Teil 06

»Gestern?« Caros Stimme bekam eine noch höhere Lage als ohnehin schon. »Warst du nicht gestern schon hier?«

Vivi nickte. Und dann erzählte sie Caro doch noch von ihrer Nacht mit Alessa. Aus irgendeinem Grund konnte sie es nicht länger für sich behalten, sie musste darüber reden. Zwar hatte sie den ganzen Tag versucht, nicht an Alessa zu denken, aber das war ihr fast unmöglich gewesen. Immer wieder sah sie das schöne Gesicht der Italienerin vor sich. Spürte ihre weichen Lippen auf ihren. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, warum es ihr ausgerechnet bei Alessa nicht gelang, das Abenteuer einfach abzuhaken und zu vergessen.

»Und du bist einfach abgehauen?« Caro sah Vivi ungläubig an.

»Was hättest du denn gemacht nach einem One-Night-Stand?«

»Es hört sich aber nicht danach an. Nach einem One-Night-Stand, meine ich.« Auf Caros Stirn bildeten sich kleine Falten.

»Natürlich war es das. Was sollte es sonst sein?«

»Willst du sie nicht wiedersehen?«

»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Vivi so schnell, dass sie selbst darüber erstaunt war.

»Schon gut.« Caro seufzte. »Aber wenn du dich selbst reden hören könntest, könntest du auf andere Gedanken kommen.«

Energisch schüttelte Vivi den Kopf. »Nein, so ist es nicht.« Und damit war das Thema beendet.

•••

»Guten Tag, Frau Dr. Morelli.« Herr Dr. Gruber, Alessas neuer Chef, streckte ihr seine Hand entgegen. »Herzlich willkommen in unserer Kanzlei.«

Alessa erwiderte seinen Gruß mit festem Händedruck. »Es freut mich, dass ich nun zu Ihrem Team gehöre.« Sie sah ihm direkt in die Augen.

»Wir müssen noch einen kleinen Moment warten.« Dr. Gruber deutete mit der Hand auf ein schwarzes Ledersofa, das in seinem geräumigen Büro stand. »Nehmen Sie doch Platz. Darf meine Sekretärin Ihnen etwas zu trinken bringen? Einen Kaffee? Ein Wasser?«

»Ein Wasser, bitte.« Alessa setzte sich, darauf bedacht, dass ihr schwarzer Rock nicht zu sehr hochrutschte. Der Blick, mit dem ihr Chef sie in ihrem Businesskostüm musterte, war ihr nicht entgangen.

Dr. Gruber gab über die Gegensprechanlage die Bestellung auf, dann nahm er ihr gegenüber in einem Sessel Platz. »Haben Sie sich bereits gut in Münster eingelebt?«

»Eingelebt wäre etwas zu viel gesagt. Ich bin ja erst seit Samstag in der Stadt, aber ich habe mich zumindest schon ein bisschen umgesehen.« Alessa lächelte.

Dr. Gruber erwiderte das Lächeln, auch wenn es eher höflich als ehrlich wirkte. »Ich habe schon gehört, dass es noch ein Problem mit Ihrer Wohnung gab.«

Alessa nahm einen Schluck von ihrem Wasser, das die Sekretärin zwischenzeitlich gebracht hatte. »Ja, die Renovierung ist nicht rechtzeitig fertig geworden. Im Moment wohne ich noch im Hotel, aber nächste Woche sollte die Wohnung einzugsbereit sein.«

Dr. Gruber nickte. »Sollten Sie noch Unterstützung brauchen, scheuen Sie sich nicht, mir Bescheid zu geben. Ich werde dann gern sehen, was ich tun kann.«

Es klopfte lautstark an der Tür.

»Ja, bitte«, sagte Dr. Gruber.

Ein großgewachsener Mann mit kurzen, dunklen Haaren und Brille betrat das Büro. Er trug einen schicken Anzug, bestimmt ein Designerteil, so viel konnte Alessa sagen. Seine fliederfarbene Krawatte sah ebenfalls sehr edel aus.

Dr. Gruber ging auf ihn zu. »Herr Seifert, schön, Sie wiederzusehen.« Dann drehte er sich zu Alessa um und machte eine Handbewegung in ihre Richtung. »Darf ich Ihnen vorstellen? Frau Dr. Morelli, die ebenfalls heute ihren ersten Tag hat.«

Seiferts Gesicht blieb verschlossen, als er Alessa die Hand reichte. »Johannes Seifert«, stellte er sich noch einmal vor. »Anwalt für Familienrecht.«

»Alessa Morelli. Ebenfalls Anwältin für Familienrecht«, erwiderte sie den Gruß möglichst emotionslos, auch wenn sie innerlich aufgewühlt war. So richtig verstand sie nicht, was hier gerade passierte. Wer war dieser Johannes Seifert? Und was wollte er hier? Aber ihr blieb keine Zeit, sich darüber weiter Gedanken zu machen.

»Gut, wo Sie beide nun hier sind, wird meine Sekretärin Ihnen ihre Büros zeigen«, fuhr Dr. Gruber fort. »Anschließend haben wir einige Informationen für Sie zusammengestellt, damit Sie sich bei uns zurechtfinden. Einer unserer Kollegen wird sich jeweils um Sie kümmern. Und wir sehen uns dann zum Mittagessen wieder.« Dr. Gruber nickte ihnen beiden zu. Dann rief er durch die geschlossene Tür nach seiner Sekretärin, die kurz darauf ins Zimmer trat.

Auf dem Weg zu ihren Büros liefen Alessa und Johannes nebeneinander hinter der Sekretärin her. Alessa ließ ihren Blick durch die Gänge schweifen. Alles war sehr modern eingerichtet, an den Wänden hingen überwiegend Fotografien in Schwarzweiß, die abstrakte Gebilde zeigten.

»Sind Sie auch wegen der Juniorpartnerschaft hier?«, fragte Johannes, während sie vor einem Aufzug warteten. Noch ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Hätte ich mir ja denken können, dass der alte Gruber daraus wieder einen Wettbewerb macht.«

»Kennen Sie Dr. Gruber näher?« Alessa straffte ihre Schultern und versuchte, sich ihre Verunsicherung über Johannes’ Feststellung nicht anmerken zu lassen.

Sie traten in den Fahrstuhl, der sich kurz darauf in Bewegung setzte.

Johannes vergrub seine Hände in den Hosentaschen seines Anzugs. »Ich bin mit seiner Tochter zur Schule gegangen. Und unsere Eltern waren befreundet, bis wir aus Münster weggezogen sind.« Er grinste überheblich. »Näher kennen wäre also übertrieben. Aber offensichtlich ist er auf mich aufmerksam geworden, hat sich wieder an mich erinnert und mich schließlich abgeworben.«

Alessa schob ihre Brille etwas höher. »Ähnlich wie bei mir.« Sie bemühte sich um eine neutrale Tonlage. »Zumindest der Teil mit dem Abwerben. Persönliche Beziehungen habe ich nicht zu ihm.«

Johannes hob eine Augenbraue. »Dann müssen Sie gut sein in Ihrem Job.«

»Das nehme ich an.« Alessa spürte, wie sie langsam wütend wurde. Was bildete sich dieser Seifert ein? Natürlich war sie gut. Glaubte er, sie war nur wegen ihres Aussehens hier?

»Der alte Gruber nimmt nicht jeden.« Johannes schnalzte mit der Zunge. »Und erst recht nicht jede. Wo waren Sie vorher?«, wollte er wissen. Sie traten aus dem Fahrstuhl, als sie in der zwölften Etage des großen Bürogebäudes angekommen waren.

»In Hannover«, antwortete Alessa knapp. Sie hatte kein Interesse daran, ihre Konversation zu vertiefen.

Johannes schien das zu bemerken und schwieg den Rest des Weges, bis die Sekretärin ihnen ihre Büros zugewiesen hatte, die ausgerechnet nebeneinander lagen. »Ich sage nun den beiden Kollegen Bescheid, die sich etwas um Sie kümmern werden, sie werden bald bei Ihnen sein. Solange können Sie sich schon mal ein wenig umsehen.« Die Sekretärin lächelte ihnen freundlich zu und verschwand dann. Sie ließ sich nicht anmerken, ob sie ihr Gespräch belauscht hatte.

»Ja, dann . . .« Johannes hatte bereits die Türklinke in der Hand und bedachte Alessa von der Seite mit einem abschätzigen Blick. »Möge der Bessere gewinnen.« Seine ganze Körperhaltung ließ keinen Zweifel daran, dass für ihn längst klar war, wer das sein würde.

»Wie Sie meinen.« Alessas Stimme zitterte leicht, während sich ihre Hand so fest um die Türklinke schloss, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. »Abgerechnet wird am Schluss.« Sie ging in ihr neues Büro und zog die Tür hinter sich zu, die lautstark ins Schloss fiel.

Mitten im Raum blieb sie stehen und atmete erst einmal tief durch. Nur langsam wollte die Anspannung von ihr weichen. Ihre Schultern schmerzten regelrecht, so sehr hatte sie sie hochgezogen.

Für einen Augenblick überlegte sie, einfach wieder zu gehen und zu kündigen. Auf solche Spielchen hatte sie keine Lust. Hatte sie das nötig? So hatte sie sich ihren ersten Arbeitstag beim besten Willen nicht vorgestellt.

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