Teil 04

Das stimmte, wie Kristin jedoch jetzt erst feststellte, weil sie die ganze Zeit darauf konzentriert gewesen war, Larissa zu folgen, da sie sich hier so überhaupt nicht auskannte, dass sie fast Angst hatte, verloren zu gehen. Es roch orientalisch und sehr appetitlich.

Larissa ging hinein und wurde von einem arabisch aussehenden Mann sofort sehr freundlich begrüßt. Offenbar kannten sie sich gut. »Madame«, sagte er mit französischem Akzent. Ja, Marokko war ja eine französische Kolonie gewesen, erinnerte sich Kristin. »Lange nicht gesehen.«

»Ich war in letzter Zeit leider sehr viel auf Geschäftsreisen«, erklärte Larissa und schaute sich im Lokal um. »Oh, ich sehe, es ist kein Tisch mehr frei. Ich hätte reservieren sollen. Aber ich habe mich sehr kurzfristig entschlossen.« Sie warf einen schnellen Blick auf Kristin.

»Aber Madame . . .« Er lächelte sie fast etwas verschmitzt an. »Für Sie habe ich doch immer einen Tisch.« Mit einer einladenden Handbewegung ging er nach hinten durch eine Tür. »Wenn Sie nichts dagegen haben, hier zu sitzen.«

Dieser Raum gehörte nicht mehr zum offiziellen Lokal. Es sah mehr so aus, als würde hier die Familie essen, wenn der Ansturm der Gäste draußen vorbei war.

»Überhaupt nicht«, sagte Larissa und lächelte ebenso freundlich wie er. »Vielen Dank.«

»Das Übliche?«, fragte er. »Oder möchten Sie etwas anderes, Madame?« Bei dieser Frage wandte er sich an Kristin.

Wovon Kristin völlig überfordert war, denn sie wusste ja noch nicht einmal, was ›das Übliche‹ war. »Nein, ich nehme dasselbe«, stotterte sie leicht kopflos. Dann musste sie lächeln. »Wir haben ja schon immer gern dasselbe gegessen«, fuhr sie mit einem Blick auf Larissa fort.

»Dann also die Tajine«, nickte Larissa, und der freundliche Besitzer verschwand zur Tür hinaus.

»Was ist Tajine?« Kristin räusperte sich. »Ich muss zugeben, ich weiß es nicht.«

»Wie sollst du auch, wenn du noch nie marokkanisch gegessen hast?« Larissa wies auf den Tisch. »Wollen wir uns setzen?« Sie setzten sich an die lange, offenbar für eine große Familie gedachte Tafel. »Tajine ist so eine Art Eintopf mit Gemüse und Fleisch, manchmal auch Fisch«, erklärte Larissa. »Wird in einem Tontopf zubereitet, wie mit einem Dach als Deckel. Hast du bestimmt schon mal gesehen. Sehr lecker.«

»Eintopf mochte ich schon immer«, lächelte Kristin. »Wenn ich so etwas höre, merke ich aber, wie sehr ich mittlerweile aus der Welt bin. Wahrscheinlich ist es für viele Leute selbstverständlich, das zu kennen, für mich aber nicht. Ich weiß wirklich nicht, wie so ein Topf aussieht.«

»Wirst du gleich sehen«, versprach Larissa. »Es wird in dem Topf serviert.«

Eine etwas unbehagliche Stille breitete sich aus. Sie wussten offenbar beide nicht mehr, was sie sagen sollten.

»In Dengelbach ist es wahrscheinlich immer noch genauso wie früher«, setzte Larissa erneut an. »Oder hat sich viel verändert?«

Langsam schüttelte Kristin den Kopf. »Nicht wirklich.« Sie zögerte. »Oder doch. Viele der kleinen Geschäfte haben zugemacht. Es lohnt sich nicht mehr, so ein kleines Geschäft zu betreiben, wo jeder in die nächstgrößere Stadt fahren und im Supermarkt einkaufen kann.«

Bevor Larissa dazu etwas sagen konnte, kam der Besitzer wieder herein und brachte ihnen zwei kleine Gläser und eine silberne Kanne auf einem runden, ebenfalls silbernen Tablett. Lächelnd zog er sich sofort wieder zurück.

»Ich wollte noch Wasser bestellen«, bemerkte Kristin mit einem überrumpelten Gesichtsausdruck.

»Ja, Hassan ist schnell.« Larissa lachte leicht. »Zumindest zur Mittagszeit.« Sie öffnete den Deckel der Teekanne und schaute hinein, dann schloss sie ihn wieder, hob die Kanne an und goss den dampfenden Tee in die Gläser, in denen bereits ein kleines grünes Blatt gelegen hatte, das nun nach oben schwamm. »Minze«, erklärte sie. »Ich hoffe, du magst das.«

»Ich habe ziemlichen Durst, deshalb hätte ich lieber Wasser gehabt«, sagte Kristin, »aber Tee tut es wahrscheinlich auch.«

»Von deinem Kaffee hast du ja kaum etwas getrunken.« Larissa betrachtete ihr Teeglas wie eine Kristallkugel.

»Es war alles ein bisschen«, Kristin hüstelte, »hektisch.«

»Die Marokkaner trinken den Tee wirklich zum Durstlöschen«, fuhr Larissa fort, als hätte sie diese Antwort gerade in der Kristallkugel gefunden, Kristins Bemerkung aber gar nicht gehört. »Heißer Tee in der heißen Wüste. Das funktioniert gut.«

Kristin versuchte einen Schluck von dem Tee zu nehmen, aber er war noch so heiß, dass sie ihn praktisch schlürfen musste. »Entschuldigung«, sagte sie mit einem verlegenen Lächeln zu Larissa hin.

Larissa lachte. »Du glaubst gar nicht, wie angenehm es ist, einmal wieder mit einer Frau zu essen, die ihren Tee schlürft.«

Kristin wusste nicht, was sie von dieser Aussage halten sollte. Sollte das etwa ein Kompliment sein? Oder wollte Larissa ihr damit sagen, dass sie, Kristin, verglichen mit den Frauen, mit denen Larissa jetzt ausging, eine Art Dorftrampel war? »Ich hätte doch lieber Wasser bestellen sollen«, erwiderte sie etwas verschnupft.

»So war das nicht gemeint.« Larissa beugte sich vor. »Du bist eine wirkliche Erholung. Die meisten Frauen geben gar nicht zu, wenn sie Hunger oder Durst haben. Sie nippen höchstens an ihrem Glas, und essen tun sie ohnehin nichts.«

Wie auf Stichwort kam in diesem Moment die Tajine, ein großer brauner Tontopf mit einem spitzen Hut, ebenfalls aus Ton, der ihn abdeckte. Die Teller, die vor sie hingestellt wurden, waren tiefer als übliche Teller, jedoch keine Suppenteller, und ein farbenfrohes, filigranes Muster verlieh ihnen ein exotisches Aussehen.

Hassan hob den Hut an und blickte fragend auf Larissa.

»Mhm«, sagte die und schnupperte. »Das riecht wundervoll wie immer, Hassan.«

Ohne Kristin zu fragen schöpfte Hassan daraufhin eine Portion aus dem Topf auf ihren Teller, um danach Larissa zu versorgen. Er setzte dem Topf den Hut wieder auf, sagte »Bon appetit« und verschwand fast wie ein guter Geist zur Tür hinaus.

Nun merkte Kristin endgültig, wie großen Hunger sie hatte, nahm ihr Besteck auf und schaute Larissa an.

Die lächelte fast etwas verträumt in ihre Richtung. »Ich kann nur wiederholen, was Hassan schon gesagt hat. Guten Appetit.« Auch sie nahm ihr Besteck und begann zu essen.

Kristin hätte ein ihr fremdes Gericht normalerweise erst einmal probiert, aber sie vertraute darauf, dass Larissa und sie früher immer denselben Geschmack gehabt hatten, und schob deshalb gleich eine größere Portion auf ihre Gabel. So viel, dass ihr etwas davon, kurz bevor es ihren Mund erreicht hatte, wieder herunterfiel. Immer noch musste sie jedoch recht heftig mit dem Rest kämpfen. Es war eindeutig zu viel gewesen.

Wieder lachte Larissa, und diesmal war es genau das Lachen, das Kristin aus ihrer Jugend von ihr kannte, ein bisschen spitzbübisch und schadenfroh. »Ich sehe, es schmeckt dir.«

»Hmhm.« Kristin nickte nur, denn sie konnte nicht sprechen, jedenfalls nicht, wenn sie es nicht mit vollem Mund tun wollte, was ihrer Erziehung widersprach. Da war sie wieder, diese Vertrautheit, diese alte Gemeinsamkeit, und sie merkte, wie sehr sie sie vermisst hatte. Mit niemand anderem als Larissa hatte sie das je gehabt.

»Du isst. Du isst tatsächlich«, bemerkte Larissa amüsiert. »Ich bin begeistert.«

Mittlerweile hatte Kristin heruntergeschluckt und konnte antworten. »Geht man nicht in ein Restaurant, um zu essen?«, fragte sie erstaunt.

»Die meisten Frauen nicht unbedingt«, erwiderte Larissa mit zuckenden Mundwinkeln. »Da fragt man sich manchmal wirklich, warum man sie zum Essen einlädt.«

»Dann solltest du es vielleicht einfach nicht mehr tun.« Das war Kristin ohne Überlegung so herausgerutscht, aber dann merkte sie, dass man das auch falsch auffassen konnte. »Ich will dir natürlich keine Vorschriften machen«, fügte sie deshalb schnell hinzu. »Und ihnen auch nicht. Ich kenne die Frauen ja gar nicht, von denen du sprichst.«

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