Teil 07

Aber dann besann sie sich eines Besseren. Es war ihr Traum, das Ziel, auf das sie solange hingearbeitet hatte. Sie wollte in einer großen erfolgreichen Kanzlei arbeiten. Und sie wollte Juniorpartnerin werden. Das würde sie sich sicherlich nicht von so einem arroganten Lackaffen kaputtmachen lassen. Ihm würde sie die Juniorpartnerschaft nicht kampflos überlassen.

In einem halben Jahr würde die Stelle vakant werden, und bis dahin würde sie ihrem Chef beweisen, was in ihr steckte und dass sie eindeutig die bessere Wahl war als dieser Johannes Seifert.

Zufrieden mit diesem Entschluss setzte sich Alessa an ihren Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Ihr Blick fiel auf den leeren Bilderrahmen, der neben dem Monitor stand. Hatte ihr Vorgänger ihn vergessen? Oder gehörte ein Bilderrahmen hier zur Standardausstattung jedes Schreibtisches, weil die Kanzlei einfach davon ausging, dass jeder ein Foto von seinen Liebsten hier aufstellen wollte?

Wessen Foto würde sie aufstellen?

Für einen kurzen Moment dachte sie an Vivi.

Seit zwei Tagen spukte diese Frau ihr nun im Kopf umher. Sie konnte sie einfach nicht vergessen, trotz aller Bemühungen. Irgendetwas in ihr forderte vehement ein Wiedersehen. Vielleicht lag es an Vivis unerwartetem Abgang, der noch an ihr nagte. Sie konnte sich doch nicht so getäuscht haben. Oder doch? War das nicht genau ihr Problem, weswegen sie schon so oft enttäuscht worden war? Dass sie in Liebesangelegenheiten zu naiv war, zu vertrauensvoll, zu leichtfertig ihr Herz verloren hatte? Sie sollte Vivis Nein einfach akzeptieren und aus den Fehlern ihrer Vergangenheit lernen.

Es klopfte an der Tür.

Es gab jetzt Wichtigeres. Sie musste sich voll und ganz auf ihren Job konzentrieren, nur so würde sie sich gegen Johannes durchsetzen können.

»Herein«, sagte sie mit fester Stimme.


Der Arbeitstag war wie im Flug vergangen. Unzählige neue Eindrücke waren auf Alessa eingeprasselt, und sie hatte viele ihrer Kollegen kennengelernt. Aber jetzt war sie erst einmal froh, Feierabend zu haben.

Achtlos schob sie ihre Pumps unter die kleine Garderobe und kämpfte sich etwas weiter in das Zimmer vor. Es war ziemlich beengt in dem Raum, und alles war mit irgendwelchen Taschen vollgestellt. Ein Hotel war einfach nicht dazu geeignet, dort dauerhaft zu wohnen, wenn man nicht gerade reich war und sich eine große Suite mit mehreren Zimmern leisten konnte.

Alessas Magen knurrte, und sie setzte sich an den kleinen Tisch, der unter dem Fenster stand. Sie packte das Sandwich aus, das sie unterwegs gekauft hatte. Beim Mittagessen mit ihrem Chef hatte sie nicht viel Hunger gehabt und nur einen kleinen Salat gegessen, das rächte sich nun.

Während sie in das Sandwich biss, klappte sie ihren Laptop auf, der noch vom Vortag auf dem Tisch stand.

Normalerweise würde sie den Abend nach einem so stressigen Tag nicht vor dem PC, sondern am Backofen verbringen. Aber so lange sie noch keine eigene Küche hatte, war das nicht möglich. Dabei entspannte Backen sie so herrlich. Glücklicherweise würde es nicht mehr allzu lange dauern, bis sie in ihre Wohnung ziehen konnte.

Alessa checkte ihre Mails. Schnell überflog sie die Betreffzeilen, bis sie an einer Nachricht von Facebook hängenblieb. Max hatte ihr geantwortet. Ihr Herz machte einen kleinen Freudensprung, und Alessa beeilte sich, die Nachricht zu öffnen. Fast hatte sie schon damit gerechnet, keine Antwort zu erhalten. Max’ Vorschlag, sich bald zu treffen, stimmte sie sofort zu.

Mittlerweile hatte sie ihr Sandwich aufgegessen. Sie holte eine kleine Flasche Weißwein aus der Minibar, schenkte sich ein und setzte sich dann wieder vor ihr Notebook, aus dem sanfte Klaviermusik drang.

Sollte sie es wagen wider aller Vernunft? Alessa wusste, dass sie keine Ruhe finden würde, wenn sie es nicht wenigstens versuchen würde. Dafür kannte sie sich zu gut. Am Ende gewann doch immer ihr Herz gegen den Verstand. Irgendetwas ließ sie diese Begegnung und diese Nacht nicht vergessen.

Mit feuchten Fingern tippte sie Tanzschule Taktgefühl Münster in die Suchmaschine. Es war das Einzige, was Alessa von Vivi wusste.

Bereits der erste Treffer führte sie zur Homepage der Tanzschule. Alessa durchstöberte die Seite, die wirkte, als wäre sie seit vielen Jahren nicht mehr aktualisiert worden. Alles war sehr unübersichtlich, die letzten eingetragenen Termine lagen Monate zurück. Hinweise auf Vivi fanden sich nicht. Aber eine andere Tanzschule mit diesem Namen gab es in der Stadt nicht. Es musste also die richtige sein.

Unter den Kontaktdaten fand sie schließlich eine Festnetznummer.

Sollte sie dort einfach anrufen? Und was sollte sie sagen?

Um etwas Zeit zu gewinnen, nahm Alessa einen Stift und einen Zettel und schrieb die Nummer ab. Dann klappte sie ihren Laptop zu. In der einen Hand hielt sie ihr Weinglas, in der anderen den kleinen Zettel, den sie immer wieder hin- und herdrehte. Es war fast zehn Uhr, konnte sie zu dieser Zeit überhaupt noch in der Tanzschule anrufen?

Aber hatte sie etwas zu verlieren?

Sie trank einen Schluck. Der Wein breitete langsam sein köstliches Aroma aus. Er schmeckte fruchtig nach Aprikose.

Eigentlich nicht. Wenn Vivi sie nicht wiedersehen wollte, musste sie sich damit abfinden, und wenn sie einem erneuten Treffen doch zustimmte, konnte es ein schöner Abend werden.

Also entschloss sie sich, die Nummer zu wählen.

Ein Klicken in der Leitung deutete ihr an, dass sie umgeleitet wurde. Es dauerte nicht lange, bis sie eine weibliche Stimme hörte. »Tanzschule Taktgefühl, was kann ich für Sie tun?« Die Frau am Telefon klang älter als Vivi.

»Entschuldigen Sie die späte Störung. Alessa Morelli mein Name.« Sie räusperte sich. »Ich würde gern mit Vivi sprechen.«

»Ach, das tut mir leid. Vivi unterrichtet gerade. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?« Die Frau hörte sich sehr freundlich an. »Ich bin Vivis Mutter.«

Alessa zögerte einen Moment. Was sollte sie sagen? »Ich . . .«, begann sie dann, ». . . ich habe Vivis Handynummer verloren. Sie ist eine alte Bekannte von mir. Und ich dachte, ich könnte sie vielleicht über die Tanzschule erreichen.« Das Blut schoss ihr ins Gesicht, und Alessa war froh, dass sie niemand sah, sonst wäre sie sofort der Lüge überführt worden.

»Wenn das so ist, gebe ich Ihnen einfach Vivis Handynummer.« Alessa konnte hören, wie Vivis Mutter irgendwo herumkramte. »Hier ist sie ja«, sagte sie schließlich. Sie gab die Nummer durch und wünschte Alessa noch einen schönen Abend. Ganz Profi ließ sie sich den schweren Schicksalsschlag nicht anmerken. Hätte Alessa nicht gewusst, dass ihr Mann schwerkrank war, hätte sie es nicht erahnt.

Alessa versuchte, sich die Zeit zu vertreiben. Wenn Vivi noch unterrichtete, hatte es keinen Sinn, sofort anzurufen. Aber die Minuten wollten nicht verstreichen.

Als es endlich halb elf war, griff Alessa erneut zu ihrem Handy. Noch einmal zögerte sie, bevor sie schließlich Vivis Nummer eintippte. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Gleich würde sie Vivis Stimme hören.

Es ertönte ein Freizeichen. Alessa musste sich setzen. Es tutete wieder und wieder, aber niemand ging dran.

Alessa merkte, wie sich ihre Brust zuschnürte.

Nach dem zehnten Freizeichen gab sie auf und ließ entmutigt das Handy sinken. Es sollte einfach nicht sein.

•••

Endlich Feierabend. Vivi hatte die neue Herausforderung gut gemeistert, alle Tanzkurse waren vorbei, und es hatte keine größeren Pannen gegeben. Inzwischen waren auch die letzten Tanzschüler gegangen.

»Das lief doch gar nicht schlecht«, sagte Tom, der hinter der Theke stand und zwischenzeitlich alle Gläser gespült hatte. »Man hat dir kaum angemerkt, dass du schon lange nicht mehr hier warst.«

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