Teil 08

»Ich bin auch zufrieden«, gab Vivi zu. Und es hatte ihr sogar richtig Spaß gemacht. Bereits nach wenigen Minuten hatte sie sich ganz in ihrem Element gefühlt. Die Rückmeldungen der Tanzschüler waren auch sehr positiv gewesen. »Aber ohne dich hätte ich das heute nicht hinbekommen«, fuhr Vivi fort. »Danke, dass du mich unterstützt hast.« Sie stellte sich zu Tom hinter die Bar und räumte die abgetrockneten Gläser in den Schrank.

Tom war als Tanzlehrer bei ihrem Vater angestellt und so etwas wie die gute Seele der Tanzschule.

Sie lächelte dem gut trainierten Mann, der nur unwesentlich älter war als sie, zu.

Tom winkte ab. »Das ist doch selbstverständlich.«

»Nichts im Leben ist selbstverständlich.« Vivi putzte über die Arbeitsplatte und die Theke. »Ich hoffe, du bleibst mir erhalten, und ich darf ebenso auf deine Kompetenz zählen wie mein Vater.«

Tom war nicht nur ein sehr guter Tanzlehrer, der einige seltene Tänze in seinem Repertoire hatte, er war auch noch ein ausgezeichneter Fitnesstrainer. Und ein guter Freund der Familie.

»Natürlich.« Tom hing sein Geschirrtuch an den Haken. »Wie geht es denn eigentlich deinem Vater?«

Vivi seufzte. »Unverändert. Wahrscheinlich darf er morgen die Schlaganfallstation verlassen und kommt auf eine normale Station. Aber er kann immer noch nicht sprechen.« Sie starrte auf die polierte Spüle. »Und seine rechte Körperseite kann er auch noch nicht bewegen.«

Tom legte eine Hand auf Vivis Schulter. »Dein Vater war immer ein Kämpfer. Das wird er dieses Mal auch sein. Er wird das schaffen.«

»Komm«, wechselte Vivi schnell das Thema. Es tat einfach zu weh, an ihren kranken Vater zu denken. »Kannst du mir noch mal die ganzen Schalter und Sicherungen zeigen?«

Tom nickte und folgte Vivi dann in den Technikraum.

»Mir ist aufgefallen, dass die Anlage zwischendurch etwas eigenwillig ist, und auch die Lichttechnik scheint mir nicht richtig zu funktionieren«, sagte Vivi, nachdem Tom einige Schalter betätigt und nebenbei erklärt hatte, wofür sie gedacht waren.

»Gut beobachtet. Hier ist so einiges in die Jahre gekommen. Meist haben wir alles wieder zum Laufen gebracht, wenn mal was kaputtgegangen ist.« Er verzog den Mund. »Aber ich fürchte, über kurz oder lang werden einige Anschaffungen notwendig werden.«

»Ganz abgesehen von der Inneneinrichtung.« Vivi verdrehte die Augen. »Manche der Farben und Dekoartikel sehen aus wie aus den achtziger Jahren.« Ihr Vater hatte von Modernisierung bisher nichts wissen wollen.

Tom grinste. »Wem sagst du das? Der eine oder andere Neukunde sieht sich hier auch regelmäßig irritiert um.«

»Sag mal«, es gab noch ein Thema, das Vivi auf der Seele lag. »Mir ist aufgefallen, dass die meisten Kurse heute doch eher spärlich besucht waren.« Sie suchte Toms Blick, aber der wich aus. »War das nur eine Ausnahme, oder ist das immer so?«

Tom verließ den kleinen Raum und trat wieder in den Tanzsaal. Vivi folgte ihm. »Nein«, sagte er. Mit seinen Tanzschuhen zeichnete er eine Linie auf das Parkett. »Das ist leider in letzter Zeit eher die Regel.« Er zuckte die Schultern. »Die Kunden sind in den vergangenen Monaten spürbar weniger geworden. Aber dein Vater wollte davon nichts hören.«

»Das habe ich mir schon fast gedacht«, murmelte Vivi mehr zu sich selbst als zu Tom. »Aber darüber können wir uns auch morgen noch den Kopf zerbrechen«, sagte sie wieder mit fester Stimme.

»Alles klar, dann würde ich mich mal auf den Weg machen.«

Wenige Minuten später war auch Tom gegangen, und Vivi war ganz allein. Sie sah sich noch einmal um. Alles war aufgeräumt, die Rollläden waren geschlossen. Hier gab es zumindest heute nichts mehr zu tun.

Vivi zog andere Schuhe an, holte ihre Handtasche hinter der Theke hervor und nahm ihre Jacke von der Garderobe. Es war kurz nach zehn, genau die richtige Zeit für ein Glas Wein auf der Couch.

Plötzlich öffnete sich die Tür mit dem bekannten Quietschen.

»Hast du noch was ver-« Mitten im Satz brach Vivi ab, denn vor ihr stand nicht der erwartete Tom, sondern ein älterer Herr im Anzug.

»Sieh einer an, das Fräulein Ackermann.« Der Mann lächelte Vivi an. Aber es hatte nichts Freundliches.

Vivi runzelte die Stirn. »Kennen wir uns?«

»Jürgen Bruch.« Er strecke Vivi die Hand entgegen. »Erinnerst du dich noch?«

Es dauerte einen kurzen Moment, bis Vivi mit diesem Namen etwas anfangen konnte. Aber dann fiel es ihr ein. Jürgen Bruch gehörte eine andere Tanzschule in Münster – die größte. Sie hatte ihn vor einigen Jahren mal bei einem Turnier kennengelernt. Ihr Vater war gar nicht begeistert darüber gewesen. »So dunkel erinnere ich mich noch.« Vivi nahm die Hand, die Jürgen noch immer in ihre Richtung streckte, und erwiderte den förmlichen Gruß.

»Ich habe gehört, dass dein Vater einen Schlaganfall hatte. Das tut mir sehr leid.« Jürgens Augen wirkte im Gegensatz zu seinen Worten kühl und unbeteiligt. »Wie geht es ihm denn?«

»Den Umständen entsprechend«, erwiderte Vivi knapp. Letztlich war Jürgen ein Fremder und von der Konkurrenz. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er und ihr Vater ein enges Verhältnis gepflegt hatten. Ganz im Gegenteil.

»Ich kann mir vorstellen, dass das ein schwerer Schlag für dich ist.« Jürgen machte eine Pause und ließ betont langsam seinen Blick durch die Tanzschule gleiten. »Du hast jetzt sicher viel zu tun. Das ist viel Verantwortung.«

»Was wollen Sie?« Jürgens Art machte Vivi wütend. Sie hatte keine Lust auf sinnlosen Small Talk.

»Ich wollte dir nur meine Hilfe anbieten, falls du Unterstützung brauchst. Ich könnte dir ein wenig zur Seite stehen.« Väterlich legte Jürgen seine Hand auf Vivis Unterarm.

In Sekundenschnelle zog Vivi ihren Arm zurück. »Nein, vielen Dank. Wir kommen sehr gut allein zurecht.« Sie kniff ihre Augen zusammen.

Jürgen atmete hörbar laut aus und schüttelte bedächtig den Kopf, als wollte er das kleine, dumme Mädchen tadeln. »Das ist doch alles eine Nummer zu groß für dich.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Und in den nächsten Monaten wird noch einiges auf dich zukommen. Übernimm dich nicht.« Er trat einen Schritt auf Vivi zu und blieb nur wenige Zentimeter vor ihr stehen. »Ich weiß aus sicherer Quelle, dass dein Vater zuletzt mehrfach Schwierigkeiten hatte, alle Rechnungen rechtzeitig zu bezahlen.« In Jürgens Stimme lag eine Mischung aus Bedauern und Boshaftigkeit.

In diesem Moment klingelte Vivis Handy. Sie griff kurz in ihre Handtasche und warf einen schnellen Blick auf das Display. Eine unbekannte Handynummer. Vivi drückte den Anruf weg. Dies war kein passender Moment für ein Telefonat.

»Es wäre doch zu schade um die Tanzschule«, fuhr Jürgen unbeirrt fort.

Seine ganze Körperhaltung wirkte so überheblich, dass Vivi ihm am liebsten eine reingehauen hätte. Nur ihr Anstand hielt sie davon ab.

»In diesem Stadtteil ist sie seit Jahren eine Institution.«

»Und das wird sie auch bleiben«, fiel Vivi ihm ins Wort. Sie schoss kleine Giftpfeile in seine Richtung.

»Genau.« Jürgen schien sich kein bisschen aus der Ruhe bringen zu lassen. »Wenn du mich ausreden lässt.« Auf seinen Lippen lag ein arrogantes Grinsen. »Ich würde dir nämlich gern ein Angebot unterbreiten. Ein sehr lukratives.« Er machte eine bedeutungsschwere Pause. »Ich würde die Tanzschule übernehmen. Zu einem guten Preis.«

Vivi riss die Augen auf. »Auf gar keinen Fall! Nie im Leben!«

»Lass es dir durch den Kopf gehen. Es würde dir jede Menge Arbeit und Ärger sparen. Du könntest selbstverständlich hier weiterarbeiten. Unter meinem Namen versteht sich.« Kaum hatte er die Worte gesagt, drehte er sich um und ging. »Überleg es dir«, rief er noch einmal, nachdem er bereits die Türschwelle passiert hatte.

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