Teil 11

»Über einen kleinen Einbruch, der noch nicht einmal einer war?« Katharina schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Das würde wohl niemand kaufen.«

»Eben«, sagte Sascha. »Ist ja auch nicht interessant. Aber ein Buch über Tyra . . .« Sie blickte wieder auf den leeren Platz, als ob Tyra dort noch säße, und ihre Augen glänzten geradezu.

»Ist genauso wenig interessant«, behauptete Katharina. »Ich glaube nicht, dass jeder Frau Horvath so sieht wie Sie.«

»Sie ist . . . Sie hat nur nie eine Chance gehabt«, brachte Sascha wieder ihre bekannte Argumentation vor, die schon Harry nicht überzeugt hatte.

»Es gibt Chancen und Chancen«, sagte Katharina. »Eine Chance zum Beispiel ist das Leben an sich. Jeder bekommt es ohne jede Bedingung geschenkt. Was er dann daraus macht, ist seine Sache.« Sie nahm ihre Aktentasche und ging zum Gerichtssaal hinaus.

Sascha kam ihr nach. »Manche haben aber bessere Voraussetzungen als andere«, setzte sie ihre Argumentation fort. »Und manchen werden die Voraussetzungen eine nach der anderen weggenommen.«

Katharina blieb stehen. »Ja, ich gebe zu, sie hatte es schwer«, sagte sie. »Aber sie ist außergewöhnlich intelligent. Außerdem hat sie einen gesunden, gut trainierten Körper, keine Krankheiten, gar nichts. Sowohl geistig als auch körperlich hat sie eine Menge Möglichkeiten. Aber was tut sie? Schlendert durch die Straßen und baldowert einen Einbruch aus.« Sie seufzte. »Glauben Sie mir, regelmäßige Arbeit wäre nichts für sie. Deshalb tut sie das.«

»Es hat ihr ja noch nie jemand regelmäßige Arbeit angeboten«, hielt Sascha dagegen, obwohl sie noch nicht einmal wusste, ob das stimmte.

»Als was?«, fragte Katharina. »Hat sie irgendetwas gelernt oder kann sie etwas besonders gut?«

Darauf konnte Sascha keine Antwort geben. Oder sie wollte es nicht.

»Ich kenne ihren Lebenslauf«, sagte Katharina. »Die Schule hat sie abgeschlossen, aber das war auch alles. Keine Lehre, keine Ausbildung, gar nichts. Sie haben ein paarmal versucht, sie irgendwo unterzubringen, aber sie hat immer wieder Ärger gemacht, und das war es dann. Vorschriften hat sie ignoriert, wenn ihr jemand etwas beibringen wollte, hat sie einfach nicht zugehört oder sie hat ihn sogar beleidigt. Das nenne ich nicht das Geschenk des Lebens nutzen.«

»Sie hat sich selbst Karate beigebracht«, hielt Sascha dagegen. »Weil sie kein Geld hatte, hat sie von außen durchs Fenster geguckt und alles nachgemacht. Sie hat die Anweisungen genau befolgt. Und jetzt ist sie sehr gut in Karate.«

Katharina lachte. »Das glaube ich sofort. Das war ja auch etwas, das sie lernen wollte. Unbedingt lernen wollte. Da hat sie sich natürlich dahintergeklemmt.«

»Also kann sie Anweisungen befolgen, und sie kann auch etwas lernen.« Wieder einmal ließ Sascha nicht locker, weil sie sich in etwas verbissen hatte. »Sie könnte bestimmt auch eine Ausbildung machen. Wenn es die richtige wäre.«

»Wenn es die richtige wäre . . .«, wiederholte Katharina zweifelnd. »Und was sollte das sein? Bei der Polizei werden sie sie wohl kaum nehmen mit ihrem Strafregister.« Sie zuckte die Schultern. »Vielleicht könnte sie Karatelehrerin werden. Das wäre doch etwas, das sie schon kann.«

»Das ist ein guter Vorschlag!« Sascha war sofort ganz begeistert. »Den werde ich ihr machen.« Es schien fast so, als wollte sie Tyra hinterherstürzen, auf dem Weg, auf dem sie vorhin mit den Beamten den Gerichtssaal verlassen hatte.

»Und wo wollen Sie sie finden?«, fragte Katharina da in ihrem Rücken. »Haben Sie ihre Adresse?«

Überrascht blickte Sascha sich um. »Die steht doch in den Akten, oder?«

Katharina nickte und schürzte ein wenig die Lippen. »Haben Sie mal überprüft, was für eine Adresse das ist?«

Etwas aus dem Konzept gebracht runzelte Sascha die Stirn. »Nein. Was für eine Adresse ist es denn?«

»Eine falsche«, sagte Katharina. »Da wohnt niemand. Es ist die Adresse eines Supermarkts. Möglicherweise hat sie da mal auf dem Parkplatz übernachtet, mehr aber auch nicht.«

Kurz überlegte Sascha. »Vielleicht erwische ich sie noch im Gefängnis!«, rief sie dann und stürzte wieder los.

»Das hoffe ich nicht«, murmelte Katharina. »Das hoffe ich wirklich nicht.«

14

»Katharina, Katharina . . . Das ist doch jetzt nicht dein Ernst. Eine Jurastudentin?« Steffi Langner, Katharinas Freundin seit Studienzeiten, schüttelte tadelnd den Kopf. Mit einem Glas Rotwein in der Hand saß sie neben Katharina auf der Couch in ihrem Wohnzimmer.

»Das war ich vor gar nicht so langer Zeit auch noch«, hielt Katharina dagegen und stellte ihr Glas erst einmal beiseite.

»Ich auch. Aber jetzt sind wir doch ein bisschen älter.« Als wollte sie darauf hinweisen, hielt Steffi sich einen Finger an den Augenwinkel, obwohl sie beide noch zu jung waren, um da schon viele Fältchen zu haben. »Auf jeden Fall ist es interessant, wie du immer an solche Püppchen kommst wie diese . . . Sascha.«

»Passt viel besser zu ihr als Alexandra, ihr Taufname«, sagte Katharina. »Der wäre viel zu . . . hart.« Sie lächelte ein wenig.

»Ja, du stehst auf sowas, ich weiß«, seufzte Steffi wieder. »Du bist unverbesserlich. Wie viele von denen haben dich schon ausgenutzt?«

»Keine hat mich ausgenutzt«, widersprach Katharina. »Sie brauchten eben einfach . . . Hilfe.«

»Genau. Hilfe in jeder Beziehung. Geld, Gefühle, mal eine kostenlose Vertretung vor Gericht . . .«, zählte Steffi auf. »Und immer war die liebe Kathi da. Die Kleine jetzt ist genauso. Wollte sie nicht ein Praktikum von dir?«

»Darum ging es doch nicht.« Katharina winkte ab. »Das war nur ein Vorwand, weil sie ihrer . . . Freundin helfen wollte.« Als hätte sie damit etwas bewiesen, schaute sie Steffi herausfordernd an. »Siehst du, sie ist genauso wie ich. Sie will nur helfen.«

»Ihrer Freundin«, wiederholte Steffi. »Was willst du dann noch von ihr? Sie ist doch versorgt.«

»Na ja, so richtig ist sie nicht ihre Freundin.« Nachdenklich biss Katharina auf ihrer Lippe herum. »Ich weiß nicht, ob sie es überhaupt ist. Da ist keine Verbindung. Ich meine, Sascha weiß eigentlich nicht mehr über diese Tyra, als in den Akten steht. Trotzdem läuft sie ihr hinterher wie –«

»Wie ein herrenloser Hund?«, fragte Steffi. »Also braucht sie doch Hilfe. Denn anscheinend fühlt sie sich einsam.« Sie grinste auf einmal. »Und wenn ich dich so ansehe, dann bist du doch schon in dieses Mädel investiert. Die dieser Kriminellen nachläuft.« Sie hob eine Hand in die Luft. »Was für eine Konstellation!«

»Du hast ja recht«, sagte Katharina. »Sie ist viel zu jung und zu . . . naiv.« Aber dabei lächelte sie. »Sie glaubt wirklich noch an das Gute im Menschen.«

»Und dann studiert sie Jura?« Nicht besonders kollegial hob Steffi die Augenbrauen. »Da ist sie wohl falsch.«

»Ich glaube auch an das Gute im Menschen«, widersprach Katharina. »Zumindest an die Möglichkeit. Aber wohl nicht ganz so«, sie seufzte, »blauäugig wie sie. Diese Tyra hat blaue Augen«, setzte sie trocken hinzu. »Vielleicht liegt es daran.« Sie nahm ihr Glas Rotwein, trank einen Schluck und starrte dann nachdenklich in die Luft.

»Deine sind haselnussbraun, was immer sehr seelenvoll wirkt«, stellte Steffi mit einem tiefen Blick in Katharinas Augen fest. »Sehr nett, finde ich.«

Katharina seufzte. »Du hast ihre nicht gesehen. Die sind wie Eis, wenn sie dich anschaut. Durchdringen alles und geben dir das Gefühl, du könntest nichts vor ihnen verstecken.«

»Und darauf steht die Kleine?« Verständnislos schüttelte Steffi den Kopf. »Hat sie irgendwas mit SM am Laufen?«

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