuhr sie fort und lächelte wieder. »Man riecht es schon.«

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