Teil 04

In Alessas Gesicht lag Enttäuschung. »Sehen wir uns wieder?«

Vivi atmete tief durch. »Besser nicht.« Ihr Hals fühlte sich rau an, und sie schluckte, um die Trockenheit zu vertreiben. »Glaub mir, es ist besser so.« Sie schnappte sich ihre Tasche, vermied jeden erneuten Blickkontakt mit Alessa und verließ das Zimmer.

Doch als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, stellte sich die erwartete Erleichterung nicht ein.

•••

Alessa stand in einem Bogengang vor der Schaufensterscheibe eines Juweliers und starrte in den dunklen Verkaufsraum, der wie alle anderen Geschäfte der Münsteraner Innenstadt am Sonntag geschlossen war.

Die ersten vierundzwanzig Stunden in der neuen Stadt waren deutlich anders verlaufen, als sie das erwartet hatte. Zwar hatte sie gehofft, schnell jemanden kennenzulernen, aber dabei ganz sicher nicht erwartet, dass sie gleich so eine tolle Frau wie Vivi treffen würde. Und sie hatte auf Freundschaft gehofft, nicht auf Sex oder gar mehr spekuliert. Das passte nicht in ihr Konzept.

Alessa stützte sich mit den Handflächen gegen die Fensterscheibe.

Vivi.

Sie seufzte. Eine Frau, die sie nach nur einer Nacht direkt wieder abservierte. Das war eindeutig nicht die Richtige für sie. Da war eine weitere Enttäuschung vorprogrammiert. Davon hatte sie genug.

»Da bist du ja.« Ihre Schwester schlang von hinten die Arme um Alessa.

»Hallo Laura.« Alessa drehte sich um und drückte ihrer Schwester einen Kuss auf die Wange. »Schön, dich endlich mal wiederzusehen. Hast du gut hergefunden?«

Laura verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. »So schwierig ist der Weg von Essen nach Münster nun auch nicht.« Sie hakte sich bei Alessa unter. »Wo gehen wir hin? Was hast du vor?« Sie lächelte. »Ein Schwesterntag – wann hatten wir das zum letzten Mal?«

»Das muss ewig her sein.« Alessa konnte sich tatsächlich nicht mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal etwas mit ihrer älteren Schwester allein unternommen hatte. Dabei waren sie früher ein Herz und eine Seele gewesen und waren nicht nur wegen ihrer optischen Ähnlichkeit oft für Zwillinge gehalten worden. »Ich dachte, wir gucken uns einfach mal ein bisschen um, damit ich einen Eindruck von Münster bekomme.«

Auch wenn Alessa in Bottrop aufgewachsen war und die Stadt nur wenige Kilometer von Münster entfernt lag, war sie das erste Mal zu ihrem Bewerbungsgespräch hier gewesen, und außer der Kanzlei hatte sie dabei nicht viel gesehen. Die Wohnung hatte ihr dann ein Immobilienmakler, ein befreundeter Kollege ihrer Schwester, besorgt, sodass sie auch dafür nicht nach Münster hatte kommen müssen.

»Na dann.« Laura lief los und wechselte von dem Bogengang auf breite Straße, die mit Kopfstein gepflastert war. Autos waren kaum zu sehen, nur einige Fahrradfahrer. »Wir werden uns schon einen schönen Tag machen.« Sie blickte gen Himmel. »Und immerhin scheint es ein halbwegs freundlicher Frühlingstag zu werden.«

Alessa sah sich um. Sie waren mitten auf dem Prinzipalmarkt. Giebelhäuser aus hellem Sandstein säumten die Straße von beiden Seiten. Kein Giebel glich dem anderen. Und obwohl es Sonntag war, waren sie bei Weitem nicht allein. Um sie herum wurden ständig Fotos gemacht. Diese einzigartige Einkaufsstraße war offensichtlich auch ein Touristenmagnet.

»Wie geht es meiner kleinen Nichte?«, fragte Alessa nach einer Weile. »Ich sehe sie einfach viel zu selten.«

»Dem kleinen Biest? Sehr gut.« Laura lachte. Emilia, die auch Alessas Patenkind war, konnte mit ihren fünf Jahren ganz schön frech sein. Das musste sie von ihrer Mutter geerbt haben, die als Kind ebenfalls ein ziemlicher Wirbelwind gewesen war. »Freust du dich schon auf die neue Stelle?«

Alessa nickte. »Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet, aber ich freue mich auf die neue Herausforderung.«

»Und vielleicht bist du dann bald Juniorpartnerin.« Laura grinste. »Das hättest du dir jedenfalls verdient, so viel wie du in den letzten Jahren in deine Karriere investiert hast. Mama und Papa sind sicher sehr stolz auf dich.«

»Du arbeitest doch auch nicht weniger.«

Laura war immerhin eine erfolgreiche Immobilienmaklerin, die nebenbei auch noch eine Familie managte.

Alessa betrachtete das Kopfsteinpflaster. Für eine eigene Familie war neben der Arbeit in ihrem Leben kein Platz. Und deswegen war es wahrscheinlich auch gut gewesen, dass Vivi ein weiteres Treffen kategorisch ausgeschlossen hatte. Es hätte ohnehin zu nichts geführt.

Alessa atmete schwer. Schon wieder Vivi. Den ganzen Morgen hatte sie diese Frau nicht vergessen können. Das Frühstück hatte allein kaum geschmeckt. Wie sehr hätte sie sich gewünscht, dass Vivi geblieben wäre. Auch wenn sie wusste, dass es völlig falsch war und sie nur ins Unglück stürzen würde.

»Alles okay bei dir?« Laura sah sie besorgt an. »Hast du doch Angst vor morgen?«

Dankbar für diese Vorlage sagte sie: »Ja, ein bisschen. Die Kanzlei ist deutlich größer als die letzte, in der ich gearbeitet habe. Ich hoffe, ich kriege das alles hin.«

»Wer, wenn nicht du?« Laura knuffte Alessa in die Seite. »Jeder Chef kann froh sein, jemanden wie dich zu bekommen.«

Mittlerweile waren sie an einem besonders imposanten Gebäude mit reich verzierter Fassade angekommen. »Das muss das Historische Rathaus sein«, mutmaßte Laura.

Alessa nickte, während ihr Blick an den hohen Giebeln entlangglitt. »Das denke ich auch. Schon ganz schön beeindruckend.«

»Irgendwann muss ich mir mal den Friedenssaal ansehen«, sagte Laura, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte. Sie bogen in eine Seitenstraße ab, die sie direkt zum Domplatz führte.

»Das sieht doch nett aus, oder?« Laura war stehengeblieben und zeigte auf ein kleines Café vor ihnen. »Wollen wir reingehen?« Um draußen zu sitzen und den Blick auf den Dom zu genießen war es trotz der Sonnenstrahlen noch zu kühl.

»Das ist eine gute Idee. Eine Kleinigkeit zu essen könnte ich gerade gut gebrauchen.« Wie zur Bestätigung knurrte Alessas Magen.

Kurz darauf hatten sie es sich an einem Tisch in einer Nische bequem gemacht, ein großes Stück duftenden Apfelkuchen und eine Tasse frischen Kaffee vor sich.

»Sogar Italienisch.« Alessa grinste, während sie sich mit ihrer Hand ein wenig des köstlichen Aromas zufächelte.

»Ich bin froh, dass du von Hannover wieder ein bisschen mehr in unsere Nähe gezogen bist.« Laura nahm ein Stückchen Kuchen in den Mund. »Ich habe dich vermisst. Und Emilia auch«, sagte sie, nachdem sie den Bissen hinuntergeschluckt hatte.

Alessa nickte. »Ging mir ja nicht anders.« Sie umfasste die Kaffeetasse mit ihren Händen. Es war so schade, dass sie ihre Nichte kaum aufwachsen sah. »Was macht denn eigentlich Simon heute?«

Für einen kurzen Moment verdunkelte sich Lauras Gesichtsausdruck bei der Erwähnung ihres Mannes. »Er passt auf Emilia auf.«

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Alessa. Irgendetwas in Lauras Stimme alarmierte sie.

»Ja, alles bestens.« Laura wich ihrem Blick aus. »Was macht denn die Liebe bei dir?«, wechselte sie viel zu abrupt das Thema. »Hast du in letzter Zeit mal wieder eine Frau kennengelernt?«

Ja, hätte Alessa am liebsten gerufen. Sofort sah sie wieder Vivi vor sich, das offene Lächeln, die strahlenden grünen Augen und ihre blonden Haare. »Nein, aber du weißt doch, im Moment ist dafür kein Platz in meinem Leben.«

»Unsinn. Du solltest weniger an deine Karriere denken, dann würdest du auch endlich der Richtigen begegnen. Man lebt schließlich nur einmal. Und eine Partnerin an deiner Seite würde dir guttun.«

Alessa verdrehte die Augen. »Seit wann bist du ein wandelnder Sprüchekalender?«

»Ich meine das ernst. Aber irgendwann wirst du deine Traumfrau treffen.«

»Apropos treffen«, lenkte Alessa ab. »Ich habe bei Facebook gesehen, dass Max mittlerweile auch in Münster wohnt. Kannst du dich noch an ihn erinnern?«

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