Teil 05

»Dein bester Freund zu Schulzeiten?« Laura schmunzelte. »Natürlich kann ich mich noch an ihn erinnern. Max kann man beim besten Willen nicht so schnell vergessen. Außerdem hat er zwischenzeitlich fast bei uns gewohnt, so oft wie er da war.«

»Ich habe ihm gestern eine Nachricht geschickt und gefragt, ob wir uns vielleicht mal treffen wollen. Ich habe ihn schon ewig nicht mehr gesehen.« Leider hatte sie ihren ehemaligen Schulfreund irgendwann aus den Augen verloren, beide waren zum Studieren in eine andere Stadt gezogen, und nach ein paar Monaten war der Kontakt abgebrochen.

Laura sammelte mit ihrer Gabel die letzten Krümel zusammen. »Wollen wir noch eine Runde spazieren gehen? Ich muss das echt ausnutzen, mal ein paar Stunden gemütlich ohne meine quengelnde Tochter durch die Gegend laufen zu können.«

»Ja dann mal los.«

•••

Vivi strich über das Mischpult der Musikanlage und ließ dabei ihren Blick durch den großen Raum schweifen. Es hatte sich fast nichts verändert. Alles sah noch so aus wie damals. Es roch auch noch genauso. Nach altem Holz und Streuwachs.

Sie atmete tief ein. Sofort war dieses vertraute Gefühl wieder da. Sie schloss die Augen, sah, wie ihr Vater den Tanzschülern neue Schritte beibrachte. Wie er in der Mitte auf dem Parkett stand und lachte. Sie konnte ihn förmlich im Raum spüren.

Tränen stiegen in ihre Augen, und es war das erste Mal, dass Vivi es zuließ. Ihrem Vater war es nicht wirklich besser gegangen, als sie ihn am Morgen im Krankenhaus besucht hatte. Er war von seinem Schlaganfall schwer gezeichnet. Nicht einmal essen konnte er selbst, stattdessen hatte er eine bräunliche Flüssigkeit über eine Magensonde erhalten.

Vivi setzte sich mitten im Tanzsaal auf das Parkett. Sie konnte das kühle Holz durch ihre Stoffhose fühlen. Wie viele Stunden hatte sie hier verbracht? Wie oft hatte sie selbst hier getanzt?

Und ab morgen würde sie es wieder tun. Sie musste.

Ihre Finger zeichneten kleine Kreise auf den Boden. Auch wenn sie eine Ausbildung zur Tanzlehrerin absolviert und unzählige Stunden selbst trainiert hatte, hatte sie etwas Angst davor. In den letzten Jahren hatte sie vor allem Sportkurse gegeben, und wenn sie Paartanz unterrichtet hatte, dann meistens etwas wie Salsa. Ihre Mutter hatte ihr beteuert, dass es wie Fahrradfahren war und man es nicht verlernte.

Vivi umklammerte ihre Knie.

Ab sofort würde das Taktgefühl ihr neuer Arbeitsplatz sein. Und selbst wenn ihre Mutter versuchte, optimistisch zu bleiben und behauptete, dass ihr Vater bald bestimmt selbst wieder unterrichten konnte, so wusste Vivi doch, dass das nur ein Wunschtraum war.

Sie sah sich in der großen Spiegelwand an. Ihre Augen waren gerötet, umrahmt von dunklen Ringen. Selbst ihre Sonnenbräune schien bereits verblasst. Natürlich hatte sie gewusst, dass sie eines Tages die Tanzschule übernehmen würde. Sie hatte das immer gewollt.

Aber nicht so.

Und noch nicht jetzt.

Sie war noch nicht bereit dazu. Sie würde ihr ganzes bisheriges Leben aufgeben müssen. Ihre Freiheit. Dabei hatte sie noch so viel vorgehabt.

Aber sie hatte keine andere Wahl. Ihre Mutter konnte und wollte die Tanzschule nicht leiten, der einzige angestellte Tanzlehrer konnte das auch nicht völlig allein schaffen.

Sie betrachtete sich im Spiegel. »Du musst es tun«, sagte sie laut zu sich selbst. Sie straffte die Schultern. »Du schaffst das. Es war immer dein Traum.«

Plötzlich hörte Vivi, wie sich die Eingangstür quietschend öffnete. Sie hatte völlig vergessen abzuschließen. Wahrscheinlich war es ein Kunde, der das Schild übersehen hatte, dass heute geschlossen war.

Schnell stand sie auf, strich ihr Shirt glatt und räusperte sich, um wenigstens halbwegs repräsentativ auszusehen. Aber wenige Sekunden später stand kein Fremder im Tanzsaal, sondern Caro, ihre beste Freundin.

»Was machst du denn hier?« Vivi fiel ihr um den Hals. Sie hatten sich das letzte Mal vor fast einem halben Jahr gesehen, als Vivi einen kurzen Heimatbesuch eingelegt hatte.

»Als ich deine Nachricht bekommen habe, bin ich sofort zu dir gefahren. Und als du nicht da warst, hat deine Mutter mir verraten, dass du in die Tanzschule gegangen bist.« Caro drückte Vivi fest an sich. »Das tut mir so leid mit deinem Vater. Wie geht es ihm?«

»Nicht so gut.« Vivi bemühte sich, nicht zu besorgt zu klingen.

»Komm, ich mach uns erst mal einen Kaffee.« Caro, die früher oft in der Tanzschule hinter der Theke ausgeholfen hatte, stellte sich hinter die Bar und schaltete den Kaffeeautomaten an. »Und dann erzählst du mir alles in Ruhe.«

Vivi nahm auf einem Barhocker Platz und sah dabei zu, wie Caro zwei Kaffee zubereitete. Es war schade, dass sie Caro nur so selten sah, weil sie so viel unterwegs war.

Unterwegs gewesen war, korrigierte sich Vivi selbst in ihren Gedanken. Das war ja nun schließlich vorbei.

»Kaum Milch und etwas Zucker, so wie du es magst.« Caro schob eine Tasse vor sie und lächelte sie an. Dann setzte sie sich neben sie. »Also, was ist passiert?«

Vivi begann zu erzählen. Vom Anruf ihrer Mutter bis zum Besuch im Krankenhaus am heutigen Tag. Nur die letzte Nacht ließ sie aus. »Und ab morgen werde ich hier unterrichten. Wir können die Tanzschule nicht einfach für ein paar Wochen schließen«, endete sie.

Caro nickte. »Ja, das wäre wirklich schwierig.« Sie sah ihre beste Freundin eindringlich an. »Machst du dir Sorgen deswegen?«

Vivi zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht. Es ist einfach ein komisches Gefühl, plötzlich die Verantwortung zu haben.«

»Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich damals mit meinem Ex bei deinem Vater versucht habe, tanzen zu lernen. Auch wenn er sich alle Mühe gegeben hat, wir haben es einfach nicht kapiert.« Caro schmunzelte. »Ich glaube, wir haben beide danach nie wieder getanzt. Weder zusammen noch mit anderen.«

Sie ergriff Vivis Hand, der schon wieder die Tränen in den Augen standen bei der Erinnerung an ihren Vater und an das streitlustige Paar, das sie damals zu gern beobachtet hatte.

»Immerhin habe ich dich dadurch kennengelernt.« Caro umarmte Vivi noch einmal kurz. »Auf dich möchte ich nicht mehr verzichten.«

»Mir geht es ganz genau so.« Vivi setzte sich im Schneidersitz auf den Hocker. Wie gern dachte sie an all die Reisen und Abenteuer, die sie mit Caro erlebt hatte. Caro war in vielerlei Hinsicht genau so verrückt wie sie. Und bisher hatten sie alles durchgestanden. »Irgendwie werde ich das schon schaffen.« Sie verschränkte ihre Finger ineinander. »Aber genug von mir. Lenk mich ein bisschen ab. Wie geht es dir? Wie hast du die letzten Wochen verbracht?«

Caro schnalzte mit der Zunge. Dann legte sie den Kopf ein wenig schief. »Na ja, eigentlich wie immer. Gearbeitet, ein bisschen gefeiert, den einen oder anderen Typen kennengelernt.« Sie grinste. »Aber nichts Besonderes.«

Vivi leerte ihre Kaffeetasse. »Klingt doch eigentlich ziemlich perfekt.«

»Absolut. Meine Arbeitskolleginnen meinen zwar immer, ich sollte mir endlich mal einen Mann suchen, mit dem ich eine Beziehung führen kann, aber warum sollte ich? Ich genieße mein Leben genau so, wie es ist.« Caro fuhr sich durch ihre langen, braunen Haare, die sie ausnahmsweise offen trug. »Ich will nicht heiraten oder Kinder kriegen. Das ist nichts für mich.«

Wenn das jemand verstehen konnte, dann Vivi. »Genauso sehe ich das auch.«

»Du hast also auch niemanden kennengelernt?«, fragte Caro.

»Du weißt doch, wie das ist. Im Urlaub freuen sich viele Frauen über ein kurzes Abenteuer, und wenn mir eine gefällt, sage ich nicht unbedingt nein.« Vivi überlegte kurz, dann fuhr sie fort: »In den letzten Wochen habe ich allerdings keine Frau mehr getroffen, die mein Interesse geweckt hat.« Sie biss auf ihre Unterlippe und fixierte das Holz der Theke. »Bis gestern.«

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