Teil 09

Vivi kochte innerlich vor Wut. Was bildete dieser Typ sich eigentlich ein? Nur weil er ebenfalls eine Tanzschule besaß, wusste er alles besser? Niemals im Leben würde sie die Tanzschule verkaufen. Und erst recht nicht an so einen anmaßenden Kerl wie Jürgen Bruch.

Vivi versuchte, ihren Puls zu beruhigen.

Aber was, wenn an seinen Behauptungen etwas dran war? Tom hatte ebenfalls Andeutungen über die aktuell schlechte Lage gemacht. Hatte die Tanzschule finanzielle Sorgen? Vivi hatte keine Ahnung von Finanzen oder Buchhaltung, aber sie musste klären, ob das stimmte.

Wenn sie nur mit ihrem Vater darüber sprechen könnte.

Sie steckte ihr Handy, das sie seit dem abgewiesenen Anruf noch immer in der Hand hielt, zurück in ihre Handtasche und schloss die Tür hinter sich zu.

•••

»Hoffentlich wird die Reha nicht so weit weg sein.« Vivis Mutter ließ die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss fallen. »Das wäre das Schlimmste für deinen Vater, wenn wir ihn nicht regelmäßig besuchen könnten.«

Vivi erwiderte nichts und goss sich stattdessen ein Glas Wasser ein. Sie hatte noch die Worte der Ärzte in ihrem Ohr, die ihr vor wenigen Minuten im Krankenhaus die Hoffnung genommen hatten. Auch wenn ihr Vater eine Reha machen würde, wäre es unwahrscheinlich, dass er danach wieder normal sprechen und laufen können würde. Wahrscheinlich wäre er sein restliches Leben auf Pflege angewiesen. Ihre Mutter schien das jedoch verdrängen zu wollen.

Vivi setzte sich ihrer Mutter gegenüber an den Küchentisch.

»Ich fürchte, du wirst dich wohl noch länger um die Tanzschule kümmern müssen.« Ihre Mutter sah sie an. Trauer lag in ihrem Blick. »Wahrscheinlich wirst du sie langfristig ganz übernehmen müssen.« Offensichtlich war der schlechte Gesundheitszustand ihres Vaters ihrer Mutter doch bewusst.

Vivi nickte und nahm die Hand ihrer Mutter. »Wir werden das schon irgendwie schaffen, Mama.« Sie versuchte zu lächeln, auch wenn es ihr schwerfiel.

Ihre Mutter seufzte. »Ich weiß, dass du dir dein Leben anders vorgestellt hast.«

Vivi schluckte. »Ja, vielleicht. Aber du und Papa, ihr hattet euch das sicher auch anders vorgestellt.«

Ihre Mutter stand auf und drehte Vivi den Rücken zu, aber Vivi konnte dennoch erkennen, dass sie weinte. »Wie war denn eigentlich gestern der erste Tag?«, fragte sie mit brüchiger Stimme. Sie fuhr sich mit dem Handrücken über ihre Augen. Dann räumte sie das dreckige Geschirr in die Spülmaschine, als wäre es gerade die allerwichtigste Aufgabe.

»Es lief ganz gut. Tom hat mich ziemlich unterstützt.« Vivi hielt kurz inne. »Als ich gehen wollte, habe ich überraschend Besuch bekommen.« Sie wartete, bis ihre Mutter sich wieder zu ihr umdrehte. »Jürgen Bruch war da.«

Für einen kurzen Moment wirkte ihre Mutter erschreckt. »Jürgen Bruch?«, wiederholte sie, als hätte sie sich verhört.

»Genau, der von der anderen Tanzschule. Er hat sich nach Papa erkundigt.«

Die Augen ihrer Mutter verdunkelten sich. »Hat er das?«, fragte sie emotionslos.

»Ja«, bestätigte Vivi. »Außerdem hat er angedeutet, dass die Tanzschule finanziell nicht so gut dasteht, dass Papa Rechnungen nicht bezahlen konnte. Weißt du was darüber?«

»Nein, davon hat dein Vater nichts erzählt.« Ihre Mutter wischte ihre Hände an ihrem Shirt ab, dann setzte sie sich wieder hin. »Er hat generell nicht viel über den ganzen Bürokram mit mir gesprochen.«

»Ich fürchte, ich werde mir das mal ansehen müssen«, sagte Vivi, der Zahlen ein Graus waren. Schon während der Schulzeit und später während ihrer Ausbildung zur Kauffrau für Tourismus und Freizeit hatte sie alles, was mit Mathe zu tun hatte, verabscheut.

»Was wollte Jürgen denn? Was hast du ihm erzählt?«, hakte ihre Mutter nach. Nervös spielten ihre Finger mit dem Tischtuch. Oder täuschte Vivi sich?

»Nichts«, war alles, was Vivi antwortete. Sie wollte ihre Mutter nicht unnötig beunruhigen. Erst recht nicht mit etwas, was sowieso nicht zur Debatte stand.

»Du solltest dich vor Jürgen in Acht nehmen.« Ihre Mutter blickte ihr direkt in die Augen.

»Warum? Wie kommst du darauf?« Vivi konnte sich keinen Reim auf das sonderbare Verhalten ihrer Mutter machen.

»Glaub mir einfach. Mit Jürgen ist nicht zu spaßen.« Dann stand ihre Mutter erneut auf und verließ dieses Mal die Küche. Offensichtlich war das Thema für sie damit erledigt.

Vivi blieb jedoch nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn ihr Handy klingelte. Als sie es aus der Tasche nahm, sah sie, dass es die gleiche Nummer war wie am Vorabend. Dieses Mal ging sie dran. »Ackermann«, meldete sie sich.

»Vivi?«, fragte eine weibliche Stimme.

»Ja«, erwiderte Vivi zögernd. »Mit wem spreche ich denn bitte?«

Ein Schweigen in der Leitung.

»Hallo? Wer ist denn da?«, fragte Vivi noch einmal.

»Ich bin es«, kam es leise zurück. »Alessa.«

Gut, dass Vivi bereits saß, sonst hätte die Wucht dieses einzelnen Wortes sie umgehauen. »Das ist aber eine Überraschung«, war schließlich alles, was ihr einfiel. Das konnte unmöglich sein. Wie hatte sie sie gefunden? Und woher hatte sie ihre Handynummer? Vivi war normalerweise immer darauf bedacht, alle Spuren zu verwischen, und ausgerechnet dieses Mal, ausgerechnet bei Alessa, die ihr seit ihrer gemeinsamen Nacht ständig im Kopf umherspukte, war es ihr nicht gelungen.

»Schön, deine Stimme zu hören«, sagte Alessa. Selbst durchs Telefon konnte Vivi hören, dass sie lächelte.

»Eigentlich habe ich gerade gar keine Zeit«, versuchte Vivi Alessa direkt abzuwimmeln.

»Entschuldige. Soll ich später noch mal anrufen?«

»Nein, das«, stammelte Vivi, »das geht nicht.« Es hatte alles keinen Sinn. Alessa sollte sich gar nicht erst in etwas hineinsteigern, was Vivi ihr nicht bieten konnte. Sie war keine Frau für eine Beziehung. Verbindlichkeit war ihr zuwider. Jemand wie Alessa wollte aber garantiert genau das. Und außerdem hatte Vivi gerade mehr als genug andere Dinge um die Ohren.

»Ich würde mich freuen, wenn wir uns wiedersehen könnten.« Alessa blieb hartnäckig.

»Tut mir leid, daraus wird nichts.« Selbst in ihren eigenen Ohren klang ihre Stimme harsch. Sie spürte regelrecht, wie sie Alessa mit dieser Aussage vor den Kopf stieß. Aber es war richtig so. Sie wollte keinen Kontakt mehr.

»Schade.« Die Enttäuschung war Alessa anzuhören. »Falls du deine Meinung doch noch änderst, kannst du dich ja noch mal melden.« Dann legte sie ohne eine weitere Verabschiedung auf.

Alessas Mut und ihre Beharrlichkeit imponierten Vivi, das musste sie zugeben. Das war ihr auch schon in der Bar aufgefallen. Sie seufzte. Alessa war ohne Frage eine tolle Frau.

In diesem Moment kam ihre Mutter wieder zurück in die Küche. »Wer war das denn?«, fragte sie beiläufig.

»Niemand«, wiegelte Vivi ab. »Nur eine Bekannte.«

•••

»Ach, es ist so schön, dich endlich mal wiederzusehen.« Max strahlte Alessa an. Er hatte sich kaum verändert und hatte immer noch etwas von dem schelmischen Jungen, den Alessa in Erinnerung hatte.

Und obwohl sie sich fast zehn Jahre nicht mehr gesehen hatten, fanden sie sofort wieder den gleichen guten Draht zueinander wie während der Schulzeit.

Sie setzten sich an einen Tisch in einer gemütlichen Kneipe, die Max für das Treffen vorgeschlagen hatte, und bestellten auch gleich die Getränke.

»Ich freue mich auch, dich wiedergefunden zu haben.« Alessa prostete Max mit ihrer Cola zu. »Auf uns.«

Im Hintergrund spielte leise Jazz-Musik, die für eine stimmungsvolle Atmosphäre sorgte, während die beiden in gemeinsamen Erinnerungen an ihre Schulzeit schwelgten.

»Hast du eigentlich noch zu anderen aus der Schule Kontakt?«, fragte Max.

Alessa schüttelte den Kopf. »Nein. Aber du kannst dir sicher vorstellen, dass ich das auch nicht allzu schlimm finde. Außer dir hatte ich ja ohnehin nie enge Freunde. Und seit dieser Sache damals . . .« Sie brach ab. Sofort spürte sie einen schmerzhaften Stich in der Brust. Sie wollte sich davon jetzt nicht den schönen Abend kaputtmachen lassen.

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